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Schlagwort: Sonne

Programmänderung

Eigentlich war ich ja nach Gran Canaria geflogen, um einfach wieder einmal nichts zu tun. Chli sünnele, chli bädle, chli sii: Mit diesen drei Vorsätzen landete ich am vorletzten Freitag in Las Palmas.

Abgesehen davon (nein: vor allem) war ich finster entschlossen, meinen Wahlkampf fertig aufzugleisen: An der nächsten Mitgliederversammlung des Altstadtleists Burgdorf geht es (auch) darum, den Präsidenten in seinem Amt zu bestätigen – und damit um meine unmittelbare nebenberufliche Zukunft.

In groben Zügen habe ich als alter Politfuchs natürlich längst skizziert, wie ich der Wählerschaft beibringen will, dass sie keine Alternative hat: Sobald ich am 30. März von den Kanaren zurückbin, lasse ich von meinem Helferheer überall in der Oberstadt und im Kornhausquartier weltformatgrosse Plakate mit meinem Konterfei aufhängen.

Darüber steht gross der Slogan

„Gschäch nüt Schlimmers“

und darunter

„ERFAHREN. KOMPETENT. NACHHALTIG:

HANNES HOFSTETTER (bisher).

FÜR HEUTE. FÜR MORGEN.

FÜR IMMER. UND EWIG.“

Dazu kommen in allen vier Ecken Testimonials mir wohlgesinnter Zeitgenössinnen und -nossen, ein Kurzabriss meines Lebenslaufs plus eine Zusammenfassung meiner Ziele bis 2035.

Nun solls vor der Westküste Afrikas an den Feinschliff gehen (Interviews durch mit mir verheiratete oder befreundete Medienschaffende), Podiumsdiskussionen über von mir vorgegebene Themen vor handverlesenem Publikum usw.), aber irgendwie wurde daraus bis heute nichts, obwohl die Zeit langsam drängt: Die Versammlung findet am 3. April statt.

Denn kaum hatte ich mein Hotelzimmer betreten, erspähte ich auf dem Tischli eine Karte, die alle Pläne zunichte machte. Auf einem „Wochenplan der Aktivitäten“ war vermerkt: Eine Wanderung, ein Besuch bei Winzern oder eine Piratenparty (sicher mit Kostümen!) und anderes mehr oder kurz: Wovon auch immer ich 50 Jahre lang geträumt hatte – es wurde mir auf dem Silbertablett in Form dieses Kartons serviert.

Über eine Woche ist seither über das Eiland gezogen, ohne, dass ich auch nur einen dieser Punkte hätte abhaken können. Ständig kam etwas dazwischen: Mal musste ich Zigaretten holen, mal hatte ich Hunger, mal war am Pool gerade eine Liege freigeworden.

Heute aber…heute war ich bereit. Schon im Frühtau hatte ich die Wanderschuhe geschnürt, um mit einem Grüppli Gleichgesinnter zu Berge oder wohin auch immer zu ziehen, und Studentenfutter, ein Pärli Servalats plus eine Thermoskanne Tee in meinem Rucksack verstaut. Ich wollte gerade gehen, als ich durch die geöffnete Balkontüre ein Geräusch hörte, das sich wie Regen anhörte.

Aber Regen? Hier? Zu dieser Jahreszeit?

„Mit Regen – allerdings nur vereinzelt – müssen Sie ab Oktober rechnen“: Das steht so, wortwörtlich, im Onlineportal Reiseklima.de unter der Rubrik „Gran Canaria“. Aufgrund dieses Versprechens buchte ich den Trip. Darauf, weitere Ratgeber zu konsultieren, verzichtete ich in der Annahme, dass mich schon jemand warnen würde, wenn es etwas zum Davorwarnen gäbe.

Doch erschütternderweise erachteten es weder die kanarenerfahrenen Menschen in meinem Umfeld noch die Leute im Reisebüro meines Vertrauens als angezeigt, mich darauf hinzuweisen, dass es im Zielgelände ständig schifft wie aus Kübeln. Offenkundig geht es inzwischen selbst Reisebüros mehr ums Geldverdienen als ums Beraten.

Ebenfalls nicht gesagt wurde mir, dass in meinem Hotel in Schlechtwetterperioden keine Indoor-Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Zunehmend frustriert schlurfte ich auf der Suche nach einem Billardtisch, einer überdachten Minigolfanlage oder wenigstens einer Kartbahn durch die menschenleeren Flure. Je länger ich in den Gängen umherwandelte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, dass gleich ein „Redrum“ murmelnder Knirps um die Ecke gedreiradelt kommen würde.

Stattdessen traf ich auf einen leise vor sich hinpfeifenden Angestellten, der sich normalerweise um den Getränkeausschank an der Poolbar kümmert. Er sagte „Hola“ und fragte, ob ich etwas suche. Ich sagte, ja, die Sonne, worauf er sagte, da könne er mir leider nicht helfen, worauf ich sagte, das sei mir schon klar, worauf er mit den Achseln zuckte, worauf wir beide nicht mehr wussten, was wir einander noch sagen könnten.

Das lag allerdings weniger an mir, als vielmehr am mich nicht gelinde erstaunenden Umstand, dass der Mann kaum in der Lage zu sein scheint, in halbwegs passablem Oxforddeutsch eine längere Konversation mit tieferem Sinn zu prästieren. Unten, an der Bar, war mir das bis dahin nie aufgefallen. Doch da musste er auf mein „A Cola Zero, prego“ auch immer nur mit „Si, Senor“ antworten.

Ich ging noch ein bisschen weiter, weils mich auf einmal wundernahm, was Hotelgäste eigentlich tun, wenn sie wegen Schlechtwetters in ihren Zimmern eingeschlossen sind. Hinter den meisten Türen hörte ich Fernseher dröhnen. Durch manche erklang Musik oder Rap. In drei Räumen summte ein Föhn, in einem rauschte Wasser in die Badewanne. In allen anderen Gemächern wars mucksmäuschenstill, aber das musste ja nicht heissen, dass alle Kunden wie tot auf ihren Betten lagen; ganz besonders nicht in „Hotels für Erwachsene“, zu denen auch das meine gehört.

Zurück in meinen vier Wänden nahm ich ein Buch zur Hand, das ich vor langer, langer Zeit einmal in Angriff genommen hatte, und mit dem ich immer noch nicht richtig warm werde:


All jenen, die es noch nicht gelesen haben, sage ich mit Lennon/McCartney: Let it be und kauft euch lieber „Blind“ von Chrige Brand.

Dann hörte der Regen auf. Höhnisch bescheint die Sonne meine Wanderutensilien, bevor sie sich gleich hinter dem Shoppingcenter schlafenlegt.

Ich höckle auf dem Balkon und tippe diesen Beitrag fertig. Anschliessend entwerfe ich bis spät in die Nacht hinein Inserate und Flyer.

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Paradies in der Pampa

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43°3’24’’ N, 10°52’4’’O: So lauten die Koordinaten des Fleckchens Erde, auf dem mein Schatz und ich unsere Sommerferien verbringen. Mehr verrate ich nicht, denn das letzte, was wir jetzt brauchen könnten, wäre eine Horde Touristen, die mit Ghettoblastern auf den Schultern und Kartons voller Billigstwein unter den Armen hier einfallen, um zu finden, was sie „Erholung“ nennen.

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Im Moment, in dem ich das schreibe, höre ich hinter mir das leise Schnauben von drei Eseln, über mir das lebhafte Zwitschern von jungen Schwalben, die gerade ihre ersten Flugstunden absolvieren, und aus dem dichten Wald das Zirpen von Milliarden von Zikaden. Aus dem Schuppen duftet es nach Heu. Auf einer Fensterbank schläft eine Katze. Cora und Oscar, die zwei Hunde, sind noch im Haus am Schlafen oder anderweitig beschäftigt. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Das Thermometer zeigt 38 Grad. Es ist so heiss, dass der Schweiss schwitzt.

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Eigentlich hatte ich vorgehabt, in der Toscana – wie schon in Australien und auf Gran Canaria – eine Art Tagebuch zu führen. Aber einerseits passiert hier, mitten in der Pampa, glücklicherweise so wenig, dass es sich kaum lohnt, den Laptop aufzuklappen, um es zu rapportieren, und andrerseits ist es mir in diesen Tagen gar nicht soooo ums Schreiben zumute: Die reglos in der glühenden Sonne stehenden Eseli zwischen den langen Ohren zu kraulen, chli mit dem Mops zu schmusen, tatenlos am Strand zu liegen, herzige Ortschäftli zu erkunden und ab und zu einen Teller Meeresfrüchte oder Teigwaren oder einen Becher selbstgemachter Gelati zu verputzen, ist zu meiner Verblüffung ebenso entspannend, wie Buchstaben aneinanderzureihen; oder ämu fast.

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Ferien in der Toscana, bei Teresa und Fritz: das ist die totale Abwesenheit von Hektik und Müssen. Es gibt keine Termine, die dringend wahrgenommen werden sollten, es gibt keine Internetverbindung und damit auch weder einen Grund noch die Möglichkeit, immer mal wieder ins Mailfach zu schauen, es gibt keinen Anlass dafür, sich ständig zu überlegen, wo und womit man sich die viele freie Zeit mehr oder sinnvoll vertreiben könnte, weil es nichts Schöneres gibt, als diese Zeit beim far niente zu geniessen, und es gibt keine Ebenfallsferienhabenden, die einem schon beim Zmorgebuffet die Ellenbogen ins Gesicht rammen und ihren Poolstuhl noch vor Sonnenaufgang mit einem Tüechli besetzen.

Das alles so zu beschreiben, das es auch für Leute nachvollziehbar ist, die gerade über Exceltabellen brüten oder in furchtbar wichtigen Sitzungen mit dem Sandmännchen ringen, ist völlig unmöglich, wenn man das Gehirn auf Standby geschaltet hat und, wenn schon, nur auf jene seiner zig Funktionen zurückgreifen mag, die zum Einfachnursein nötig sind

Deshalb gibts statt vieler Worte diesmal nur ein paar Bilder, die hoffentlich einen Eindruck dessen vermitteln, wo und wie wir in diesen Tagen leben. Und wieso wir den Gedanken daran, in absehbarer Zeit wieder nachhause zurückkehren zu müssen, verdrängen, sobald er sich in den eigentlich stillgelegten Regionen unserer Hinterköpfe zu regen beginnt.

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Notizen aus dem Morgenland (III)

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Liebe.

Weite.

Ruhe.

Unendlichkeit.

Gastfreundschaft.

Demut.

Humor.

Wunder.

Zeit.

Vertrauen.

Spass.

Toleranz.

Gelassenheit.

Ausgelassenheit.

Bewegung.

Freude.

Sorge.

Erhabenheit.

Stillstand.

Glück.

Beim Versuch, zu beschreiben, was ich in diesen zwei Tagen und in dieser einen Nacht in der omanischen Wüste sehe und fühle und erlebe, purzeln zig Begriffe durch meinen Kopf.

Aber sie in Sätze zu fassen, ist mir unmöglich.

Und vermutlich auch gar nicht nötig.

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Schattenspender

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Das machen ziemlich sicher nicht alle Vermieter: Nachdem mein Schatz gestern am späten Abend unser Gartenbeetli renoviert hatte, steckten unsere „Hausdame“ und unser „Hausherr“ heute einen Schirm in die Erde, um die Saat vor der überraschend kräftig scheinenden Sonne zu schützen.

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Unwirklich schön

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Gute Nacht: Mit einem kaum hörbaren „Plopp“ versinkt die Sonne am Horizont. Ihre letzten Strahlen tauchen die Küste vor und den Himmel über der Südostküste Australiens in ein unwirklich schönes Licht.

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Sonnig und heiss

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Pünktlich zum angeblichen Weltuntergang meldeten australische Medien gestern, dass ein Wirbelsturm auf die Ostküste treffen werde.

Passiert ist dann: Nichts.

Für uns gibt es damit weiterhin keinen Grund, uns über das Wetter zu beklagen. Seit dem kleinen Regenintermezzo in Rainbow Beach scheint ununterbrochen die Sonne. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 35 und 40 Grad herum.

Einheimische sagen, eine derartige Trockenperiode hätten sie schon lange nicht mehr erlebt. Die Farmer mit ihren riesigen Zuckerrüben-, Bananen- und Mangofeldern wären froh, wenn bald wieder einmal Wasser vom Himmel fallen würde.

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Voll erwischt

Aufgang

Samstag, 15. Dezember 2012: Als ob sich das Universum zu Chantals 30. Geburtstag etwas ganz Besonderes hätte einfallen lassen, erlebe ich auf dem Balkon des Ocean International Hotels gerade den faszinierendsten Sonnenaufgang meines Lebens.

Zuerst war am Horizont nur ein minimunziges pinkfarbenes Chnöpfli zu sehen. Innert Sekunden wuchs der Tupf zu einer imposanten glutroten Kugel heran, deren unterer Rand sich wabernd über die ganze Breite des Meeres erstreckte . Nun reflektiert sich das Licht des Feuerballs in unzähligen Spiegeln aus Wasser, die die Ebbe auf dem Sand zurückgelassen hat.

In den Palmwipfeln erzählen kunterbunte Morgenmoderatoren von Radio Papagei mit ansteckender Munterkeit, was letzte Nacht am Strand und in der Stadt passiert ist und womit heute zu rechnen sei. Besonders aufgestellt wirkt der Wetterverantwortliche: „Im Moment haben wir noch frische 21 Grad. Im Laufe des Tages steigen die Temperaturen aber auf 32 Grad an“, jubiliert er.

Auf unserer

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Reise nach Cairns („20“ ist Sydney; der Tropfen ganz oben steht für unseren aktuellen Aufenthaltsort) sind wir in Mackay angelangt. Die gestrige Etappe durch Queensland verlief nicht ganz störungsfrei: Zuerst spickte ein Kieselstein in die Frontscheibe unseres Autos. Er hinterliess im Glas einen kleinen Kratzer.

Stunden später wurden wir von einer Einmann-Polizeistreife aus dem Verkehr gezogen, weil wir auf dem Bruce Highway mit 114 statt 100 Stundenkilometern dahingebraust waren. Die Folgen: 220 Dollar Busse plus drei Punkte im australischen Flensburg. Angemessen zerknirscht versprachen wir dem bemerkenswert freundlichen Officer, uns ab sofort sklavisch an die gesetzlichen Vorgaben zu halten.

Busse

Aber mir wei nid chlage. Immerhin haben wir nicht, wie zig andere Automobilisten vor uns, ein Känguruh totgefahren. Kadaver dieser Tiere verwesen am Strassenrand alle paar hundert Meter vor sich hin. In der Schweiz würden die zerfetzten Überreste der Opfer unmittelbar nach dem Unfall amtlich beseitigt. Hier überlässt man die Entsorgung den Raubvögeln und Dingos.

Nachdem wir seit dem Start in Byron Bay schon um die tausend Kilometer abgespult haben, ist jetzt Sonnenbaden und Shoppen angesagt. Vom Schwimmen im Meer und dem Durchstreifen von touristisch nur mässig erschlossenen Gebieten wurde uns abgeraten, weil sich im Norden der Ostküste um diese Jahreszeit gerne Haie, Quallen, Stachelrochen und Alligatoren tummeln.

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Aus dem Leben eines Playaboys (I)

Samstagnachmittag, 12.15 Uhr: Wenn das alles chli gehetzt wirkt jetzt – sorry. Es muss alles ziemlich schnell gehen, weil: Es pressiert.

Im Moment, in dem ich das schreibe, sitze ich in der Halle zum Gate 5 im Flughafen Zürich. Draussen geht die Welt unter: Endlos fällt Regen auf die nass glänzenden Rollbahnen. Alle zwei Minuten sticht ein Flugzeug in den Himmel, der vor lauter Grau kaum zu sehen ist. In einer Viertelstunde steige ich in eine Maschine der chli trudelnden Air Berlin. Sie wird mich in dreieinhalb Stunden nach Las Palmas auf Gran Canaria bringen.

Das Wetter dort: Sonne, gut 30 Grad, kaum Wind.
Und hier noch die Vorhersagen für die kommenden Tage: Sonne, gut 30 Grad, kaum Wind.

Ich bin der einzige Gast an dieser ungastlichen Bar. Die anderen Passagiere sitzen in ihren Plastikstühlen und warten darauf, dass ihre Flüge aufgerufen werden. Wenn ein gewisser Juri Sowiesitsch, der von Moskau nach New York reist und in Zürich vom Fräulein im Lautsprecher ständig gebeten wird, sich bei der Information zu melden, sich nicht subito bei der Information meldet, ist der Zug für ihn bald abgefahren. Und das im Unique Airport.

Zeit für tiefschürfende philosophische Betrachtungen habe ich, meine A320 hinter dem Wasservorhang nur schemenhaft vor Augen, für einmal nicht. Deshalb nur kurz: Die neusten Flughafentrends:

– Der Raucher wird wieder als Mensch betrachtet. Jedenfalls scheint es hier, wo noch vor Kurzem Sondereinheiten der Polizei patrouillerten, um jeden dingfest zu machen, der auch nur den Anschein erweckte, ein Päckli Zigaretten aus dem Poschettli zu ziehen, deutlich mehr Reservate für unser Randgrüppli Raucherlounges zu geben als auch schon.

– Die Frauen entdecken ihre eigenen Stärken: Auffallend viele weibliche Fluggäste schleppen ihre Silbermetaliséehartschalenkoffer selber. Die Männer bummeln, das in einem Rucksäckli verstaute Handgepäck locker über die Schuler drapiert, nebenher.

– Der Gattin im Dutyfree-Shop vor allen Leuten eine Ohrfeige zu verpassen: Das ist noch kein Trend. Falls es einer werden sollte, kann ein grob geschätzt 200 Kilo schwerer Amerikaner in einem rotweissen „I love Switzerland“-Shirt und einer Dàchlikappe mit dem Eiffelturm drauf für sich beanspruchen, ihn gesetzt zu haben. Aber vielleicht macht er ja nur nach, was er von seinem Vater abgeschaut hat, und der von seinem Vater, und der von seinem. Vielleicht liegt in dieser Familie das Ohrfeigen einfach in den Genen. Dann wäre es natürlich etwas anderes und auch in diesem jüngsten Fall entschuldigt.

– Bis Neugeborene noch an der Nabelschnur hängend mitfliegen, ist eine Frage der Zeit. Auch wenn ich sonst grundsätzlich nichts Politisches unterschreibe: Wer auch immer mir ein Formular unter die Nase hält, mit dem gefordert wird, das Insflugzeugbringen von Kindern unter zwei Jahren zu verbieten – mein Autogramm hat er oder sie auf sicher. Nichts gegen Kinder; wirklich nicht. Aber einiges gegen Eltern, die unmittelbar nach der Endbindung samt Bébé in die Luft gehen. Das Kind dreht vor lauter Angst und Druckabfall fast durch, die Mitreisenden haben keine Sekunde Ruhe, das Flugpersonal – das ziemlich sicher schon mit dem Grossen ausreichend beschäftigt ist, kommt kaum mehr aus dem Sichumsmami kümmern heraus.

„Die Passagiere von Flug AB2086 nach Las Palmas werden gebeten…“: Ich muss.

Wobei: „Muss“?

Der Pilot, dessen Name ich leider in den Moment vergesse, in dem er sich und die Cabin Crew vorstellt, ist ein freundlicher Mann. Um uns die Wartezeit bis zum Start zu verkürzen, gibt er durch, das uns die Piste 16 zugeteilt worden sei, dass die Flughöhe 11 300 Meter betragen werde und dass wir mit durchschnittlich 853 Stundenkilometern über Lyon, die Pyrenäen, Funchal und ein Stück Atlantik nach Gran Canaria düsen würden. Das Abfluggewicht betrage gut 70 Tonnen.

Letzteres scheint er mit einem feinen Unterton zu sagen. Falls er mich gemeint haben sollte: Ich kann ihn beruhigen: Ich will auf den Kanaren nicht nur am Strand liegen, sondern mit extrem zügigen Spaziergängen am Meer, schweisstreibenden Velofahrten über Land und harter Arbeit ultimativen Workouts im hoteleigenen Fitnesszenter auch und vor allem kiloweise Pfunde verlieren. Im Idealfall heben wir in einer Woche in einer wesentlich leichteren Maschine ab. In einem Flugzeug mit Untergewicht, quasi.

Et voilà: Sonne, gut 30 Grad und kaum Wind.

Natürlich hat der Fahrer des Hotelshuttles Verspätung oder den Termin vergessen, aber dafür gibts ja Taxis. Für 28 Euro bringt mich ein bemerkensewert schweigsamer Spanier nach Playa de Inglés, ins Hotel Parque Tropical. Woher das Hotel seinen Namen hat, wird mir auf der ziemlich viel Zeit beanspruchenden Zimmersuche durch die weitverzweigte Anlage klar:

Vom Parque Tropical bis zum Strand seien es nur 50 Meter, heisst es im Internet. Das stimmt auch (wie fast alles, was im Internet steht). Nur: Zwischen dem Hotel und dem Wasser dräut

ein unüberwindbarer Abgrund

in Form einer überhängenden Geröllhalde. Bis zu einem ruhigen Plätzchen am Salzwasser marschiere ich knapp eine halbe Stunde. Aber mir wei nid chlage: Genau deshalb bin ich ja auf der Insel – um mich möglichst viel zu bewegen.

Sonntagmorgen, 4.15 Uhr: Sanftes Regenprasseln weckt mich aus einem nicht sonderlich tiefen Schlaf. Ich habs gewusst: Wenn ich Ferien habe, verwandelt sich auch die sonnenverwöhnteste Gegend der Welt über Nacht in einen Sumpf. Ich reisse allen Mut zusammen und täppele im Finsteren auf die Terrasse. Geistig bin ich schon am Packen: Ich will weg sein, bevor die anderen Gäste merken, was für einen Ferienverderber sie in ihren Reihen haben, und mich mit pitschnassen Badetüchern totschlagen, bevor sie mich unter hysterischem Singen von „Sun, fun and nothing to do“ im Sand verscharren.

Doch als ich vor mein Zimmer trete, ist die Luft so trocken wie ich seit achteinhalb Jahren: Am Firmament funkeln die Sterne. Kein Lüftlein bewegt die Palmenblätter. Kein Wassertropf benetzt das kleine Weglein vor mir. Im Schein der Laternen glitzern bloss ein paar Blätter feucht.

Watson kombiniert: Der vermeintliche Regen wurde von der Bewässerungsanlage erzeugt. Ich könnte mich also beruhigt wieder auf mein durchgeschwitztes Laken auf dem

Bett links

(zum Zeitpunkt der Aufnahme noch unbenutzt) legen.

Aber wenn ich jetzt schon einmal so gemütlich an diesem Tischli sitze und, begleitet vom Rauschen der Wellen und vom Zirpen der Gillen, so vor mich hin schreibe, muss ich sagen: Schlafen an diesem Ort ist eine noch grössere Zeitverschwendung als schlafen in der Schweiz (auch wenn es in meiner Heimt, wenn ich den Wetterbericht richtig interbretiere, gerade wenig Sinnvolleres gibt, als im Bett zu liegen und auf bessere Zeiten zu hoffen).

ich schaue mal, obs schon irgendwo einen Kaffee gibt. Hoffnung besteht: In der Poolbar brennt ein Licht.

Aha – wer sagts denn:

(Morgen live von der Insel: „Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.“)

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Sonnenbrand und Zähneklappern

Während ich hier meinem Ende dem sibirischen Wochenende entgegenbibbere und bloss ab und zu nach draussen gehe, um die Eisbären im Burgdorfer Freibad beim Spielen zu filmen, läufts meteorologisch nur ein paar Kilometer weiter ganz anders:

„Tooooo hotttt can’t sleep!“

„God I hate this humidity feels like a 100 degrees.“

„Sore head already, heat stroke, sunburn…“

„It’s sooooo hot how am I going to sleep tonight?“

„Lazing around the pool can be a real bitch on new years day.“

„Wow its amazing how tanned i got between work and home.“

Solche und ähnliche Beiträge notiert die australische Bald-Verwandtschaft fast täglich auf Facebook.

Und macht mich damit halb wahnsinnig.

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Schöne Aussichten

Falls ich je für das Wetter zuständig sein sollte: Genau so wirds werden; jeden Tag und Jahr für Jahr. Die Menschen kennen nur noch Sonne und Hitze. Pflanzen und Tiere gewöhnen sich daran, dass Wasser nicht einfach so vom Himmel fällt und lassen sich evolutionstechnisch etwas einfallen. Es gibt keine Überschwemmungen und keine Unfälle auf glatten Fahrbahnen. In den Zügen tropfts nie mehr von pflotschnassen Schirmen auf der Gepäckablage auf die Passagiere herunter. Niemand kann sich mehr darüber beklagen, was das jetzt wieder für ein Scheisssommer/-herbst/-winter/-frühling sei, kaum schiffts einmal zwei Stunden nonstopp.

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