Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.”

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?”

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: “Teilen wir uns ein Taxi?”

Hofstetter: “Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?”

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): “Ich komme mit.”

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): “Zahlen, bitte!”

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: “Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?”

Gundula: “Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.”

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): “Scho rächt.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.”

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

Inselleben (X und Schluss)

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Ob ich wieder meine Zweitfamilie besuchen gehe, fragt meine Frau jedes Mal, wenn ich für ein paar Tage nach Gran Canaria verschwinde. Sie meint das nicht im Ernst – oder ämu nicht ganz – und selbstverständlich sage ich darauf jeweils, wo sie auch hindenke; es gehe mir nur darum, Sonne zu tanken und die Batterien neu zu laden und den Kopf auszulüften und zu lesen und laufen und, vielleicht, chli zu schreiben.

Aber irgendwie hat mein Schatz – wie übrigens immer, eigentlich – Recht. Viele Menschen in Playa del Inglés sind mir inzwischen tatsächlich ähnlich „vertraut“ wie entfernte Verwandte, die man aus Gründen, die sippenintern bestens bekannt sind, über die aber niemand so richtig sprechen mag, weils sowieso keinen Sinn hat, nur alle paar Schaltjahre sieht: Man weiss, wo sie herkommen, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen… und hat doch keine Ahnung, wer – und vor allem: wie – sie wirklich sind.

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Aber man wills ja auch nicht so genau wissen.

Ich staune hier einfach darüber, wie sich die Leute am Buffet die Teller bis zum Gehtnichtmehr vollbeigen – und mit ihren Tischnachbarn dann über das lausige Essen meckern.

Ich beobachte sie, wenn sie mit fünfzig anderen Erlebnishungrigen in einen der sechs Busse steigen, die die Touristen zweimal täglich in den Megagiasuperduperwahnsinnsabenteuerpark mit den Delfinen und den Papageien und der grössten Doppelloopingwasserrutschbahn nördlich des Universums karren – und bekomme Stunden später mit, wie sie sich an der Rezeption über die unpersönliche Massenabfertigung in dieser Anlage beschweren.

Ich schaue ihnen zu, wie sie mit ihrem ganzen angefernsehenen Fachwissen über nahöstliche Gepflogenheiten mit einem Senegalesen um eine Sonnenbrille feilschen und empört davonstapfen, wenn der fliegende Händler nach einer halben Stunde sagt, jetzt sei dann aber mal gut; einen Euro fünfzig müsse er für diese original echte Ferraribrille schon haben, sonst nix Bisness, my friend.

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Doch wie es hinter den auf Hochglanz polierten Fassaden dieser Leute aussieht, interessiert an Orten wie diesen an Tagen wie diesen naturgemäss niemanden. Es ist auch völlig egal, dass man sich im Hotel oder am Strand oder sonstwo allpott über den Weg läuft und sich trotzdem völlig fremd bleibt.

Wer zuviel Nähe zulässt, riskiert Kratzer im Lack oder, noch schlimmer, dass Wochen nach den Ferien auf einmal das Handy klingelt und Gitte Huber aus Osnabrück dran ist, die mit ihrem Mann damals, auf den Kanaren, in 425 wohnte, „direkt neben Euch; Ihr hattet 423! Wir waren Pälla essen miteinander, und unsere Göttergatten haben vor der Abreise die Telefonnummern getauscht, und Tataaaa!, hier bin ich, um zu fragen, ob Ihr am Wochenende schon etwas vorhabt; es wäre doch schön, wenn wir uns einmal treffen und Erinnerungen….“

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Ich verbringe meine Miniferien vor der westafrikanischen Küste jedesmal mit anderen – und im Grunde genommen doch stets mit denselben Typinnen und Typen. Die Hanspeters und Inges und Günthers und Vrenis, die auf diesem Eiland die „schönste Zeit des Jahres“ verbringen, eint unabhängig von ihrer Nationalität, ihrem Beruf und ihrem gesellschaftlichen Status eines: Sie wollen alles genauso haben wie zuhause, aber südländisch temperamentiert und mit mehr Sonne.

Nur: Wehe, der Südländer – sagen wir: der für kaputte Zimmerventilatoren zuständige Handwerker im Hotel – macht mit seiner lehrbuchmässigen Entspanntheit mal Ernst und kommt tatsächlich erst mañana. Dann häscherets in den obersten Rechteggli des Organigramms, dass Dios erbarm, und Felipe VI grad auch noch.

Denn bel all dem krampfhaften Bemühen um Lockerheit mags kaum Abweichungen vom Gewohnten leiden. Hanspeter und Inge und Günther und Vreni kaufen immer am selben Kiosk ihre Zigaretten und die „Neue Post“, sie wählen in der immer gleichen Beiz aus vier Millionen möglichen Speisen die immer gleichen Spaghetti Bolo (wenns hochkommt, ordern sie zum Einstieg tollkühn ein Chnoblibrot, weil: “S ne typische Spezialität hier.”), sie liegen auf den immer gleichen Liegen am Bassin und am Meer und plaudern bei ihren Selbstverbrennungen über immer dieselben Themen (Wetter, Kinder, Fussball-WM; die Reihenfolge kann je nach Fifa ändern), kaufen die immer gleichen Souvenirs und reissen in ihren fünf oder sechs Stammlokalen die immer gleichen Sprüche (“heute gönn ich mir mal ein Bier, höhöhö!”)., worauf die immer gleichen Barkeeper und -keepsen immer gleich nachsichtig lächeln.

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Das alles weiss aber nur, wer seinerseits…

…und genau das, glaube ich, macht mir die Menschen hier trotz Vielem so sympathisch: Irgendwie sind sie ein bisschen wie ich, und einiges von mir steckt auch ihn ihnen.

Abgesehen davon, dass ich die cooleren T-Shirts habe als als die meisten andern Temporärimmigranten und im Flugzeug nicht jedesmal frenetisch applaudiere, wenn dem Piloten oder dem Kabinenpersonal etwas gelungen ist, unterscheide ich mich gar nicht soooo gross von den Millionen Pauschalualauban auf dieser Insel und sonstwo. Ich rede mir das nur gerne ein, aber auch das tun die anderen ja ebenfalls.

„Todo tranquillo, todo pacifico. Everybody happy“, rapportierte heute Morgen um 4.15 Uhr, wie jeden Morgen um 4.15 Uhr, Manolo, der Securitymann des Hotels, nachdem er seinen nächtlichen Rundgang beendet und eine Kanne Kaffee auf mein improvisiertes Schreibtischli beim Pool gestellt hatte. „Alles ruhig, alles friedlich. Alle sind glücklich“:

Passender hätte er meine letzten zehn Tage auf Gran Canaria nicht zusammenfassen können.

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Inselleben (I)

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Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des “Parqué Tropical”.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: “Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!”

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

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Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, “der beste Wingman aller Zeiten!” und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses “ñ” basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: “Ayayayayay!” (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

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Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

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fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf “wie, sagen wir…” “…ein Araber” folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

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Im Namen des Vorstandes schreibt er:

“Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).”

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als “Life!!!” angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

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Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

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auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

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das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

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in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

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das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

Andere Länder, andere Gewürzmischungsnamen

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“Wie findest du dieses kalte Gurkensüppli, Schatz?”

“Tiptopp. Es könnte vielleicht noch einen Schuss von dem Dingsda vertragen.”

Nachtrag: Nachdem ich dieses Bild und den Text auch auf Facebook veröffentlicht habe, weist mich ein Leser darauf hin, ich müsse aufpassen, “dass du dir da nicht eine Anzeige wegen der Rassismusnorm einhandelst”.

Das würde mich sehr irritieren. Immerhin sind die Ermittlungen wegen eines Interviews, das ich mit der Rechtsrock-Band “Indiziert” geführt hatte, vor Jahren im Sande verlaufen. Und das war juristisch wohl ein gröberes Kaliber als dieses Satireli hier.

Das swisscommt mir gerade recht

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Ich weiss nicht, wer sich bei der Swisscom um die “kundenspezifische Kommunikation” (oder wie immer diese Geschäftssparte auch heissen mag) kümmert. Es muss sich um jemanden handeln, der über ein ausgeprägtes Gespür für bestehende oder möglicherweise noch auftauchende Bedürfnisse seiner Klientel verfügt. Oder zumindest weiss, wer wann wieso schon einmal die Hilfe des Unternehmens in Anspruch nehmen musste.

Was ich weiss ist: Er oder sie macht seinen oder ihren Job saugut. Mit dem Hinweis, den mir die Swisscom kurz nach meiner Landung in Las Palmas per SMS hat zukommen lassen, traf sie ins Schwarze – wenn auch ein bisschen zu spät.

Denn “Richtiges Verhalten bei einem Handy-Klau in Spanien”: Das ist ein Thema, das auch mich vor nicht allzulanger Zeit auf einmal brennend interessierte.