Im Traum- statt in Russland

Samstagabend, 17. Juni 2018: Millionen fiebern vor ihren Fernsehern und an Public Viewing-Plätzen mit, als die Schweiz an der Fussball-WM in Russland Brasilien ein 1:1 abtrotzt. Auch viele unserer Nachbarinnen und Nachbarn verfolgen den Match. Regelmässig sind aus dem umliegenden Häusern und Gärten  “Jaaaa!”- und “Neeeei!”-Rufe plus ein frenetischer Jubel zu vernehmen.

Unserer Tess ist das alles egal. Sie schläft. Alles, was wir von ihr hören, ist ein gelegentliches Seufzen und Murmeln.

Wehe, wenn sie losgelassen

In einem Jugendlager gerät ein Spiel ein bisschen aus den Fugen – und schwupp, walten die Hysteriker vom Dienst ihrer Ämter: Es gibt Verhaftungen, Verhöre, Strafbefehle, Interventionen des Obergerichts, “deliktsorientierte Gespräche” undsoweiterundsofort, und am Ende belaufen sich die Verfahrenskosten auf 150 00 Franken.

Vor drei, vier Jahrzehnten wäre so ein Fall auf eine ungleich entspanntere Weise erledigt worden (falls überhaupt je ein Erwachsener davon erfahren hätte, was eher nicht anzunehmen ist).

Aber gut: Damals durften die Kinder ja auch noch kilometerweit(!) alleine(!!) zur Schule gehen(!!!) oder velofahren(!!!!), ohne dass den zähneklappernd und schnappatmend der Rückkehr ihres Juniors harrenden Eltern ein Careteam hätte zur Seite gestellt werden müssen.

Rafflegierig

Zu den beliebtesten Vorweihnachtsbeschäftigungen gehört in Australien das Rafflen.

Rafflen geht so: Man kauft eine beliebige Anzahl Nummern, setzt sich mit wildfremden Leuten an einen der vielen Tische und lauscht anderthalb Stunden lang einer Ansagerin, die in einem Fort Preise und Nummern herunterbetet.

Die Zahlen werden auf grossen Bildschirmen angezeigt. Wer eine der Chiffren auf seinem Zettel entdeckt, geht so cool wie möglich zum Gabentempel und lässt sich den Gewinn in Form einer Fleisch-, Seafood- oder Gemüseplatte aushändigen.

(Falls jetzt jemand, leicht verärgert darüber, für nichts und wieder nichts soviel Lesezeit verschwendet zu haben, murmelt, “Kurz gesagt: eine Tombola.”, kann ich nur sagen: Stimmt eigentlich.)

Mein Schatz und ich raffleten heute Abend mit unserer Cousine Jade in einem katholischen Club in Sydney, wobei: Ganz so einfach, wie das klingt, wars nicht – natürlich nicht: Spielen ist auch Down Under eine todernste Sache. Bevor wir den Ort des Geschehens betreten durften, mussten wir uns – wie schon bei Chantals Geburtstagsessen im schicken Ruderclub von Sydney (besonders empfehlenswert: Die Tintenfischringe, alles Lammige und das schottische Filet mit Röschti) – als Vereinsmitglieder eintragen.

Die Registrierung ging erwartungsgemäss nicht ohne für Aussenstehende kaum nachvollziehbare administrative Umtriebe vonstatten: Die Leute beim Eingang scannten unsere Ausweise ein, verewigten unsere Koordinaten in ihren Datenbanken und liessen uns elektronisch Antragsformulare unterschreiben.

Endlich im Allerheiligsten angelangt, erstanden wir je drei Streifen Papier à 20 australische Dollars (das entspricht aktuell ungefähr 16 Schweizer Franken) und…

…Moment…

(Neben mir rasten gerade zwei Opossums durch den Garten. Das musste ich einfach sehen.)

…harrten mit Dutzenden von zum Teil sehr gut abgehangenen Asiaten und Einheimischen der Dinge, die da kommen sollten. Bei den meisten Gästen schien es sich um Stamm-Glücksuchende zu handeln, die auf diese Weise regelmässig die Gefriertruhe füllen und dabei erst noch ganz ohne Facebook mit anderen Leuten in Kontakt kommen können. Von Aufregung war in den Reihen der Raffleroutiniers jedenfalls nichts zu spüren, als die saisongerecht mit einer rotweissen Zipfelkappe dekorierte Ansagerin ihres Amtes zu walten begann.

Die Minuten und Viertelstunden verstrichen, ohne, dass etwas für uns Bejubelnswertes passierte. Abwechselnd starrten wir auf unsere Zahlen, ins Colaglas und auf den Tisch nebenan, an dem schon fast unverschämt mehr Beute gemacht wurde als am unsrigen.

Doch just in dem Moment, in dem uns die endlose Nummernlitanei in einen tranceähnlichen Dämmerzustand zu versetzen drohte, enterte holterdiepoliter ein gemischter Chor den Raum, um zwischen den Tischen wandelnd adventlich inspiriertes Liedgut darzubieten (und Geld zu sammeln; das ging grad in einem zu).

Auch wir spendeten chli Münz – und siehe: Kaum waren die Sängerinnen und Sänger abgezogen, ward unser stummes Flehen nach passenden Zahlen erhört. Erst gewann ich zwei T Bone-Steaks, wenig später nahm Chantal ein Paar Kotelettes in Empfang. Beide Preise waren mit Würsten undoder Speck angereichert. Um unser Überleben in Sydney brauchen wir uns zumindest in den nächsten Tagen also kaum Sorgen zu machen.

Frohes Vorurteileversenken

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Von Aijdan und Jussuf bis Mohammad und Zimallah: Seit ein paar Wochen lerne ich billardspielend den Mittleren und Nahen Osten kennen (wobei: Zimallah war dem Gsühn auf seinem Profilbild nach eher ein Inder, aber egal. Rechts von Gais AR gibts jedenfalls so gut wie niemanden mehr, mit dem ich auf der App “8 Ball Pool” nicht schon eine mal mehr und mal weniger ruhige Kugel geschoben hätte).

Gegen wen auch immer ich haushoch gewinne oder – was bei diesem Wetter ja vorkommen kann – um die berühmte Haaresbreite verliere: Meine arabischen Gegner Partner verabschieden sich am Ende immer mit einem freundlichen “Danke”, “Viel Glück!”, “Gut gespielt” oder einem anderen Gruss, den wir Ballartisten und -artistinnen uns über die eingebaute Chat-Funktion zukommen lassen können.

Ganz andere Erfahrungen mache ich mit Jim, Rüdiger, Peter uswusf. aus den Juu-Ess-Ei, Deutschland, der Schweiz und anderen Hochentwicklungsländern: Sie versuchen ihr Vis-à-vis am virtuellen Tisch mit hämischen “Ha-Ha”s und “Höh-Hö”s zu dämon deodo demohr schleissen, aber in solchen Fällen denke ich jeweils nur: Not with me/nicht mit mir/chasch dänke/ und lasse die schwarze Acht grad äxtra gaaaanz langsam und über drei statt nur zwei Banden ins letzte Loch kullern.

Was ich damit sagen will, weiss ich, ehrlich gesagt, nicht (und zum Darübernachdenken fehlt mir die Zeit; Samir wartet mit dem Queue bei Fuss).

Fest steht aber ganz bestimmt irgendetwas, und wenns nur ist, dass man selbst bei einem simplen Computerspiel das eine und andere Vorurteil aus dem Handgelenk vom Tisch fegen kann.

Was gibts da zu lochen?

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In den Ferien achte ich nicht nur auf eine gesunde Ernährung (siehe die Tomate links unten). Ich nutze die reichlich vorhandene freie Zeit auch gerne, um meinen Körper weiter zu stählen.

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Eine perfekte Gelegenheit dazu bietet sich neusterdings direkt neben meinem Hotel (genau: dem mit dem Superzimmer): Wo vor einem halben Jahr noch Büsche sprossen und Vögelein zwitscherten, warten nun 18 Minigolfpisten auf die sportlich interessierte Gaschtig des Hauses.

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(Die Personen auf dem Bild sind nicht identisch mit jenen im Text.)

Obwohl die metro methr metteo das Wetter mit einer Zweierwindstärke und leichter Bewölkung aus Nordost zur Ausübung einer extrem viel Präzision erfordernden Openairtätigkeit alles andere als ideal war, liess ich mir an der Rezeption einen Schläger, einen Ball und ein Blöckli aushändigen, wobei ich Letzteres, wie mir schon nach dem vierten Loch zu dämmern begann, gar nicht benötigte: Wo kein Gegner ist, ist auch kein Wettbewerb und niemand umewäg, den man mit dem feinsäuberlichen Aufschreiben jedes einzelnen Zwischenergebnisses am Bescheissen hindern müsste.

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Abgesehen davon, sagte ich mir, kann ich mir meine Resultate auch so merken (um es vorwegzunehmen: Nach 15 Schlägen blieben mir nur noch einige wenige Hindernisse abzuarbeiten und…aber wenn ich lange genug darüber nachdenke, spielt das eigentlich gar keine sooo grosse Rolle).

Jedenfalls: Während ich zu den Klängen von Tina Turner, Phil Collins und den Dire Straits(!) tiefenentspannt vor mich hinputtete, fiel mir bei gelegentlichen Blicken auf die von Schikane zu Schikane schlurfenden Familien auf, dass Minigolfspieler in grob gesagt drei Typen unterteilt werden können.

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Typ A ist der sich junggeblieben wähnende Familienvater, der seinen Lieben jetzt einmal zeigen will, wie das geht. Er gibt noch vor dem ersten Schlag mit voll aufgedrehtem Lautsprecher damit an, wie er in seiner Clique zu seligen Teenagerzeiten zu den ganz kapitalen Minigolfhirschen gehört habe und liegt nach sechs Bahnen schon ziemlich im Rückstand, weil er vor lauter Angst davor, sich vor seiner Frau und dem Sohn zu blamieren, keinen Ball unter fünf Anläufen ins Loch bringt. Und weil er sich ständig darum kümmern muss, dass Typ C (mehr zu ihm gleich) alles richtig macht; “richtig” im Sinne von “genauso wie Typ A”.

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Typ B ist die Ehefrau oder Freundin von Typ A. Sie wollte zuerst gar nicht mitspielen und sich lieber ein weiteres Cüpli am Pool genehmigen, liess sich dann aber von ihrem Schatz “nur für eine Runde” überreden (“Das ist Fun, Schnäggli. Wer gewinnt, ist doch ü-ber-haupt nicht wichtig”, hatte der Schatz zu ihr gesagt. Dass er die nächsten 45 Minuten, von Ehrgeiz zerfressen, damit zubringen sollte, über diese “verdammte Scheissbahn” zu fluchen und ihm, dem Schnäggli, zwischen Loch 17 und 18 mit der Trennung drohen würde, wenn es nicht endlich, ENDLICH! “mit diesem einfältigen Gekichere” aufhöre, konnte sie zu jenem Zeitpunkt nicht ahnen).

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Typ C ist der Bub von A und B. Er hatte sich auf einen glatten Nachmittag mit den Eltern gefreut und muss jetzt konsterniert feststellen, dass seine Erziehungsberechtigten auch in den Ferien eine ausgeprägte dark side of the seinem Gespür nach sowieso schon lange nicht mehr leuchtend hellen moon haben.

Eigentlich will er jetzt nur spielen und das ganze Gezänke, das er sich vermutlich schon gestern auf dem Weg zum Flughafen (“Zum zehnten Mal: Ja, verdammt! Ich habe die Tickets!!”), dann im Flieger (“Ist ja wohl mein Bier, was und wieviel ich hier oben trinke!”) und zu vorläufiger Letzt auch im Hotel (“Natürlich hats keinen Balkon. Du wolltest es ja so günstig wie möglich haben!”) hatte anhören müssen, vergessen.

Aber jedesmal, wenn er dazu ansetzt, den Ball nach seinem persönlichen Gutdünken nach vorne zu schieben oder zu pfeffern, stellt sich Typ A neben ihn, um die Fuss- oder Schläger- oder Schulterhaltung zu korrigieren und mit bedeutungsschwangerem Unterton zu sagen, hier sei “ein weicher Schlag” oder “nur ein Antüpfen” oder “unendlich viel Gefühl” oder sonst etwas angezeigt, was im Grunde nur er, Typ A, beherrsche.

Nur: Das interessiert den Junior nicht im Geringsten.

Am Ende zählt das Schnäggli zusammen: Es hat 46 Punkte, der Bub 42 und der Papi 61.

Die Frage, die im “Quizduell” fehlt

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Seit ein paar Wochen spiele ich  jeden Tag ein paar Runden “Quizduell”. In der Regel messe ich mich mit fünf bis zehn mir meist völlig unbekannten Gegnerinnen und Gegnern.

Von 92 Spielen habe ich  deren 63 gewonnen. 26 mal kassierte ich eine Niederlage. 10 Partien endeten unentschieden. Ein Kampf wurde von der Jury in meinem iPhone offenbar nicht gewertet.

In der Rangliste liege ich momentan (Stand Samstag, 15. März, 14.20 Uhr) auf dem 1’240’737. von 14’427’817 Plätzen.

Für meine kleinen Denksportaktivitäten wende ich täglich vielleicht eine halbe Stunde auf. In dieser Zeit habe ich es auf ein Rating von 1671 Punkten gebracht.

Wenn ich mir zwischendurch die Performances der Konkurrenz anschaue, frage ich mich, was in “Quizduell” noch nie gefragt wurde: Was machen eigentlich jene Leute den lieben, langen Tag, die mit 10 000 und noch viel mehr Zählern die Spitzenränge belegen?

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Nachtrag: Zwei Tage später habe ich mich auf 2122 Zähler hoch- und damit auf den 345’466. von 14’603’401 Plätzen vorgekämpft. Daneben erledigte ich aber noch haufenweise viele einige zwei, drei andere Dinge.

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Nachtrag II (20. März 2014): Die Top Ten rücken in Griffnähe. Ich liege bereits auf Platz 146 699 von 14 786 067 Spielerinnen und Spielern.

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Suchtgefahr am grünen Teppich

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Sie ist eine der effektivsten Zeitverbrennmaschinen in der Geschichte der Menschheit: Wer auf dem iPhone oder iPad mit der App “Samschtig-Jass” je einen Schieber, Differenzler oder Coiffeur geklopft hat, kommt davon kaum mehr los.

Das verblüffend realistisch designte Spiel bietet alles, was sich Jassfreunde wünschen: Differenzler mit verdeckter Ansage auf vier oder acht Runden, Schieber auf 1000 oder 2500 Punkte, Coiffeur mit oder ohne Slalom und Guschti, ein deutsches und ein französisches Kartenset plus eine persönliche Statistik, die zeigt, wieviele Partien man schon gewonnen oder – häufiger – verloren hat.

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Ganz zu Beginn ist es chli gewöhnungsbedürftig, völlig lautlos zu jassen: Niemand murmelt verdrossen “Herz”, weil der Partner, der Feigling, schon wieder geschoben und er selber nichts Gescheites in der Hand hat. Niemand weist triumphierend “Hundert vom Kreuz As” (und schüttelt Sekundenbruchteile später verdrossen den Kopf, wenn ein Gegner vier Nüüni angibt). Was angesagt ist und wer wieviel weist, wird eingeblendet (und zwar solange, bis jeder es sich merken konnte).

Dafür erzählt beim Mischeln aber auch niemand seine halbe Lebensgeschichte. Und niemand flucht, wenn ihm der Partner nicht die richtige Farbe zuspielt, obwohl er jetzt doch schon zweimal Schaufel verworfen hat.

Seit mein Schatz und ich den “Samschtig-Jass” auf unsere iPhones geladen haben, verlaufen unsere TV-Abende ganz anders als vorher. Der Krimi mag noch so spannend sein – uns an unseren virtuellen Jassteppichen interessiert mehr, ob das Egge Zähni jetzt kommt, damit wir den Obenabematch mit dem Achti und dem Sechsi nach Hause schaukeln können.

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(Für die BZ und den TagesAnzeiger hat sich meine Kollegin Nina Kobelt mit Werner Bättig, dem Projektleiter von “Stöck, Wyys, Stich mobile” unterhalten und dabei versucht, das Erfolgsgeheimnis der Jass-App zu ergründen.)