Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Nachtwache

Als ich erwachte, erholte Maspalomas sich noch von den Tritten, die ihm Abertausende von Touristen auch in den letzten 20 Stunden verpasst hatten.

Nach dem Duschen schlurfte ich in die Küche. Dort goss ich blubberndheisses Wasser über das Kafipulver im Tassli und genoss den bittersüssen Geruch, der daraufhin durch das Zimmer waberte. Pflotschnass, wie ich war, machte ich es mir auf einem der Balkonliegesessel gemütlich.

Die Stadt schlief tief. Wenn ein Windhauch durch die Palmenkronen strich, schien sie, wie in einem schönen Traum, wohlig einzuschnaufen. Hin und wieder surrte ein Taxi über den Asphalt. Zwei Verliebte bummelten schweigend Hand in Hand Richtung Strand.

In dem Moment, in dem sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, zerriss ein Schrei die Stille. Irgendwo zwischen den Bungalows auf der anderen Seite der Strasse brüllte ein Mann einen Namen, immer und immer wieder. Entweder, dachte ich, ist ihm der Hund entlaufen. Oder dann wurde er von seiner Frau ausgeperrt.

Ich nippte an meinem Kaffee, zog an der Zigi und starrte weiter auf die Siedlung. Der Mann sirachte wie ein Wahnsinniger. Ich konnte ihn zunächst nicht sehen, aber wo er durchging, war unschwer zu erkennen: Jedesmal, wenn er ein Gebäude passierte, aktivierte er dessen Aussenbeleuchtung.

Er kam auf einem planlosen Zickzackkurs näher. Im Schein der Strassenlaternen wankte er vor ein Haus an der Kreuzung. Er krakeelte noch eine Weile weiter – und verstummte unvermittelt.

Der Bewohner des Hauses wollte wissen, was vor einem Anwesen los ist. Er trat durch das Tor. Der Störefried bemerkte ihn nicht. Er lief auf die Avenida des Estados Unidas und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ein grosskalibriges Auto.

Ich war sicher, gleich eine Klinge aufblitzen zu sehen oder Schüsse zu hören. Aber in der halben Minute, in der der Mann auf den Fahrer einredete, passierte nichts dergleichen. Der Wagen fuhr davon, der Mann ging weiter. Kopfschüttelnd verzog sich der Typ aus dem Bungalow zurück auf sein Grundstück.

Kaum hatte der Mann sich in Bewegung gesetzt, begann er erneut zu toben. Nach ungefähr hundert Metern bog er nach links ab und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann fuhr ein Polizeiauto in das Strässchen, in das er gegangen war. Minuten später legte sich Ruhe wie ein kühlendes Tuch auf das Quartier.

Über Maspalomas funkelten zahllose Sterne. Das kleine Drama, das sich Ewigkeiten unter ihnen gerade abgespielt hatte, war ihnen – wie alles, was uns manchmal sogar sehr viel länger als nur ein paar Minuten in Atem hält – vollkommen schnuppe.

Im Verborgenen

San Francisco, Los Angeles, San Diego: Nachdem wir die Metropolen an der kalifornischen Westküste hinter uns gelassen haben, sind wir nun in Escondido gelandet.

Bis 2006 kannte Esconcido plusminus kein Mensch, sieht man von den rund 150 000 Leuten ab, die hier, auf 33°7’29” Nord und 117°4’51” West, leben. Doch dann setzten Eric Clapton und J.J. Cale dem Städchen mit der CD “The road to Escondido” ein Denkmal, das ein Jahr später mit einem Grammy als “bestes zeitgenössisches Blues-Album” vergoldet wurde.

Seither ist Escondido zwar nicht ununterbrochen in aller Munde, aber immerhin: ein bisschen ein Begriff.

Wenn man Bürgermeister Sam Abed glauben darf – eine gewisse Vorsicht ist geboten; schliesslich will er seine 1888 erfundene Stadt ja in einem möglichst schattenfreien Licht präsentieren – handelt es sich bei Escondido um eine “vibrant community with just the right mix of small town friendlyness and big-city buzz”.

“Vibrant” und “buzz“: Das kann man mit Blick auf die jungen Mexikanerinnen und Mexikaner, die sich im Motelzimmer unten rechts auf dem Bild eingenistet haben, wohl sagen: Morgens um 4.20 Uhr kommt deren Party gerade erst so richtig in Schwung. Allpott fahren neue Gäste vor, um den Raum mit mindestens einer Flasche Hochprozentigem bewaffnet zu stürmen, und ehrlich gesagt täte es mich nicht wundern, wenn der eine Festbruder oder die andere Festschwester sich zwischendurch sogar eine Ladung Haschisch in die Venen schiessen würde.

Openair gehts nicht viel zivilisierter zu und her: Auf dem Vorplatz warfen sich zwei Schwarze soeben mit bis zum Anschlag aufgedrehten Lautsprechern eine halbe Ewigkeit lang “Motherfucker” und Artverwandtes an den Kopf. Irgendwie gings um einen Job und darum, dass Zeitgenossen ihrer Couleur ohnehin keine Chance hätten, einen solchen zu bekommen.

Andrerseits: Wer sich schon vor Sonnenaufgang so unflätig benimmt, kann natürlich mit noch so guten Zeugnissen und wohlwollendsten Referenzen von Personalbüro zu Personalbüro tingeln, ohne es auch nur einmal bis ins Sekretariat zu schaffen.

Auf Deutsch bedeutet “Escondido” soviel wie “abgelegen”, “geheim” oder “verborgen”. Das Management unserer Unterkunft tut alles, um dieser Prämisse gerecht zu werden: Auf der Website des Motels ist eine andere Adresse angegeben als jene, an der es sich tatsächlich befindet.

Das Keuchen, das von aussen in unser Zimmer dringt, braucht also nicht zwingend aus dem Sodomista und Gomorrhista zu kommen, in dem es sich unsere dunkelhäutigen Nachbarinnen und Nachbarn gemütlich gemacht haben. Möglicherweise handelt es sich dabei nur um das erschöpfte Japsen des Navis in unserem Auto.

Fälle erledigt

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(Bild: krimitage.ch)

85 Anlässe in 10 Tagen, 7500 Besucherinnen und Besucher, 300 000 Franken Budget – und in der Buchhaltung am Ende vermutlich die berühmte “Schwarze Null”: Die 12. Burgdorfer Krimitage waren für alle Beteiligten ein voller Erfolg.

Mein persönliches Highlight war der Talk mit dem Schriftsteller und Dramatiker Hansjörg Schneider. Er wurde für seine “Kommissär Hunkeler”-Reihe mit dem mit 5000 Franken dotierten ersten Ehrenpreis in der Geschichte dieses Festivals ausgezeichnet.

Es war mir eine Freude und Ehre, mit dem gebürtigen Aargauer über seinen Helden, seine Arbeit und sein Leben zu plaudern – und dass mit Beatrice von Matt eine der renommiertesten Literaturkritikerinnen des Landes nach Burgdorf reiste, um die Laudatio auf Schneider und Hunkeler zu halten.

Unter dem Titel “Ein Autor und sein Fahnder – Hansjörg Schneiders Kunst des Kriminalromans” würdigte sie den Preisträger mit folgenden Worten:

“Hansjörg Schneider hat eine prächtige Figur geschaffen, den Kommissär Peter Hunkeler. Seitdem ich ihm das erste Mal begegnet bin, ist er mein Freund. Das war 1993 im Roman „Silberkiesel“, Schneiders erstem Krimi. In neun Büchern ist der Basler Polizeimann seither aufgetreten. 2015 ist das jüngste erschienen: „Hunkelers Geheimnis“. Der ruppige Fahnder deckt Abgründe der menschlichen Seele auf. Er lässt Verletzlichkeiten erahnen, an sich und an andern. Oft genug stösst er uns hinein ins Ungute, Gefährliche, ins Land der Süchte und vergeblichen Sehnsüchte. Das bringt sein Beruf mit sich. In jedem dieser Krimis gerät die Welt bedrohlich aus den Fugen. Als Fahnder wäre Hunkeler berufen, sie wieder einzurenken – was nicht immer ganz gelingen kann. So fragwürdig, wie unsere Welt beschaffen ist.

Immer neu führt er uns aber auch in seine vertraute Gegend, in die Grenzstadt Basel, seltener in die vornehme Innenstadt, häufiger ins Arbeiterquartier St. Johann, wo er wohnt. Wir fahren mit ihm hinaus ins Elsass, wo er ein Refugium, ein altes Riegelhaus mit Scheune, sein eigen nennt. Da ist die Welt in Ordnung, da atmet er auf, wenn immer möglich zusammen mit seiner Freundin Hedwig. Da kann er auf die Wiese hinausträumen, auf Kirschbaum, Birnbaum, Pappel. Da schaut er abends der Nachbarsfrau beim Melken zu, so in „Hunkelers Geheimnis“: „Eine Stimmung war immer in diesem Stall wie im Alten Testament. Das langsame Fressen und Käuen, die Wärme der Tierleiber, als könnte nichts auf der Welt aus den Fugen geraten.“ Zur Gattung des Krimi gehören die unverwechselbaren lokalen Schauplätze, die ein bisschen auch die Heimat der Leser werden. Gerade wenn sie so genau beschrieben sind wie bei Schneider.

So findet Hunkler vom Unheimlichen immer wieder in eine lebenswerte Umgebung mit Natur und Jahreszeiten und gutem Essen. Da ist es ihm „wohl“, wird dann vermerkt. Kaum je heisst es aber, er sei glücklich. Das wäre schon zuviel gesagt. Unser Preisträger pflegt das Understatement. Doch wenn es dem Kommissär einmal wohl ist, atmen auch wir Leser auf. Wir erholen uns dann von den Bosheiten auf dieser dubiosen Erde.

Ein guter Kriminalroman steht und fällt mit der Figur des Fahnders. Wenige in der gesamten Krimi-Literatur kommen einem so nahe wie Schneiders Hunkeler, ausser vielleicht Glausers Wachtmeister Studer oder auch Maigret in manchen von Georges Simenons Büchern. Mit diesen seinen Altvordern, Studer und Maigret, teilt Hunkeler die Menschlichkeit, die Selbstzweifel, die Unangepasstheit. Ein genial intuitiver Spürsinn zeichnet ihn aus. Doch er braucht Zeit zur Aufdeckung eines Verbrechens – gerade weil Vorgesetzte wie Staatsanwalt Suter oder intrigante Kollegen wie Madörin vorschnell Unschuldige verdächtigen – meistens sozial Schwache. „Die Zeit ist das einzige, was mir hilft“, sagt Hunkeler. Auch Glausers Studer braucht Zeit, Studer, der sagt, es sei nie gut, sich „auf einen Fall zu stürzen wie eine hungrige Sau aufs Fressen“.

Gerade im Gespräch mit früheren oder anderswo angesiedelten Literaturen entsteht grosse, eigenwillige Literatur. Und grosse, eigenwillige Literatur hat Hansjörg Schneider geschaffen: mit diesen seinen Krimi einerseits und den zahlreichen weiteren Werken andererseits, den Romanen, „Lieber Leo“ beispielsweise, „Der Wels“ oder „Das Wasserzeichen“. Mit den Erzählungen, Feuilletons und Prosaminiaturen, nicht zuletzt aber mit seinen Theaterstücken. Denken Sie ans „Sennentuntschi“, auch da lauern Gier und Mordlust.

Doch zurück zu Peter Hunkeler, der mit Studer und Maigret verwandt ist und auch wieder ganz anders als diese, ganz eigen. Ja, wie ist er denn?

Lassen Sie mich ihn ein bisschen beschreiben. Er kann eigenbrötlerisch sein, ein lonely wolf. Was ein Sherlock Holmes seinem Watson darlegt, überdenkt Hunkeler für sich allein. Nur wir Leser schauen hinein in seinen arbeitenden Kopf, in sein fühlendes Herz. Er kommt aus dem aargauischen Zofingen und zwar aus dem Altachen-Quartier – wie Hansjörg Schneider, sein Erfinder.

Einmal hat Hunkeler einen Traum: „Es war am Altachenbach, an dem er aufgewachsen war … Dieser Bach war seine Heimat gewesen, seit er sich erinnern konnte. Der Wasserlauf, der sich nach jedem Sommergewitter einen neuen Weg durch die Schlammbänke suchte, die fein geäderten Eisflächen im Winter, auf denen leichter Schnee lag, die schwarzen Egel auf dem Grunde, von denen er sich nie einen in die Hand zu nehmen traute….“

Mit solchen Schilderungen seiner Herkunft erweist sich der Kommissär unverhofft als Bruder von Moses Binswanger. So nämlich heisst Schneiders mysteriös surrealer Held im Roman „Das Wasserzeichen“ – kein Krimi, sondern ein geheimnisvolles Erzählwerk. Dieser Moses hat eine „Wasserwunde am Hals“, die regelmässig gewässert werden muss. Im Altachenbach kann er gar seiner toten Mutter begegnen, die „fast eine Wasserfrau“ sei. Moses bezeichnet den Bach denn auch als „sein Fruchtwasser schlechthin“: „Es ist Wurzelwasser, Tannenwasser, Wiesenwasser … plätschernd in verkrauteten Gräben, wo Krebse und Wasserrratten unter der Böschung hausen, sich sammelnd zum Bächlein, wo die ersten, fingerlangen Forellen stehen… Das alles, dieses Gurgeln, Wimmeln und Fliessen versammelt sich endlich im ausufernden Bett des Altachenbaches.“

So sinnlich schön erzählt Schneider von seiner Urheimat. Hunkeler und Moses Binswanger haben eben viel mit ihrem Schöpfer gemein. „De Hunkeler bin ich“, pflegt dieser ja auch gelegentlich zu bemerken.

Hunkeler weiss natürlich schon, dass der Altachenbach nur mehr im Traum so wunderbar lebt, dass die Ufer jetzt zubetoniert sind. So zwingt er sich auch sonst aus seinen Träumen immer wieder zurück in die harte Realität, er der Polizist, der einmal Clochard werden wollte unter den Brücken von Paris. Jetzt schwimmt er wenigstens sommers im Rhein, und im Winter suhlt er sich gelegentlich in einem Thermalbad. Düstere Zusammenhänge, die es zu klären gilt, können ihm dann fast traumartig deutlich werden. Die leicht somnambule Art der Recherche dürfte mit seiner liquiden Herkunft zu tun haben. Rollt der Kommissär auf dem Boden seines Büros eine Matte aus und versinkt er im Schlaf, nähert sich der Roman dem Ende, wie in „Hunkeler und der Fall Livius“ beispielsweise. Kaum erwacht, bewegt er sich dann auf den Schuldigen, auf die richtige Deutung zu. Sie gelingt ihm dank seiner Traumbegabung.

Für diesen Kommissär ist das Ermitteln ein schöpferischer Vorgang. Insofern gleicht er einem Schriftsteller, der sich mit Phantasie an ein Projekt herantastet. Einmal stellt er sogar ein Feldbett in sein Büro. Darauf versenkt er sich in einen schwierigen Fall, den Skandal um Diamanten, die der Erlös sind aus gewaschenen Drogengeldern. Den Diebstahl dieser Silberkiesel, wie die Diamanten genannt werden, will man einem kleinen libanesischen Kurier und einem noch kleineren türkischen Kanalisationsarbeiter in die Schuhe schieben , nicht aber den wahren Schuldigen, renommierten Geldsäcken, wie Schneider sagt, sogenannten Ehrenmännern, welche der Drogenhandel reich gemacht hat. Ein Schriftsteller wie Bertolt Brecht hielt gerade die Gattung des Kriminalromans für geeignet, unter der Hand die Wahrheit gesellschaftlicher Verhältnisse zu zeigen.

So entlarvt Schneider gern die hochgeachteten Profiteure als die eigentlichen Verbrecher. Kaum je sind das bei ihm die kleinen Gauner, die immer zuerst verdächtigt werden. Oder dann ist die Schuld anderweitig so monströs, wie etwa während des 2. Weltkriegs die Zurückweisung von Juden an der Schweizer Grenze. Dann wird ein Mord als späte Sühnehandlung in unseren Tagen bewusst nicht geahndet – zumal dieser Mord an einem Todgeweihten geschieht. So verhält sich das im jüngsten Krimi, in „Hunkelers Geheimnis“.
Auch im Roman „Hunkeler macht Sachen“ bringt Schneider böse geschichtliche Ereignisse ins Spiel.

Jahrzehntelang können sie für die Betroffenen traumatisierend sein – vor allem, wenn man nicht davon spricht. Das erkennt im ganzen Polizeikorps nur einer, Hunkeler, der historische Bücher liest und oft mit alten Leuten redet. In „Hunkeler und der Fall Livius“ geht es um die letzten Wochen im 2. Weltkrieg, welche im Elsass schwere Wunden hinterlassen haben. Junge Elsässer wurden damals von der SS eingezogen und an die Ostfront geschickt. Die Ereignisse stehen mit einer furchtbaren Tat im Zusammenhang, mit einem Toten, der in einem Schrebergarten an einem Fleischerhaken hängt. Die Nazizeit scheint den 1938 geborenen Autor nachhaltig zu beschäftigen – schliesslich stand der Name seines Vaters auf der schwarzen Liste der „Fröntler“ – was bedeutet hätte, dass er beim Einmarsch der Deutschen sogleich erschossen worden wäre.

Natürlich ist dieser Kommissär nicht einfach nur ein Träumer. Die unterschiedlichen Milieus, in denen die Verbrechen passieren, sind recherchiert und scharf beleuchtet: das Theatermilieu, das Kunsthandelmilieu und andere mehr. Jede Einzelheit wird minuziös beachtet. Denn für kluge Ermittler reden die Dinge. Manchmal greift Hunkeler auch zum Notizbuch und ordnet seine Gedanken schriftlich, so in „Tod einer Ärztin“: „Montag, 9. Juli. Erstens: Heute vor einer Woche wurde die Leiche von Christa Erni gefunden. Zweitens: In den ersten Tagen hat sich nichts bewegt. Dann plötzlich viel. Ankara explodiert, Lucky Schindler erwürgt, Heinrich Rüfenacht entdeckt. Drittens: [die Wirtschaft] Ankara interessiert mich nicht, Lucky Schindler auch nicht. Rüfenacht interessiert mich. Es ist widerlich, aber es muss sein.“ So geht das fort bis „Elftens: Warum trägt der Grünspecht eine rote Haube? Warum ist er so schön?“ Das ist unvergleichlich gemacht.

In allen Hunkeler-Büchern bezaubern uns solche Kippvorgänge, ein wildes Hin und Her zwischen Berufsstress und Hingabe an die Natur. Hier zwischen dem möglichen Täter Rüfenacht und dem Grünspecht, der an den alten Baum vor dem Fenster klopft. Der Vogel durchfliegt sämtliche Hunkeler-Romane, ein Symbol von dessen Fluchten zur Schönheit der Erde.

Nicht weniger gehören die Beizen zum Alltag des Kommissärs. Er findet sie in Knoeringue oder sonstwo im Elsass, wo er die Leute manchmal wunderbar gemischt reden lässt, – französisch, deutsch, Dialekt. Etwa die Wirtin der Pinte „Ausweiche“: „Aber was isch los, Monsieur?“ sagt sie zu Hunkeler. „Hänn Si uf de Monsieur Rüfenacht a soupçon?“ Der Herr Rüfenacht sei doch „un homme excellent“. Der Polizist sehnt sich eben immer wieder nach einer, wie er sagt, „normalen menschlichen Gesellschaft“. Dann setzt er sich in die Gastwirtschaften seines Quartiers. Vor Jahren hat mich der Autor einmal dort herumgeführt, und ich glaubte, unmittelbar seine schriftstellerische Kunst der Verwandlung zu erfassen.

Ich wollte damals sehen, wo der zugezogene Fahnder, der melancholische Menschenfreund, der Verfechter der Gerechtigkeit, der Kenner der Vogelstimmen, „fast“ eine Heimat gefunden hat. Dieses „Fast“ vor dem Wort Heimat betont er ja gern – mit Bezug auf Basel. Und siehe da: Die Authentizität der Schauplätze war frappant.

Ohne Schneiders Beschreibung aber hätte ich diese Wirklichkeit gar nicht erkannt. Ich hätte sie übersehen oder als nichtssagend empfunden. Dichterische Transpositionen gleichen magischen Handlungen. Auch die gewöhnlichste Umgebung wird verwandelt, wenn sie einem erzählt wird wie hier, in sorgsamen Schritten.
Bei diesem Gang durch Basel sah alles aus wie in den Romanen, und auch die Namen der Beizen und Strassen waren oft die gleichen. In diesen Beizen werden die stockenden Gespräche geführt, die als Kunst des Dialogs Schneiders Kriminalromane besonders auszeichnen. Unser Preisträger beherrscht diese Kunst wie nur wenige in der Schweiz.

Für „Silberkiesel“ hat er einen Satz von Friedrich Glauser als Motto gewählt: „Sehen Sie, erzählen, einfach erzählen, ein Bilderbuch schreiben, in dem der Zug, das Haus, die Strasse vorkommen, die Dinge, die der Mann jeden Tag sieht, und die er gar nicht mehr sieht, weil sie ihm zu geläufig sind.“ Dazu gehört, was Glauser an Simenon gerühmt hat: ein „Soignieren des Details“. Die Leute, meint Glauser damit und meint auch Schneider, müssten eben dazu gebracht werden, das zu sehen, was sie umgibt. Nächstliegendes beschreiben heisst deshalb, es herauszuheben aus der Nicht-Existenz, aus der Wortlosigkeit.

In seinem Tagebuch „Nilpferde unter dem Haus“ hat Schneider notiert: „Ich wollte so schreiben, wie ich schreiben wollte. Das habe ich getan“. Das hat er wahrhaftig getan, eben nicht zuletzt mit seinem Mut zum Alltäglichen. Auch darum schreibt er so gerne Krimis, weil er da gewöhnlicher sein darf als sonst in der Literatur.

Seine dichterische Arbeit scheint auf einen Rückhalt in der Wirklichkeit geradezu angewiesen zu sein. Der Ort der Handlung verleiht einer Figur die Aussenhaut. Schneider hat mir damals sogar das Haus im Elsass gezeigt, wo sich der unglückliche Rüfenacht (in „Tod einer Ärztin“) erhängt. Rüfenacht selber ist erfunden, doch sein Autor wies mich auf den Baum hin, wo im Roman Rüfenachts Mordwaffe, das Messer, steckt.

Dieser Rüfenacht ist ja eine der Figuren, die man nicht mehr aus dem Kopf bringt. Wie auch die anrührende Erika Waldis, die beleibte Kassierin in „Silberkiesel“. Mit einer mutigen Entscheidung rettet sie ihr einfaches Leben, die Liebe zu ihrem türkischen Freund. Ohne am Schluss noch auf eine nicht ganz lupenreine Belohnung für sich und ihn zu verzichten.

Ein guter Text ist ein guter Text – ob es sich um Gedichte, Stücke, Erzählungen, Romane oder wie hier um Kriminalromane handelt. Die gelegentlich festzustellende Entwertung bestimmter literarischer Gattungen halte ich für völlig verfehlt. Mit Peter Hunkeler hat Hansjörg Schneider eine der markantesten Figuren der Gegenwartsliteratur geschaffen, insbesondere der schweizerischen. Dieser Hunkeler gibt seiner Region ein für allemal ein Gesicht. Mit ihm hat der Autor das Dreiländereck von Basel in eine literarische Gegend verwandelt.

Ähnlich hat etwa Otto F. Walter mit seinem unheldischen „Herrn Tourel“ den Schauplatz Jammers geschaffen – ausgehend von Olten und dem Aarewasser. Gertrud Leuteneggers Protagonisten bringen uns Schwyz und die Voralpengegend nahe, Max Frisch mit seinem Herrn Geiser das wilde Valle Onsernone im Tessin. Mit Hermann Burgers Lehrer Schiltknecht im Roman „Schilten“ geraten wir ins aargauische Ruedertal. Manch andere literarische Landschaft wäre noch zu nennen, Schummertal alias Langenthal in Pedro Lenz‘ Roman „Dr Goalie bin ig“ beispielsweise. Gerade zur Schweizer Moderne gehört eine gewisse Verankerung im Regionalen. Vom so gesicherten Ort aus lässt sich dann spielen. Von da kann es hineingehen ins Surreale oder aber ins hart Realistische, in die beschädigte Welt, die zurechtgerückt werden muss – wie das eben in Hansjörg Schneiders Kriminalromanen geschieht.”

(Das Copyright für diese Laudatio liegt bei Dr. Beatrice von Matt, Dübendorf)

Einfach himmlisch

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In Burgdorf gibt es seit dem Auffahrtsmorgen offensichtlich nur noch ein Fotosujet: Heissluftballone in allen Farben und Formen.

Wer auch immer eine Kamera hat – und wer hat im Zeitalter des Smartphones keine? – richtet sie gegen den blauen Himmel, um die riesengrossen bunten Knollen zu fotografieren und filmen.

Auf den Facebook-Seiten von Menschen, die in und bei Burgdorf leben, häufen sich die Ballonaufnahmen im Viertelstundentakt. Hier ist eine kleine Auswahl:

Dominic Klossner
(Bild: Dominic Klossner)

Sergio Mendes
(Bild: Sergio Mendes)


Yves Aeschbacher

(Bild: Yves Aeschbacher)

Kevin Schneider
(Bild: Kevin Schneider)

Lukas Stalder
(Bilder: Lukas Stalder)

Christine Bähler-Bürki
(
Bild: Christine Bähler-Bürki)

Reto Kirchhofer(Bild: Reto Kirchhofer)

Martin Leuzinger
(
Bild: Martin Leuzinger)

Nathalie Gysel(Bild: Nathalie Gysel)

Anita Nitu Ehnes
(
Bild: Anita Nitu Ehnes)

Pascal Walser
(
Bild: Pascal Walser)

Doris Boesch
(
Bild: Doris Boesch)

Flo Emilia Köhli
(Bild: Flo Emilia Köhli)


Die Welt, denkt man, wenn man zwischendurch mal wieder geradeausguckt und sich den halbsteifen Nacken lockerknetet, wäre vielleicht eine friedlichere, wenn ständig irgendwo Heissluftballon-Schweizermeisterschaften stattfinden würden.

Die Leute würden sich dann vor allem auf all das Schöne konzentrieren, das direkt vor ihnen (f)liegt, statt ständig nach Nadeln in der Suppe und Haaren im Heuhaufen zu suchen.

Znachtruhestörung

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Es war ein wunderschöner Abend in einem heimeligen Lokal (siehe Bild), mit einem fantastischen Essen in überaus netter Gesellschaft, doch in dem Moment, in dem Sonja Guzzanti, die Chefin von “Mediterrane Leckereien” am Solothurner Landhausquai, den Hauptgang servieren wollte, flog die Türe auf und zack: war die kleine Beiz bis in die hinterste Ecke mit Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern besetzt, die alsbald gar lustig drauflosguugten und schampar originelle Bänke über ihren Stadtpräsidenten und Flüchtlinge schnitzelten, und als die Närrinnen und Narren merkten, dass nicht alle an unserem Tisch ihr Treiben als sooo lustig empfanden wie sie, teilte uns eine der kostümierten Scheesen gehässig mit, wir sollen gefälligst nicht so tun; schliesslich seien wir selber schuld, wenn wir an der Fasnacht in Zivilkleidung unterwegs seien, und dann gings auch schon weiter mit Tschingdärässabumm und allem, aber henu.

Wenn Vandalen wüten

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“Vandalismus ist in Burgdorf eine ernst zu nehmende Problematik. Sprayereien, Kleber an öffentlichen Gebäuden und Signalen, Manipulationen von Schachtdeckeln oder an Verkehrseinrichtungen, Zerstörung von Fenstern und Einrichtungen sind Beispiele der verübten Delikte. Die Kosten für die Behebung der Schäden belaufen sich für die Stadt Burgdorf im laufenden Jahr auf rund 50 000 Franken. Bis jetzt wurden 34 Strafanzeigen eingereicht.”

Das schrieb die Präsidialdirektion der Stadt Burgdorf vor knapp einem Jahr in einer Medienmitteilung. “Vertretende verschiedener Beratungsstellen” hätten sich mit Verantwortlichen der Schulen, der Kantonspolizei, der Jugendanwaltschaft und der Stadtverwaltung zusammengesetzt, um sich mit den Themen „Früherkennung und Frühintervention“ sowie „Datenschutz–Täterschutz“ auseinanderzusetzen.

Sehr viel scheint das Meeting nicht gebracht zu haben, wie der Berner Zeitung von heute Montag zu entnehmen ist:

“In der Nacht auf Sonntag waren in Burgdorf Vandalen am Werk. Laut einem Geschädigten haben sie mehrere Briefkästen demoliert. Vor allem aber haben sie mit unschönen Kritzeleien Hauswände, Schaufenster, Plakate und zum Beispiel auch einen Lastwagen versprayt. Ihr Unwesen trieben die Vandalen sowohl in der Oberstadt als auch im Gebiet des Bahnhofs und der Markthalle. Mit der orangen Farbe, die sie auf ihrer Tour einsetzten, hinterliessen sie überall Spuren.”

Betroffen davon waren auch wir (siehe Bild oben) und unsere Nachbarn in unserem Paradiesli im alten Markt:

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Stadtbilder (44)

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Häppchenweise: Mit einem Apéro trés riche dankt Burgdorf seinen Kulturschaffenden jedes Jahr für deren Einsatz zugunsten eines vielfältigen Stadtlebens. Traditionell findet der Anlass im Restaurant des Casino Theaters statt. Auch heuer trafen sich auf dessen Terrasse wieder Dutzende von aufgestellten Damen und Herren, um sich bei einem Glas Wein oder Orangensaft und feinen Häppchen genreübergreifend ein bisschen näher zu kommen.