Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Sterbensinteressant

Internet?

Gammelfleisch?

Politik?

Nein. Als Schwerpunkt für seine Pfingst-Ausgabe hat “Der Spiegel” in diesem Jahr ein Thema gewählt, das alle betrifft: Das Sterben.

Unter dem Titel “Ein gutes Ende” versucht das Hamburger Nachrichtenmagazin, “Wege zu einem würdevollen Sterben” aufzuzeigen.

“Gut” und “Ende” (von allem): Was wie ein Widerspruch in sich klingt, geht in diesem Fall tatsächlich auf: Laura Höflinger, Anna Kistner und Manfred Dworschak, die für die Geschichte verantwortlichen Autoren, tun das auf so einfühlsame, aber nie übergspürige Art und Weise, dass man die Lektüre auch – und vor allem – jedem und jeder empfehlen kann, in dem der Gedanke, dereinst endgültig zu verschwinden, bestenfalls beklemmende Gefühle auslöst.

Hemmungen vor einer Auseinandersetzung mit dem für die meisten sehr unangenehmen und entsprechend gerne verdrängten Thema bauen die Journalisten gleich zu Beginn ab. “Sterben ist die grösstmögliche Grausamkeit”, stellen sie fest, und begeben sich damit auf Augenhöhe mit vermutlich 99,9 Prozent ihrer Leserinnen und Leser. Aber statt in der Kundschaft weiter Ängste zu schüren, nehmen Höflinger, Kistner und Dworschak sie an der Hand und führen sie sachte hinein in ein emotional total vermintes Gelände, in dem es kaum Gewissheiten gibt, sondern fast nur Prophezeiungen und Fantasien.

Erfreulicherweise beliessen die “Spiegel“-Autoren es nicht dabei, mit Ärzten und Pflegerinnen über die eher theoretischen Aspekte des Sterbens zu reden. Sie gingen zu Menschen, die vor Kurzem einen geliebten Mitmenschen verloren haben oder die sich damit abfinden mussten (und müssen), liebe Mitmenschen bald für immer zurückzulassen. Sie gingen, um kurz in die Fussballersprache zu wechseln, “dahin, wo es weh tut”.

Und kehrten von dort mit Erkenntnissen zurück, die einfach nur gut tun.

Eine Seniorin, deren Mann neulich verstorben ist, sagt zum Beispiel, sie habe “keine Angst“ vor dem Sterben. Vielmehr freue sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Michael. Davon, dass sie und ihr Liebster dieses Wiedersehen in nicht allzuferner Zeit werden feiern können, ist die Frau überzeugt. Schliesslich wisse er ja, was er zu tun habe: Jedesmal, wenn sie vor dem Einschlafen mit dem Bild ihres Gatten auf dem Nachttischchen spreche, sage sie zu ihm: „Vati, hol mich bald zu dir.“ Deshalb – weil sie wisse, wohin es gehe – werde sie die letzte Reise “mit einem Lächeln auf den Lippen“ antreten.

Die demente Frau im Heim für Schwerstpflegebedürftige, die in all dem Dunkel, das sie umgibt, immer wieder Licht sieht und sich trotz allem ein bisschen Lebensfreude bewahrt hat; oder die junge Frau, die keinen Sinn darin sieht, mit einer unheilbaren und tödlich verlaufenden Nervenkrankheit zu hadern und die stattdessen Kraft aus Aufmerksamkeiten schöpft, die für andere Leute kaum mehr wahrgenommene Selbstverständlichkeiten sind: Sie stehen als mutmachende und hoffnungenspendende Beispiele dafür, wie “man” dem Ende entgegengehen kann, ohne die verbleibende Zeit panisch mit einem sowieso sinnlosen Kampf gegen das Schicksal (oder den natürlichen Lauf der Dinge. Oder was auch immer.) zu vergeuden.

Ganz besonders berührend ist die Passage über den krebskranken Buben. Er blickte dem Tod mit einer Gelassenheit ins Gesicht, über die die meisten Erwachsenen wohl nur fassungs- und verständnislos und demütig staunen können. Im Laufe der Jahre hatte der junge Patient eine Beziehung zu einem Drachen aufgebaut, den er in einem Buch kennengelernt hatte. Das Fabelwesen begleitete den Buben durch sein gesamtes Leiden. Doch Angst? Nicht die Spur: “Wenn ich sterbe, holt mich mein roter Drache”, habe der Bub gewusst. Als er schliesslich im Sterben gelegen sei, habe die Krankenschwester gesagt: “Ich mache mal das Fenster auf. Der Drache klebt schon am Fenster.“

Wenig später sei der Bub gegangen.

Die Familie des Jungen hatte den Drachen in ihr Leben integriert. Die Mutter vertraute dem “Spiegel” an, dass sie ein paar Tage nach dem Tod ihres Sohnes einen Brief an den Drachen geschrieben habe. Sie habe ihm erzählt, wie ihr Bub am Schluss noch einmal tief atmete, seufzte – und wie es danach “nur noch Ruhe und Frieden” gegeben habe. “Und die Gewissheit, dass es gut so war.“

Zehn Seiten umfasst die sehr, sehr lesenswerte Geschichte über das Sterben und den Tod. Ich glaube nicht, dass auch nur eine Zeile dieser Reportage mit dem Hintergedanken verfasst wurde, “jetzt machen wir mal wieder Auflage mit einem grossen Tabu-Thema!“. Vielmehr ging es den Autoren erkennbar darum, die Menschen dazu zu ermuntern, sich vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben ernsthaft, aber unverkrampft, mit dem Tod – auch mit ihrem eigenen – zu beschäftigen.

“Mit Sprechen und Planen”, haben die Autorinnen und der Autor bei ihren Recherchen erfahren, “kriegt man die Angst weg”. Das wiederum sei Voraussetzung dafür, sich im Gespräch mit anderen oder in persönliche Gedanken versunken unaufgeregt mit dem Ende zu befassen. “Wer darüber redet, beginnt, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen”, heisst es in dem Text. Und: “Wer fragt und zuhört, erfährt, dass er entgegen aller Erwartung vieles selbst bestimmen kann auf dem Weg zu seinem Ende.“

Wie einfach das geht; wie spielerisch der Umgang mit dem Tod sein kann, zeigt Millionen von Leserinnen und Lesern ein kleiner Bub mit seinem roten Drachen.