Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Grosses Retzl

Jedesmal, wenn ich an diesem Laden auf der Strandpromenade von Maspalomas vorbeikomme, frage ich mich: Was zum Teufel steht auf diesem Schild?

Klar ist: Wer drei Artikel kauft, braucht nur zwei zu betalen bezahlen.

Aber „Halen“?

Ich las das Wort vor- und rückwärts, zerlegte es in seine Einzelteile, setzte die Buchstaben neu zusammen…aber das brachte alles nichts.

Schliesslich googelte ich es: Halen ist eine Stadt in Belgien und ein Teil von Emsek in Niedersachsen und von Lotte in Steinfurt und ein See in Schweden, ein versunkener Ort in der Nähe von Duisburg, eine Reihenhaus-Siedlung in Herrenschwanden und eine Haltestelle des Regionalverkehrs Bern-Solothurn.

Weiter gibt es die Rockband Van Halen und, mit chli orthografischem Goodwill, das Halenstadion, doch ein Halen, das mit Damenkleidern zu tun haben könnte, lässt sich im gesamten Internet nicht finden.

Aber, wer weiss: Vielleicht ist das ein Marketingtrick der ganz raffinierten Sorte. Möglicherweise hat der Ladenbesitzer das Wort völlig zusammenhanglos auf die Tafel notiert in der Hoffnung darauf, dass regelmässig Passantinnen seine Boutique betreten und fragen, was es mit diesem „Halen“ auf sich habe.

Dann sagt der Mann, „ach, nichts Besonders. Aber schauen Sie mal diese supergünstigen BHs und diese feingerippten Négligées…“ – und schon gibt es für die Besucherinnen kein Halen Halten mehr.

Denkbar ist zweitens, dass der Chef händeringend darauf wartet, dass sich einmal ein Deutscher nach Gran Canaria verirrt, damit er ihn fragen kann, wie man – was auch immer – richtig schreibt.

Neue Erkenntnisse und alte Gewissheiten

Dieses Bild dürfte unzählige Eltern in Erklärungsnotstände bringen: Der Samichlaus verbringt seine Freizeit nicht in einem bescheidenen Iglu am Nordpol oder in einer spartanisch eingerichteten Hütte im Schwarzwald, sondern, wie wir gestern stirnrunzelnd feststellen mussten, an einem Strand in der Nähe von Sydney.

Abgesehen davon ist der Schmutzli offensichtlich kein Mann, und was das Eseli betrifft, muss die Weihnachtsgeschichte vermutlich sowieso von Anfang an neu geschrieben werden.

Wir haben den Heiligen Abend soeben mit unserer australischen Familie gefeiert. Gleich fahren wir zum Flughafen. Um 4 Uhr geben wir das Mietauto zurück, zwei Stunden später heben wir in Richtung Dubai ab, von wo aus es dann weiter nach Zürich und Burgdorf geht.

Während ich so dasitze und mit einer Mischung aus Abschiedsschmerz und Heimweh (an dieser Stelle: Herzliche Grüsse an all unsere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde und last, but überhaupt nicht least, Tess!) in den Nachthimmel über der Südhalbkugel starre, wird mir wie jedesmal, wenn wir diesen Kontinent verlassen, klar, dass es mit der Zeit immer dasselbe ist: Sie rast einem davon, sobald man auch nur daran denkt, sich zu wünschen, dass sie für einen Moment viele Jahre stillstehen möge.

Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne

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Eigentlich hatte ich die Liveberichterstattung aus Playa del Inglés bereits abgeschlossen. Doch dann entdeckte ich unter dem Text “Bilder stehen Kopf” den Kommentar einer gewissen “Frieda, die flotte Bohne”.

Im Sinne eines tiptoppen Leserinnen- und Leserservices möchte ich mich dazu noch kurz äussern, auch wenn ich keine “Frieda, die flotte Bohne” kenne, oder, genauer gesagt, überhaupt keine Frieda, ausser “der Rothaarigen” von Abba, aber die heisst Annifrid, mit Anni vorne und ohne e hinten, und zählt folglich nicht, und deshalb checkte ich vorhin routinemässig die IP-Adresse der Absenderin, um zu sehen, ob sich dahinter amänd jemand versteckt, den oder die ich tatsächlich kenne und der oder die mir warum auch immer unter einem Pseudonym zu schreiben beliebt, aber nada: da war nichts, woraus ich hätte schliessen müssen, dass öpper als Frieda getarnt auftritt, was wiederum nur bedeuten kann, dass Frieda Frieda heisst, auch wenn sie amtliche Formulare und so im richtigen Leben möglicherweise nicht mit “die flotte Bohne” unterschreibt, sondern mit Hürzeler oder Meier oder Steffen oder was weiss ich (und in diesem Moment fällt mir ein: ich kenne doch eine Frieda, Frieda Steffen nämlich, aus meinen seligen Zeiten beim Wynentaler Blatt. Sie war damals mitverantwortlich für das Schöftler Blättli in Nachbartal, aber ich kann mir beim besten und auch beim schlechtesten Willen nicht vorstellen, dass diese Frieda sich den Beinamen “die flotte Bohne” zulegen würde).

Itemitem. Frieda, die flotte Bohne, schreibt:

“Hallo, blueser (sic!)!!

Mit grossem Interesse und Freude lese ich jeden Tag deine Reportagen ‘von der Insel’. Ich muss immer lachen, wenn ich sehe, was du in Gran Canaria erlebt hast. Gestatte mir eine Frage. Ist das wirklich passiert, oder erfindest du manchmal etwas? Ich mache nie Ferien an ‘solchen Orten’. Geht es dort wirklich so zu und her? Das wäre nichts für mich! Ich freue mich auf viele weitere Texte und wäre dir dankbar für eine Antwort.”

Nun denn: Ich hoffe, dass du mir es nicht allzusehr verübelst, wenn ich deine Fanpost coram publico ausbreite. Falls dus mir wider Erwarten krumm nehmen solltest: sorrysorry, ich konnte ja nicht ahnen, dass, aber jetzt ist es halt schon passiert, und überhaupt (ich sage nur: öffentliches Interesse!).

Deine Fragen beantworte ich in aller gebotenen Knappheit (der Flieger wartet schon bald und ich muss vor der Heimreise morgen Abend noch packen) wie folgt:

Ja (von anderthalb Ausnahmen abgesehen: den Jass mit Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter hats nie gegeben, aber wenn es ihn gegeben hätte, wäre er tupfgenauso abgelaufen wie geschildert. Wenn dus nicht glaubt, kannst du gerne Hofstetter, Hofstetter, Hofstetter oder Hofstetter fragen), und die Konzertkritik bewegte sich zugegebenermassen am Rande des journalistischen Reinheitsgebotes; nein (wieso auch? Es passieren hier jeden Tag zehn Millionen Sachen – und zwar durchaus nicht nur lustige -, die zu notieren sich lohnen würde, aber wenn ich das alles aufschreiben möchte, käme ich zu nichts anderem mehr und könnte ich den Stacheldraht, den ich unmittelbar nach meiner Ankunft süüferli um meine Liege am Strand gewickelt habe, ebensogut wieder abmontieren); ja.

Um Tourismushochburgen wie Playa del Inglés machst du scheints einen weiten Bogen. Das kann ich verstehen, nur: bei Frauen, die sich “Frieda, die flotte Bohne” nennen, handelt es in der Regel nicht um Huschis, die bei allem, was auch nur entfernt nach Spass riecht, “Jessesgott!” kreischen. Sie neigen vielmehr dazu, sich die Haare mit Wasserstoffperoxyd zu färben, lauschen, wenn niemand ume ist, Robbie Williams und Herbert Grönemeyer in Endlosschleife und nötigen ihre Enkelin, die für sie längst zur besten Freundin geworden ist, mit ans Gnadenlose grenzender Hartnäckigkeit zu gemeinsamen Discobesuchen, obwohl das Grosskind jedesmal, wenn sie dann miteinander auf der Tanzfläche herumhopsen, meckert, es sei für heute Abend für eine Gangbangparty gebucht gewesen, aber was mache man nicht alles, wenn s Grosi rufe und zahle, wenn auch deutlich weniger, als der Partyveranstalter locker gemacht hätte. IST ES NICHT SO?

Wenn du mich zusätzlich zu allem anderen auch noch gefragt hättest, wieso zum Teufel ich eigentlich Jahr für Jahr einmal nach Grosskanarien fliege, wenn ich dann doch nur einen schönen Teil meiner Zeit damit zubringe(n müsse), mich über meine Mitmenschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu wundern, wäre mir die Antwort sehr leicht gefallen: weils fägt.

Hier dürfen die Leute zwei, drei Wochen lang sein, wie sie zuhause gerne wären, und sie dabei zu beobachten, wie sie leben, was sie unter “Leben” verstehen: das ist besser, als sich rund um die Uhr gescripteten Realityschrott auf RTL II reinzuziehen.

Beispiel 1: Vor meinem Hotelzimmer beginnt sich jeden Abend um punkt 18 Uhr eine Schlange zu bilden (siehe Bild oben). Erst besteht sie aus vier oder fünf Personen. In den nächsten Minuten kommen immer mehr Leute hinzu, und um ziemlich genau 18.15 Uhr hat sie mit 60 bis 70 Gliedern ihre volle Länge erreicht. Die Menschen in dieser Schlange verhalten sich exakt wie ein Grüppli Liftbenutzer: sie starren zu Boden, suchen den Himmel nach Flugzeugen ab, noschen in ihren Handtaschen und wischen auf ihren iPhones herum. Kurz: sie tun alles, um sich ja nicht mit den Damen und Herren unterhalten zu müssen, die direkt neben, hinter und vor ihnen stehen, und wenn die Türflügel zum Speisesaal um 18.30 Uhr endlich aufschwingen, strömen sie ins Schlaraffenland, als ob es kein Morgen (und vor allem nicht genug Auswahl am Buffet!) geben würde, dabei wurde jedem und jeder von ihnen schon beim Buchen der Reise und beim Einchecken ins Hotel und beim Zimmerbezug garantiert, dass sie beim Znacht einen festen Sitzplatz haben und, ja: zu Essen sei mehr als nur reichlich vorhanden.

Beispiel 2: der FKK-Strand zwischen Playa del Inglés und Maspalomas. Dort treffen sich Tag für Tag Tausende von Zeitgenossinnen und -genossen, die ihre Körper offenkundig als eine Art Gottesgeschenk an die Menschheit betrachten. Wer mehr oder weniger zufällig an ihnen vorbeibummelt, mag sich bei ihrem Anblick fragen, wo die Walretter von Greenpeace seien, wenn man sie mal brauche, aber das ist den im ästhetisch besten Fall wie tot daliegenden und im worst case Federball spielenden Naturisten von Herzen egal. Sie schleifen ungeniert ihre Brüste durch die Dünen und lassen sich stundenlang ihre Schnäbi (oder Schnäbis?) sandstrahlen, doch wenn ihnen ein Nachbar in Salzburg, Bonn oder Luzern vorschlagen würde, sie sollen sich einmal zehn Minuten lang füdliblutt auf den Balkon stellen: “Gehts eigentlich noch?!? Ich bin doch nicht pervers!”

Nein, liebe Frieda, die flotte Bohne: pervers ist hier sozusagen fast niemand, aber spiessig sind sie samt und sonders, durch und durch, mich inbegriffen, mit ihrem sie alle verbindenden Wunsch, in Playa del Inglés ein paar Tage zu erleben, in denen theoretisch alles Mögliche passieren könnte (“alles Mögliche” im Sinne von “eine Platte Meeresfrüchte verputzen”), sich praktisch aber überhaupt nichts Besonderes ereignet, weil letztlich auch auf Gran Canaria alles so sein sollte wie zuhause (Pizza, Bier und nonstop Bundesliga am Riesengrossbildfernseher), nur mit mehr Sonne und Wärme und weniger Verpflichtungen und Textilien und, vor allem, keinen Menschen um einen herum, die einen in Salzburg, Luzern oder Bonn manchmal chli nerven, weil sie immer nur Pizza essen, Bier trinken und Bundesliga gucken.

Inselleben (II)

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Tag 2, später Abend

Ohne mir dabei viel zu überlegen, fotografierte ich auf dem Weg zum Strand heute Morgen eine Katze, die auf einem Mäuerchen schlief. Dann stellte ich das Bild auf Facebook und schrieb dazu: “Jetzt auch auf Gran Canaria: Fleisch vom Hot Stone.”

Das fand ein Leser lustig (“Muesch ned zerscht no entschuppe?”) und eine Leserin weniger (“Pass mer uf, gäll!”). Viel mehr passierte nicht. Noch bevor ich im Sand lag, hatte ich den Beitrag vergessen.

Doch als ich vorhin in mein Mailfach guckte, stellte ich – nicht zum ersten Mal – fest, dass auch (oder vor allem) nichtigste Ursachen erstaunliche Wirkungen haben können: Knapp zwei Dutzend gehässige und durchs Band weg anonym verschickte Reaktionen waren im Laufe des Tages in meinen elektronischen Briefkasten geflattert. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammen sie von Leuten, die sich in der Online-Welt meine “Freundinnen” und “Freunde” nennen – und die dann doch nicht die Nerven haben, mit ihrem Namen zu ihrer Meinung zu stehen.

Dass ich “herzlos”, “einfach nur blöd”, “einfältig”, ein “Naturfeind” und anderes mehr bin (oder sei), könnte man und frau mir auch offen sagen; ich bin ja weit weg. Aber nein: So etwas schreibt man lieber aus der Deckung heraus und mehr oder weniger gut getarnt.

Aber um die offenbar hochempfindlichen Gemüter zu beruhigen: Selbstverständlich würde ich nie eine Katze essen, und wenn doch, dann ganz bestimmt nicht samt Fell.

Tag 3, sehr, sehr früher Morgen: Oft genügt es, kurz nach oben zu gucken, um wieder einmal zu erkennen, wie schön das Leben doch ist.

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Man sollte öfter nach oben gucken.

Tag 3, zwischen Nachmittag und frühem Abend: Mir ist gerade aufgefallen, dass ich in all meinen Ferien auf diesem Eiland noch keines einzigen Kanarienvogels angesichtig werden durfte, ausser in Souvenirshops, aber die, die wo dort herumhängen, gehören zu den Nicht essbaren Individuen (NeI) und spielen für mein Wohlbefinden folglich keine Rolle.

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Das Fehlen von leibhaftigen Kanarienvögeln ist insofern erstaunlich, als diese Insel Gran Canaria heisst und nicht, sagen wir, Isla Novoglasbuntas, was mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass hier etwas nicht stimmt, und zwar ganz und gar nicht, und dass irgendwo da draussen Kräfte am Werk sind, die grösser sind als wir alle im Allgemeinen und die Welt im Besonderen, und à propos Welt: Zum Verdruss der FIFA haben die putzige Aargauer Gemeinde

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(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Leimbach,

mein wie gedopt blühender Aufwachsort Beinwil am See plus ein paar erwähnungstechnisch vernachlässigbare Kommunen ausgerechnet auf heute Abend ihre Gemeindeversammlungen anberaumt.

Für die FIFA bedeutet das: Weniger TV-Zuschauer, weniger Fernseheinnahmen, weniger *räusper* Entwicklungshilfegelder zum Überweisen und drum, genau: kein Ende der Kriege in Afrika, ganz im Gegenteil.

So hängt das alles zusammen, immer, und niemand weiss, wohin das noch führt.

Aktuell (um 18.00 Kanarischer Zeit) weiss, abgesehen vom Schiedsrichter vielleicht, auch noch kein Mensch, wie sich die Schweiz bei ihrem zweiten WM-Einsatz in Brasilien schlagen wird.

Ich bin zwar ein grosser Fan der Engländer, verzichte jedoch trotzdem darauf, mir das Spiel anzusehen, weil René Bottéron gesperrt ist, wohinter auf Hundert und zurück wieder Sepp Blatter steckt, oder die NSA, oder ein hiesiger Vogelhändler.

(Den ersten Teil des “Insellebens” gibts hier.)

Inselleben (I)

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Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des “Parqué Tropical”.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: “Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!”

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

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Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, “der beste Wingman aller Zeiten!” und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses “ñ” basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: “Ayayayayay!” (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

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Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

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fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf “wie, sagen wir…” “…ein Araber” folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

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Im Namen des Vorstandes schreibt er:

“Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).”

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als “Life!!!” angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

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Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

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gfürchige Wolkenwand

auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

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das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

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in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

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das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

Adiós, Gran Canaria – und vor allem: Tschou Burgdorf!

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Kein Leben auf dem Wasser…

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…tote Hose am Strand…

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…gähnende Leere in den Beizen…

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…und ein Höllenkrach beim Zmorgekaffee:

Es ist Zeit, das Rucksäckli zu packen und zu verschwinden.

Beim Gedanken daran, nach Hause zu fliegen und bald wieder in Burgdorf, im alten Markt, dem tollsten Quartier der Welt, zu sein, bei meinem Schatz und all den anderen Menschen, die ich in den letzten Tagen zwischendurch schones Birebitzeli vermisst habe, wird mir trotz der 16 arktischen Grad auf dem gleich verregneten Gran Canaria so richtig wohlig warm ums Herz.