Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

Into the dark

Viersprachig wies die Frau im Zuglautsprecher soeben darauf hin, dass wir gleich durch den Gotthardtunnel blochen werden und dass das rund 25 Minuten dauern dürfte. Bei Fragen wende man sich bitte undsoweiterundsofort, aber für Fragen ist keine Zeit.

Wenn man jetzt (das ging aber schnell!) schon mal drin ist, kann es nur darum gehen, die Sehenswürdigkeiten im längsten Loch der Welt fotografisch zu dokumentieren:

Während ich knipse wie wild, grummelt Sergio (oder wie auch immer er heissen mag) in seinem Speisewagenchucheli ununterbrochen vor sich hin. In diesem Tunnel, teilt er einem Gast mit, der bei ihm vor einigen Minuten ein Kafi bestellt hatte, falle ständig der Strom aus, und deshalb gebe es grad kein Kafi, worauf der Gast sagt, dann nehme er halt einen Tee, wobei: das gehe demfall wohl auch nicht, und dann greift er, vermutlich nur, um nicht für nichts und wieder nichts in den Speisewagen gewandert zu sein, zu einem Biberli und einem Kägi.

Kaum ist er weg, nimmt am Tisch nebenan eine Familie im praktischen Kleinformat Platz. Nicht ahnend, dass hier aufwärmtechnisch im Moment assolutamente niente läuft, studieren die Eltern – um noch nicht einmal 9 Uhr am Sonntagmorgen – die Speisekarte (angeboten werden unter anderem Agnolotti mit Pilzfüllung, thailändisches Pouletcurry, Kalbsgeschnetzeltes Zürcher Art plus verschiedene Salate; es ist irgendwie schon verrückt. Ein Eingeklemmtes würde es zur Not amänd auch tun), während der Kleine auf einem iPad herumwischt, und als die Eltern die Karte beiseite legen, steht auch schon Sergio (oder so) bei ihnen, doch weils nella cucina immer noch ist, wies halt ist, bestellen alle ein Mineralwasser mit ohne etwas dazu.

Irgendwann wirds draussen wieder hell. Bis nach Flüelen dauerts nun nicht mehr ganz so lange, wies schon gedauert hat (nicht, dass das wichtig wäre; was zählt, ist die Fahrzeit bis Burgdorf, und die beträgt nach wie vor eine Ewigkeit).

Zischend und fauchend erwachen die Maschinen in der Kombüse aus ihrem Tunnelkoma. Hinter seinem Tresen strahlt Sergio (oder Paolo. Oder vielleicht auch Giuseppe) übers ganze Gesicht.

Unplugged

IMG_0286 (1)

Ohne dieses Kabel hätte niemand mitbekommen, was Christa Markwalder gestern Abend auf dem Burgdorfer Kronenplatz sagte, als die Stadt ihre Wahl zur Nationalratspräsidentin feierte. Kein Mensch hätte gehört, wie Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch coram publico erklärte, “wir sind mächtig stolz auf dich, Christa».

Jetzt, keine zwölf Stunden nach seinem grossen Einsatz, liegt es wie eine tote Schlange in einer Ecke der Oberstadt. Achtlos gehen die Passanten an ihm vorbei. Bald wird jemand es zusammenrollen und irgendwo verstauen.

Es weiss nicht, wann es wieder gebraucht wird. Falls es Pech hat, liegt es für den Rest des Winters in einer ungeheizten und zugigen Halle, wo es unter einer langsam wachsenden Staubschicht spröde wird und rissig, und wenns für das Kabel wirklich dumm läuft, nimmt noch vor dem Frühlingsbeginn ein Arbeiter es in die Hand und murmelt beiläufig, “so: das wird jetzt entsorgt”.

Kein Grund zur Aufregung

993414_10202271696698325_948915820_n

Im Zug nach Bern fiel heute Morgen das Licht aus. Schön war: Niemand regte sich auf, niemand meckerte über den “lausigen Service”, niemand griff zum Handy, um die Aussenwelt aufgeregt über den Zwischenfall zu informieren.

Die Leute sassen schweigend da und warteten darauf, bis es wieder hell werden würde. Aus zig Ohrstöpseln strömte kaum hörbar Musik in die Stille. Ansonsten war kein Mucks zu hören.

Minuten später hatten unsichtbare Geister das Problem behoben. Als ich in Bern aufs Perron trat, dachte ich: Wärs im Zug doch nur öfter mal finster.