Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Zu jung für diese Altersgruppe

Ich hatte es nicht bestellt, aber neulich lags trotzdem im Briefkasten: “50plus – Das Magazin für ein genussvolles Leben”.

Während ich es zuoberst auf die Altpapierbeige lege, frage ich mich, womit ich in einer hoffentlich sehr fernen Zukunft noch beglückt werden würde: “60plus – Goldene Zeiten für Silberrücken”. Dann: “70plus – Kein Job, keine Zukunft, aber hey: That’s life!”. Wieder zehn Jahre später: “80plus – Wer das lesen kann, ist noch nicht tot.” Schliesslich: “90plus – Und täglich grüsst der Sensemann”.

So betrachtet, denke ich gedankenverloren, bin ich mit meinen 50plus eigentlich gar nicht so schlecht bedient. Ich nehme das Heftli wieder vom Haufen.

“Sei du selbst”, empfiehlt mir das Magazin auf der Titelseite. Weiter verspricht es Ratschläge für Stellensuchende, Tipps für profimässiges Kochen und – es wurde aber auch langsam Zeit – eine verbindliche Antwort darauf, “warum Essen Spass machen soll”.

Die Frage ist: Braucht das jemand?

“Sei du selbst” gehört längst zum Basisvokabular jedes Küchentischpsychologen, jeder Dschungecamp-Teilnehmerin und jedes Castingshowmasters. Arbeitslosen helfen das RAV und private Institutionen. Kulinarikzeitschriften liegen an Kiosken und in Buchhandlungen kilometerweise auf; dazu kommen zig Kochsendungen und eine endlose Menge von Online-Publikationen.

“Genauso würde vermutlich ein Heftli aussehen, wenn man Kurt Aeschbacher ein Heftli machen liesse”, sinnierte ich: Viel Gspüri, viel Service und viel Genuss.

Und noch bevor ich meinen Gedanken zu Ende gedacht habe, lächelt mir auf der Seite 3 werelilwer entgegen?

In seinem Editorial behauptet “Aeschbi”, es gebe “nichts Anregenderes, als mit der Familie oder seine Freunden um einen schön gedeckten Tisch zu sitzen, ein feines Essen zu geniessen und dabei über all das, was einen bewegt, zu diskutieren”. Illustriert ist der Text mit einem Bild, das den Autor alleine auf einem Sofa sitzend zeigt, mit einem halbvollen Glas Rotwein in der Hand. Kurz nach dem Hinweis auf einen “aufschlussreichen Bericht über die Bauchspeicheldrüse” und vor den “herzlichen Grüssen” fragt er in die Runde: “Was gibt es Schöneres, als nach einer anstrengenden Wanderung sich noch ein paar Stunden in einer Wellnessoase verwöhnen zu lassen”.

Nun: Mir kommen spontan dreihunderttausend Dinge in den Sinn, die eine (von mir aus auch bubieinfache) Wanderung an Schönheit toppen würden, aber sie auch nur stichwortartig zu notieren, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.

Auf knapp 100 Seiten werden in der Folge all jene (oder ämu viele der) Themen abgehandelt, welche Leute knapp jenseits der Pubertät nach Ansicht der “50plus”-Macher in ihrer offenbar reichlich bemessenen Freizeit umtreiben: Kuratiertes Sammeln, Heimwerken, Gemüseanpflanzen, Testamentverfassen, Pankreatitis, Reisen oder die Suche nach der perfekten Alterssiedlung.

Den Schwerpunkt der mir vorliegenden Ausgabe bildet das Essen: Eine Reportage über die chinesische Küche fehlt ebensowenig wie – dass ich das noch erleben darf! – ein Artikel über georgische Tischsitten. Dazu gibts mehr und weniger originelle Rezepte plus, natürlich, eine schampar lustige Kolumne, die vor allem deswegen auffällt, weil viele Worte “IN GROSSBUCHSTABEN” geschrieben sind (wohl für den Fall, dass Teile der Zielgruppe vergessen haben, die Kontaktlinsen einzusetzen, mit denen sie bis zur Brille sehen können).

Inserate werben hauptsächlich für Medikamente (“Helfen Sie Ihrem Herz wieder auf die Beine”), Banken (“Wir lassen Sie auch im Alter nicht im Stich”) oder Thermen (“Mit Abhol- und Heimfahrservice”).

Was Werbung ist und was redaktionelle Leistung, ist nicht in jedem Fall klar. Es spricht zum Beispiel sicher nichts dagegen, unter dem Motto “Wunderbares für Körper und Seele” allerlei Elixiere, Essenzen und Düfte “für die Party” vorzustellen. Nur: Wenn diese Produkte in salbungsvollen Worten und samt Preisangaben unter der Rubrik “Beautytipps” angepriesen werden, runzelt der journalistische Puritaner jedoch automatisch die botoxfreie Stirne. Diese Doppelseite mit “Publireportage” zu kennzeichnen, wäre ehrlicher gewesen. Oder zumindest transparenter.

Ansonsten gibts an “50plus” zu meinem eigenen Erstaunen wenig zu bemängeln. Die Texte sind fast ausnahmslos flott getippt und vermitteln eine Vielzahl von – auch überraschenden – Informationen. Sie sind in einem Tonfall gehalten, der erkennen lässt, dass die Schreibenden die Lesenden ernstnehmen (wobei: Das darf der Lesende vom Schreibenden für SFr. 7.90 wohl erwarten). Die hochwertigen Fotos dienen nicht als Füllmaterial, sondern als Blickfänge.

Während ich durch das Magazin blättere, fühle ich mich ein wenig wie vor einem Jahr, als ich versehentlich zwei Nächte in einer Seniorenresidenz im Tessin verbrachte: Es ist alles ganz nett und schön und gut (gemeint), aber letztlich…letztlich halt doch nichts für mich.

Sowohl das Heft als auch das Heim signalisier(t)en mir – wenn auch subtil – , es wäre langsam an der Zeit, mich mit dem Älterwerden und dessen Folgen zu beschäftigen. Dafür fehlt mir vorläufig aber die Zeit. Und, vor allem: die Lust.

Sobald ich mich wie 50 fühle, nehme ich das Heftli aber sicher gerne wieder einmal zur Hand. Falls es dann noch existiert.

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Cooler Typ

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Ich weiss nicht, wer beim Aussichtspunkt unter dem Schloss Burgdorf diesen Schneemann gebaut hat. Mit Blick auf seine schmucke Kopfbedeckung ist klar: es muss ein Schwingerfreund gewesen sein.

Klar ist auch: nur ein paar Meter weiter unten wohnt Francesco M. Rappa, der OK-Vizepräsident des “Eidgenössischen” 2013 in Burgdorf.

Ich könnte ihn, wenn ich mit dem Hund sowieso gleich auf die erste Bislirunde gehe, spontan aus dem Haus klingeln und mich bei ihm danach erkundigen, ob er der Stadt diesen Schutzeisheiligen auf Zeit spendiert hat.

Das Rätsel um dem Schöpfer des coolen Typen bleibt allerdings wohl für immer ungelöst: Um 4.52 Uhr am Morgen ist es nochli früh für Hausfriedensbrüche. Und später am Tag, sobald die Sonne wieder scheint, steht der Schneeschwinger schon mitten im ersten und letzten Schlussgang seines Lebens.

Nachtrag: Auf die schriftliche Frage des Blogwarts, ob er der Stadt diesen Prachtskerl modelliert habe, antwortet Francesco Rappa, er sei “unschuldig”.

Wieso Songtitel Klammern haben (I’m only bleeding)

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Das Bild hat keinerlei Bezug zum folgenden Text (ich hatte nur grad chli Heimweh mach Australien).

– “Gimme gimme gimme (a man after midnight)”,
– “For those about to rock (we salute you)”,
– “Falling in love (is hard on the knees)”,
– “Tonight (lift me up)”,
– “If I was your woman (walk on by)”,
– “The world is changing (I got a woman back in Georgia)”,
– “I never loved a man (the way I love you)”,
– “Summer (can’t last too long)”,
– “King Harvest (has surely come)”,
– “Magdalena (weil Maria hatt ich schon)”,
– “On a clear day (you can see forever)”,
– “I want you (she’s so heavy)”,
– “Someday after a while (you’ll be sorry)”,
– “One for my baby (and one for the road)”,
– “You’re not the one (I was lookin’ for)”,
– “Most likely you go your way (and I’ll go mine)”,
– “One of us must know (sooner or later)”,
– “I don’t believe you (she acts like we never have met)”,
– “If you gotta go, go now (or else you got to stay all night)”,
– “Do right to me baby (or let me go)”,
– “It’s allright Ma (I’m only bleeding)”,
– “57 channels (and nothin’ on)”,
– “Someday (we’ll be together)”,
– “Let’s be friends (skin to skin)”,
– “Come on (let’s go tonight)”,
– “It ain’t a party (if you don’t come round)”,
– “If you wanna leave me (can I come too?)”,
– “Go for the throat (use your own imagination)”,
– “The ballad of TV Violence (I’m not the only boy)”,
– “Good girls go to heaven (bad girls go everywhere)”,
– “In a country churchyard (let your love shine on)”,
– “I want it (and I want it now)”,
– “One word (straight from the heart)”,
– “Teen Angst (what the world needs now)”,
– “You spin me round (like a record)”,
– “Rock rock (’til you drop)”,
– “Mirror, mirror (look into my eyes)”,
– “Ich weiss nicht (ob es Liebe ist)”,
– “Sweet Dreams (are made of this)”,
– “Angel (mirror to your soul)”,
– “Nobody loves you (like I do)”,
– “The farmers song (for all)”,
– “Will you be there (in the morning)?”,
– “Some of my lies are true (sooner or later)”,
– “We’re not here for a long time (we’re here for a good time)”,
– “I want to (do everything for you)”
– “(Ain’t nothin’ but a) house party”

und so weiter, und so fort. Es ist kein Ende (in Sicht).

Ich weiss nicht, welcher Musiker seinerzeit als Erster auf die Idee gekommen ist, einen Teil von Songtiteln in Klammern zu setzen. Vermutlich wars John Lennon, wie eigentlich fast immer, weil er dachte, das klinge schampar intellektuell. Es könnten natürlich auch die Rolling Stones gewesen sein in der Annahme, auf diese Weise etwas establishmentshockin’ Rebellisches zu statuieren. Möglicherweise wars aber auch nur ein Rastaman auf Jamaica, der sein Lied eigentlich schon fertig hatte, und dem, als er zur Feier seines Werkes einen meterlangen Joint paffte, doch noch etwas dazu einfiel, und statt alles neu zu schreiben, setzte er seinen Einfall in eine Klammer dahinter und fuhr dann damit fort, gegen das Betäubungsmittelgesetz zu verstossen (nicht zum ersten Mal an diesem Tag!).

Wenn jetzt 3.40 p.m. wäre, könnte man einen Kulturschaffenden aus dem Bett klingeln und ihn fragen, was es mit diesen Klammern eigentlich auf sich habe. Wir haben jetzt aber 3.40 a.m., und um diese Zeit verbitten sich derlei Aktionen von selber; sogar bei Menschen, die davon leben, die Nacht zum Tag zu machen (wenn auch unterschiedlich gut).

Also: Ab ins Internet. Für den Suchbegriff “Songtitel in Klammern” liefert Google 154’000 Ergebnisse, aber nur ein vielversprechendes Resultat:

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Leider funktioniert der Link nicht, was bedeutet: Das wars schon (mit der Recherche).

Ergiebiger ist, wenn wir schon dabei sind, die Suche nach dem längsten Songtitel aller Zeiten: “The Sad But True Story Of Ray Mingus, The Lumberjack Of Bulk Rock City, And His Never Slacking Stribe In Exploiting The So Far Undiscovered Areas Of The Intention To Bodily Intercourse From The Opposite Species Of His Kind, During Intake Of All The Mental Condition That Could Be Derived From Fermentation.” Eingefallen ist er den schwedischen Folk-Poppern Rednex, und klingen tut das Lied wie folgt:

Wir lernen: Auch in der Musik spielt die Länge in performancetechnischer Hinsicht eine periphere Rolle (aber das nur in Klammern).

Der Charme des Verstaubten als Reiz des Neuen

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Auf musikalischen Grundierungen aus dem letzten Jahrhundert ganz neue Klang- und Wortbilder zu malen: Das erfordert nicht nur einiges an Mut und Selbstvertrauen; wer das tut, muss auch wissen (oder zumindest ahnen), dass sein Publikum bereit ist, bekannte – und langsam chli ausgetretene? – Pfade zu verlassen und ihm an Orte zu folgen, die es noch nicht kennt.

Christian Häni, der Gründer, Sänger, Texter, Komponist und Produzent der Halunke, setzt mit “Gramophon”, der dritten CD der Berner Band, auf die Karte “Zurück in die Zukunft”. Soviel Jazz und Swing gabs auf einem Schweizer Mundartalbum noch nie, und das wohl aus gutem Grund: Das Risiko, mit Bläsern und Streichern eine Zielgruppe zu verunsichern, die sich schon beim Klang einer echten elektrischen Gitarre fragt, was zum Teufel das sei, ist gross.

Häni  schrieb für “Grammophon” sämtliche Songs und spielte fast alle Instrumente im Alleingang ein. Am Ende hat er die CD auch noch produziert. Um den Vertrieb, die Werbung und Konzertbuchungen kümmert sich seine Frau Anja, die auch den Onewoman-Backgroundchor bildet.

Von einer “Band” im eigentlichen Sinne kann bei den Halunke also kaum noch die Rede sein. “Grammophon” ist von A bis Z Hänis Werk, was schon auf der Hülle ersichtlich ist: Sie zeigt einen Mann, dessen Kopf überquillt vor klangerzeugenden Gerätschaften aller Art.

An der Kurbel am rechten Ohr dreht zweifellos eine unsichtbare Muse, und zwar an 24 Stunden am Tag, und in der Nacht auch noch, an sieben Tagen pro Woche und an sämtlichen Wochen des Jahres. Nach  den Anstrengungen der letzten Monate sieht sie inzwischen vielleicht chli verhürschet aus; deshalb mochte sie wohl nicht mit aufs Bild.

Doch auch wenn die Halunke inzwischen zum Familienbetrieb mutiert sind – auf der Bühne stehen und sitzen, neben Häni, nach wie vor Simon Rupp an den Gitarren, Marco Mazzotti an den Bässen und Christian Berger an den Drums. Zur Plattentaufe in der Mühle Hunziken werden zusätzlich noch Bläser und ein Pianist mit von der Partie sein, damit die CD live möglichst ähnlich klingt wie zuhause im Player.

“Souerei”, das erste Album der Halunke, war übermütig. “Houston we are ok”, die Nachfolge-CD war ebenso originell, wirkte aber deutlich ernsthafter. “Grammophon” ist manchmal witzig und oft tiefsinnig und kommt, übers Ganze gehört, um einiges reifer daher als seine Vorgänger. Zwischen den Zeilen blitzt jedoch nach wie vor viel Schalk auf, und seine Leidenschaft fürs Beobachten und Notieren von Alltagsmenschen und -situationen hat Häni nicht verloren; ganz im Gegenteil.

Aber Häni textet nicht mehr “nur” auf Pointen hin, sondern erzählt (wie zum Beispiel im vorab veröffentlichten “Guatemala”) Geschichten, die auch so funktionieren würden; ohne Musik. Aus der Ferne grüsst weiterhin Mani Matter, aber nur noch hin und wieder und nicht mehr so oft wie auf “Souerei” und “Houston”. Häni hat sich von seinem grossen Vorbild emanzipiert und geht nun eigene Wege, ohne den Übervater ganz aus den Augen zu lassen.

Musikalisch ist “Grammophon” schwer einzuordnen (aber: es braucht ja auch nicht immer alles eingeordnet zu sein). Christian Häni bedient sich ungeniert bei zeitlosen Grössen aus der Vergangenheit, um auf seine eigenen Melodien und Harmonien eine Art Kunststaub zu legen. Rund 200 prominente und weniger bekannte Künstler aus längst vergangenen Epochen geben sich auf “Grammophon” gemäss Pressetext ein virtuelles Stelldichein.

Ihre Beiträge überziehen das aktuelle Werk aus der Halunke-Schmiede mit einer Patina, die ihre Reize hat. Und die ein mehrmaliges Durchhören fast zwingend erfordert; die vielen Samples und Mixturen dürften ein wenig gewöhnungsbedürftig sein – vor allem für jenen Teil der “Kundschaft”, dem Namen wie “Glenn Miller” oder “Adriano Celentano” nichts oder nur wenig sagen.

Wer sich die Zeit nimmt, sich “Grammophon” mehrmals anzuhören und wer bereit ist, das jüngste Gemüse auf dem weiten Feld des Berner Mundartschaffens vorurteilslos (“Swing? Das ist doch mehr etwas für Scheintote.”) zu probieren, wird erfreut feststellen, dass es sich dabei um etwas in diesen Gefilden noch nie Dagewesenes handelt, das auch den eigenen geschmacklichen Horizont um den einen und anderen Meter nach links und rechts erweitert.

Infos für Insider (II): Das Dorfheftli

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Sieh, das Interessante liegt so nah: Seit knapp zwei Jahren kümmert sich das “Dorfheftli” in sieben Aargauer Gemeinden um das gesellschaftliche, sportliche, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen vor den Haustüren seiner Leserinnen und Leser. Die Redaktion des monatlich erscheinenden Magazins erfüllt ihre Aufgabe mit grosser Professionalität.

Erfolgsgeschichten werden in der Schweizer Zeitungslandschaft nur noch selten erzählt. Im beinahe abgeholzten Blätterwald  raunen sich die letzten Überlebenden des grossen Kahlschlags ununterbrochen Klagen über sinkende Auflagen und Inseratevolumen zu, weil immer mehr Leserinnen und Leser sich  online informieren und Werbegelder fast nur noch ins Internet fliessen.

Und doch – es gibt Ausnahmen. Das “Dorfheftli” zum Beispiel hat es geschafft, sich aus dem Stand in knapp zwei Jahren als Pflichtlektüre für über 12 000 Menschen zu etablieren.

In sieben Gemeinden im aargauischen Wynen- und Seetal erscheint an jedem zweiten Mittwoch im Monat das durchgehend farbige und im handlichen A5-Format publizierte Magazin – und zwar flächendeckend. Es wird in sämtliche Haushaltungen verteilt; auch in jene,  die an ihren Briefkästen einen “Stopp Werbung”-Kleber angebracht haben.

Thomas Moor, einer der  Macher des “Dorfheftli”,  erinnert sich an die Geburt eines der jüngsten Kinder der um ihre Zukunft bangenden Zeitungsfamilie:  “Entstanden sind die Dorfheftli aus dem traditionellen «Böjuer», dem Informationsblatt für die Gemeinde Beinwil am See. Er bestand jahrzehntelang aus zwei bis drei schwarzweissen, fotokopierten und gefalteten A4-Seiten. Seinen Schwerpunkt bildeten Gemeindeinfos. Um ein typografisches Kunstwerk handelte es sich nicht, wie auch der Beinwiler Ortsbürger Heinz Barth befand.”

Als Inhaber der Werbeagentur artwork ag im benachbarten Reinach habe Barth dem “Böjuer”-Herausgeber eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, sei damit aber auf taube Ohren gestossen.

Doch kaum hatte der Verleger Beinwil am See verlassen, wurde Barth aktiv: Er lancierte  ein umfangreicheres, farbiges und informativeres “Dorfheftli”.

Auf so etwas hatten offensichtlich auch andere Gemeinden im Wynen- und Seetal gewartet: Kaum war der neue “Böjuer” da, erkundigten sich bei Barth Behördemitglieder von umliegenden Orten danach, ob sich auch für ihre Dörfer etwas Ähnliches produzieren lasse. Inzwischen gibt es massgeschneiderte “Dorfheftli” für Beinwil am See, Leutwil, Meisterschwanden, Menziken, Reinach, Seengen und Tennwil.

Als jemand, der in Beinwil geboren und aufgewachsen ist, widme ich mich “meiner” Ausgabe in der Hoffnung, Neues über meine alte Heimat zu erfahren – und, wer weiss, den einen oder anderen alten Bekannten zumindest auf Papier wiederzusehen.

Nach zwei Seiten trockener Ratsnachrichten wird mein Wunsch  erfüllt: Ausführlich verabschiedet das „Dorfheftli“ einen Zeitgenossen, mit dem auch in in frühen Jahren hin und wieder zu tun gehabt hatte:

Der Schulhausabwart Heinz Bruder wurde, wie es im Lead heisst, „nach 29jähriger, pflichtbewusster Tätigkeit“ pensioniert. Mit sieben aussagekräftigen Bildern und einem gmögigen Text wird das Ereignis gewürdigt.

Erfreulich ist: Im “Dorfheftli” heissen die Menschen nicht, wie in vielen anderen Lokalpostillen, „Frau Meier“ oder „Herr Müller“; sie haben einen Vornamen und einen Namen. Die Schreibenden sind sich offensichtlich nicht zu schade, bei Bedarf nachzufragen, wie die Protagonisten ihrer Berichte heissen. Damit signaliseren sie: Wir interessieren uns für das, was ihr tut. Und wir behandeln euch mit Respekt.

Die Titelgeschichte ist, wie auch die Frontseite, dem FC Beinwil am See gewidmet, der soeben den Wiederaufstieg in die 2. Liga geschafft hat. Auf vier Seiten wird der ruhmreiche Vereins vorgestellt. Weil nicht nur die obersten Clubverantwortlichen, sondern auch untere Chargen zu Wort kommen, wirkt die Story einerseits sehr läbig.

Andrerseits ist sie etwas gar textlastig ausgefallen; sie “bleielet”. Wenn zumindest ein Teil der Gesprächspartner mit einem kleinen Bild vorgestellt würde, käme er wesentlich luftiger und leichter lesbar daher.

In die Rubrik „PR“ fallen die über das ganze Heft verteilten Mitteilungen der Schulleitung und der Schulpflege, des Altersheims, des Spitals, einer Treuhandfirma, des Turnvereins, des Männerchors, der Kirche, der Polizei, einer Bäckerei, der Kerzenzieher, der Wyna-Expo, der Veranstalter des Homberg-Laufes und einer Schreinerei. Sie machen rund einen Viertel des redaktionellen Teils aus.

Die PR-Beiträge sind kaum je als Fremdmaterial deklariert. In Einzelfällen weist eine munzige Fussnote darauf hin, woher der Text stammt. Weil die redaktionellen Eigenleistungen ebenfalls nicht namentlich gezeichnet werden, weiss der Leser nie so recht, was jetzt echter Journalismus ist und was (bezahlter?) Stoff. Ein “pd” am Anfang oder am Ende der Pressemitteilungen würde für  Transparenz sorgen.

Die Aktualität hat im “Dorfheftli” naturgemäss an einem kleinen Ort Platz: Ein Monatsmagazin kann sich dem Tages- und Wochengeschehen nicht mit derselben Intensität widmen wie eine Zeitung.

Aber als Konkurrenz zum “Wynentaler Blatt” oder zum “Der Lindenberg” versteht  sich das “Dorfheftli” gar nicht; jedenfalls nicht auf  redaktioneller Ebene. Wenns ums Geld geht, siehts nachvollziehbarerweise anders aus: “Vom kaum grösser werdenden Inseratekuchen schneiden wir eine nicht zu unterschätzende Scheibe ab”, sagt Thomas Moor.

Satt sind die “Dorfheftli”-Macher noch lange nicht – und Kuchen ist nach wie vor da: Nach den sieben bisherigen hätten auch weitere Gemeinden ihr Interesse an einem “Dorfheftli” signalisiert, sagt Thomas Moor. Entsprechende Verhandlungen seien “am Laufen”.

 

Das “Dorfheftli” auf einen Blick:

Herausgeberin: artwork ag, Reinach.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Vier festangestellte  für die Redaktion, Produktion und Social Media-Aktivitäten plus vier freie für journalistische Einsätze.

Erscheinungsweise: 12x pro Jahr

Auflage: 12 310 Exemplare

Weitere Infos: www.dorfheftli.ch

In der Rubrik “Infos für Insider” bereits erschienen: “Theater Zytig”

Nachtrag 24. Januar 2014: Ein halbes Jahr nach diesem Beitrag beschäftigt sich auch die Argauer Zeitung mit dem “Dorfheftli”.

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Aus dem Leben eines Playaboys (VII und Schluss. Oder auch nicht.)

Geplant war alles ganz anders: Als ich am Samstag in Las Palmas landete, war ich finster entschlossen, ein Velo zu mieten. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag eine Stunde im Fitnessraum des Hotels zu schwitzen, ausgedehnte Vollgas-Spaziergänge am Strand zu machen und regelmässig ein paar Längen zu schwimmen.

Ich wollte die Ferien nutzen, um weitere Kilos loszuwerden. Den Laptop nahm ich nur mit, um mich hin und wieder auf den aktuellen Stand der Nachrichtendinge bringen zu können, und um gelegentlich eine Mail zu lesen oder zu verschicken.

(Stimme im Hinterkopf: “Diesen Chabis glaubst du ja selber nicht. Zeitungen lesen und Briefli mailen kannst du mit dem Eifoun. Wir wissen beide, dass dir von Anfang an klar war, dass du mit dem Compi da unten noch ganz andere Dinge anstellen würdest.”)

Mag sein. Tatsache ist: Kaum hatte ich mein Rucksäckli ausgepackt, wollte musste ich etwas schreiben. Irgendetwas.

(Stimme im Hinterkopf: “Wir sprechen hier von einer Sucht, nicht wahr? Gibs zu: Du würdest eher auf Ferien verzichten als darauf, zu schreiben.”)

Wie gesagt: Mag sein.

Also gut: Stimmt.

Stell einem Alkoholiker ein Bier hin – er trinkts.
Stell mir einen Laptop vor die Nase – ich schreibe.

Zu sehen, wie sich am Bildschirm eine leere Seite öffnet, die sich dann auf eine wundersame Weise, die ich auch nach über einem Vierteljahrhundert berufsmässigen Geschichtenerzählens nicht begreife, ganz von alleine mit Buchstaben und Sätzen füllt, die sich ihrerseits zu Abschnitten formen, um etwas zu bilden, was anderen Menschen etwas bringt, und wenns nur zwei Minuten Plausch oder Ärger sind: Es gibt nichts Schöneres.

So begann der Playaboy zu leben. Die Umstände – “Umstände” sind für Süchtige immer gut – machten es ihm leicht, über Nacht ein Eigenleben zu entwickeln: Vom Radeln rieten mir Einheimische wegen der nichts kennenden Autofahrer in Playa del Inglés dringend ab. An Besuche im Folterkeller war bei 36 Grad im Schatten nicht zu denken. Fast ohne mein Zutun nutzte der Playaboy meinem Blog, um grösstenteils wildfremden Menschen munzige Einblicke in jene winzige Welt zu geben, die er mit mir durchstreifte.

Was ihn erst etwas erstaunte und dann völlig baff machte, war, wie die Menschen auf dem Festland auf seine Erzählungen reagierten. In seinem Mailfach und in den Kommentaren “seines” Blog stapelten sich Zuschriften von Unbekannten und Bekannten, die ihn ermunterten, weiterzutippen. Auf Facebook wurde augenzwinkernd zu Spenden aufgerufen, auf dass sein Aufenthalt auf (und damit auch die Berichterstattung aus) Gran Canaria verlängert werden könne. Ein anderer Freund riet online spasseshalber zu einer Kollekte, die dem Playaboy ermöglichen sollte, über die Meere kreuzzufahren und zu rapportieren, was und wer ihm zwischen Bug und Heck so alles auffällt. Und, vor allem: Wieso. Mein Brüetsch empfahl seiner internetten Fangemeinde eines Morgens nicht, wie üblich, den Wäutklass-Kracher des Tages zum Abrocken. Stattdessen legte er ihr ihnen die Ferien-Reminiszenzen meines neuen Gspändlis ans Herz.

Ohne, dass ich ihn darum gebeten hätte, sorgte der Playaboy im Macbookaufklappen dafür, dass in diesem Blog soviel Betrieb herrschte wie noch nie: Hunderte von Besucherinnen und Besucher drückten sich in nicht einmal einer Woche die Klinke zu meinem virtuellen Stübchen in die Hand.

Das alles war für uns beide ebenso ungewohnt wie erfreulich und zuweilen fast schon richtig rührend.

Unabhängig davon waren wir auch nicht unglücklich darüber, zwischen Poolrand und Sandstrand eine Beschäftigung zu haben, die den doch eher eintönigen Tagen in diesem Mekka des Nichtstuns eine Struktur gab. Wir setzten uns immer zur selben Zeit hin, um bei einer Kanne Kaffee einen neuen Beitrag z Fade z schlah. Anschliessend gingen wir ans Meer, um stundenlang zu laufen. Abends, wenn nicht mehr soviele Gäste im Schwimmbecken plantschten, tauchten wir jeweils ab.

So konnte ich mich trotz der gwundrig-gmögigen Klette an meiner Seite genauso intensiv bewegen, wie ich das vorgesehen hatte. Erleichtert stelle ich fest, dass im Sand dieser Insel das eine und andere Pfund liegenblieb, das ich längst loswerden wollte (der Preis für das appetitlichste Sprachbild des Jahres dürfte damit vergeben sein).

Aber jetzt ist bei allem Spass, dens gemacht hat, Schluss. Morgen fliege ich zurück in die Schweiz, zu meinem Schatz nach Burdorf, in den alten Markt. Dort ist es zwar nicht ganz so sonnig und heiss wie hier. Dafür fühle ich mich dort wirklich daheim.

Was den Playaboy betrifft, habe ich mir lange überlegt, was ich mit ihm machen soll. Zuerst erwog ich, ihn auf Gran Canaria seinem Schicksal zu überlassen. Das wäre aber eine für beide suboptimale Lösung. Denn ob ich je nach Playa del Inglés zurückkehre, kann ich nicht sagen. Und ihn ganz alleine zwischen all den Taxifahrern, Appartmentdealern und Blüttlern auszusetzen: Das bringe ich nichts übers Herz. Im für ihn besten Fall kommt er bei einem anderen Blogger unter. Nur: Das kommt für mich nicht in Frage.

Deshalb lasse ich den Playaboy sterben. So, wie ich ihn kennengelernt habe, trägt ers mit Fassung. In seinem nächsten Leben wird er sicher etwas über jenen leicht übergewichtigen Schweizer schreiben, der ihm einst im „Parque Tropical“ aus strahlend heiterem Himmel zugelaufen ist (dabei wars eigentlich umgekehrt. Aber egal).Wenn ich Glück habe, steht irgendwo in seiner Geschichte: „Wir hatten eine tolle Zeit miteinander.“ nehme ich ihn einfach mit nach Hause.

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, wie er mit der Kälte und der Nässe zurecht kommt, die ihn im Schweizer Herbst erwarten (um den strübsten Teil des Winters kommt er herum; dann ist er – wenn auch vielleicht unter anderem Namen – mit meiner Frau und mir in Australien). Und ich habe auch keine Ahnung, ob ihm die Emmentaler Höger genausogut gefallen werden wie die Dünen von Maspalomas.

Aber ich weiss: Sehr schwerfallen wird ihm die Umstellung nicht.

Er wird in der Schweiz unter Menschen sein, die sich von den Leuten hier nur minim unterscheiden.

“Aus dem Leben eines Playaboys” gab es Folgendes zu berichten:

“Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Ärger am Strand. Und ein Verhör unter Bernern.”

Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”