Weltwunder und Wunderwelten

“In die USA wollt ihr? Ernsthaft?” – So und ähnlich lauteten Kommentare im Freundeskreis, nachdem ich bekanntgegeben hatte, dass wir ab dem 22. September drei Wochen lang in den Vereinigten Staaten unterwegs sein würden.

Vor 12 Monaten hätten unsere Reisepläne noch zu keinerlei Bedenken Anlass gegeben. Aber damals war noch Barack Obama Präsident. Inzwischen hat das Land einen neuen Commander in Chief – und mit ihm ein stetig wachsendes Imageproblem. Einreiseverbote für Einwohner arabischer Staaten, Rassismusvorwürfe, Bestechungsverdächtigungen, tollpatschige Aufritte, ein Ego so gross wie Disneyland undsoweiterundsofort: Trump liess in den ersten Monaten seiner Amtszeit nichts aus, um sich und seine Nation rund um den Globus in Misskredit zu bringen.

An unseren Ferienplänen konnte all das nichts ändern. Schliesslich wollten wir in erster Linie das Land und in ihm lebende Leute kennenlernen und erst in peripherer Priorität deren Chef. Dass Trump uns am Ende doch noch näher kam, als wir je erwartet hätten, war, buchstäblich, auf Gewalt von sehr viel höher zurückzuführen.

“Wir”: Das sind Monique und Josy und mein Schatz und ich. Mit dem Ehepaar aus der Zentralschweiz sind wir seit Jahren befreundet; die beiden kennen den Westen der USA wie ihre – eben: – Westentasche und waren für uns nicht nur, aber auch deshalb die perfekten Begleiter.

Los ging unser Trip in San Francisco. In der einstigen Hippie-Metropole fuhren wir mit dem Cable Car, kurvten wir süüferli die rankreichste Strasse der Welt hinunter und bestaunten wir die Golden Gate Bridge:

Auch den Sea-lebrities im Hafen sagten wir selbstverständlich Hallo:

Dann fuhren wir südwärts. Bei einem Zwischenstopp in Santa Cruz hatten wir das seltene Vergnügen, einem freilebenden Seelöwen beim Verputzen einer Portion Muscheln zuschauen zu dürfen:

In einem Motel in Paso Robles bekamen wir ein erstes von vielen noch folgenden Beispielen dafür geliefert, wie selbst Kleinunternehmen sich mit Warnungen, die an Absurdität kaum zu toppen sind, gegen allfällige Millionen-Schadensersatzklagen abzusichern versuchen:

Am nächsten Tag erreichten wir – gesund und munter – Santa Monica. Besonders beeindruckt hat uns in diesem Rückzugsort für Promis der Pier. Er bildet den Endpunkt der Route 66 und war auch in “Forrest Gump” zu sehen.

24 Stunden später fühlten wir uns in Oceanview ein bisschen wie am Burgdorfer Nachtmarkt:

Dass in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt (und nicht mehr alles glänzt, was einst mit Gold veredelt wurde), war mir klar. Doch dass der Walk of Fame mit seinen über 2500 Star-Sternen dermassen schmuddelig unglamourös wirken würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet.

Dafür wäre mir vor lauter Freude beinahe das Augenwasser gekommen, als wir am Hauptsitz von Capitol Records vorbeikamen und am “Troubadour” (wer da nicht schon alles aufgetreten ist!) und an weiteren Plätzen, an denen unzählige wunderschöne Kapitel der Blues- und Rockgeschichte geschrieben wurden.

Noch am selben Tag liessen wir die Smogglocke von Los Angeles hinter uns. In der Nähe der mexikanischen Grenze, in Escondido, fanden wir Obdach. Dort stiess für ein Nachtessen Moniques Ex-Schwägerin aus dem Grossraum Los Angeles zu uns.

In Sachen “Distanzen” ticken die Amerikaner ähnlich wie die Australier: Eine mehrständige Autofahrt ist für sie sowenig der Rede wert wie für uns ein Ausflug von Burgdorf nach Oberburg.

In der ersten Nacht in Escondido kam es vor unseren Motelzimmertüren zu wüsten Szenen. Original echte Eingeborene lange vor Sonnenaufgang mit voll aufgedrehten Lautsprechern in einem fort “Motherfucker!” brüllen zu hören: Das kann man – mit einem Minimum an gutem Willen – allerdings auch als soziokulturelle Erfahrung verbuchen, die zu machen nicht jedem Temporärbewohner des Home of the brave vergönnt sein dürfte.

Wir geben bei dieser Gelegenheit kurz ab in die Musikredaktion:

Ungleich gesitteter – um nicht zu sagen: beschaulicher – als in Escondido ging es in San Diego zu und her. Auf feinsäuberlich gepützelten Trottoirs flanierten finanziell und auch sonst gut gepolsterte Erwachsene der Pazifikküste entlang, während sich überaus artig aufführende Teenager auf Rollbrettern vergnügten. Die Coolness in….äh…Person war jedoch jener Pfundskerl, der es sich vor der Basis der Kriegsmarine auf einer Boje gemütlich gemacht hatte (und, jede Wette, noch immer daliegt).

Mit einem stundenlangen Rundgang durch den parkähnlichen


Zoo

und einem Bummel durch die westernmässig gestylte Oldtown rundeten wir unser Gastspiel in der zweitgrössten kalifornischen Stadt ab, um durch eine fast unnatürlich schöne Landschaft nach Palm Springs zu cruisen.

Dort verbrachten wir zwei Tage und drei Nächte, rissen dabei aber weder Palmen noch andere Bäume aus. Dolce far niente am Pool war angesagt; und chli Lädele.

In Julian besuchten wir anschliessend Freunde von Monique und Josy, genossen einen wunderschönen Abend in einem ebensolchen Anwesen und erhielten zubester Letzt, nach dem Lichterlöschen im Garten, auch noch Besuch von einer putzigen Waschbärenfamilie.

Nur für den Fall, dass es mal jemand pressant haben sollte und beim Geschäften aller Eile zum Trotz Wert auf Stil legt: In “Granny’s Kitchen”, einem schmucken Beizli im Zentrum von Julian, gibts das pittoreskste Abörtchen zäntume

und dazu (oder amänd besser: danach) ein super Zmorge:

Überhaupt: Am Essen hatten wir in der ganzen Zeit fast nicht das Geringste auszusetzen. Einziger Schwachpunkt war ein velyvely spicy Fondue Chinoise bei einem Allyoucaneatasiaten in San Francisco. Doch in von wohligem Magenknurren begleitetem Gedenken an all die höchstens einmalig brennenden Köstlichkeiten, welche uns in zig anderen Lokalen aufgetischt wurden, haken wir diese kulinarische Grenzerfahrung mit buddhistischem Grossmut als nie gemacht ab.

Von Julian aus zogen wir sozusagen fast im Frühtau zu Berge, an den


Big Bear Lake.

Zurück in der Ebene, legten wir in Needles einen Schlafstopp ein. Was es über Needles zu sagen gibt, ist in einem Diner an der Einfahrt zum Highway notiert, der aus der Stadt hinausführt:

Wenig später standen wir vor etwas vom Gigantischsten, was die Natur je erschaffen hat: Dem Grand Canyon. Mir (oder, wie ich vermute: uns allen) fehlen heute noch die Worte, um zu beschreiben, wie dieses Weltwunder auf uns wirkte.

Ehrfürchtig starrten wir in die Abgründe der Schlucht und an ihre majestätischen Wände und versuchten vergeblich, das Unermessliche zumindest halbwegs ermessen zu können. Nur schon der Gedanke daran, dass dieser Megagigagraben schon Ewigkeiten vor dem ersten Menschen da war und auch noch da sein wird, wenn alles Leben von diesem Planeten verschwunden sein wird, ist zu mächtig, um zu Ende gedacht werden zu können.

Gegen Abend trudelten wir, vom soeben Erlebten immer noch leicht belämmert, in Williams ein. Dieser Ort lebt primär von seinem Anschluss an die legendenumwobene Route 66, hat aber auch musikalisch einiges zu bieten – jedenfalls, wenn John Carpino in town ist:

Und dann…dann waren wir in Las Vegas.

“Caesar’s Palace”, “The Venetian”, “Luxor”, “Treasure Island”, “Planet Hollywood”, “Golden Nugget”…: Ein Casino reiht sich ans nächste. Im Zockerparadies am und um den Strip leuchtets und blinkts und machts ununterbrochen.

Rund um die Uhr herrscht in den Häusern, vor denen The Animals schon vor einem halben Jahrhundert warnten, Hochbetrieb, wobei: Uhren sind in Las Vegas so gut wie keine zu sehen. Wer in Sin City spielt, braucht nicht zu wissen, wie spät es im eigentlichen und im übertragenen Sinn ist.

Als wären sie ferngesteuerte Roboter, schieben zombiebleiche Wesen apathisch Geld in die Schlitze der Maschinen und über die grünen Flächen der Poker- und Blackjacktische. Kurzberockte Damen versorgen sie künstlich lächelnd mit Gratisgetränken. Was dem Römer das Brot und die Spiele waren, sind dem Vegas-Junkie der Gin Tonic und ein Kasten mit den Kiss-Fratzen oder sonst etwas drauf.

Andere gamblen zum Vergnügen. Sie betreten das Casino mit einer bestimmten Summe, und selbst wenn ihr Geld sich auf wundersame Weise vermehrt, hören sie irgendwann auf. Falls sie verlieren, zucken sie mit den Schultern und gehen zu Bett. Von ihren verlebten Mitspielerinnen und -spielern unterscheiden sie sich auch dadurch, dass sie ihre Umwelt wahrnehmen. Sie reden miteinander. Manchmal lachen sie sogar.

Zum Abschluss unserer Westcoast-Tournee besichtigten wir den Red Rock Canyon. Eine halbe Autofahrstunde von der Stadt entfernt erstreckt sich auf über 300 Quadratkilometern eine faszinierende Landschaft aus Kalksteinbergen und versteinerten Dünen, die vor 400 Millionen Jahren aus einem Meeresbett hervorgegangen waren.

Wegen dieses Ausflugs verpassten wir leider, leider den Auftritt von US-Präsident Donald Trump, der sich heute – drei Tage nach dem “Mandalay”-Massaker; vermutlich hatte er vorher noch Dringenderes zu erledigen – nach Las Vegas bemühte, um mit Überlebenden des Massenmordes zu sprechen, den ein gewisser Stephen Paddock am Sonntag verübt hatte. Bei dem Attentat starben mindestens 59 Menschen, über 500 wurden verletzt.

Wir hatten das Gebiet, das Paddock aus dem 33. Stock des Hotels unter Seriefeuer nahm, nur Minuten vor der Schiesserei passiert.

Das wäre, eigentlich, ein guter Grund, um einmal tiefgehend über die Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen, Zufälle im Besonderen und Vorbestimmungen im Speziellen nachzudenken.

Im Wissen darum, dass diese Entscheidung nur von einer vernachlässigbar kleinen Anzahl von Psychologen spontan gutgeheissen würde, habe ich für mich aber beschlossen, die “Mandalay”-Tragödie in einer Welt zu verorten, mit der ich nichts zu tun haben will.

Und die sich weit, weit weg von dem fantastischen Riesenstück Land befindet, das wir mit und dank Monique und Josy nun kennenlernen durften.

In der Stammbeiz

Eigentlich ist es unserer Meite ja überall wohl, wo Menschen sind, oder Tiere (ausser Ziegen, Schweinen und Kühen; die sind ihr irgendwie einfach nicht geheuer).

Ganz besonders heimisch fühlt sie sich aber in der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt.

Das liegt einerseits sicher daran, dass sie in ihrer Stammbeiz von sämtlichen Gästen Streicheleinheiten à Gogo bekommt. Möglicherweise hat das aber auch damit zu tun, dass Nussstängeli, Chips und andere Leckereien verblüffend oft genau dann zu Boden fallen, wenn sie anwesend ist.

Grosseinsatz für kleinen Gast


(
Bild: Schatz)

Seit wann sie schon bei uns hauste, wissen wir nicht. Vielleicht hatte sie sich schon im letzten Herbst in einer versteckten Ecke unserer Wohnung einquartiert, um ihren Winterschlaf zu halten, und ist nun, warum auch immer, vorzeitig erwacht.

Jedenfalls sauste die kleine Fledermaus gestern Morgen auf einmal kreuz und quer und völlig geräuschlos durch unsere Zimmer. Ich öffnete kurz das Fenster, um die ihr die Gelegenheit zu geben, nach draussen zu flüchten, aber der Winzling machte (Kunststück, bei der Kälte!) keinerlei Anstalten, sein fussbodenbeheiztes Daheim zu verlassen.

Als unser Gast am Abend immer noch da war – er hing inzwischen kopfüber an der Decke und ich war mir sicher, ihn friedlich vor sich hinschnärcheln zu hören – begannen mein Schatz und ich, uns Sorgen um sein Wohlergehen zu machen.

Irgendwann, dachten wir, muss so ein Geschöpf ja auch etwas essen, und weil nicht anzunehmen war, dass Tess ihr Futter mit unserer Besucherin teilen würde, wählte ich auf Anraten einer microchiropteraaffinen Freundin kurzentschlossen die Nummer der rund um die Uhr besetzten Hotline von Fledermausschutz Schweiz.

Die diensthabende Expertin riet uns, das Tier süüferli herunterzunehmen, in eine mit weichem Papier ausgelegte Schachtel zu legen und es so schnell wie möglich in die Wildstation Landshut in Utzenstorf zu bringen.

Das war leichter gesagt als getan. Weil die Fledermaus sich mit ihren Krällchen fest in einer Spalte verhakt hatte, bedurfte es dreier Personen, um die Mission erfolgreich zu Ende zu bringen: Unsere Nachbarin Nicole chnübelte das Tier, auf dem Sofa balancierend, aus dem Holz, Chantal hielt sie von unten fest, und ich stand daneben mit der Kartontrucke bereit.

Schliesslich hatten wir die Fledermaus unversehrt in der Schachtel verstaut. Um sicherzugehen, dass das Tier nicht entwischt – es streckte bereits ein Füsschen durch eines der Luftlöcher  – betteten wir es in einen Behälter um, in dem Nicole normalerweise ihre nicht fliegenden Mäuse transportiert. Dann suchten wir für Vladi, wie wir unseren Findling nannten, ein kühles, dunkles Plätzchen zum Übernachten.

Heute Morgen fahren wir mit ihm nach Utzenstorf, um ihn professionellen Pflegern zu übergeben.

Wer weiss: Vielleicht sehen wir ihn schon in einem halben Jahr wieder, wenn er mit seinen Kumpels um unser Haus kreist.

Hackerangriff

Rettung in letzter Sekunde: Auf dem Weg zur Arbeit sah Chantals Cousin Christian gestern, wie zehn Krähen einen auf der Strasse liegenden jungen Lori attackierten. Kurzentschlossen steuerte er auf den Mob zu, worauf die schwarzen Vögel von ihrem Opfer abliessen.

In den letzten 24 Stunden konnte sich der Papagei in einem Käfig auf der Terrasse von Christians Haus von dem Angriff erholen. Er trinkt, frisst, turnt an den Gitterstäben herum und meckert lautstark, wenn man sich ihm nähert.

Für Christian und seine Familie stellt sich damit bald die Frage: Behalten oder freilassen? Einerseits wärs natürlich schon schön, einen solch bunten Prachtskerl immer in der Nähe zu haben.

Andrerseits: Vermutlich hat Versace – so heisst er seit Neustem, und passt damit bestens zu Chanel, dem Hund, und Thommy Hilfiger, der Katze, die an der selben Adresse wohnen – Eltern und Geschwister, die sich auf einem Baum in der Nähe bange fragen, wann der Kleine wohl endlich nach Hause kommt und wie es ihm geht.

Wir fahren morgen zurück in die Stadt – nicht unglücklich darüber, uns elegant um diese Entscheidung drücken zu können.

Nachtrag, vier Tage später: Versace hat seinen Käfig noch nicht verlassen (können). Seine Schwanzfeder sei noch zu kurz, teilt sein Pfleger auf Zeit mit, und ergänzt: “Right now he is just cat food if outside the cage.”

Weiter gehts

Es ist schon seltsam: Zuhause, in Burgdorf, kann ich immer bis 4 Uhr ausschlafen. Hier, in Tasmanien, erwache ich schon um kurz vor halb Drei.

Einmal schreckte ich aus einem Traum hoch, der inhaltlich alles zu Guetnachtgschichtli degradierte, was ich schon an in Blut marinierten und mit menschlichen Innereien garnierten Thrillern gelesen habe, 24 Stunden später drückte die Blase, gestern zankten sich auf einem Baum neben unserer Unterkunft zwei Kookaborras („Lachende Hanse“, wie der Lateiner sagt) in Metallica-Lautstärke, und jetzt sitze ich schon wieder zu dieser doch noch recht frühen Stunde auf der Terrasse vor unseren Häuschen in der Freycinet-Lodge an der Great Oyster Bay, lasse den Wind meine Locken verwuscheln, lausche dem Getier, das für mich unsichtbar durchs Unterholz kreucht und fleucht und den Fröschen, die nebenan quaken, und starre dabei irritiert auf den Kalender, der mir anzeigt, dass schon ein Drittel unserer Ferien Down Under vorbei ist.

Über eine Woche lang haben wir nun auf dieser Insel zwischen Australien und der Antarktis verbracht – und waren jeden Tag aufs Neue begeistert über den Reichtum an Tieren und Pflanzen, die wunderschönen Landschaften, die oft pittoresken, in jedem Fall aber sehr gepflegt wirkenden Örtchen und die ungekünstelte Freundlichkeit der Menschen, die hier leben.

Auch wenn Tasmanien mit seinen endlosen Hügelketten und den sich von irgendwo nach nirgendwo erstreckenden Buschgebieten auf den ersten Blick nicht übertrieben einladend wirken mag: Wer hierherkommt und bereit ist, sich auf dieses spezielle Land und seine selbstbewussten, naturverbundenen und chli knorrigen Bewohnerinnen und Bewohner einzulassen, fühlt sich auf Anhieb wohl und willkommengeheissen.

Wettermässig entsprach das Haben nicht ganz meinem Soll: Eigentlich hatte ich brütendheisse Tage und lauwarme Abende erwartet. Dem war nur bedingt so: Das Klima ähnelt plusminus jenem in einem normalen Schweizer Sommer. Sobald die Sonne weg ist, wirds sogar frisch bis an den Schlotterpunkt. Als wir gestern den East Coast Natureworld-Tierpark besuchten, fiel vom Himmel plötzlich Wasser auf die Tasmanischen Teufel, Kängurus, Strausse, Wombats und menschlichen Anwesenden.

Doch wenn ich mir auf Facebook zwischendurch anschaue, wie es aktuell zuhause aussieht und mir eine Freundin via Whatsapp zähneklappernd mitteilt, in Burgdorf sei es „arschkalt“, mussdarf ich sagen: Es gibt nichts zu klagen.

Morgen früh fahren wir von Coles Bay zurück nach Hobart, um den Flieger zu besteigen, der uns nach Brisbane an der australischen Ostküste bringen wird. Von dort fahren wir den Gästezimmern von Familienmitgliedern entlang in den Süden, wobei: „fahren wir“ trifft es nicht ganz. Am Steuer sitzt mein Schatz, während ich mich ums Musikalische kümmere und mit einem 50 Prozent-Pensum darum, dass unsere geistreichen Konversationen über Gott und die Welt im Allgemeinen und das grosse Ganze im Besonderen nie abreissen. Rock’n’Roll meets Immanuel Kant, während die Skyline von Sydney sich immer klarer am Horizont abzeichnet:

Wenn das nicht fägt – was dann?

Die Meite fühlt sich rudelwohl

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(Bilder: zvg)

Horis Rossfleisch, Nachbarinnen und Nachbarn, das Schloss, Familienmitglieder und Freunde, die Burgdorfer Altstadt, die Wohnung, die Emme und so weiter, und so fort: Es gibt, wie Drafi Deutscher zusammengezählt hat, nicht nur Millionen von Sternen, sondern auch mindestens ebensoviele Menschen, Orte und Dinge, die man hier, 13 000 Kilometer von zuhause entfernt, vermissen könnte (bevors Klagen im Sinne von „Du willst ja nicht ernsthaft behaupten, dass dir ein Pferdesteak wichtiger ist als ich?!?“ gibt: Die Reihenfolge ist völlig willkürlich), aber das einzige, was uns Down Under wirklich fehlt, ist…

…(anschwellender Trommelwirbel, Stockatmung im Publikum)…

…unser Hund.

Seit über einer Woche haben wir Tess nun nicht mehr gesehen – jedenfalls nicht live -, und es vergeht kein Tag (was sage ich: kaum eine Minute!), ohne, dass wir uns fragen, wie es unserer Meite wohl geht und was sie in diesem Moment ächt so macht.

Sie nach Tasmanien und Australien mitzunehmen, war für uns keine Option: Uns wollten wir den gigantischen Papierkrieg, den der Import eines Tieres mit sich bringen würde, ersparen, und Tess den Aufenthalt in einer Quarantänestation und die dreissigstündige Reise in den Frachträumen von Flugzeugen.

Also schauten wir uns beizeiten nach einem Plätzchen um, an dem wir sie für knapp einen Monat unterbringen können im Wissen darum, dass dort a) rund um die Uhr zu ihr geschaut wird und dass sie b) die Gelegenheit hat, nach Herzenslust mit Artgenossinnen und Artgenossen zu spielen (ich merke gerade: In meinem Unterbewusstsein, das offensichtlich fleissig mittippt, hat das Tschendergehyster schon Spuren hinterlassen; ich verwende neuerdings auch für Tiere die männliche und weibliche Form, um ja niemandem auf die Pfoten zu trampen).

Fündig wurden wir im Hundehort Rudel-Treff von Claudia d’Ignoti in Wynigen. Nach zwei, drei Testaufenthalten und einer Probeübernachtung war für uns klar, dass Tess dort so gut aufgehoben sein würde wie wir in unseren Unterkünften in Tasmanien und Australien.

In ihrem Feriendaheim wars Tess sofort pudel-, bzw. labradorwohl. Minuten, nachdem sie es zum ersten Mal betreten hatte, gehörte es samt dem Mobiliar und dem Aussengehege und der Chefin und allem ihr. Wenn wir sie abends abholten, war sie zufrieden und glücklich und vom Herumtollen total ausgepowert. Für uns stand fest: Wenn wir unser Mädel schon fremdplazieren müssen, dann hier, in diesem alten Haus, an dem auch Rocky Tocky seine helle Freude gehabt hätte (und Pippi Langstrumpf erst recht!).

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Dank des Umstandes, dass Claudia d’Ignoti die Aussenwelt mit schöner Regelmässigkeit via Facebook über das turbulente Treiben in und bei ihrer Pension auf dem Laufenden hält, sind wir dabei, wenn Tess mit ihren Kolleginnen und Kollegen (schon wieder. Ich muss das irgendwie abstellen) spazieren geht, herumblödelt, frisst, schmust und – auch das gibts zwischendurch offenbar – schläft.

Von unserem Bedürfnis, Tess, wenn auch nur virtuell, chli in der Nähe zu haben, profitiert nicht zuletzt die Swisscom. Loggten wir uns anfänglich nur in WLan-Netzen ins Internet ein, gehen wir unseren Gwundernasen folgend inzwischen auch hemmungslos online, wenn im Hintergrund der Gebührenzähler überlaut rattert.

Tess brauchts nicht zu kümmern, wenn wir ihretwegen immer näher an den Rand des Ruins surfen; wir ziehen ihr unsere Auslagen bestimmt nicht vom Futter ab, und falls es finanziell tatsächlich eng werden sollte, könnten wir ja immer noch das Auto verkaufen, unser Hab und Gut versteigern und in eine Sozialwohnung umziehen.

Was uns wirklich umtreibt, ist die Frage, was am Morgen des 26. Dezember passieren wird. Dann möchten wir sie in Wynigen “ga reiche”, wie der Ämmitauer sagt (und die Ämmitauerin auch, aber das habe ich jetzt extra nicht geschrieben; ich mache Fortschritte). Nur: Vielleicht hat sie sich bis dann dermassen an ihr Paradiesli gewöhnt, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden mag, ins Leben B zurückzutrotten.

Unsere Befürchtungen kommen nicht von ungefähr. Wer schon mit Tess zu tun gehabt hat, weiss: Wenn sie etwas will – oder, eben: nicht will -, kann sie sehr, sehr stur sein.

Zeitstillstand

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Freycinet Lodge: So lautet unsere Adresse in Tasmanien, seit wir Hobart vor drei Tagen verlassen haben.

“Freycinet” klingt ähnlich wie “Freixenet”, doch unser Hotel hat mit dem Wein nichts zu tun. Der Name “Freycinet” stammt der Legende zufolge von einem Schweizer Missionar namens Joseph “Sepp” Frey, der diesen Teil der Insel in der Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckte. Weil er die Eingeborenen – anders als viele seiner Berufskollegen – überaus nett behandelte, nannten sie ihn irgendwann “Freycinet”.

Was es mit dem “ci” zwischen “Frey” und “net” auf sich hat, ist unklar. Genau genommen, weiss ich sowieso nicht, ob die Geschichte stimmt. Sie ist mir soeben eingefallen, aber irgendwie, finde ich, klingt sie mindestens ebenso einleuchtend wie jene, mit der Stephen King, der grosse Horrorautor, einst begründete, wieso alle Menschen ein Grübchen zwischen der Oberlippe und der Nase haben. Seiner Ansicht nach verfügen ungeborene Kinder über das komplette Wissen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Doch kurz, bevor sie zur Welt kommen, besucht sie ein Engel. Er sagt leise “pssst” – und drückt ihnen dabei ganz, ganz sanft einen Zeigefinger auf den Mund. Das Wissen verschwindet – das Grübchen bleibt.

Bleiben tun auch mein Schatz und ich an diesem paradiesischen Ort, und zwar sehr gerne, und noch bis Samstag. “Time stands still and your cares will wash away from the moment you arrive”, schreiben die Chefs des Hotels auf ihrer Website, und ehrlich gesagt: Sie übertreiben damit kein bisschen.

24 Stunden am Tag und auch am Abend geniessen die Gäste einen atemberaubenden Blick auf die Great Oyster Bay an der tasmanischen Ostküste. Gleichmütig und sanft plätschern die Wellen an das mal steinige und mal sandige Ufer. Vom Meer her weht ein laues Lüftchen, in den Sträuchern und Bäumen zwitschern Vögel, und wer mitten in der Nacht erwacht und aus dem Bett steigt, um auf der Terrasse seines holzverkleideten Einzimmerhäuschens auf den Morgen zu warten, hört ununterbrochen kleine Tiere durch das Gestrüpp wieseln.

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(Bild: Schatz)

Etwas abseits der Anlage, an einer Brätlistelle in einem Wäldchen, beobachteten mein Schatz und ich gestern Abend zwei Opossums, die mit grossem Eifer nach Essensresten suchen. Kurz zuvor hatten wir in der Nähe des Strandes ein Wallaby gesehen. Nachdem es uns eine Weile lang neugierig beäugt hatte, hoppelte es davon. Das kleine Känguru lief uns noch zwei, drei Mal über den Weg (oder umgekehrt), dann verschwand es im Dunkel der Nacht.

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Heute gings mit uns steil obsi: Nach einem knapp einstündigen Marsch durch die Hazard Mountains im Freycinet Nationalpark genossen wir um die Mittagszeit herum die einzigartige Aussicht auf die Wineglass Bay. Inzwischen sind wir wieder zurück in der Lodge – aber nicht für lange: Sobald die Sonne im Meer versunken ist, gehen wir nachschauen, was unsere neuen Freunde im Busch so treiben.

Bei den Piraten

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(Bild: Schatz)

Wir schlenderten planlos durch den Hafen von Hobart, als wir sie auf einmal ganz hinten an einem Pier entdeckten: Die „Ocean Warrior“, das nigelnagelneue Patrouillenschiff der Sea Sheperds.

Mit armdicken Seilen festgezurrt, lag sie wie ein gefesselter Riese regungslos auf dem Wasser. An Deck informierten drei Mitglieder der Umweltschutzorganisation Touristen über die schwimmende Festung im Allgemeinen und die Sea Sheperds im Besonderen. An Land, nur wenige Meter von dem grauen Stahlmonster entfernt, verkauften zwei Walwächter Kapuzenpullis, Regenjacken, Mützen und andere Merchandising-Artikel, und ganz vorne, also: dort, wo jeder vorbeikam, der die „Warrior“ einmal aus der Nähe betrachten wollte, stand ein weiteres Mitglied, das sich seine Sporen in dieser Vereinigung erst noch dadurch abverdienen musste, dass es die Passanten um Spenden bat.

Die junge Frau mit dem leicht verklärten Blick ging dabei ähnlich übermotiviert ans Werk wie die professionellen Schnorrer von der Corris, die Woche für Woche an Schweizer Bahnhöfen und vor Einkaufzentren herumlungern und versuchen, die Leute zum Unterschreiben eines Dauerauftrages zu überreden.

Trotzdem war ich nahe dran, der Frau eine Fünfzigernote zuzustecken. Denn einerseits ist es alles andere als selbstverständlich (geworden), sich ehrenamtlich für Tiere einzusetzen. Andrerseits gehöre ich zu der wachsenden Schar von Fans, die die Aktivitäten der modernen Piraten am Fernsehen mitverfolgen.

Der Sender „Animal Planet“ dokumentiert ihre Einsätze in der Serie „Whale Wars“, und deshalb weiss ich: Wenn die Sea Sheperds im Südpolarmeer versuchen, die Japaner am Walfang zu hindern, läufts rund.

Dann rasen hochgetunte Schlauchboote über meterhohe Wellen, fliegen mit Buttersäure gefüllte Flaschen auf die Planken der Harpunenschiffe, versuchen waghalsige Männer, endlos lange Leinen unter metertief im Wasser liegende Kiele zu ziehen in der Hoffnung darauf, dass sie sich in den Schiffsschrauben verheddern, zirkeln dünnwandige Hightech-Maschinen durch Packeisfelder und versuchen zu allem entschlossene Waljäger, sich ihre ebenfalls vor nichts zurückschreckenden Verfolger mit hochpotenten Wasserwerfern, scharfgeschliffenen Enterhaken und ohrenbetäubendem Sirenengeheule vom Leibe zu halten.

Abgesehen davon bin ich seit Kurzem mit Fiona McGuaig von der Sea Sheperd Conservation Society bekannt, wobei das nicht allzuviel heissen muss: Aus einer Laune heraus schickte ich ihr via Facebook eine Freundschaftsanfrage, die sie genauso akzeptierte wie die vorherigen 4615 Anfragen von ihr grösstenteils wildfremden Menschen.

Doch dann ging ich an der Sammlerin vorbei, ohne ihr Geld zu geben, und wünschte ihr einfach so a nice day und good luck bei der Operation „Nemesis“, zu der die „Ocean Warrior“ in wenigen Stunden aufbrechen sollte.

Irgendwie empfand ich den Rummel, den die Sheperds in ihrem Heimathafen um sich und ihren – je nach Standpunkt – charismatischen oder kriminellen Anführer Paul Watson veranstalteten, als störend. Weiter fragte ich mich, ob meine Fünfzigernote eine Institution, die sich regelmässig so grosse Schiffe kaufen kann und die ihren eigenen Angaben zufolge Jahresumsätze in Millionenhöhe erzielt, bei ihrer Arbeit tatsächlich entscheidend weiterbringen würde.

Auf die Idee, dass es sehr viele Fünfzigernoten braucht, um Kähne wie die “Ocean Warrior” anzuschaffen und den Betrieb auch logisistisch und personell über Wasser halten zu können, kam ich erst später, als ich wieder im Hotel und der nächste Wal womöglich schon am Verenden war.

Deshalb, to whom it may concern: The money’s on the way.