Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Vergebliches Hoffen aufs Happy End

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Feige, fies, verlogen, hinterhältig, herzzerreissend und himmeltraurig: Das Freilichttheater Moosegg bietet in seiner neusten Inszenierung “Galgenbühl” alles andere als leicht verdauliche Kost.

Vor der prächtigen Naturkulisse hoch über dem Emmental erzählen Regisseur Peter Leu und sein Ensemble eine Geschichte aus der Zeit der Schweizer Reisläufer, die vor genau 500 Jahren als Söldner für den Herzog von Mailand in die Schlacht von Marignano zogen, um ihre finanziellen Nöte zu beheben und ihre Abenteuerlust zu befriedigen.

Mit Blick auf jene Leserinnen und Leser, die das Stück noch nicht gesehen haben, wäre es zweifellos ein bisschen unfair, zu verraten, dass Agnes (Alessandra Sommer) und Peter (Yanick Etter) als verzweifeltes Liebespaar am Ende zumindest im Tode vereint sind und dass der skrupellose Oberschurke Frank Schwander (Roland Zwygart) trotz oder gerade wegen seiner abgrundtiefen Durchtriebenheit von der Justiz unbehelligt bleibt.

Aber das Leben ist hin und wieder nun einmal unfair, und genau davon erzählt “Galgenbühl”, und das ist der Grund dafür, dass es während dieser Aufführung so gut wie nichts zu lachen, dafür aber jede Menge zum Nachdenken gibt.

Zwei Stunden lang wird auf dem Hoger gelogen, erpresst und gemordet, und während die Dinge zwischen der gfürchigen Hinrichtungsstätte im Wald und dem idyllischen Teich auf der Wiese ihren tragischen Lauf nehmen, wird dem Gast auf der Tribüne von Minute zu Minute mehr bewusst, dass er hier wohl vergeblich auf ein Happy End hofft.

Der Schlussapplaus setzt – für Moosegg-Verhältnisse – ungewohnt zaghaft ein und wirkt etwas verhalten. Die glänzend disponierten Schauspielerinnen und Schauspieler tragen das Ihre zur allgemeinen Beklemmung bei, indem sie sich dem Publikum nach dem letzten “Vorhang” nicht lächelnd und strahlend, sondern mit jenen ernsten Mienen präsentieren, die sie schon zuvor ununterbrochen aufgesetzt gehabt hatten.

In der hinteren Zuschauerreihe murmelt ein Mann, für “diesem Sauhund” (gemeint ist Roland Zwygart als Schwander) schlage er “ganz sicher” nicht die Hände zusammen; “so einer” gehöre nicht beklatscht, sondern aufgehängt.

Für jene Theaterfreundinnen und -freunde, die Fiktion und Realität besser auseinanderhalten können und die, vor allem, “Unterhaltung” nicht zwangsläufig mit “Schenkelklopfhumor” gleichsetzen, ist “Galgenbühl” jedoch ein perfekt temperiertes Wechselbad der Gefühle. Um es geniessen zu können, braucht es nur die Bereitschaft, sich offenen Geistes auf Unerwartetes, Unübliches und Unschönes einzulassen.

Zu den Aufführungsdaten und Tickets gehts hier entlang.

Ciao amico

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16. Juli 2014: Dieter Diego Eichenberger, einer meiner zwei engsten Freunde aus Kinder- und Teenagertagen, und ich sehen uns nach 32 Jahren wieder. Im Garten seines Hauses im Tessin versprechen wir uns, bis zum nächsten Treffen nicht noch einmal soviel Zeit verstreichen zu lassen.

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13. November 2014: Katja Eichenberger teilt den Freundinnen und Freunden ihres Mannes auf Facebook mit, dass Diego verstorben sei.

Schön ist – in den Abschiedsworten von vielen Menschen, die ihn auf seinem Weg begleiten durften, dominieren nicht Bestürzung und Trauer, sondern Dankbarkeit und Hoffnung:

“La tua mancanza ci addolora tanto, ma sono sicuro che adesso tu ti trovi in un posto migliore.”

“Mit Musik im Herzen denke ich an Dich lieber Diego.”

“I danke dir für die Zit wo i dich han dörfa kennalerna. Gueti Reis Diego.”

“Du wirst immer in meinen Gedanken sein. Viel haben wir zusammen erlebt und du warst ein guter Mensch.”

“Ma ricordo bene la tua gentilezza d’animo… buon viaggio Diego.”

“La conoscenza e la certezza di fede sono motivo di gioia quando una persona ci lascia, ma io comunque sento il peso di questo distacco ti mando un abbraccio amico mio e fratello di blues riposa in pace nello sconfinato.”

“Abbiamo lavorato insieme a Casa Moscia …era un bel tempo con te in cucina riccordo bene la tua salsa alle serate del spaghettibufett. Ciao Diego …. sei arrivato.”

“Te ne sei andato troppo presto. Mancherai alle nostre Jam e alle serate!!! Ora riposa in pace.”

“Una bella persona se ne va.”

“Ciao Diego … Sei tornato a Casa.”

“Resterà sempre il Diego che conosciamo.”

“E’ stato molto bello conoscerti!! Mi mancherai tanto!!!”

Diego seinerseits hat mir vor drei Wochen zum 49. Geburtstag geschrieben: “Noch ein Jahr – dann sind wir beide volljährig!”

Abschied von Pesche

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Zwei Senioren sitzen in einer Burgdorfer Beiz. Sie plaudern über die Fussball-WM und das Wetter. Auf einmal packt der eine den anderen am Unterarm. Er senkt die Stimme und sagt:

“Heute Morgen war ich bei Pesche in der Insel.”

“Aha…”

“Ja. Bist du auch schon…?”

“Nein.”

“Sieht schlecht aus. Ganz schlecht. Man kennt ihn kaum noch.”

“Warum?”

“Er ist so dünn geworden. Ganz gelb im Gesicht.”

“Hat er dich erkannt?”

“Keine Ahnung. Glaube schon. Zwischendurch jedenfalls. Er hat überall so Schläuche.”

“Hast du mit ihm geredet?”

“Habs probiert. Glaube aber nicht, dass viel angekommen ist.”

(Beide schweigen.)

“Er sieht wirklich schlecht aus. Er tut mir so leid.”

“Mir auch.”

“Aber sie schauen gut zu ihm. Dreimal kam eine Schwester herein, als ich da war.”

“Was hat sie gemacht?”

“Nichts. Sie kam einfach vorbei.”

“Hast du sie gefragt, wie lange…?”

(Schüttelt stumm den Kopf). Sie hätte sowieso nichts gesagt.”

“Man musst fast hoffen, dass es bald fertig ist.”

“Das darf man ja kaum sagen. (Pause). Dieser Pesche. Heieiei. Traurig. Vor einem Jahr waren wir noch am Eidgenössischen.”

“Aber er war schon da nicht mehr zwäg. Ich glaube, er hat schon gewusst, dass es absi gaht, und uns einfach nichts gesagt.”

(Beide schweigen.)

“Gehst du auch noch?”

“Vielleicht. Weiss nicht. Ich…in Spitälern wirds mir immer so gschmuuch.”

“Machs doch. Irgendwie freut er sich sicher.”

“Ja, schon.”

“Ich bin froh, bin ich gegangen. Mir hats gwohlet.”

“Gwohlet?”

“Ja, richtig gwohlet. Ich weiss noch, als Pöilu ging. Den habe ich nicht mehr gesehen vorher. Hatte nach der Abdankung wochenlang ein schlechtes Gewissen.”

“Das musst du bei Pesche jetzt nicht haben.”

“Nein.”

“War Heidi auch da?”

“Nein.”

“Und Maja?”

“Nein.”

“Demfall: Niemand.”

“Ausser mir? Nein.”

“Ist schon bitter, so niemand, am Schluss.”

“Das wird bei uns vielleicht nicht anders sein.”

“Wer weiss.”

“Er sieht wirklich ganz, ganz schlecht aus.”

“Ja.”

“Also: Machs guet.”

“Du auch.”

Immer dieses verdammte Gehyster

Wenn ich schon nicht schreiben darf, will ich auch nicht lesen: Nach diesem Motto lebte ich in den letzten zwei Monaten in fast totaler medialer Enthaltsamkeit. Das einzige, was ich mir an Lektüre gönnte, waren die Krimis, die ich als Mitglied der Krimitage-Jury bewerten durfte. Alle paar Tage warf ich einen oberflächlichen Blick ins Facebook. Zeitungen und Online-Portale konsultierte ich so gut wie nie.

Dass während meines Zölibats eine Schockwelle nach der anderen unbemerkt an mir vorbeigerast war, merkte ich folglich erst mit Verspätung:

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Von all den Dramen, die ich verpasst hatte, nicht zu schreiben:

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Fast ein bisschen wehmütig erinnerte ich mich an die glorreiche Zeit vor zweieinhalb Jahrzehnten, als wir uns jeweils – statt im Büro unerspriessliche Planungssitzungen abzuhalten – gegen Mittag in eine nahe Beiz zurückzogen, um bei zwei, drei oder vier Bier zu beratschlagen, womit wir die Seiten bis am Abend füllen könnten.

In der Regel fiel uns etwas halbwegs Gescheites ein; wenn doch nicht, gabs halt eine üppig bebilderte Reportage aus der Badi oder ein episch langes Interview mit einem Fussballtrainer oder eine Umfrage zu einem Allerweltsthema. Irgendetwas war jedenfalls immer, und daran, dass sich je ein Leser oder eine Leserin darüber beschwert hätte, dass das Gebotene zu wenig schockierend oder zu undramatisch gewesen sei, kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Aber gut: Damals gabs noch kein Internet und damit auch keine Newsflashes und Liveticker. Wir konnten die Sachen damals ungleich gemächlicher angehen, als wir das heute zu tun gezwungen sind, wenn wir von der Online-Konkurrenz nicht auf Nimmerwiederlesen abgehängt werden wollen.

Denn Journalismus heute geht oft so: Sobald irgendwo irgendetwas passiert ist, hackt der diensthabende Redaktor oder der im Unterhalt wesentlich günstigere Praktikant einen Text ins System. Fünf Minuten später steht die Nachricht – unabhängig von ihrer Richtig- und Wichtigkeit – als “Eilmeldung” zuoberst auf dem Onlineportal des Magazins/Blattes/Heftlis.

Andere Journalisten sehen den Artikel, schreiben ihn chli um (oder, samt allen Fehlern, auch nur ab) und speisen sie in ihre eigenen Kanäle ein.

Bei dem Medium, das die Nachricht zuerst gebracht hat, sind gleichzeitich schon Heerscharen von Reportern, Rechercheuren, Dokumentalisten und Rewritern damit beschäftigt, den Primeur zu veredeln: Sie ergänzen ihn mit Zusatzinformationen, forumlieren ihn neu und spitzen seinen Titel solange zu, bis er, wenn auch nicht mehr zur Geschichte, so doch ins redaktionelle Konzept passt.

Auf diese Weise wird aus Angela Merkels Hinfaller in der Loipe binnen höchstens einer Stunde ein Nahtoderlebnis für die deutsche Bundeskanzlerin. Die Berichte darüber werden millionenfach angeklickt, weil “Schock” darüber steht, oder mindestens “Drama”.

So läuft das mit erstaunlicher Regelmässigkeit nicht nur bei Prominenten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport, sondern auch bei Normalsterblichen von nebenan. Wenn ein Hund ein Kind in die Wade kneift: “Bestie zerfetzt Baby-Bein!”. Wenn auf einem Parkplatz zwei Autos zusammenputschen: “Horror-Crash!” Wenn der Dorfbach über die Ufer tritt: “Jahrhundert-Flut!”

Dazu kommen, mindestens einmal pro Jahr, eine

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und/oder ein

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Allerlei Experten orakeln auf Zuruf, dass die Menschheit innert weniger Monate dahingerafft sein werde, falls nicht ein Wunder geschehe, und eine hundertprozentige Sicherheit gebe es sowieso nicht, aber wir wollen und können uns jetzt nicht mit Details aufhalten, denn nur zweihundert Kilometer weiter südlich wird schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben, und das nicht zum erstenmal, doch weil sie zuverlässig Aufmerksamkeit und damit Klicks und damit Werbeeinnahmen garantiert, zeigen wir jetzt:

DAS BILD, auf dem der ehemalige deutsche Bundespräsident gleich seine von ihm inwischen getrennt lebende Frau küsst

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und liefern dazu grad noch eine grosse Geschichte, weil: Extrem wichtig.

(Wer darüberhinaus auch noch wissen will, wie die historisch unsagbar wertvolle Aufnahme entstanden ist: Hier gehts lang zum Making-of.)

Mir geht diese vor allem von deutschen, österreichischen und britischen, aber auch von Schweizer Kollegen geschürte Endlos-Hysterie um nichts und wieder nichts mehr und mehr auf die Nerven.

Wenn selbst ich als Medienmensch zunehmend Mühe damit bekunde, in der gigantischen Masse der “Dringend!-“, “Eilt!”- und “Exklusiv!”-Meldungen die überflüssige Spreu vom lesenswerten Weizen zu trennen – wie unendlich viel schwerer muss es dann gewöhnlichen Leserinnen und Lesern fallen, Journalismus von Schrott zu unterscheiden?

Als ich noch klein war, trichterten mir meine Eltern ein, niemals im Spass um Hilfe zu rufen, wenn ich im See bade. Denn wer immer Alarm schlage, ohne wirklich in Not zu sein, dürfe nicht damit rechnen, dass ihn im Ernstfall jemand retten komme. Die Leute am Ufer würden sich sagen, auch das sei bestimmt nur ein Scherz und tatenlos sitzenbleiben.

Wenn ich so betrachte, aus welchen Nichtigkeiten manche Medienschaffende in ihrem rund um die Uhr ausgetragenen Kampf um Aufmerksamkeit ständig Notfälle basteln, kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Geschrei noch irgendjemand ernst nimmt.

Andrerseits: Die grossen Internet-Portale wachsen und wachsen. Laut einer Erhebung des Statistik-Portals statista.de sind die meistbesuchten Online-Seiten jene von Bild, Spiegel und Focus. So unterschiedlich deren Zielgruppen zum Teil auch sein mögen – eines haben sie gemeinsam: Schocks und Dramen spielen bei ihnen eine sehr grosse Rolle.

Wie sieht das bei Ihnen aus, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs? Schätzen Sie den Stoff, der ihnen via Internet frei Haus geliefert wird, oder lassen Sie ihn achtlos liegen? Gehen Sie bei der Online-Lektüre gezielt vor, oder lesen Sie, was immer Ihnen vorgesetzt wird?

Ihre Meinung interessiert mich! Schreiben Sie unten in die Kommentare, wie Sie Medien online konsumieren. Und/oder, was sie ändern würden, wenn Sie der Chef oder die Chefin eines grossen, internetten Medienhauses wären.

Der alte Mann am Ende der Zeit

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(Bild: Markus Wehner, Biglen)

“BäseToggeliTod – oder die wo im Gletscher singe”: Der Schauspieler Peter Leu erzählt in seiner kulturfabrikbigla die Geschichte(n) des Dieners Robert, der ein halbes Jahrhundert lang in einem noblen Hotel gearbeitet hat.

Am Ende steht der alte Mann neben einem Besenwesen. Es sieht ein bisschen aus wie ein Mensch. Der Senior hat die gespenstisch anmutende Figur in den letzten 75 Minuten nach und nach geschaffen.

Den “Kopf” des Bäsetoggelis bedeckt ein Tuch; in seinem “Gesicht” steckt ein Rüebli aus Kunststoff und ein Gebiss. Es trägt einen ausgeleierten BH – und in der rechten “Hand” jene Sense, die in den letzten 75 Minuten immer eindringlicher an die Türe der Kammer gepocht hat, in der der Mann mit einem Koffer voller Erinnerungen, einem antiken Radio und einem zehnjährigen Kalender an der Wand haust.

Als es dann dunkel wird in der kulturfabrikbigla in Biglen, wissen die Zuschauer: Jetzt ist es für Robert endgültig vorbei mit dem Kofferschleppen für die Ladies, Gentlemen “und manchmal auch Könige”, die in diesem Luxushotel beim Rhônegletscher ein- und ausgegangen waren. Nie mehr muss Robert die sonore Stimme des Hoteldirektors hören, der lispelnd die strengen Hausregeln verliest.

Erloschen sind die bittersüssen Gedanken an die junge Frau, die ihm in jungen Jahren gezeigt hat, was ein “kleiner Tod” ist. Und die sein Herz brach, kaum, dass es richtig aufgegangen war.

Betreten sitzen die Gäste am Schluss in der Finsternis vor der Bühne. Es dauert ein Weilchen, bis die Beklemmung der Freude darüber weicht, soeben Zeuge einer grossartigen Aufführung gewesen sein zu dürfen.

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Ein Jahr ist es her, seit der Schauspieler, Regisseur und Kulturveranstalter Peter Leu, der Betreiber der kulturfabrikbigla, seinem ebenso gschaffigen wie schlitzohrigen Hilfsbüezer und Tookmaschter Aschi Rüegsegger eine “Stärnstund” gegönnt hat.

Mit dem von Markus Michel verfassten “BäseToggeliTod – oder die wo im Gletscher singe” (Musik: Barbara Jost; Regie: Pierre Kocher; Bilder auf der Bühne: Hannes Zaugg-Graf) setzt Leu den Zuschauerinnen und Zuschauern ungleich schwerere Kost vor. Zu Schmunzeln und Lachen gibt es diesmal nur Weniges, auch wenn Robert die tragischen Spitzen oft mit seiner feinen Ironie bricht. Dafür gibt es eine Menge zum Nachdenken. Und zum Fürchten, weil Robert mehr oder weniger ausgeprägt in jedem Menschen steckt.

Alt zu werden, lehrt uns der gebrechliche Hausbursche, ist auch dann kein Vergnügen, wenn man einen grossen Teil seines Lebens in vermeintlich bester Gesellschaft verbracht hat.

Während Robert – sich quälend oft wiederholend, immer wieder tief in die Vergangenheit abtauchend und den Faden verlierend – vor sich hinsinniert, beleuchtet er einerseits die Geschichte der Seiler-Dynastie, die das wirtschaftliche und politische Leben im Wallis einst mitgeprägt hatte. Gleichzeitig drehen sich seine Reminiszenzen um das grösste Familiengrundstück der Schweiz, den Rhônegletscher, und die ganze touristische Infrastruktur, die um ihn herum enstanden ist.

Den an der Türe wartenden Tod ignoriert er, so lange es geht. Und “lange” ist für ihn, in der Einsamkeit seines Zimmers, zu einem relativen Begriff geworden. Die Zeit, sagt er, spiele für ihn keine Rolle mehr.

Irgendwann läuft sie aber auch für ihn ab. Als ob es sich um den Koffer eines Hotelgastes handeln würde, trägt Robert die Sense zu sich ins Zimmer. Er poliert das Symbol des Todes beinahe zärtlich – wie sich das für einen tüchtigen Diener gehört.

(In einem Interview mit der Berner Kulturagenda spricht Peter Leu über das Stück und die Herausforderungen, die es an ihn als Schauspieler stellt).

Weitere Aufführungen:

– Sonntag, 27. Januar, 17 Uhr,
– Mittwoch, 30. Januar, 20.15 Uhr,
– Donnerstag, 31. Januar, 20.15 Uhr,
– Samstag, 2. Februar, 20.15 Uhr
– Sonntag, 3. Februar, 17 Uhr,
– Mittwoch, 6. Februar, 20.15 Uhr,
– Donnerstag, 7. Februar, 20.15 Uhr und
– Samstag, 9. Februar, 20.15 Uhr

Vorverkauf: www.ticketeria.org (oder unter Telefon 0900 10 11 12, Fr. 1.19/Min.)

Sterbensinteressant

Internet?

Gammelfleisch?

Politik?

Nein. Als Schwerpunkt für seine Pfingst-Ausgabe hat “Der Spiegel” in diesem Jahr ein Thema gewählt, das alle betrifft: Das Sterben.

Unter dem Titel “Ein gutes Ende” versucht das Hamburger Nachrichtenmagazin, “Wege zu einem würdevollen Sterben” aufzuzeigen.

“Gut” und “Ende” (von allem): Was wie ein Widerspruch in sich klingt, geht in diesem Fall tatsächlich auf: Laura Höflinger, Anna Kistner und Manfred Dworschak, die für die Geschichte verantwortlichen Autoren, tun das auf so einfühlsame, aber nie übergspürige Art und Weise, dass man die Lektüre auch – und vor allem – jedem und jeder empfehlen kann, in dem der Gedanke, dereinst endgültig zu verschwinden, bestenfalls beklemmende Gefühle auslöst.

Hemmungen vor einer Auseinandersetzung mit dem für die meisten sehr unangenehmen und entsprechend gerne verdrängten Thema bauen die Journalisten gleich zu Beginn ab. “Sterben ist die grösstmögliche Grausamkeit”, stellen sie fest, und begeben sich damit auf Augenhöhe mit vermutlich 99,9 Prozent ihrer Leserinnen und Leser. Aber statt in der Kundschaft weiter Ängste zu schüren, nehmen Höflinger, Kistner und Dworschak sie an der Hand und führen sie sachte hinein in ein emotional total vermintes Gelände, in dem es kaum Gewissheiten gibt, sondern fast nur Prophezeiungen und Fantasien.

Erfreulicherweise beliessen die “Spiegel“-Autoren es nicht dabei, mit Ärzten und Pflegerinnen über die eher theoretischen Aspekte des Sterbens zu reden. Sie gingen zu Menschen, die vor Kurzem einen geliebten Mitmenschen verloren haben oder die sich damit abfinden mussten (und müssen), liebe Mitmenschen bald für immer zurückzulassen. Sie gingen, um kurz in die Fussballersprache zu wechseln, “dahin, wo es weh tut”.

Und kehrten von dort mit Erkenntnissen zurück, die einfach nur gut tun.

Eine Seniorin, deren Mann neulich verstorben ist, sagt zum Beispiel, sie habe “keine Angst“ vor dem Sterben. Vielmehr freue sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Michael. Davon, dass sie und ihr Liebster dieses Wiedersehen in nicht allzuferner Zeit werden feiern können, ist die Frau überzeugt. Schliesslich wisse er ja, was er zu tun habe: Jedesmal, wenn sie vor dem Einschlafen mit dem Bild ihres Gatten auf dem Nachttischchen spreche, sage sie zu ihm: „Vati, hol mich bald zu dir.“ Deshalb – weil sie wisse, wohin es gehe – werde sie die letzte Reise “mit einem Lächeln auf den Lippen“ antreten.

Die demente Frau im Heim für Schwerstpflegebedürftige, die in all dem Dunkel, das sie umgibt, immer wieder Licht sieht und sich trotz allem ein bisschen Lebensfreude bewahrt hat; oder die junge Frau, die keinen Sinn darin sieht, mit einer unheilbaren und tödlich verlaufenden Nervenkrankheit zu hadern und die stattdessen Kraft aus Aufmerksamkeiten schöpft, die für andere Leute kaum mehr wahrgenommene Selbstverständlichkeiten sind: Sie stehen als mutmachende und hoffnungenspendende Beispiele dafür, wie “man” dem Ende entgegengehen kann, ohne die verbleibende Zeit panisch mit einem sowieso sinnlosen Kampf gegen das Schicksal (oder den natürlichen Lauf der Dinge. Oder was auch immer.) zu vergeuden.

Ganz besonders berührend ist die Passage über den krebskranken Buben. Er blickte dem Tod mit einer Gelassenheit ins Gesicht, über die die meisten Erwachsenen wohl nur fassungs- und verständnislos und demütig staunen können. Im Laufe der Jahre hatte der junge Patient eine Beziehung zu einem Drachen aufgebaut, den er in einem Buch kennengelernt hatte. Das Fabelwesen begleitete den Buben durch sein gesamtes Leiden. Doch Angst? Nicht die Spur: “Wenn ich sterbe, holt mich mein roter Drache”, habe der Bub gewusst. Als er schliesslich im Sterben gelegen sei, habe die Krankenschwester gesagt: “Ich mache mal das Fenster auf. Der Drache klebt schon am Fenster.“

Wenig später sei der Bub gegangen.

Die Familie des Jungen hatte den Drachen in ihr Leben integriert. Die Mutter vertraute dem “Spiegel” an, dass sie ein paar Tage nach dem Tod ihres Sohnes einen Brief an den Drachen geschrieben habe. Sie habe ihm erzählt, wie ihr Bub am Schluss noch einmal tief atmete, seufzte – und wie es danach “nur noch Ruhe und Frieden” gegeben habe. “Und die Gewissheit, dass es gut so war.“

Zehn Seiten umfasst die sehr, sehr lesenswerte Geschichte über das Sterben und den Tod. Ich glaube nicht, dass auch nur eine Zeile dieser Reportage mit dem Hintergedanken verfasst wurde, “jetzt machen wir mal wieder Auflage mit einem grossen Tabu-Thema!“. Vielmehr ging es den Autoren erkennbar darum, die Menschen dazu zu ermuntern, sich vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben ernsthaft, aber unverkrampft, mit dem Tod – auch mit ihrem eigenen – zu beschäftigen.

“Mit Sprechen und Planen”, haben die Autorinnen und der Autor bei ihren Recherchen erfahren, “kriegt man die Angst weg”. Das wiederum sei Voraussetzung dafür, sich im Gespräch mit anderen oder in persönliche Gedanken versunken unaufgeregt mit dem Ende zu befassen. “Wer darüber redet, beginnt, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen”, heisst es in dem Text. Und: “Wer fragt und zuhört, erfährt, dass er entgegen aller Erwartung vieles selbst bestimmen kann auf dem Weg zu seinem Ende.“

Wie einfach das geht; wie spielerisch der Umgang mit dem Tod sein kann, zeigt Millionen von Leserinnen und Lesern ein kleiner Bub mit seinem roten Drachen.

Tote verkaufen sich besser

So sah die iTunes-Hitparade heute Morgen früh aus…

…und so eine Stunde vor Mittag, nachdem die Meldung von Whitney Houstons Tod um die Welt gegangen war:

Gegen Abend dominierte die Verblichene die Charts fast wie zu ihrer Hoch-Zeit in den 80er Jahren.

Tags darauf gabs dann überhaupt kein Halten mehr:

(Eine interessante Hintergrundgeschichte zum Thema “Geschäfte mit Toten” liefert aus aktuellem Anlass Spiegel online.)