Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

First World Problems

So ruft “unser” Hotel seine Kundschaft zum Wassersparen auf:

Es wäre ja wirklich zu schade, wenn all die Springbrunnen und Wasserfälle in dieser Wüstenstadt auf einmal versiegen würden, nur, weil ihre Besucherinnen und Besucher es nicht schaffen, ein Badetuch zweimal zu benutzen.

Als Gäste, die wissen, was sich gehört, und denen vor allem bewusst ist, dass wir die Welt, in der wir leben, nur von unseren Nachkommen geliehen bekommen haben undsoweiterundsofort, taten wir, wie gebeten, und hängten die Tücher nach dem Abtrocknen wieder auf.

Unser Room Cleaning Assistant wechselte sie trotzdem gegen neue aus.

Freundliches Völkchen

Christiansfeld, Nyborg, Stockholm: Seit vier Tagen reisen wir durch Dänemark. Wir sahen pittoreske Dörfer, wunderschöne Landschaften und die liebevoll herausgeputzte Hauptstadt mit ihrem kunterbunten Hauptbahnhof (siehe Bild oben).

Doch was uns bisher mindestens ebenso beeindruckte, war die Gastfreundschaft der Einheimischen: So viele nette Menschen habe ich in so kurzer Zeit glaub noch nirgendwo getroffen (ausser in Australien, aber das ist, irgendwie, etwas anderes).

Im Moment sitze ich an der Bar neben der Rezeption des Mercure Hotels im Zentrum von Kopenhagen. Es ist vier Uhr am Morgen. Die Empfangsdame erledigt in einem kleinen Büro nebenan Papierkram.

Ausser uns beiden ist niemand da. Ich hätte gerne einen Kaffee, aber das Restaurant ist noch geschlossen und die Maschine an der Bar leer. Als die Mitarbeiterin den Kopf aus ihren Kabäuschen streckt, frage ich sie, ob es wohl möglich sei, einen…

…ich kann den Satz nicht beenden, als sie schon fragt, ob sie die Kafimaschine anwerfen soll. Ihr sei auch gerade nach einer Tasse schwarzen Gebräus, und wenn sie schon für sich eine zubereite, könne sie mir ja auch gleich eine servieren. Bis die Maschine laufe, dauere es allerdings eine Viertelstunde, fügt sie fast entschuldigend an. Dann macht sie sich ans Werk. Zehn Minuten später steht das Kafi vor mir.

Während ich daran nippe, frage ich mich, ob ein Tourist in einem Schweizer Hotel mit seinem Anliegen um diese Uhrzeit wohl ähnlich viel Glück hätte.

Ähnliche Überlegungen schossen mir schon in Nyborg durch den Kopf, als eine Campingbetreiberin uns ohne Umstände erlaubte, uns in einem Bungalow einzuquartieren, obwohl der Platz noch geschlossen war. Oder gestern, als ein Verkäufer an einem Hot Dog-Stand unserer Meite nicht nur eine Wurst anbot, sondern das Fleisch auch noch in hundeschnauzekompatible Portionen zerstückelte. Darüberhinaus spendierte er der vom vielen Laufen ermatteten Tess eine Flasche Mineralwasser.

Zwei Stunden später erkundigte sich der Kellner in einem bis auf den letzten Platz besetzten Lokal in der Innenstadt, ob The Dog vielleicht den Knochen eines T Bone-Steaks haben möchte. Kaum hatten wir freudig überrascht bejaht, eilte der Mann in die Küche. Wenig später stand er wieder vor uns. T Bone-Knochen seien gerade keine vorrätig, teilte er uns mit, und offerierte The Dog stattdessen einen Napf voller Lammreste.

“We are red, we are white – we are Danish dynamite!”: Mit diesem Schlachtruf zog die Dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 in die Europameisterschaft, zu der sie kürzestfristig als Ersatz für die wegen des Krieges in ihrer Heimat verhinderten Kicker aus Jugoslawien aufgeboten worden war. Einige Dänen reisten direkt aus ihren Ferien an die EM.

In der Nacht des 26. Juni sorgten Peter Schmeichel, Henrik Larsen, Kim Christofte, Flemming Povlsen, Brian Laudrup und ihre Freunde im Göteborger Ullevi-Stadion für eine der grössten Sensationen der Sportgeschichte: Im Finale besiegten sie den amtierenden Weltmeister Deutschland mit 2:0.

Schon damals nahm die Welt Kenntnis von einem Völkchen, das Ernsthaftigkeit und Pflichbewusstsein scheinbar mühelos mit Lebensfreude und Offenheit zu paaren versteht. Der Chlapf, mit dem dieses sympathische Gemisch damals explodierte, hallt noch heute nach.

Stick am Kopf


(Bild: Christoph Hunziker)

Mein alter(?) Schulfreund Christoph Hunziker reist in diesen Wochen rund um die Welt. Dabei sieht er nicht nur ein Naturwunder nach dem anderen und trifft er flotte Leute am Laufmeter – ihm fällt auch immer wieder auf, wie versessen die Touristinnen und Touristen darauf sind, Fotos von sich selber zu schiessen, wobei es völlig egal ist, vor welchem Hintergrund sie gerade stehen.

Nun hat er seiner Verwunderung Verärgerung darüber auf Facebook Luft verschafft. Und sich Gedanken darüber gemacht, wie wir in vermutlich nicht allzuferner Zukunft aussehen. Er geht davon aus, dass die Menschen bald mit einem Selfie-Stick auf dem Kopf geboren werden, wie er in seinem letzten Beitrag aus Brisbane schreibt:

“One thing that I noticed throughout my entire trip is the permanent ‘Selfie Menia’. This has become such a disease that taking ‘normal’ pictures of beautiful landscape can be quite challening as the view is permanently obstructed by narzistic human beings posing for selfies. Don’t these peoole know how they look like?? Sometimes I get the feeling that the beautiful scenery of the places they are visiting is totally irrelevant for them. My best guess is that the evolution of the human species will bring some sort of a built-in selfie stick on top of the head. Some sort of forward facing unique horn with a built in camera.”

Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne

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Eigentlich hatte ich die Liveberichterstattung aus Playa del Inglés bereits abgeschlossen. Doch dann entdeckte ich unter dem Text “Bilder stehen Kopf” den Kommentar einer gewissen “Frieda, die flotte Bohne”.

Im Sinne eines tiptoppen Leserinnen- und Leserservices möchte ich mich dazu noch kurz äussern, auch wenn ich keine “Frieda, die flotte Bohne” kenne, oder, genauer gesagt, überhaupt keine Frieda, ausser “der Rothaarigen” von Abba, aber die heisst Annifrid, mit Anni vorne und ohne e hinten, und zählt folglich nicht, und deshalb checkte ich vorhin routinemässig die IP-Adresse der Absenderin, um zu sehen, ob sich dahinter amänd jemand versteckt, den oder die ich tatsächlich kenne und der oder die mir warum auch immer unter einem Pseudonym zu schreiben beliebt, aber nada: da war nichts, woraus ich hätte schliessen müssen, dass öpper als Frieda getarnt auftritt, was wiederum nur bedeuten kann, dass Frieda Frieda heisst, auch wenn sie amtliche Formulare und so im richtigen Leben möglicherweise nicht mit “die flotte Bohne” unterschreibt, sondern mit Hürzeler oder Meier oder Steffen oder was weiss ich (und in diesem Moment fällt mir ein: ich kenne doch eine Frieda, Frieda Steffen nämlich, aus meinen seligen Zeiten beim Wynentaler Blatt. Sie war damals mitverantwortlich für das Schöftler Blättli in Nachbartal, aber ich kann mir beim besten und auch beim schlechtesten Willen nicht vorstellen, dass diese Frieda sich den Beinamen “die flotte Bohne” zulegen würde).

Itemitem. Frieda, die flotte Bohne, schreibt:

“Hallo, blueser (sic!)!!

Mit grossem Interesse und Freude lese ich jeden Tag deine Reportagen ‘von der Insel’. Ich muss immer lachen, wenn ich sehe, was du in Gran Canaria erlebt hast. Gestatte mir eine Frage. Ist das wirklich passiert, oder erfindest du manchmal etwas? Ich mache nie Ferien an ‘solchen Orten’. Geht es dort wirklich so zu und her? Das wäre nichts für mich! Ich freue mich auf viele weitere Texte und wäre dir dankbar für eine Antwort.”

Nun denn: Ich hoffe, dass du mir es nicht allzusehr verübelst, wenn ich deine Fanpost coram publico ausbreite. Falls dus mir wider Erwarten krumm nehmen solltest: sorrysorry, ich konnte ja nicht ahnen, dass, aber jetzt ist es halt schon passiert, und überhaupt (ich sage nur: öffentliches Interesse!).

Deine Fragen beantworte ich in aller gebotenen Knappheit (der Flieger wartet schon bald und ich muss vor der Heimreise morgen Abend noch packen) wie folgt:

Ja (von anderthalb Ausnahmen abgesehen: den Jass mit Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter hats nie gegeben, aber wenn es ihn gegeben hätte, wäre er tupfgenauso abgelaufen wie geschildert. Wenn dus nicht glaubt, kannst du gerne Hofstetter, Hofstetter, Hofstetter oder Hofstetter fragen), und die Konzertkritik bewegte sich zugegebenermassen am Rande des journalistischen Reinheitsgebotes; nein (wieso auch? Es passieren hier jeden Tag zehn Millionen Sachen – und zwar durchaus nicht nur lustige -, die zu notieren sich lohnen würde, aber wenn ich das alles aufschreiben möchte, käme ich zu nichts anderem mehr und könnte ich den Stacheldraht, den ich unmittelbar nach meiner Ankunft süüferli um meine Liege am Strand gewickelt habe, ebensogut wieder abmontieren); ja.

Um Tourismushochburgen wie Playa del Inglés machst du scheints einen weiten Bogen. Das kann ich verstehen, nur: bei Frauen, die sich “Frieda, die flotte Bohne” nennen, handelt es in der Regel nicht um Huschis, die bei allem, was auch nur entfernt nach Spass riecht, “Jessesgott!” kreischen. Sie neigen vielmehr dazu, sich die Haare mit Wasserstoffperoxyd zu färben, lauschen, wenn niemand ume ist, Robbie Williams und Herbert Grönemeyer in Endlosschleife und nötigen ihre Enkelin, die für sie längst zur besten Freundin geworden ist, mit ans Gnadenlose grenzender Hartnäckigkeit zu gemeinsamen Discobesuchen, obwohl das Grosskind jedesmal, wenn sie dann miteinander auf der Tanzfläche herumhopsen, meckert, es sei für heute Abend für eine Gangbangparty gebucht gewesen, aber was mache man nicht alles, wenn s Grosi rufe und zahle, wenn auch deutlich weniger, als der Partyveranstalter locker gemacht hätte. IST ES NICHT SO?

Wenn du mich zusätzlich zu allem anderen auch noch gefragt hättest, wieso zum Teufel ich eigentlich Jahr für Jahr einmal nach Grosskanarien fliege, wenn ich dann doch nur einen schönen Teil meiner Zeit damit zubringe(n müsse), mich über meine Mitmenschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu wundern, wäre mir die Antwort sehr leicht gefallen: weils fägt.

Hier dürfen die Leute zwei, drei Wochen lang sein, wie sie zuhause gerne wären, und sie dabei zu beobachten, wie sie leben, was sie unter “Leben” verstehen: das ist besser, als sich rund um die Uhr gescripteten Realityschrott auf RTL II reinzuziehen.

Beispiel 1: Vor meinem Hotelzimmer beginnt sich jeden Abend um punkt 18 Uhr eine Schlange zu bilden (siehe Bild oben). Erst besteht sie aus vier oder fünf Personen. In den nächsten Minuten kommen immer mehr Leute hinzu, und um ziemlich genau 18.15 Uhr hat sie mit 60 bis 70 Gliedern ihre volle Länge erreicht. Die Menschen in dieser Schlange verhalten sich exakt wie ein Grüppli Liftbenutzer: sie starren zu Boden, suchen den Himmel nach Flugzeugen ab, noschen in ihren Handtaschen und wischen auf ihren iPhones herum. Kurz: sie tun alles, um sich ja nicht mit den Damen und Herren unterhalten zu müssen, die direkt neben, hinter und vor ihnen stehen, und wenn die Türflügel zum Speisesaal um 18.30 Uhr endlich aufschwingen, strömen sie ins Schlaraffenland, als ob es kein Morgen (und vor allem nicht genug Auswahl am Buffet!) geben würde, dabei wurde jedem und jeder von ihnen schon beim Buchen der Reise und beim Einchecken ins Hotel und beim Zimmerbezug garantiert, dass sie beim Znacht einen festen Sitzplatz haben und, ja: zu Essen sei mehr als nur reichlich vorhanden.

Beispiel 2: der FKK-Strand zwischen Playa del Inglés und Maspalomas. Dort treffen sich Tag für Tag Tausende von Zeitgenossinnen und -genossen, die ihre Körper offenkundig als eine Art Gottesgeschenk an die Menschheit betrachten. Wer mehr oder weniger zufällig an ihnen vorbeibummelt, mag sich bei ihrem Anblick fragen, wo die Walretter von Greenpeace seien, wenn man sie mal brauche, aber das ist den im ästhetisch besten Fall wie tot daliegenden und im worst case Federball spielenden Naturisten von Herzen egal. Sie schleifen ungeniert ihre Brüste durch die Dünen und lassen sich stundenlang ihre Schnäbi (oder Schnäbis?) sandstrahlen, doch wenn ihnen ein Nachbar in Salzburg, Bonn oder Luzern vorschlagen würde, sie sollen sich einmal zehn Minuten lang füdliblutt auf den Balkon stellen: “Gehts eigentlich noch?!? Ich bin doch nicht pervers!”

Nein, liebe Frieda, die flotte Bohne: pervers ist hier sozusagen fast niemand, aber spiessig sind sie samt und sonders, durch und durch, mich inbegriffen, mit ihrem sie alle verbindenden Wunsch, in Playa del Inglés ein paar Tage zu erleben, in denen theoretisch alles Mögliche passieren könnte (“alles Mögliche” im Sinne von “eine Platte Meeresfrüchte verputzen”), sich praktisch aber überhaupt nichts Besonderes ereignet, weil letztlich auch auf Gran Canaria alles so sein sollte wie zuhause (Pizza, Bier und nonstop Bundesliga am Riesengrossbildfernseher), nur mit mehr Sonne und Wärme und weniger Verpflichtungen und Textilien und, vor allem, keinen Menschen um einen herum, die einen in Salzburg, Luzern oder Bonn manchmal chli nerven, weil sie immer nur Pizza essen, Bier trinken und Bundesliga gucken.

Buenas Morgen

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Twee Bier: Dos cerveza

Zwei Bier: Dos cerveza

Two beer: Dos cerveza

Zwöi Bier: Dos cerveza

Kaksi olutta: Dos cerveza

Két sör: Dos cerveza

Два пива: Dos cerveza

Für den reisenden Holländer, Deutschen, Briten, Schweizer, Finnen, Ungarn oder Russen kann es, sollte man meinen, kein unüberwältigbares Problem sein, sich vor dem Abflug darüber schlau zu machen, wie seine Grundnahrungsmittel in jenem Land heissen, in das er gleich fliegt.

Aber oha.

In den Beizen und Bars in Playa del Inglés ordern die Gäste Getränke und Speisen immer öfter in ihrer eigenen Sprache. Und Gnade Dios dem Kellner, der “Ich nehm dann mal die grosse Fleischplatte, aber ohne Gemüse, dafür mit extra Pommes drauf und Majo statt Ketchup” nicht auf Anhieb versteht und das Essen mit Ketchup serviert: er und sein Arbeitgeber werden für den un-ver-zeih-lichen Fauxpas in einschlägigen Internetforen geteert und gefedert, bevor der Tisch abgeräumt ist.

Die hiesigen Lohnbezüger im Tourismussektor sind deshalb dazu übergegangen, ihrer Kundschaft auch sprachlich so weit entgegenzukommen, dass Missverständnisse praktisch ausgeschlossen sind (wobei: “Ein Restrisiko besteht immer” und “Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht”, wie die Experten immer sagen, wenn sie von Medienschaffenden drei Minuten nach einem Flugzeugabsturz, einer Atomkraftwerkexplosion oder einer Fuchsbandwurminfektion nach den Gründen für die Katastrophe befragt werden).

Das führt mitunter zu grotesken Dialogen: Als ich vorhin durchs Hotelrestaurant schlenderte, um mir eine Kanne Kaffee zum Bloggen draussen zu besorgen, kam ich an zwei Kellnerinnen und einem Kellner vorbei. Ich begrüsste sie freundlich mit “Buenos dias!”; sie antworteten ebenso freundlich mit “Guten Tag!” In der Küche bat ich den Chef der Service um eine “grande taza de café”. Als er sie mir aushändigte, bedankte ich mich mit einem “Gracias”, was er mit einem akzentfrei vorgetragenen “Bitteschön!” quittierte.

Mittags in den Restaurants und Abends an den Tresen ist mit irritierender Regelmässigkeit dasselbe zu beobachten. “Möchten Sie noch Wein?”, “Ist alles in Ordnung?”, “Wie lange bleiben Sie hier?”, “Waren Sie schon am Strand?”, “Wir schliessen um halb Zwölf”, “Paella gibts leider nur ab zwei Personen” – aber nicht auf Spanisch, sondern auf Holländisch, Deutsch, Finnisch, Ungarisch, Russisch oder was auch immer gerade gefragt ist.

Auf den schönen Gedanken, dass es unter ihren Millionen von Besucherinnen und Besuchern auch welche geben könnte, die sich nicht nur für das billigste Strandtüechli, die günstigen Souvenirs oder den preiswertesten All Inclusive-Swingerclub interessieren, sondern auch und nicht zuletzt für ihre Sprache, scheinen die Menschen hier gar nicht mehr zu kommen (oder kommen zu dürfen).

Stattdessen gilt: Anpassung um jeden Preis – und wenns um jenen der eigenen Würde ist.

Ein Gehen und Kommen

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Um Punkt 4 Uhr schellte bei Nachbars der Wecker, um 4.15 dudelten die ersten Takte von Bachs Toccata aus ihrem Handy, und fünf Minuten später beganns nebenan zu rumpeln und poltern, und wenns einmal nicht rumpelte und polterte, hörte ich die Frau immer wieder rufen, „Nee, so!“ oder „Lass ma!!“ oder „Das macha ma späta!!!“, und als ich schon dachte, potz, die sind aber noch fit für ihre plusminus 80 Jahre, schlug er vor, den einen Koffer schonmal auf den Gang zu stellen, und in dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Fischen: die Sachsen haben heute ihren Letzten.

Gutmensch, der ich bin, anerbot ich den beiden, ihr Gepäck in die Rezession zu tragen, aber nichts da: mit einem an Deutlichkeit wenig zu wünschen übriglassenden „Lass ma!“ machte sie sämtliche Hoffnungen ihres Herrn Gemahl auf einen entspannten Auszug aus dem Hotel zunichte.

Mit zwei Plasticsäckli (sie) und zwei Hartschalenkoffern in den Händen und einer Handtasche um den Hals (er) machten sich die zwei auf den Weg in die Lobby. Dort angekommen, stellte sie sich noch kurz auf die Waage (momoll: in der Hotellobby steht eine Waage!), während er sich am Tresen um die Auscheckmodalitäten kümmerte.

Draussen wartete laufenden Motores der Car, und als die beiden eingestiegen waren und ein Plätzli gefunden hatten, winkte er mir offensichtlich unfrohen Mutes kurz zu und dann fuhr der Bus los und im Musikzimmer meines Hinterkopfes schnallte Chris Rea sich die Gitarre um und sang “This ist the road to hell.“

Weil ich das Lied unbedingt zu Ende hören wollte und gerade ein Eggeli freier Zeit hatte, blieb ich noch ein Weilchen im Empfangsraum sitzen und beobachtete, wie Dutzende und Aberdutzende von Menschen, mit denen ich – Achtung: es wird jetzt kurz pathetisch, aber wirklich nur kurz – soeben noch unter einem Dach geschlafen und dieselbe Luft geatmet hatte, aus meinem Bewusstsein verschwanden; oder auch nur aus meinem Unterbewusstsein. Ich habe mit ihnen kein Wort gewechselt und würde jetzt, drei Stunden später, niemanden wiedererkennen, wenn die Polizei mir ein Bild von ihm oder ihr vorlegen würde.

Bei einigen fragte ich mich allerdings, was in der Heimat wohl auf sie wartet; oder wer (wenn überhaupt). Bei anderen stellte ich mir vor, wie sie fernab der Unbeschwertheit, die sie auf dieser Insel in den letzten Wochen geniessen durften, leben. Die alleinerziehende Mutter: wie lange hat sie für den Aufenthalt hier gespart? Das Ehepaar mit seinen drei Kindern: ist die Welt, in die sie zurückkehren, auch nur annähernd so heil, wie sie in Playa del Inglés für kurze Zeit war (oder einfach sein musste)? Der alte Mann an den Krücken: konnte er hier finden, wonach er nach dem Tod seiner Frau zu suchen begonnen hatte?

Gegen 10 Uhr war das Hotel schliesslich geräumt, und jetzt sitze ich mutterseelenalleine mit einem Dutzend anderen Gästen, die erst nächste Woche heimkehren, an der Poolbar, lausche zum grob geschätzt 1,428millionsten Mal „Killing me softly“ und schaue den Neuankömmlingen beim Ankommen zu.

Das erste Grüppli sitzt schon erwartungsvoll an einem grossen Tisch unter einem noch grösseren Palmenblätterdach, wo ihm der obligate Begrüssungsapero kredenzt wird. Eine zweite Horde ellböglet beim Eingang um die besten Plätze beim Verteilen der Zimmerschlüssel, und alle paar Minuten landet in Las Palmas wieder ein Flugzeug voller Träume.

Nicht zum Aaluege

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Sonntag, 27. Juli: Auf der Terrasse des Landgasthofs Lueg sind zur Mittagszeit nur wenige Tische besetzt. Das erstaunt, denn das auf knapp 900 Metern über Meer gelegene Restaurant geniesst nicht nur in kulinarischer Hinsicht einen sehr guten Ruf. Auch auf Wanderer, Velo- und Töffahrer oder Bustouristen wirkt es wegen der einzigartigen Aussicht seit jeher wie ein Magnet.

Doch nun sind die Betreiber des Gasthofs offensichtlich zum Schluss gekommen, dass in diesem wunderschönen Naherholungsgebiet noch etwas fehlt, worauf sie mitten auf die grüne Wiese die “Lueg-Arena” (siehe Bild oben) stellten und damit einen “Ort” schufen, “der einlädt, Traditionen wie eine Viehschau zu pflegen”, wie die Erbauer auf ihrer Website erläutern.

Damit hat endlich auch die in kultureller Hinsicht schwer darbende Emmentaler Bevölkerung die Gelegenheit, Ländlerabende, Volksheater oder zeitgenössisches Liedgut live zu geniessen.

Mit dem Blick über die Landschaft ist es von der Gartenbeiz aus allerdings weitgehend vorbei. Die Openair-Gaschtig scheint das künstlerisch-sportliche Engagement und die dazu nötigen infrastrukturiellen Neuerungen nur bedingt zu würdigen:

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