Ohne Worte, ämu fast

Die Beatles verewigten sie in “A day in the life”, Deep Purple führten darin ihr “Concerto for Group and Orchestra” urauf, Pink Floyd bekamen Hausverbot, weil sie in dem 1871 eingeweihten Bau echte Kanonen abfeuerten, Cream traten dort ein letztes Mal auf, Eric Clapton verkaufte sie über 200 Mal aus, Al Green war ebenso da wie B.B. King und Bob Dylan und Joe Bonamassa und Phil Collins und Mark Knopfler undsoweiterundsofort; wer die Bilder in den rund um die Arena führenden Fluren betrachtet, erstarrt beinahe vor Ehrfurcht, und jetzt spielten Toto zur Feier ihres 40-jährigen Bandjubiläums in der Royal Albert Hall in London, und mein Schatz und ich waren dabei, und auch wenn der Begriff “Once in a lifetime-experience” für manche vielleicht chli gar übertrieben klingen mag: Für Chantal und mich wars eine, und für die Musiker hörbar auch, und für die anderen 9000 Fans ebenfalls, und ehrlich gesagt, weiss ich jetzt – ich bin immer noch halb in Africa und versuche, the line zur Realität zu holden – gar nicht so recht, wie ich beschreiben soll, was ich an diesem Abend des 1. April 2018 über zwei Stunden lang dachte und, vor allem, fühlte; es hat keinen Sinn, nach Worten für etwas zu suchen, wofür es keine Worte gibt (Will Lavin hat sich auf jow.co.uk in dieser Hinsicht mehr Mühe gegeben, aber irgendwie ist auch er gescheitert, wobei: Mit “The night had it all” traf ers nicht schlecht).

Doch nicht “forever”

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Es war einer jener Abende, den all jene, die ihn erleben dürfen, als “magisch” bezeichnen, bevor er zu Ende ist: Im Basler St. Jakobsstadion spielten am 16. Juli 1983 Joe Cocker, Chris de Burgh und Supertramp, und alles wäre perfekt gewesen, wenn man nicht gewusst hätte, dass Letztere sich gerade auf ihrer Abschiedstournee befinden und man “The Logical Song”, “Breakfast in America”, “Fool’s Ouverture”, “Dreamer”, “Bloody well right”, “Crime of the Century” und was die Herren um Roger Hodgson und Rick Davies noch an musikalischen Perlen aus den Ärmeln geschüttelt hatten, nie mehr live zu hören bekommen würde.

Nur: “Abschiedstournee” war schon immer ein dehnbarer Begriff (Tina Turner kann auch zu diesem Thema einen ganzen Strauss Lieder singen). 14 Jahre später waren Supertramp wieder da, wenn auch ohne Roger Hodgson, der sich längst sehr erfolgreich selbstständig gemacht hatte, aber das machte fast gar nichts: In der “Arena” von Genf zelebrierte die Truppe eine Pop-Rock-Messe der Sonderklasse. Dass sie den Gig gleich mit “School”, einem ihrer Überhits, lancierten, zeigte: an Selbstvertrauen fehlt es den Briten nach wie vor nicht. Als die Lichter in der Halle wieder angingen, dachte ich: das wars jetzt endgültig. Supertramp siehst du nie mehr.

Aber oha: Am 25. Oktober 2010 feierten Rick Davies – das nach Hodgsons Ausstieg letzte verbliebene Gründungsmitglied -, und John A. Helliwell, der den Supertramp-Sound mit seinem Saxofon jahrzehntelang mitgeprägt hatte, mit sieben Mitstreitern den 40. Geburtstag der Band auch im Zürcher Hallenstadion. “Die Formation zog zwei Stunden lang alle Register, um das Publikum zu begeistern”, notierte der “Tagesanzeiger”, und fügte an: “Sollte sich das Konzert als allerletzter Auftritt in der Schweiz herausstellen, war es ein würdiger Abschied.”

Fünf Jahre später, am nächsten Mittwoch, wollten Supertramp erneut in Zürich gastieren. Doch daraus wird nichts: Wie ihr Management mitteilt, mussten sie die komplette Europatournee absagen, weil Rick Davis an Knochenmarkkrebs erkrankt ist und sich “einer aggressiven Behandlung” unterziehen muss.

Die tragische Ironie der Geschichte: Die Tour stand unter dem Motto “Forever Supertramp”.

Er ist so frei

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Der Abend beginnt mit etwas Nigelnagelneuem (“Broken Bones“, 2015)) und endet mit etwas Steinaltem (“Going home“, 1983), und natürlich gibts zwischendurch ausreichend Gelegenheiten, um in Erinnerungen zu schwelgen. Das ist in erster Linie den “Sultans of Swing” zu verdanken, und “Romeo and Juliet”, und als der “Speedway at Nazareth” kurz vor Schluss in die “Telegraph Road” mündet, die direkt in die Schützengräben führt, in denen “So far away” die “Brothers in arms” kauern, ist es fast so wie früher, aber eben: nur fast.

Ganz so wie früher wirds ohnehin nie mehr werden, wenn Mark Knopfler mit Guy Fletcher, Richard Bennett, Jim Cox, Mike McGoldrick, John McCusker, Glenn Worf und Ian Thomas um die Welt reist. Die Zeiten, in denen seine Konzerte wie Live-Darbietungen von Greatest-Hits-Sammlungen der Dire Straits klangen; jener vokuhilafrisierten und dauergewellten Softrockertruppe, die 1977, in der Hochblüte des Punk, aus dem Nichts riesengross wurde und in den folgenden 20 Jahren rund 120 Millionen Platten verkaufte – sie sind vorbei.

Die einen freuts, die andern reuts: Wenn Mark Knopfler heute seine “Private Investigations” anstellt, geht es ihm nicht mehr darum, weiteres “Money for nothing” zu scheffeln. Für den 65-Jährigen zählt nur noch, mit der Gitarre in der Hand und seinen Jungs um sich herum sein eigenes Glück zu finden. “Glück” wiederum definiert der gebürtige Schotte längst nicht mehr über Zuschauerzahlen, Journalistenlob oder Chartsplatzierungen.

“Das Wichtigste ist für mich, dass ich mich noch begeistern kann. Wenn ich zur Probe komme und die Instrumente sehe, die dort darauf warten, dass sie sich jemand greift und losspielt – dann ist das immer wieder aufregend, stimulierend”, sagte Knopfler drei Wochen vor dem Gig in Zürich in einem sehr lesenswerten Interview mit dem Tagesanzeiger.

Anders als in seinem ersten Leben als Superstar sehe er sich inzwischen als “Fährtenleser, der versucht, die Spuren der Zeit zu erfassen”, denn “in meinem Alter erhält man eine andere Sicht auf die Zeit und das Leben”.

Ihm auf dieser Spurensuche im von vorne bis hinten durchgestuhlten, keimfreien, irgendwie kalten und für derlei Abenteuer folglich nur mässig geeigneten Hallenstadion zu folgen, bereitet dem einen und anderen Zuschauer, der mit dem Namen “Mark Knopfler” immer noch

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verbindet, etwelche Mühen. Der Applaus wirkt oft eher höflich als enthusiastisch, wobei: der Phase, in der es en vogue war, seiner Begeisterung mit frenetischem Kreischen, rhythmischem Stampfen und dem Inrichtungbühnewerfen von Unterwäsche Ausdruck zu verleihen, sind die allermeisten der Anwesenden schon entwachsen, als in Berlin noch die Mauer stand.

Statt die Post mit allerlei synthetischen Hilfsmitteln abgehen zu lassen, verschickt Knopfler heute lieber von Hand geschriebene Karten aus Paraguay. Wo im letzten Jahrtausend Melodien waren, die jeder Teenager aus dem Stand nachpfeifen konnte, säuseln heute irische Flöten durch den Raum, und was sich damals wie von selber ins Ohr schlängelte, muss nun erst umständlich durch die Gehirnwindungen kriechen, bis es als das erkannt werden kann, was es ist: grossartige Musik.

Knopfler hat offenkundig nicht vor (und es auch ganz bestimmt nicht mehr nötig), dem Publikum seine Virtuosität ständig aufs Neue zu beweisen. “Am Ende springt meist eh der ganze Saal auf und ab”, sagt er mit der ihm eigenen Lakonie.

Längst erlöst von den wirtschaftlichen Fesseln und kommerziellen Zwängen, die seine Kreativität zu Dire Straits-Zeiten von Album zu Album mehr zu ersticken drohten, geniesst er auch in Zürich die Freiheit, die hohen Erwartungen seiner Getreuen mit unerwarteten Stilbrüchen, überraschenden Tempiwechseln und sperrigen Harmonien ein ums andere Mal unterlaufen zu dürfen ohne befürchten zu müssen, dafür niedergepfiffen zu werden.

Nur zwischendurch schiesst er aus dem Handgelenk zwei, drei Töne oder ein paar Akkorde wie Laserstrahlen in das mit den Lichtlein von zig Handykameras gesprenkelte Dunkel vor ihm ab. Es muss ihm grosses Vergnügen bereiten, zu wissen, dass in diesen Momenten zehntausend Menschen mit der Luftgitarre im Anschlag auf sehr viel mehr warten…und ihnen stattdessen “nur” das zu geben, was er will: etwas mit Panflöten zum Beispiel, oder einen Kontrabasslauf, oder eine Zithereinlage.

Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. Vor dessen innerem Auge blühen sattgrüne Landschaften, in dessen Nase sticht der Geruch von feuchtem Moos, und irgendwo, in der Ferne, hört er stahlgraue Wellen mit derselben Gleichmütigkeit an schroffe Kalksteinwände schlagen, mit der Mark Knopfler sich und sein Publikum zwei Stunden lang rundumentschleunigt.

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Die Geschichte wiederholt sich

So war das damals, als Abba vom 27. Februar bis am 13. März 1977 Australien besuchten: Der ganze Kontinent stand Kopf.

Und nun, 35 Jahre später, freuen sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes offensichtlich genauso hibbelig auf die nächste Visite eines musikalischen Quartetts aus dem für sie sehr hohen Norden.

Es ist ein bisschen wie mit dem Hasen und dem Igel: Wo auch immer man hinkommt – eine Bäng Gäng-Kappe ist schon da. Sei es in gemütlicher Runde im Garten,

am Strand

oder sonstwo:


(Bild: Schatz)

Die Partyband aus der Schweiz scheint Down Under omnipräsent zu sein. Oder, um eine schöne Zeile aus “Waterloo” zu zitieren: “The history book on the shelf is always repeating itself.”

“Du willst jetzt nicht ernsthaft Abba, die weltweit über 300 Millionen Platten verkauft haben, mit einer Hobbytruppe vergleichen, die…äh…”, wirft eine Stimme im Hinterkopf ein.

“Und ob ich das will!”, schleudere ich ihr entgegen, und zähle aus dem Stand nur die drei wichtigsten Argumente dafür auf, dass Anja Stöckli (Gesang), Gavan Hancock (Gitarre), Stefan Haller (Bass) und Urs Hofstetter (Schlagzeug) Down Under demnächst bald in absehbarer Zukunft irgendwann ein ähnlicher Triumphzug bevorsteht, wie ihn Agneta Fältskog, Annifrid Lyngstad, Benny Andersson und Björn Ulvaeus seinerzeit absolvierten.

1) Bäng Gäng besteht, wie Abba, aus vier Personen.

2) Bäng Gäng arbeiten beim Komponieren, wie Abba, mit zwölf Tönen.

3) Bäng Gäng haben einen Sänger, der aus Australien stammt.

4 (als Zugabe): Für manche Australier sind die Schweiz und Schweden Hans was Heiri.

5 (als letzte Zugabe): Im Gegensatz zu Abba können Bäng Gäng bei der Planung der Operation “Aussie-Storm” persönliche Beziehungen spielen lassen. Der Brüetsch und die Schwägerin des Drummers sind vor Ort fast ununterbrochen damit beschäftigt, die Werbetrommel für “The Argovian Pehenomenon” zu rühren. Und noch bevor die PR-Arbeit im Grossraum Sydney ganz abgeschlossen ist, lässt sich sagen: Australien ist bereit.

So move you asses over here!

“Great to be back in Börgdorf”

Alle Jahre wieder packen die Skinny Machines in London ihre Instrumente und das Nötigste an Kleidern in ihren alten Ford-Kastenwagen, um ihrer wachsenden Fangemeinde auf dem europäischen Festland zu zeigen, welche Fortschritte die Band im Proberaum und auf ihrer Endlos-Tournee durch Pubs und Clubs gemacht hat.

Ihr Hauptquartier schlagen sie jeweils in Burgdorf auf, bei Chrige Roth, der Mutter von Drummer Dan Roth. Von der Emmestadt aus schwärmt der flotte Vierer fast Abend für Abend aus, um Konzertlokale in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Wackeln zu bringen (der aktuelle Fahrplan kann hier heruntergeladen werden).

Auf ihrer jüngsten Stippvisite präsentieren Rikki Glover (Leadgitarre), Eddie Cairns (Bass) und Schlagzeuger Roth nicht nur ihren neuen Sänger und Gitarristen Jim Stapley, sondern auch ihre zweite CD “Wind it up”, die in zwei Wochen erscheint.

Bei einem Augen- und Ohrenschein im Burgdorfer Kulturschopf wird schnell klar, dass die “Skinnies” sich aus der Schublade mit der Aufschrift “A-Ha mit Alternativeinschlägen” befreit haben. Die Skinny Machines 2012: Das ist mehr Druck, mehr Dampf, mehr Wumms oder kurz: “Meh Dräck”.

Handwerklich und harmonisch hat die Band die Lage jederzeit im Griff. Das einzige, was den positiven Eindruck bei ihrer Live-Performance chli trübt, ist die Tatsache, dass sie – zugegebenermassen sehr gekonnt aufgewärmt – immer wieder grosse Hits von anderen serviert.

Natürlich: Gegen das Liedgut von Tom Petty, den Rolling Stones oder den Stereophonics ist nichts einzuwenden.

Doch wer eine so hochkarätige CD wie


Wrong side of the river

im Gepäck hat und dank “Wind it up” seit Kurzem auf noch mehr Material mit Mitreisspotenzial zurückgreifen kann, sollte eigentlich über genügend Vertrauen in sein Können verfügen, um einen Konzertabend lang auf eigenen Füssen zu stehen.

Dies umso mehr, als diese Fähigkeiten von Fachleuten im Geburtsland der Beatles und von zig anderen Göttern im Rock-Olymp ja durchaus erkannt und gewürdigt werden: Der Radiosender Today FM lobt: “…strong 80s influences to the fore, this hook-laden melodic pop rock thunders through a tale of lost love and money – sure to fill airwaves this autumn…”
. Das “Playmusic Magazine” rühmt: “A brilliant example of engaging British songwriting”. Das “Clink Magazine” preist: “Sleek, tight, professional – this band is made for the big stage”

Die Freude über das Wiedersehen mit den geistig längst ins Ämmitau adoptierten Jungs von der Insel ist im Publikum aber zu gross, als dass ein paar musikalische Seitensprünge die Stimmung im Holzschuppen auch nur leicht trüben könnten. Auch wenn sich trotz wiederholter Aufforderungen kaum jemand zum lauten Mitsingen oder ausgelassenen Tanzen hinreissen lässt – das Wohlwollen, das den “Skinny Machines” entgegengebracht wird, ist jederzeit spürbar; auch für die Hauptdarsteller: “It’s great to be back in Börgdorf”, freut sich Sänger Stapley.

Der eine und die andere im Säli fühlt: Irgendwann, in vielleicht nicht allzuferner Zeit, werden die Skinny Machines auf wesentlich grösseren Plakaten angekündigt, als das noch im Herbst 2012 im Emmental der Fall war.

Irgendwann, wenn sie vor einer grossen Halle in einer langen Schlange auf den Einlass zu einem Konzert der Skinny Machines warten, werden sie ihren Kolleginnen und Kollegen dann so beiläufig, wies halt geht, sagen: “Die Skinnies sind früher im Fall öppedie in Burdorf aufgetreten. Ich habe sie oft getroffen. Vor und nach den Konzerten tranken sie mit ihren Fans jeweils ein oder zwei Bierchen. Das war total easy, damals, als sie noch nicht soooo bekannt waren.”

(Weitere Infos zur Band plus verschiedene Bild- und Tonmuster gibt mit einem Klick auf diesen Link).

Auf zu immer neuen Ufern

Da schlagen die Herzen von Freunden intelligenten rockmusikalischen Schaffens gleich ein paar Takte höher: Die “Stranded Heroes” haben ihren Song “Bed of ivory” von ihrem Debütalbum “Metamorphin” als Single ausgekoppelt und verfilmt (siehe oben).

Seit heute steht das Video auf youtube; die Single ist ab morgen erhältlich. Sängerin Anja Bolliger verarbeitet im Text zu “Bed of ivory” die Zeit, die sie nach einer Rückenoperation durchmachen musste. Wie sie der Aargauer Zeitung erzählte, wurde sie nach diesem Eingriff morpiumabhängig. Der Entzug von dem Gift sei “eine sehr schmerzvolle Erfahrung” gewesen, an der sie habe wachsen können, sagte Bolliger.

Falls sich die Hoffnungen der Band aus meiner Heimat erfüllen, ist der nicht nur für Schweizer Verhältnisse sehr professionell produzierte Streifen bald auch auf den einschlägigen TV-Kanälen im In- und Ausland zu sehen. Zu gönnen wärs dem Quartett, das bei seiner Karriereplanung weniger auf Mutter Zufall, denn vielmehr auf Vater Arbeit plus die ihm in die Wiege gelegte Riesenportion Talent setzt.

Nachdem Anja Bolliger, Stefan Voramwald (Gitarre). Mash Lüscher (Bass) und Kusi Hintermann (Schlagzeug) ihre

erste CD

am 11. November letzten Jahres vom Stapel gelassen hatten, peilten die gestrandeten Helden Ufer um Ufer an, um sich und ihr Werk der Öffentlichkeit vorzustellen. Auf ihrem Tourneeplan standen nicht nur kleine, aber feine Openairfestivals in Hünibach, Salavaux, Gränichen oder Menziken, Auftritte am Fête de la musique in Lausanne und im sagenumwobenen Berner Gaskessel, sondern auch …Achtung: Trommelwirbel, der langsam von Pauken und Trompeten abgelöst wird…ein Gig am legendären Jazz-Festival in Montreux.

Mit besonders grossem Interesse wird das Video – hoffentlich! – nicht nur jeder Meinungsmacher in der Musikindustrie begutachten, sondern bestimmt auch jener Obdachlose, der in der Halle, in der der Film gedreht wurde, “wohnt”. Er wusste laut Drummer Kusi Hintermann genauso wenig, dass sein Unterschlupf als Location für ein Rockvideo dient, wie die Band ahnen konnte, dass an ihrem Drehort jemand haust.

Der Mann habe nicht schlecht gestaunt, als er eines Morgens nach Hause kam und seine zig Wände vor lauter Trockeneis kaum mehr wiedererkannte, erzählte der Schlagzeuger nach dem Dreh schmunzelnd.

David’s on the road again

Das sind erfreuliche Nachrichten: David Paich, der Mitbegründer und Keyboarder von Toto, besteigt in seiner Heimatstadt Los Angeles eine Limousine, die ihn zum Flughafen bringt.

Von dort aus gehts weiter nach Europa, zur grossen Sommer-Tournee 2012. Er und seine Band seien “PUMPED!”, schreibt Paich auf seiner Facebook-Seite; er freue sich darauf, to “see you guys real soon.”

Die Freude ist ganz meinerseits. We see you guys am 24. August in Arbon, am See.

Nachtrag 30. Juli: …und da sind sie ja schon (in Lucca, Italien):

Das Programm ihres ersten Konzerts dieses Jahres auf europäischem Boden:

Von Strand zu Strand durchs Land

Aha: Die Sommertournee der Stranded Heroes nimmt Formen an.

Freunde hochklassiger Rockmusik kommen im Bernbiet gleich zweimal auf ihre Kosten: Am 15. Juni spielen die Seetaler im legendären Gaskessel; am 7. Juli injizieren sie ihr “Metamorphin” den Besucherinnen und Besuchern des Cholerock Openair in Hünibach.

Nachtrag: Die “Helden” stürmen auch das ruhmreiche Berner Bierhübeli. Am 29. März spielen sie als Vorband von “The Subways” (GB). Beginn: 20.30 Uhr.

Peter F. und Amy W.

Nur einmal angenommen: Der beliebte und kompetente Sachbearbeiter Peter F. ist jeden Tag angetrunken. Im Betrieb wissen alle über seinen Alkoholkonsum Bescheid. Käme es seinen Kollegen in den Sinn, ihn zu filmen, wenn er lallend mit Kunden telefoniert und schwankend vor dem Aktenschrank steht? Und würden sie den Clip weltweit veröffentlichen?

Eben.

Bei Amy Winehouse ist das etwas anderes.

Wann immer die 28jährige Britin im Geschäft erscheint, wird sie von einer unüberschaubar grossen Horde wildfremder Menschen erwartet, die jede ihrer Bewegungen und jedes ihrer Worte mit Handykameras aufzeichnen.

Nicht alle dieser Leute sind gekommen, um die grossartige Stimme, die sie von “Frank” und “Back to black” her kennen, einmal live zu hören.

Manche interessiert nur eines: Wie besoffen ist Amy Winehouse heute? Schwankt sie nur ein bisschen? Oder fällt sie der Länge nach hin? Nuschelt sie bloss? Oder lallt sie wie ein Junkie in der Bahnhofunterführung? Wenn ja: Gelingt es mir, sie dabei zu filmen? Und den Streifen vor allen anderen, die das Schwanken und Lallen ebenfalls aufgenommen haben, ins Internet zu stellen?

Für Letztere dürfte das Konzert, das die Künstlerin am 18. Juni in Belgrad gab geben wollte, ein ähnlich freudiges Ereignis gewesen sein wie für andere eine Hochzeit an Weihnachten: Die bis unter die Hirnrinde zugedröhnte junge Frau schaffte es kaum, sich auf den Beinen zu halten, traf keinen Ton, würgte Textfragmente ins Mikrophon und raunzte Bandmitglieder an. Der Veranstalter hatte ein Einsehen und liess die umhertorkelnde Sängerin von der Bühne holen.

Vermutlich hatte der Tourarzt seine Patientin noch nicht fertig untersucht, als die Videos des denkwürdigen Auftritts auch schon im Netz kursierten und Zigzehntausendfach angeklickt wurden. In vielen Fernseh-Nachrichen verdrängten die Bilder des Winehouse’schen Absturzes die Atomdebatte, EHEC und die Euro-Krise wie selbstverständlich von den besten Sendeplätzen.

Amy Winehouse – oder jemand, der in ihr mehr als einen bis zum Kollaps melkbaren Goldesel sieht – sagte wenig später sämtliche Konzerte ihrer Sommertournee ab. Das Management teilte mit, die Sängerin wolle sich “im Kreis ihrer Familie fernab von der Öffentlichkeit ihren Gesundheitsproblemen (…) widmen”.

“Fernab von der Öffentlichkeit”? Amy Winehouse?
Aber gewiss doch.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was mit Peter F. eher früher als später passiert, falls er sein Problem nicht in den Griff bekommt: Der Chef stellt ihn auf die Strasse. Dann kann F. sich in ein bodenloses Loch fallen lassen – oder abgeschottet von Druck und Stress eine Therapie machen, seine persönlichen Knoten lösen und später woanders von vorne anfangen. Vielleicht bietet ihm der Chef – das gibts – auch die Möglichkeit, die Krankheit in aller Ruhe zu kurieren, und beschäftigt ihn weiter, wenn er sieht, dass das mit dem Trockenbleiben klappt.

So oder so: Für Peter F. besteht eine Chance, seinem geliebten Beruf irgendwann wieder an einem Ort nachgehen zu können, an dem sich kaum jemand dafür interessiert, was mit ihm einmal los war.

Diese Möglichkeit hat Amy Winehouse nicht. Für sie gibt es nur Sein oder Nichtmehrsein. Entweder rappelt sie sich unter medialer Dauerbeobachtung innert nützlicher Frist aus ihrem Tief hoch, produziert eine hammermässige neue CD und absolviert anschliessend eine triumphale Tournee – oder sie verschwindet so schnell in der musikalischen Bedeutungslosigkeit, wie sie vor acht Jahren aus dem Nichts aufgetaucht ist.

Der suchtkranke Sachbearbeiter Peter F. und die suchtkranke Sängerin Amy W. unterscheiden sich weniger durch ihre Tätigkeit, als vielmehr durch ihr Umfeld: Während ihm niemand wünscht, dass er am neuen Arbeitsplatz mit alten Problemen kämpfen muss, gibt es in ihrem Fall sehr viele Menschen, die es heute schon kaum erwarten mögen, sie bald wieder lallend und schwankend vor sich zu haben. Diese Leute helfen einer Menge anderer Zeitgenossen dabei, mit dem ewigen Scheitern der Amy Winehouse unsinnig viel Geld zu verdienen.

Mein Überlebenskampf ist eure Lebensgrundlage: Das wusste Amy Winehouse an jedem einzelnen Tag, an dem sie arbeiten ging. Und daran wird sich nichts ändern, wenn sie dereinst wieder arbeiten geht.

Wer zwischendurch Mühe hat, sich für den Gang ins Büro zu motivieren, soll sich eine so grosse Hypothek einmal vorstellen. Oder zumindest versuchen, sie sich vorzustellen.

Nachtrag: Dann also: Nichtmehrsein.

Neues vom flotten Vierer

Was machen eigentlich die “Skinny Machines“?

Seit die Londoner Alternative-Rocker mit dem Burgdorfer Schlagzeuger Dan Roth von ihrer letzten Tournee durch die Schweiz mit ihrem alten VW-Bus auf die Insel zurückgefahren sind, herrscht zumindest im Grossraum Emmental musikalisch tiefste Finsternis.

What the hell is da loose? – Das habe ich neulich Dan Roth per Mail gefragt. Seine Antwort klingt ziemlich viel versprechend:

“Wir sind im Moment doll am Kontakte machen in England. Unsere Managerin hat uns mit ein paar Künstlern mit gleichem Niveau zusammengebracht und wir spielen jetzt viel an denselben Gigs und sind ein bisschen wie zu einer Klicke geworden. Einer davon (Jamie Lawson) hat im Moment sogar Platz Nr.1 in den Iricshen Single Charts…

Ausserdem hat Eddie (Cairns, der Bassist, Red.) uns verlassen. Er hatte genug vom Touren und wollte ein geregleteres Leben mit etwas Geld führen). Wir snd im Guten auseinander und haben mit Mike Woodhouse schon einen passenden Ersatz gefunden.

Im März zieht es uns dann auch schon wieder in die Schweiz. Es sind schon verschiedene Termine gebucht. Wir sollten in einer Woche oder so schon mehr wissen.”

Und hier sind sie auch schon: die Daten für die Europa-Tournee 2011.