Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Stadtbilder (33)

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Openair-Genüsse: Die “Spanische Weinhalle” und die “Metzgere” riefen – und rund 60 Burgdorferinnen und Burgdorfer trafen sich in der Oberstadt, um unter freiem Hinmel an weissgedeckten Tischen gediegen zu tafeln und miteinander einen wunderschönen Sommerabend zu erleben.

“Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe”

Glass of Red Wine on White

In meinem Mailfach lag neulich ein sehr langer Brief. Eine mir unbekannte Frau teilte mir mit, dass sie eine eifrige Leserin dieses Blogs sei.

Vor allem  diesen und diesen und diesen Beitrag habe sie “immer und immer wieder” studiert, weil diese Texte etwas in ihr berühren. Etwas, was auch sie betreffe.  Sie vermute, dass ich wisse, was sie meine.

Dann kam sie – und ich sah sie irgendwie vor mir, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen vor dieser für sie wahnsinnig hohen Hürde stand, die Augen schloss, auf Zehn zählte und  dann sprang – zur Sache: Sie würde gerne mit jemanden über ihre Alkoholsucht reden, schrieb sie, und ihre Gedanken mit einem Menschen teilen, der über einschlägige Erfahrungen verfügt.

In dem Dorf, in dem sie lebt, habe sie dazu keine Gelegenheit. Sich den Anonymen Alkoholikern oder dem Blauen Kreuz anzuschliessen, sei für sie wegen der kleinräumigen Jederkenntjeden-Verhältnisse keine Option. Abgesehen von ihrer Familie und ihren engsten Freunden wisse niemand, dass sie über Jahre hinweg jeden Tag knapp zwei Liter Rotwein getrunken habe.

Um ihre Krankheit geheimzuhalten, habe sie sich mit den üblichen Tricks beholfen: “Ich konsumierte nur alleine und zuhause. In der Öffentlichkeit oder an geschäftlichen Anlässen habe ich meist dankend abgelehnt. Dafür trank ich dann daheim weiter.”

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Inzwischen sei die Situation für sie physisch und physisch dermassen belastend geworden, dass sie einen Arzt und eine Psychologin habe einschalten müssen.

Das alleine, glaube sie, bringe sie jedoch nicht entscheidend weiter.  Deshalb frage sie jetzt mich als ehemaligen und längst “trockenen” Direktbetroffenen, ob ich sie auf der Suche nach einem Pfad aus dem Sumpf ein Stück weit begleiten könne und wolle.

Für mich stand ausser Frage, dass ich der Frau im Rahmen meiner Möglichkeiten unter die Arme greifen würde. Ich schrieb ihr zurück, ich stehe für Gespräche jederzeit zur Verfügung. Allerdings würde ich es aus geografischen Gründen vorziehen, wenn wir diese Unterhaltungen schriftlich führen könnten.

Damit – sowie mit ein paar Spielregeln, die ich aufstellte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken und die gegenseitige Ehrlichkeit zu gewährleisten – war die Frau einverstanden.

Wobei: Was heisst schon „einverstanden“? Sie sitze, meine Mail vor Augen, „vor dem PC und heule, was das Zeug hält“, liess sie mich in ihrer nächsten Zuschrift wissen. Allerdings weine sie nicht aus Frust oder Verzeiflung.; es sei vielmehr„ein befreiendes Heulen“.

In den folgenden Tagen entspann sich in drei Dutzend elektronischen Briefen ein Dialog, den ich hier auszugsweise und stellenweise leicht redigiert wiedergebe. Bevor ich den Text freischaltete, gab ich ihn der Frau zu lesen; ich wollte sie nicht mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte überraschen, brüskieren oder gar verletzen. Ich sagte ihr, ich hätte kein Problem damit, wenn sie sich gegen eine Publikation aussprechen würde. Doch die Frau hatte keine Einwände; ganz im Gegenteil.

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Sie an mich: “Ich SCHÄME mich!!!! Das ist das schlimmste Gefühl für mich!“

Ich an sie: “Jeder Alkoholiker schadet mit seiner Trinkerei nicht nur sich selber. Er lässt auch sein privates und geschäftliches Umfeld mit-leiden. Nur: Das tut jeder kranke Mensch. Er macht das nicht in der Absicht, jemandem zu schaden. Und hat folglich auch keinen Grund, sich dafür zu schämen.”

Sie an mich: “Im Moment arbeite ich nicht. Nach einer krankheitsbedingten Auszeit hätte ich zwar wieder in den Betrieb zurückkehren können, aber das wollte ich nicht. Denn immer, wenn die Umsätze seiner Ansicht nach zu niedrig waren, rief mich am Abend der Chef an und schiss mich gottsjämmerlich zusammen. Diesen Frust konnte ich nur mit Wein bewältigen.”

Ich an sie: “Wichtiger als eine Arbeitsstelle ist, dass du körperlich und seelisch wieder auf die Beine kommst. Wenn du wieder festen Boden unter den Füssen hast, kannst du daran denken, loszumarschieren.”

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Sie an mich: “Mit der Arbeit hatte ich ein Sauschwein, da unser Chef nur sporadisch vorbeischaute. Wenn er hin und wieder für zwei, drei Stunden auftauchte, riss ich mich zusammen. Natürlich habe ich auch während der Arbeit konsumiert! Da ich aber schon immer ein Laferi war, fiel ich wahrscheinlich nicht aus dem Rahmen. Und mit Täfeli und Mundspray kann man ja viel vertuschen. Ja – man wird generell einfallsreich. Man entwickelt unglaubliche Strategien.”

Ich an sie: “Viele Alkoholiker merken erst, dass etwas schiefläuft und sie etwas dagegen unternehmen müss(t)en, wenn ihnen der vermeintlich feste Boden unter den Füssen wegbröckelt. Dann hilft auch die rafffinierteste Taktik nichts mehr. Doch bis dahin ignorieren sie die bisweilen schon riesengrossen Zeichen an der Wand. Mein Chef stellte mich damals nach drei Verwarnungen auf die Strasse. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn an jenem Tag wurde aus meiner vagen Vermutung, dass es möglicherweise an der Zeit wäre, mein Leben von Grund auf zu ändern, Gewissheit.”

Sie an mich: “Ich habe sehr schlecht geschlafen. Tausend Gedanken schwirren durch mein Hirni. Ich denke immer noch, dass ich mich dem Ganzen stellen muss. Auch wenn es mich gerade wieder einmal erhudlet – verdrängen nützt nichts; das habe ich gemerkt. Und endlich weiss ich, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin. Ich habe ewig lange das Gefühl gehabt, der einzige Mensch mit einem Alkoholproblem zu sein, obwohl mir Ärzte und Therapeuten immer wieder versicherten, dass dem nicht so sei.

Ich glaube, ich bin von der Wahrheit schockiert. Ich habe den ganzen Schrott einfach zur Seite gestossen und Jupiduutrallalaa in den Tag hineingelebt. Ich habe mich geweigert, zu akzeptieren, dass ich unter einer Leberzirrhose leide. Ich wollte davon nichts hören und nichts lesen. Ich hörte nicht darauf, was die Ärzte sagten. Wenn am Fernsehen etwas über Lebererkankungen gezeigt wurde, schaute ich weg. Ich bin vor allem davongelaufen.

Und jetzt, wo ich mich entschlossen habe, den ganzen Mist wegzuräumen, kommt das alles hoch. Ich fühle mich gerade wie…ich weiss nicht…wie Scheisse. Ich will immer nur das Schöne und Gute sehen. Am liebsten wäre mir, wenn das ganze Puff schon aufgeräumt wäre.”

Ich an sie: “Dass dich dein Fall immer wieder erhudlet, ist nichts als natürlich. Du steckst mitten in einem Schlamassel, von dem du bis vor nicht allzulanger Zeit nur geahnt hast, dass es existiert…und jetzt, nach vielen Jahren, siehst und spürst du, wie gross es wirklich ist.

Ich habe mich damals auch nächtelang hintersinnt und wegen der hohen (Schulden-)Berge vor mir oft das weite, freie Land dahinter kaum mehr gesehen.

Aber dann sagte ich mir jeweils: Jetzt bist du schon bis hierher und hierher gekommen. Also wirst dus auch dorthin und dorthin schaffen. Mit dieser Politik der kleinen Schritte kommst du am Weitesten.

Meine Geschichte liegt zehn Jahre zurück. Für mich ist sie, was für andere Leute die Briefmarkensammlung auf dem Estrich darstellt: Man weiss, dass sie da ist, nimmt sie aber nur noch bei besonderen Gelegenheiten hervor. Zum Beispiel, wenn jemand, der sich ebenfalls für Marken interessiert, aus heiterem Himmel fragt, ob er (nein: sie) die Alben vielleicht einmal sehen könne…

Du hast erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, dich freizukämpfen. Das erfordert viel Kraft und Geduld und Nerven und die Fähigkeit, immer wieder nach vorne zu blicken und daran zu glauben, dass es klappen wird. Lass dir diesen Optimismus auf keinen Fall nehmen. Du hast die richtige Strasse gefunden. Andere wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt. Sie hätten – oder haben – allen Grund, verzweifelt zu sein.

Hast du dir auch schon überlegt, dich für eine Weile in eine Klinik zurückzuziehen? Dann bist du weg von dem ganzen anderen Zeug, hast lauter Profis um dich herum und – sehr wichtig! – triffst zig Menschen, die dieselben Schwierigkeiten haben wir du.”

Sie an mich: “Dein Vorschlag tönt extrem richtig. Ich denke auch, dass mir die Ruhe sehr guttun würde. Ich habe am Anfang alle zwei Wochen einen Termin bei meiner Therapeutin gehabt. Dann haben wir die Gespräche auf meinen Wunsch auf einmal pro Monat reduziert, weil ich davon ausging, keine so engmaschige Betreuung mehr zu benötigen. Klar würde sich ein Klinikaufenthalt irgendwie einrichten lassen. Um mich herum ist ständig ein Gewusel. Ich kann mich überhaupt nicht entspannen.”

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Ich an sie: “In einer Suchtklinik geht es darum, konzentriert am eigentlichen Problem arbeiten zu können und gleichzeitig auf neue Gedanken zu kommen. Und ums Reden über Erfahrungen und Teilen von Erlebnissen (kurz gesagt: um genau das, was du dir wünschst).

Das geht nicht mit einer Therapiesitzung alle paar Wochen. Da muss ein Intensivprogramm her. Wenn du im Garten Unkraut hast, fährst du auch nicht einmal im Monat mit dem Rasenmäher drüber. Dann rupfst dus aus, mit der Wurzel. Das ist zwar viel anstrengender, aber wesentlich wirkungsvoller.”

Sie an mich: “Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe.”

Ich an sie: “Ich schlage dir jetzt Folgendes vor: Du sagst deiner Familie, das du fest entschlossen bist, dich ein für allemal von der Trinkerei zu lösen. Weiter erklärst du ihr, dass das nicht nur für dich mit einem grossen Aufwand verbunden ist, sondern auch für sie. Du sagst deinen Lieben, dass du möglichst bald eine Therapie machen willst, in einer Klinik, und dass sie in dieser Zeit ohne dich werden auskommen müssen. Ich bin sicher, dass das alle verstehen. Und ich bin vor allem überzeugt davon, dass darüber alle mehr als nur glücklich sein werden.

Dann gehst du zu deinem Hausarzt und bittest ihn, dich in eine für dich geeignete Klinik zu überweisen.”

Sie an mich: “Das mit einer Therapie weg von zuhause klingt schon verlockend und auch vernünftig. Ich werde die Möglichkeiten bei der Psychologin nächste Woche ansprechen…und dann schauen wir mal. Zeitlich müsste dies einfach noch ein wenig warten, jedenfalls bis nach den Sommerferien. Bei uns steht relativ viel Wichtiges an.”

Ich an sie: “Mit Unverbindlichkeiten wie ‘schauen wir mal’ und ‘noch ein wenig warten’ kommst du nicht weit. Und ‘etwas Wichtiges’ wird auch nach den Ferien wieder anstehen. Einen Grund, die Therapie nicht antreten (oder zumindest fix einfädeln) zu können, findest du jederzeit. Denn wenn es im Leben eines Alkoholikers an etwas nicht fehlt, sind es Ausreden.

Du musst erkennen, dass für dich im Moment du das Wichtigste bist. Du kannst deiner Familie und deinen Freunden nur dann eine Stütze und ein Wegweiser oder auch ‘mur’ eine verlässliche Begleiterin sein, wenn zu zwäg bist. Doch das bist du nicht. Du bist schwach und verletzlich und labil und hilfsbedürftig und viele, viele Kilometer davon entfernt, ein freies und souveränes Leben führen zu können.

Aber ich bin nicht dein Therapeut und schon gar nicht dein Vormund. Ich habe dir nur erzählt, was in meinem Fall zum Ziel geführt hat. Ob und wie du diese Hinweise nutzt, ist dir überlassen. Es ist dein Leben.”

Sie an mich: “Deine Worte haben mich richtig ‘müffelig’ gemacht! Weisst du, warum? Es ist wieder einmal die Wahrheit, die ich nicht oder kaum ertragen kann! Ich möchte Recht haben, nicht die anderen. Das ist ein Charakterzug von mir, den ich schon früher hatte, vor meiner Flucht in eine vermeintlich heile Welt. In dieser Welt war alles Unangenehme nur gedämpft und für mich viel erträglicher. Ich sage mir immer, ich könne nichts dafür; alle seien zu mir so ungerecht. Aber ich weiss ja: Das ist nicht die Lösung. Ich habe meinen Ärger nun auf dem Hometrainer statt mit Wein abreagiert. Darauf bin ich stolz.

Habe ich einen Flick ab? Bist du in deinen Therapiesitzungen nie wütend geworden, weil du genau gewusst hast: Was diese Leute sagen, ist richtig, und ich liege falsch? Und dass du trotzdem nicht wolltest, dass sie Recht haben? Mich so zu sehen, wie ich mich soeben gesehen habe, tat verdammt weh. Aber es löste in mir auch einige Blockaden.”

Ich an sie: “Wer Recht hat und wer nicht, ist in einer Therapie meiner Meinung nach ziemlich egal. Wichtiger sind all die Gelegenheiten, über sich, seine Lage, seine Vergangenheit und seine Zukunft nachzudenken, daraus die passenden Schlüsse zu ziehen und die Weichen neu zu stellen (und zwar so, dass sie etwas aushalten und nicht beim ersten Zügli, das vorbeikommt, wieder verrutschen).

Wenn dich meine Post zum Hirnen gebracht hat: Tiptopp. Ich kann dir nur sagen: Hör auf damit, vor der Wirklichkeit zu fliehen. Hör auf damit, andere(s) für dein Befinden verantwortlich zu machen. Hör auf damit, dich selber zu bemitleiden.

Stell dich stattdessen deinem Feind. Geh auf ihn zu, schau ihn dir genau an – und mach ihn fertig.

Sei dir aber bewusst, dass du das alleine und in deiner gewohnten Umgebung nicht schaffst. Auf diesem Feld kannst du dich nicht auf ihn konzentrieren, weil du ständig abgelenkt wirst. Abgesehen davon geniesst er auf diesem Platz Heimvorteil. Die Kämpfe, die ihr beide schon darauf ausgetragen habt, hat er alle gewonnen.

Also: Lock deinen Gegner auf ein Terrain, auf dem er sich so unsicher fühlt wie nirgendwo sonst, und vertrau darauf, dass dort viele bis an die Zähne bewaffnete Leute nur darauf warten, dich bei deiner hoffentlich letzten und wichtigsten Konfrontation mit ihm zu unterstützen.

Diese Menschen kennen seine Schwachstellen. Sie werden sie dir zeigen und mit dir so lange trainieren, bis du dich dem Feind voller Stärke und mit einer Unmenge Selbstvertrauen stellen kannst.”

Sie an mich: “Es geht mir gut. Ich bin ausgeglichen und mein aufgewühltes Inneres hat sich beruhigt. Ich hatte ein tolles Wochenende mit zwei sehr guten und eingeweihten Freunden. Sie vermitteln mir, dass sie stolz sind auf mich und den Weg, den ich gewählt habe. Das tut mir sehr gut!

Natürlich ist deswegen nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber in und mit mir passierte in den letzten Tagen etwas. Das fühlte sich im ersten Augenblick beängstigend an. Doch jetzt spüre ich Zufriedenheit und Genugtuung. Ich habe gemerkt, was für mich stimmt und was nicht. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, ein Schrittchen weitergekommen zu sein. Ich werde dieses Schrittchen in meiner nächsten Therapiestunde erwähnen!”

Sie an mich (ein paar Tage später): Das Gespräch mit meiner Therapeutin war gut, aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend. Ich habe mit ihr einige unserer Mails angeschaut. Wir sind aber noch nicht ausführlich darauf eingegangen, da uns dafür die Zeit fehlte. Wir treffen uns nächste Woche wieder. Ich stehe auf dem richtigen Weg und komme darauf sogar vorwärts.”

Ich an sie: “‘Aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend…’: So werden noch unzählige Gespräche verlaufen, die du auf deiner Reise in die Abstinenz führen wirst. Je mehr sie dich beschäftigen und je mehr sie dir zu denken geben, desto besser! Halt mich über deinen nächsten Therapiebesuch auf dem Laufenden. Ich bin gespannt, was deine Psychologin zu all dem sagt, was du in den letzten Wochen unternommen, gelesen und geschrieben hast.”

Das wars, fürs Erste. Ich weiss noch nicht, wie sich die Frau entschieden hat. So oder so wünsche ich ihr von Herzen das Allerbeste, die nötige Portion Glück – und Angehörige und Freunde, die sie begleiten und verständnisvoll auf ihren Weg zurückschubsen, falls sie einmal davon abkommen sollte.

Jetzt, wo das Allergröbste für sie hoffentlich überstanden ist, kann ich ihr es ja verraten: Unser Mailerei hat nicht nur ihr etwas gebracht. Auch ich habe davon profitieren dürfen.

Und, wer weiss: Vielleicht erkennt der eine Leser oder die andere Leserin sich in diesem oder jenem Abschnitt wieder.

Das wäre dann vielleicht die Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht eine gute Idee wäre, einfach mal jemandem zu schreiben.

Suchtfünf

 

Erst die Rechnung, dann das Rind

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Würde der letztes Jahr aufgestellte Rekord von 14 Minuten gebrochen werden können? – Das war die grosse Frage vor der Generalversammlung des FC Böju Club 90, und um sie gleich zu beantworten: Nein, konnte er nicht, was aber keinesfalls an einem unbremsbar redefreudigen Präsidenten lag oder an ausufernden Wortmeldungen zu den tiefschwarzen Zahlen in der Rechnung oder an rotköpfig geführten Grundsatzdebatten zur Besetzung des Vorstandes, sondern schlicht daran, dass die Donatorenvereinigung in der nächsten Saison ein Vierteljahrhundert alt wird, was naturgemäss allerlei festliche Aktivitäten auslöst (Höhepunkt: ein zweitägiger Ausflug ins Elsass), über die der Vorsitzende in groben Zügen informierte, sowie am Umstand, dass die Verantwortlichen – eher überraschend – zum ersten Mal überhaupt das Thema “Mitgliederbeiträge”, beziehungsweise eine allfällige Erhöhung derselben, auf die Traktandenliste zu setzen geruht hatten, worüber zwar niemand ernsthaft diskutieren mochte, was aber halt doch ein paar zusätzliche Sekunden kostete, nur: Irgendwie war das mit den 14 Minuten nach den letztlich benötigten knapp 30 Minuten sowieso nicht sooo schlimm, denn einen Rekord gabs dennoch zu vermelden: 41 von 71 Mitgliedern hatten sich im Restaurant Zihl an diesem Gründonnerstagabend zum offiziellen Teil (und, vor allem: dem fantastischen anschliessenden Essen) eingefunden, soviele wie noch nie, und alle hatten den Plausch und allen war spätestens, als nach und nach würzige Suppen, gartenfrische Salate, butterzarte Brocken vom Schwein und vom Rind plus fruchtige Coupes aufgetischt wurden und man dazu übergehen konnte, sich zum Teil schon recht bis sehr lange zurückliegender Heldentaten zu entsinnen, klar: Es gibt tatsächlich Generalversammlungen, die einfach nur Spass machen und darüberhinaus erst noch einem guten Zweck dienen (zum Beispiel jenem, junge Leute von the manch zweifelhafte Verlockungen bietenden Streets of Beinwil am See nach draussen, in die freie Natur, zu holen und ihnen dort eine sinnvolle körperliche Betätigung im Kreise Gleichgesinnter zu ermöglichen), und wir geniessen gerade das grosse Privileg, Teil einer solchen Veranstaltung sein zu dürfen.

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(Bild: Schatz)

Wie alle, nur anders

Auf ihre ganz…äh…eigene Art sind sie schon drollig, die deutschen Touristen auf Gran Canaria und überall sonst auf der Welt.

Wenn ihnen jemand, den sie als Führungsfigur anerkennen – den Schildermaler einer Strandbeiz, zum Beispiel – etwas vorschreibt…

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…machen sies einfach,

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und zwar unabhängig davon, ob das einen Sinn ergibt und ungeachtet dessen, wer das Chaos am Ende aufräumt.

Und überhaupt: Was heisst hier

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schon “Heute 19.45”?

Deutschen Ton gibts hier (und dort. Und da auch) fast rund um die Uhr, von morgens um 6, wenn die ersten Hotelgäste, windschlüpfrig über ihre Rollatoren gebeugt, zum Pool sprinten, um sich mit dem Badtüechli einen Platz am Wasser zu sichern, weil spätestens um 10 Uhr jede Liege mit allen verfügbaren Mitteln besetzt sein wird,

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bis abends um 9, wenn auch die zächsten Paare, vom Foxtrotten bis an den Rand des Komas ermattet, in ihre Betten sinken.

Sie bestellen, wie schon vor zwei Jahren und wie bestimmt auch in zweihundert Jahren noch, ne Pälla, von der sie dann nur einen Viertel verspeisen (jenen Teil nämlich, der Esswaren enthält, die sie kennen: den Reis, die Erbsli und den Pouletfetzen), Fruttidelmareplatten, die sie zurückgehen lassen, weils Fisch drauf hat und Nochi, obwohl die das einzige sind, was auf der Karte fehlt.

Sie meckern, weils draussen zu warm ist oder drinnen zu kühl, sie diskutieren stundenlang mit dem Personal, weil sie am Vorabend für irgendetwas bezahlen mussten, was laut Katalog im Preis inbegriffen war und drohen dem Busfahrer mit rechtlichen Schritten, wenn er zwei Minuten zu spät vor dem Hoteleingang steht.

Sie beklagen sich darüber, dass “in diesem Laden” zuwenig laufe. Aber wenn die Animatrice dann zur Wassergymnastik oder zum Bogenschiessen oder zum Darts oder zum Billard ruft, bleiben sie lieber auf ihren Liegen liegen; das fehlte ja gerade noch, dass sich auf dem mühselig erkämpften Plätzchen nachher genau der Typ räkelt, den man vor Sonnenaufgang mithilfe von zwei Weckern und einem perfekt getimten Anruf aus der Rezeption so elegant ausgebremst hat.

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Sie “fragen” arglos an der Bar bloggende und sich dabei selber fotografierende Schweizer, ob sie “mal eben” deren Laptop ausleihen können, um zu scheckn, ob die Gran Canaria-DVD, die sie in der Innenstadt einem halbseidenen Händler abgekauft haben, um sich die Insel nicht selber anschauen zu müssen, “auf diesem Ding” läuft (hätte der Mann auch nur “Mac” statt “Ding” gesagt, wäre eine wenn vielleicht auch nur gespielte Verhandlungbereitschaft nicht zum Vornherein ausgeschlossen gewesen).

Kurz: Die Deutschen benehmen sich auf Gran Canaria genauso wie all die anderen Touristen, nur ein bisschen anders.

750 000 (in Zahlen: 750 000) Deutsche fallen Jahr für Jahr auf dieser Insel ein (das schreibt jedenfalls Manfred Schock, und es gibt keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Schliesslich ist er der für Touristen zuständige Geistliche vom lokalen evangelischen Pfarramt).

Dazu kommen rund 11 000 Germanen, die ständig hier sind. Die nikotinabstinente Mehrheit dieser Bevölkerungsgruppe blickt vermutlich immer mal wieder neidisch in Richtung der paffenden Fraktion, denn “günstiger als in Deutschland sind auf den Kanaren nur die Zigaretten”, wie der Website Gran Canaria aktuell zu entnehmen ist.

(Weiterer wichtiger Hinweis: “Die meisten Produkte, und das fängt beim Toilettenpapier an, wachsen weder auf der Insel…”. Und, wenn wir schon dabei sind, noch ein Gratistipp obendrauf: “Das Leben besteht nicht nur aus selbstgemachten Kartoffelsalat.”)

Eigentlich wollte ich aber gar nicht über die Deutschen berichten, sondern über Luggi und Tine Stadlmair.

Der Musiker aus Österreich und seine Frau aus – nun denn – Deutschland leben seit vielen Jahren auf Gran Canaria. Erst betrieben sie in Maspalomas mit mässigem Erfolg einen “Bayrischen Biergarten”. Ein verheerender Waldbrand legte ihre Finca in Fataga 2007 in Schutt und Asche.

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(Ausschnitt: wochenblatt.online.)

Dieser Nackenschlag konnte das Paar jedoch nicht davon abbringen, seinen Traum vom Dasein auf Gran Canaria weiter zu verwirklichen. Es richtete auf einer Terrasse des Einkaufszentrums “La Sandia” in Playa del Inglés die “Larifari-Lounge” ein.

“Alt und Jung”, “Cocktail-Fans, Liebhaber von Live-Musik oder Karaoke-Künstler”: Alle würden sich bei ihnen wohlfühlen, versprechen Luggi und Tine Stadlmaier.

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(Bild: pd)

Als jemand, der sich weder besonders jung noch übertrieben alt fühlt, keine Cocktails trinkt und sich die Hölle als riesigen Karaokeschuppen vorstellt, in dem beschwipste Mittelkaderbanker und dem Vergessen anheimgefallene “Superstars” endlos “Last Christmas” und “Wind of Change” darbieten, will ich heute Abend herausfinden, wie Bluesler-kompatibel das Larifari wohl ist.

Sehr lange werde ich allerdings nicht bleiben können. Dieta von nebenan steht mit seinem Rollator garantiert schon um Mitternacht im Startloch. Doch morgen früh hat er keine Chance:

Ich mache in meinem Zimmerchen durch.

Fast wie daheim

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Das Restaurant Seetal in Beinwil am See war für mich wie ein zweites Zuhause. Einerseits kehrten wir mit dem FC regelmässig in der urgemütlichen Beiz an der Aarauerstrasse 79 ein. Andrerseits war ich mit den Söhnen der damaligen Wirtsleute befreundet.

Von ihnen, ihrem Vater und ihrem Grossvater – er hatte es als Mann mit den grössten Ohren der Schweiz einst bis in den “Blick” geschafft – lernte ich an endlosen Samstag- und Sonntagnachmittagen jassen und auch sonst allerhand über das Leben.

Der kulinarische Hit waren Bratwürste mit Zwiebeln und Rösti. Am runden Stammtisch diskutierte die Gaschtig die Welt in Ordnung; nach einigen der Bauern und Handwerker konnte man die Uhr stellen. Hinter dem Tresen mit der Kasse darauf war die Küche, und hinter der Küche war der Hof, und auf dem Hof war der Stall (und neben dem Stall stand eine mächtige Tanne, auf deren Wipfel Spatzen sassen, auf die wir einmal ein bisschen mit dem Luftgewehr schossen. Aber das nur nebenbei.).

Im “Seetal” duftete es nicht nur nach Zigaretten und Stumpen, sondern manchmal auch nach Mist und Kühen, aber das störte niemanden, im Gegenteil: Auch das trug viel dazu bei, dass man sich im “Seetal” weniger wie in einem Restaurant fühlte, sondern wie bei Menschen, die ständig daheim sind und denen es nicht das Geringste ausmacht, wenn allpott Leute hereinschneien, um chli zu plaudern oder Zeitung zu lesen oder einfach nur schweigend in einer Ecke zu höcklen und bei einem Halbeli Roten darauf zu warten, dass auch dieser Tag vorbeigeht.

Seit meinem letzten Bier im “Seetal” ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Im Rahmen einer Familienfeier kehrte ich gestern in das Haus zurück, in dem ich als Teenager unzählige tolle Stunden verbracht hatte.

Meine Befürchtungen, dass die (inzwischen nicht mehr sooo) neuen Besitzer alles umgebaut und auf Modern getunt haben könnten, verflogen in dem Moment, in dem ich durch die Eingangstüre trat: Abgesehen davon, dass die Aschenbecher fehlen, sieht es in der Gaststube noch fast genau gleich aus wie einst. Von der ersten Sekunde an wars mir im “Seetal” wieder genauso vögeliwohl wie damals, als “Fis” jeden Tag aus seiner glorreichen Operettenvergangenheit erzählte und Ferdi bei Margrit im Halbstundentakt “nones Grosses” bestellte.

Aufgetischt wurden nicht Würste, sondern Spezialitäten aus der Steiermark (die Familie von Andreas Schelesen, die den Betrieb nun führt, stammt aus Österreich): Einem chüschtigen “Vogerlsalat” folgten ein butterzartes Stück Braten an einer himmlischen Sauce mit einer Polenta, die auch Menschen, die mit atomisiertem Mais sonst nicht wahnsinnig viel anfangen können, die Freudentränen in die Augen trieb. Crêpes über einer halbgefrorenen Glace rundeten das Erlebnis ab.

Das einzige, was mir chli fehlte, waren das Muhen der Kühe im Hintergrund und, nach dem Dessert, die Frage, “machemer none Jass?” Abgesehen davon fühlte ich mich im “Seetal” wie schon neulich, als ich mit meiner Frau einen Match meines ehemaligen Fussballclubs besucht hatte: Als ob ich durch ein Loch in der Zeit gefallen und sehr, sehr sanft gelandet wäre.

Feduschine statt Pyramiden

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Adios: Noch 25 Stunden, dann sind sie vorbei, meine Solo-Ferien 2013. Morgen früh sitze ich im Flieger nach Zürich, wo schon Roger Waters auf mich und meinen Schatz wartet.

Ich packe meine ziemlich genau sieben Sachen hier ohne Bedauern zusammen. Denn trotz konstant hoher Temperaturen wurden wir heuer – ganz im Gegensatz zum Vorjahr – nie so richtig warm miteinander, Gran Canaria und ich.

Natürlich: Als ich vor zwölf Monaten eine Woche auf dieser Insel verbrachte, war für mich vieles neu. Das Hotel, die Dünen, die Menschen: Das alles sah ich damals zum ersten Mal. Entsprechend reizvoll war es, jeden Tag eine kleine Entdeckungsreise zu unternehmen.

Bei der Zweitauflage würde ich Déjà-vus und -eus erleben; das war mir bewusst. Wer seine Ferien 2013 zur selben Zeit am selben Ort verbringt wie 2012, muss mit der einen und anderen Wiederholung rechnen. Dass die Sandberge von Maspalomas extra wegen mir umgeformt würden, durfte ich ebensowenig erwarten, wie dass die Hotelchefs das Abendprogramm auf den Kopf stellen, weil ich die Flamcenotänzerinnen, Zirkusartisten, Sängerinnen und Zauberer von früher her kenne.

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Aber darum geht es gar nicht. Es geht auch nicht darum, dass ich letztes Jahr das bessere Zimmer gehabt hatte, dass mir diesmal das Handy zwischenzeitlich abhanden kam oder dass ich gestern, am 9. September, bemerkte, dass mein Rückflugticket irrtümlich auf den 7. September ausgestellt worden war.

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Das Problem – mein Problem – waren andere Touristen. Sehr, sehr viele andere Touristen.

Ausländer tummeln sich zwar schon seit dem 19. Jahrhundert auf dem malerischen Eiland vor der Küste Westafrikas, und zwar nicht zu knapp. Aber im vergangenen Jahr war ich erstens von deutlich weniger und zweitens von wesentlich normaleren zivilisierteren Menschen umzingelt.

Mit soviel Arroganz und Wohlstandsverwahrlosung sah ich mich in meinem ganzen Leben noch nie konfrontiert. Unabhängig von ihrer Nationalität ist es unwahrscheinlich vielen Gästen dieses Landes offensichtlich völlig egal, was ihre Gastgeber und Mitreisenden über sie denken.

Schuld am zahlenmässig fast chli beängstigend überbordenden Fremdenverkehr auf Gran Canaria sei primär die verworrene politische Lage in Ägypten, sagt mein Freund, der sich in der Reisebranche bestens auskennt. Weil von Trips an den Nil seit einiger Zeit dringend abgeraten wird, seien unzählige Leute, die ihre Ferien eigentlich im Schatten der Pyramiden verbringen wollten, auf die Kanarischen Inseln ausgewichen, wo ja ebenfalls immer die Sonne scheint und es ein Meer hat und wo die Eingeborenen erst noch fliessend kalt und warm Deutsch sprechen.

Statt Aaaahend und Oooohend durch die Tempel von Luxor zu schlendern, hocken die um ihre hochkulturellen Erfahrungen Geprellten nun johlend und gröhlend in den Bars und Beizen von Playa del Inglés und lassen die Umsitzenden an ihrem von Nofretete und Ramses geprägten Denken und ihrem auf unzähligen Reisen in bedeutsamere Länder geschärften Wissen teilhaben.

Das klingt dann so: “Isch nehm ma diese Feduschine und n grossas Helles und…kuck ma, Alda: Tittn bis zude Kniescheibe runda!!!”

Es sind dieselben Zeitgenossen, die an der Rezeption endlos darüber diskutieren, ob sie sich am Zmorgebuffet einen Teller vollbeigen und diesen dann mit aufs Zimmer nehmen können (aber immerhin: Andere fragen nicht einmal, sondern machens einfach. Manche benutzen dafür nicht einmal einen Teller).

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Wegen diesen Leuten hängen überall Flyer, denen zu entnehmen ist, dass der Bademeister Badetücher, die nur zu Reservationszwecken auf die Liegen am Pool gelegt wurden, entfernt (und wehe dem Bademeister, der diese Verordnung durchsetzt!).

Diese Leute beschweren sich beim Barkeeper darüber, dass die Zweimannband im Garten mit Halbplayback spielt.

Und wenn sie endlich abreisen, diese Leute, drücken sie der Putzfrau gönnerhaft einen Euro Trinkgeld in die Hand. Dann sagen sie ihr, sie könne die Köfferli nun zum Ausgang bringen.

Die meisten dieser Leute waren letztes Jahr nicht auf Gran Canaria. Damals war es problemlos möglich, sich einmal irgendwo hinzusetzen und etwas zu lesen oder zu schreiben, ohne, dass man alle fünf Minuten nach einem Loch im Boden suchen musste, in dem man peinlich berührt oder angewidert verschwinden konnte, weil man mit diesem Platzdajetztkommich!-Pack nichts zu tun haben will.

Nun, wo alles bald vorbei ist, kann ichs ja sagen: Ich habe den Playaboy, mit dem ich bei meiner Playadelinglés-Premiere sieben tolle Tage genossen hatte, nie gesehen (unsere Erlebnisse sind hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier dokumentiert). Er war gar nicht da.

Als ich mein Zimmer bezog, erblickte ich auf dem Bett einen Zettel. Darauf stand: “Hi! Die letzten Monate hier waren nicht schön. Pälla und so; du verstehst schon. Ich bin auf Sardinien, in einer kleinen Pension in den Bergen. Machs guet – oder zumindest das Beste daraus.”

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Essen wie Hesse

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“Das Grotto findet man an einer Steigung in einem Gebirgswald, auf einer schmalen Terrasse mit Steinbänken und Tischen im Dunkel der Bäume. Aus dem Felsenkeller bringt der Wirt frischen Wein; auch Brot war da (…). Von den irdenen, bläulichen Tassen, Sinnbild der Vergänglichkeit, stiegen die bunten Zauber empor, wandelten die Welt, färbten Sterne und Lichter.”

Das notierte Hermann Hesse 1919 in seinem Buch “Klingsors letzter Sommer” über das Grotto Morchino in Pazzallo bei Lugano. In dieser Gaststube genossen Chantal und ich neulich einen kulinarisch und auch sonst rundum geglückten Abend.

Noch bevor die Vorspeisen – eine chüschtige Minstrone für sie und eine hausgemachte Lasagne für mich – aufgetischt waren, spürten wir, dass das Lokal tatsächlich etwas kaum beschreibbares Magisches verströmt.

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Aufs Geratewohl hin bestellten wir eine gemische Fleischplatte mit Beilagen – und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als das Gewünschte nach einer Weile perfekt gebraten und auf den Punkt gegart geliefert wurde:

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Hervorragendes Essen, heimeliges Ambiente, Wirtsleute, die erkennbar gerne für ihre Gäste da sind und sehr normale Preise: Bei unserem nächsten Tessin-Abstecher schauen wir gerne wieder im Grotto Morchino vorbei.

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Über den Wolken – und endlich da

Auf dem Flug von Zürich nach Dubai: Keine besonderen Vorkommnisse, sofern man tiptoppen Service, tolles Essen und die Tatsache, dass die Familien mit Kleinstkindern weit weg von den anderen Reisenden platziert wurden, als selbstverständlich betrachtet.

Nachdem wir Griechenland überquert haben, geht die Sonne unter – und wie: Es will nicht mehr aufhören mit den Ahs und Ohs und Luegmaus. Von unseren Zweierplätzli am Fenster aus haben wir freie Sicht auf ein atemberaubend schönes Wolkenmeer, das in immer wieder anderen Farben leuchtet.

(Bild: Schatz)

Ein paar Reihen vor uns sitzt Felix G. aus B.. Er fragt sich vermutlich gerade, ob der Typ, den er vorhin beim Einchecken gesehen hat, nicht dieser Hofstetter aus Böju gewesen sei. Falls er jetzt mitliest: Doch, lieber Felix: Ich wars. Aber ich hatte irgendwie einfach keine Lust darauf, in gemeinsamen Schulerinnerungen zu kramen. Für mich zählt jetzt nur Australien.

Dubai: Wenn man nur schon von oben sieht, wie die auf Sand gebaute Mega-Stadt glänzt und glitzert und blinkt und blitzt, kann man sich vorstellen, welchen Stellenwert der Schein für die Menschen dort unten einnehmen muss. Vom Flugzeug zum Flughafengebäude brauchen wir mit dem dem Bus eine halbe Stunde. Es ist alles viel zu gross, um wahr sein zu können. Mit der Kaviarportion, die in einem hippen Airportbeizli auf einen Teller gehäuft werden, könnte man in der Schweiz eine ganze Festgemeinschaft verpflegen.

Wir finden ein Lokal, in dem geraucht werden darf – aber nur, wenn man für einen bestimmten Betrag Getränke konsumiert. Also genehmigen wir uns mehr Cola und Kaffee, als wir eigentlich haben wollten und geben ein üppiges Trinkgeld, um auf die 35 Irgendetwas (Dollar? Euro? Arabische Was auch immer?) zu kommen.

Dubai-Sydney: „Time flies“ möglicherweise schon – aber wenn, dann nicht in diesem Flugzeug. Die Stunden zertröpfeln im Superzeitlupen“tempo“. Für etwas Abwechslung sorgen Turbulenzen, die die Maschine regelmässig durchschütteln, und ein paar Filme aus meiner üppig gefüllten Videothek. Sehr empfehlenwert: „Lemmy“, die Dokumentation über den legendären „Motörhead“-Sänger und –Bassisten. Weniger empfehlenswert: „Herz im Emmental“. Ein Seilfabrikant, ein Gross-Bauherr, die Hardrocker von „Shakra“, ein Liedermacher, ein ehemaliger TV-Moderator und andere Ämmitauer erzählen längstens und breitestens, was ihnen an Gotthelf-Country so gefällt. Spannung: Null. Erkenntnisgewinne: Fast keine. Dafür: Schöne Bilder und gute Musik.

(Ich sehe gerade: Andere sehen das anders. Aber die guckten den Film auch nicht nur zum Zeitvertreib.)

Kurz vor Sydney bricht an Bord Panik aus. Der Mann im Lautsprecher hat soeben durchgegeben, dass pro Person nur 50 Zigaretten nach Australien eingeführt werden können. Das wussten offensichtlich nicht alle Mitreisenden: Mehrere junge Männer kramen ihre Zigistangen aus dem Handgepäck und verteilen den Stoff, den sie nicht durch den Zoll bringen würden, unter den Flugbegleitern. Ich stelle mir vor, wie die für die Sydney-Flüge eingeteilten Stewards und Stewardessen die heisse Ware nach der Landung jeweils in einer finsteren Ecke des Flughafens unter den Einheimischen verhökern.

Und dann blinken unter uns, endlich, die Lichter von Sydney. Vor Mitternacht setzen wir auf der Rollbahn auf. Nach der Pass- und Gepäckkontrolle – kein Mensch interessiert sich dafür, wieviele Zigaretten wir bei uns haben – treffen wir in der Ankunftshalle auf unser Empfangskomitee. Eine Tanten, Cousinen und der Cousin mit dessen Freundin sind zu dieser sehr späten Stunde zum Airport gefahren, um uns abzuholen.

Als wir das Flughafengebäude müde, überfressen, aber überglücklich verlassen, fühlen wir uns, als ob wir zuhause angekommen wären.