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Blutti Zähni

Hofijass

300 Sonnentage gibt es laut den Reiseexperten von reisen-experten.de auf Gran Canaria; pro Jahr, wohlverstanden, nicht pro Generation wie im niedersächsischen Bremervörde, wo es färn in zwölf Monaten nur gerade 63 Mal heiter war.

Was aber, wenn der Tourist, der für seinen Aufenthalt in Playa del Inglés von A wie „Aussergewöhnlich tolle Badehose“ bis Z Zig Tiischis nur Sommerzeug eingepackt hat, zwei Tage nach der Landung in Las Palmas konsterniert konstatieren muss, dass nicht alles stimmt, was im Internet steht? Wenns vom Himmel von einer Stunde auf die nächste schüttet statt glüht?

Zum Glück musste ich gestern Nachmittag nicht alleine über ein Schlechtwetterprogramm nachdenken. Schliesslich befinde ich mich – dies auch zK. der Berner Steuerverwaltung – eigentlich gar nicht in den Ferien, sondern auf einer Geschäftsreise.

Nebst mir als CEO von Hofstetter Kommunikation sind auch der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer meiner Firma vor Ort, und was läge bei dieser Konstellation näher, als mit der Sintflut vor Augen und ein paar Karten in der Hand gemütlich einen Jass zu klopfen?

Eben.

Hofstetter: „Wie stehts?“

Hofstetter (guckt aufs Blöckli): „Wir brauchen noch 162, ihr 51.“

Hofstetter: „Wer gibt?“

Hofstetter: „Immer der, der fragt.“

Hofstetter: „Höhöhö.“

Hofstetter: gibt.

Hofstetter: „…dann bin ich wohl mit Trumpfen dran.“

Hofstetter: nickt zustimmend.

Hofstetter: nickt zustimmend.

Hofstetter: nutzt die Zeit, die Hofstetter erfahrungsgemäss zum Trumpfen benötigt, um sich auf Teneriffa ein Mineralwasser mit Gas zu besorgen.

Hofstetter: „Gschobe.“

Hofstetter: „Tami.“

Hofstetter: „Ruhe! Gehts eigentlich noch?!?“

Hofstetter: „Ist doch wahr.“

Hofstetter: „Gut. Also: Kreuz. Nein: Herz.“

Hofstetter: „Zuerst hast zu Kreuz gesagt. Also ist jetzt auch Kreuz.“

Hofstetter: „Aber…“

Hofstetter: „…nichts Aber. Zuerst hast du Kreuz gesagt. Das ist wie beim Basketball: berührt, geführt.“

Hofstetter: „Berührtgeführt ist beim Schach.“

Hofstetter: „Klugscheisser.“

Hofstetter: „Das hätte ein Witz sein sollen.“

Hofstetter: „Wars aber nicht.“

Hofstetter: „Das habe ich auch gemerkt. Dann halt: Kreuz.“

Hofstetter: gibt das Kreuz Achti.

Hofstetter: zieht die linke Augenbraue hoch.

Hofstetter: gibt das Kreuz Zähni.

Hofstetter: tut das Nell heim.

Hofstetter: „Superstart, wirklich.“

Hofstetter: „Für uns schon. Hätte nicht besser laufen können.“

Hofstetter: „Ich hatte es blutt.“

Hofstetter: „Das passt perfekt zum Strand da unten.“

Hofstetter: „Wieso meinst du?“

Hofstetter: „Weils da auch Blutte hat.“

Hofstetter: „Heute nicht.“

Hofstetter: „Nein, heute nicht. Heute bleiben die Schnäbis im Trockenen.“

Hofstetter: „Sagt man in der Mehrzahl eigentlich ‚Schnäbi‘ oder ‚Schnäbis‘?

Hofstetter: „Musst du das wirklich wissen?“

Hofstetter: „Ja, geschäftlich. Möglicherweise braucht mal jemand einen Pressetext zum Thema.“

Hofstetter: „Ich sage ‚Schnäbi‘, auch wenns ein paar sind.“

Hofstetter: „Ich auch. Nur sage ich nicht ‚Schnäbi‘.“

Hofstetter: „Wie dann?“

Hofstetter: „Können wir vielleicht weitermachen? Am 3. Oktober geht unser Flieger.“

Hofstetter: „Ist noch blöd, dass das Kreuz Zähni schon fort ist, gäu? Sonst hättest dus jetzt ausspielen können.“

Hofstetter: „Aff.“

Hofstetter: „Da fällt mir gerade ein: Hat schon jemand die Neue von Clapton gehört?“

Hofstetter: „Wie kommst du jetzt darauf?“

Hofstetter: „Wägem Aff. ‚After Midnight‘. Ist zwar von J.J. Cale, aber Clapton spielts auch, und erst noch mit einem Höllen Solo, und drum…“

Hofstetter: „Ich sags ja: Klugscheisser.“

Hofstetter: „Ja.“

Hofstetter: „Was, ja?“

Hofstetter: „Ich habe sie gehört und gekauft. Das heisst: eigentlich wars umgekehrt. Clapton kaufe ich ohne zu hören. Hören tue ich bei ihm erst nach dem Kaufen.“

Hofstetter: „Ich auch.“

Hofstetter: „Gekauft und dann gehört habe ich zum letzten Mal bei Dylan. Das passiert mir nicht nochmal. Nicht bei Dylan und auch sonst bei überhaupt keinem mehr.“

Hofstetter: spielt das Herz As.

Hofstetter: atmet für alle hörbar ein und beängstigend lange nicht mehr aus.

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „Es sind erst vier Trümpfe gegangen, und schon kommst du mit dem Herz As. Weisst du, was das ist? Harakiri!“

Hofstetter: „Über die kam kürzlich ein Film. Schon verrückt, wie die mit ihrem Fliegern…“

Hofstetter: „…das waren nicht die mit den Fliegern. Harakiri ist mit dem Schwert in den Bauch. Die mit den Fliegern waren die Kamikaze.“

Hofstetter: „Klugsch… aber ich sage nichts mehr.“

Hofstetter: gibt das Herz Zähni.

Hofstetter: kassiert das Herz As und das Herz Zähni mit dem Trumpf Sächsi.

Hofstetter: „Was habe ich gesagt?“

Hofstetter: „Ja, ja.“

Hofstetter: „WAS HABE ICH GESAGT?!?“

Hofstetter: „Dass erst vier Trümpfe gegangen sind.“

Hofstetter: „UND WAS NOCH?“

Hofstetter: „Habs vergessen.“

Hofstetter: „Ich hatte es blutt.“

Hofstetter: „Könnt ihr…? Am 3. Oktober…“

Hofstetter: „Hofstetter hat Recht. Es ist wirklich grad chli mühsam, wie das läuft.“

Hofstetter: „‚Grad‘ ist gut.“

Hofstetter (mehr zu sich selber): „Ups. Das wären ja vier Bauern gewesen.“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich unser Verwaltungsratspräsident?“

Hofstetter: „Hofstetter?“

Hofstetter: „So viele Verwaltungsratspräsidenten haben wir ja nicht.“

Hofstetter: „Keine Ahnung.“

Hofstetter: „Also: In Zürich war er noch da. Im Flughafen, meine ich.“

Hofstetter: „Schon klar. Die Frage ist: Wo ist er jetzt?“

Hofstetter: „Ich weiss nur noch, dass einer von euch sagte, ich soll ihm ein Last Minute-Ticket besorgen, weil er ursprünglich ja gemeint hatte, er könne nicht mit, wegen seinen Schildkröten, und dann konnte er doch, aber da hatten wir schon für uns vier gebucht. Dann lief ich in Richtung Schalter und dann…und dann…ah, ja: dann fiel mir ein, dass ich noch Erdnüssli für unterwegs brauche, und weil ich gerade vor einem Kiosk stand, ging ich hinein, weil: erledigt ist erledigt, und…und…ja: irgendwann sassen wir dann im Flieger, wir vier, also: du und du und du und ich.“

Hofstetter: „Das heisst: Hofstetter hockt noch in Kloten?!“

Hofstetter: „Wohl kaum. Der hat unterdessen sicher gemerkt, dass wir ohne ihn…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht! Wir vergessen unseren obersten…! Im Flughafen! Ich! Glaubs! Nicht!!!“

Hofstetter: „Du brauchst jetzt nicht gleich hysterisch zu werden. Wenn jemand einen Grund hätte, hysterisch zu werden, wäre es Hofstetter, aber der sieht das ziemlich sicher ganz entspannt.“

Hofstetter: „Konfuzius sagt: ‚Shit happens‘.“

Hofstetter: „Jetzt musst du langsam aufpassen mit deinen Asiaten.“

Hofstetter: spielt das Schaufel As aus.

Hofstetter: sticht mit dem Trumpf Achti.

Hofstetter: kotzt das Schaufel Zähni.

Hofstetter: schmiert das Egge As.

Hofstetter: „Heieiei.“

Hofstetter: „Ich hatte es blutt.“

Hofstetter:

Hofstetter:

Hofstetter: „Das bringt nichts. Ich schlage vor, dass wir das hier noch irgendwie fertig machen und dann…“

Hofstetter: „…ich bin jetzt schon huere müed, falls es jemanden interessiert.“

Hofstetter: gähnt.

Hofstetter: „Wer ist dran?“

Hofstetter: „Hofstetter.“

Suchtgefahr am grünen Teppich

Suchtgefahr am grünen Teppich

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Sie ist eine der effektivsten Zeitverbrennmaschinen in der Geschichte der Menschheit: Wer auf dem iPhone oder iPad mit der App „Samschtig-Jass“ je einen Schieber, Differenzler oder Coiffeur geklopft hat, kommt davon kaum mehr los.

Das verblüffend realistisch designte Spiel bietet alles, was sich Jassfreunde wünschen: Differenzler mit verdeckter Ansage auf vier oder acht Runden, Schieber auf 1000 oder 2500 Punkte, Coiffeur mit oder ohne Slalom und Guschti, ein deutsches und ein französisches Kartenset plus eine persönliche Statistik, die zeigt, wieviele Partien man schon gewonnen oder – häufiger – verloren hat.

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Ganz zu Beginn ist es chli gewöhnungsbedürftig, völlig lautlos zu jassen: Niemand murmelt verdrossen „Herz“, weil der Partner, der Feigling, schon wieder geschoben und er selber nichts Gescheites in der Hand hat. Niemand weist triumphierend „Hundert vom Kreuz As“ (und schüttelt Sekundenbruchteile später verdrossen den Kopf, wenn ein Gegner vier Nüüni angibt). Was angesagt ist und wer wieviel weist, wird eingeblendet (und zwar solange, bis jeder es sich merken konnte).

Dafür erzählt beim Mischeln aber auch niemand seine halbe Lebensgeschichte. Und niemand flucht, wenn ihm der Partner nicht die richtige Farbe zuspielt, obwohl er jetzt doch schon zweimal Schaufel verworfen hat.

Seit mein Schatz und ich den „Samschtig-Jass“ auf unsere iPhones geladen haben, verlaufen unsere TV-Abende ganz anders als vorher. Der Krimi mag noch so spannend sein – uns an unseren virtuellen Jassteppichen interessiert mehr, ob das Egge Zähni jetzt kommt, damit wir den Obenabematch mit dem Achti und dem Sechsi nach Hause schaukeln können.

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(Für die BZ und den TagesAnzeiger hat sich meine Kollegin Nina Kobelt mit Werner Bättig, dem Projektleiter von „Stöck, Wyys, Stich mobile“ unterhalten und dabei versucht, das Erfolgsgeheimnis der Jass-App zu ergründen.)