Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.”

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?”

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: “Teilen wir uns ein Taxi?”

Hofstetter: “Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?”

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): “Ich komme mit.”

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): “Zahlen, bitte!”

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: “Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?”

Gundula: “Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.”

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): “Scho rächt.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.”

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

Zähe Verhandlungen

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Es war glaub im letzten Oktober, als wir fanden, es sei wieder einmal an der Zeit, zusammen zu essen, er und seine Frau und mein Schatz und ich, aber irgendwie fanden wir spontan keinen Abend, an dem es allen gepasst hätte.

“Kein Problem”, glaubten wir; “dann halt im November”.

Aber oha: Der

1., der

2., der

3., der

4., der

5., der

6., der

7., der

8., der

9., der

10., der

11., der

12., der

13., der

14., der

15., der

16., der

17., der

18., der

19., der

20., der

21., der

22., der

23., der

24., der

25., der

26., der

27., der

28. und der

29. November

vergingen, ohne dass aus unserem gemütlichen Zämehöckle etwas geworden wäre.

Nonens volens, wie der Grieche sagt, mussten wir uns eingestehen, dass wir unsere Agenden längst zu vollgeschrieben hatten, um darin noch ein freies Plätzli zu finden für etwas, was uns wirklich – und nun schon seit Monaten – am Herzen lag.

Ständig war bei irgendwem irgendetwas. Wir hatten, um es mit den Worten eines bekannten Berner Liedermachers auszudrücken, “gar ke Zyt für gar nüt z mache”:

Und wenn einmal nichts war, machte man es sich lieber daheim auf dem Sofa gemütlich, als auch diese paar Stunden noch mit einer Einladung oder einem Besuch zuzupflastern.

Am 30. November fiel ich die Treppe hinunter. Von diesem Moment an hätte ich jeden Tag 24 Stunden Zyt gehabt, um in heissem Käse zu rühren. Aber mit nur einem einsatztauglichen Arm war daran nicht zu denken.

Abgesehen davon: Im Gegensatz zu mir sassen und lagen die Mitesser nicht tatenlos zu Hause herum, sondern hatten dieses vor und jenes und überhaupt, und so zogen auch Weihnachten und Silvester und die drei Könige an uns vorbei, ohne, dass wir auch nur hätten daran denken können, “Juhui! Znacht mit H’s” in unsere elektronischen Filofaxe einzutragen.

“Dann eben im Januar”, sagten wir uns. 31 Tage später ersetzten wir “Januar” in stillschweigender Übereinkunft durch “Februar”, wobei die erste Hälfte desselben aus verschiedenen Gründen schon einmal nicht in Frage kam.

Gestern nahm ich einen weiteren Anlauf. Per SMS erkundigte ich mich bei H., wie es bei ihn und seiner Frau fonduemässig aussehe.

Die Antwort kam umgehend: “Diese Woche ausgebucht.”

Trotzem sind er und ich guter Hoffnung, dass aus unserem Essen innert nützlicher Frist (lies: in diesem Jahr, oder dann halt im nächsten) doch noch etwas werden könnte:

Wir haben uns darauf geeinigt, dass es wohl zielführender sei, wenn sich ab sofort unsere Frauen um die Terminplanung kümmern.

Schongang

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Bei einem Treppensturz habe ich mir heute Morgen den rechten Ellbogen verdonnert. Der diensthabende Arzt im Regionalspital Emmental verpasste mir nach dem Röntgen einen dicken Verband, verschrieb mir allerlei Chemisches und riet mir dringend, das Gelenk zu schonen. Dann schrieb er mich für eine Woche arbeitsunfähig, weil das Schonen das Schreiben mit einschliesse.

Ich melde ich deshalb auch hier für ein Weilchen ab. Auf Wiederlesen.

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Nachtrag 6. Dezember: Nachdem auch er den nach wie vor geschwollenen und schmerzenden Ellbogen geröntgt hat, sagt der Hausarzt, er könne nichts Genaues erkennen, gehe aber davon aus, dass in dem Gelenk “etwas abgebrochen” sei. Er meldet mich im Spital Emmental für eine Computertomographie an. Und schreibt mich bis Weihnachten arbeitsunfähig.

Nachtrag 11. Dezember: Aha – ein Trümmerbruch.

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(Schadensskizze der Oberärztin: Das matterhornförmige Knochenstück unterhalb des Oberarmknochens ist kaputt. Es sorgt dafür, dass der Unterarm nicht unkontrolliert am Ellbogen baumelt.)

Nachtrag 12. Dezember: Gespräch mit dem Chirurgen. Laut ihm besteht bei einer Operation ein gewisses Verschlimmbesserungsrisiko. Also: Kein Eingriff, stattdessen weiter mit Schiene, Salbe, viel Chemie und, neu, einer Ergotherapie. Die Schreibpause dauert länger als befürchtet. Die Schiene bleibt noch ein paar Wochen dran; Drehbewegungen des Unterarms sind strikte verboten. Ich tippe das hier deshalb einhändig mit links.

Nachtrag 24. Dezember: Neuerlicher Besuch beim Chirugen. Er wiederholt, dass es sich um eine aussergewöhnlich komplizierte Fraktur handle (“Wenn man sich einen Bruch wünschen könnte, wäre Ihrer sicher keiner von denen, die man sich wünschen würde”, sagt er) und bereitet mich geistig auf eine mehrmonatige Therapiezeit vor. Der Totalausfall währt noch bis mindestens Mitte Januar.

Aber immerhin: In den letzten fünf Wochen habe ich dank einer erstaunlichen Appetitlosigkeit acht Kilo abgenommen.

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Nachtrag 2. Januar: Seit Silvester Dauerdurchfall. Müsste nicht unbedingt sein. Inzwischen sind 11 Kilo weg.

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Ich kann mich nicht erinnern, mich je so auf einen Arztbesuch gefreut zu haben wie auf jenen vom 16. Januar. Habe die (ja: vielleicht etwas unrealistische) Vorstellung, dass er dann den Arm auspackt, kurz auf den Ellenbogen drückt und sagt: “Alles bestens!”

Nachtrag 16. Januar: Von “alles bestens” bin ich nochli entfernt. Aber immerhin: Laut dem Arzt kann ich ab nächster Woche wieder zu 50% arbeiten. Die Schiene bleibt weiterhin dran, weil der Knochen immer noch am Verheilen ist.

Ende einer Ausfahrt

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Als wir uns schon darauf freuten, demnächst die Grenze in Basel überqueren zu können, gerieten wir am Sonntagnachmittag auf der deutschen Autobahn in einen Stau. Wir ahnten: Weiter vorne hatte es wohl einen Unfall gegeben. Und wir merkten bald: An ein Weiterkommen würde in absehbarer Zeit nicht zu denken sein.

Immer mehr Leute stiegen aus ihren Wagen. Sie spazierten auf dem Asphalt herum, rauchten oder erledigten hinter den Büschen am Strassenrand anderes Dringliches. Eine Familie kurbelte die Fenster hinunter und unterhielt die Schicksalsgemeinschaft mit lauter Musik ab Konserve. Ein junger Mann montierte sich die Rollerskates an die Füsse und fuhr nach vorne, um nachzuschauen, was da los sei.

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Wir warteten und warteten und warteten. Ich fotografierte die Kolonne. Dazu kommt man sonst ja nicht allzuoft, zum Bilderschiessen auf der Autobahn.

Zwei Minuten, nachdem ich auf den Auslöser gedrückt hatte, bahnte sich ein Auto einen Weg durch die Gasse. Es war mit “Bestattungsdienst” beschriftet.

Eine Viertelstunde später setzte sich die Wagenschlange wieder in Bewegung.

Irgendwann passierten wir zwei Feuerwehrautos. Sie waren so parkiert, dass es den Vorbeifahrenden unmöglich war, zu erkennen, was hinter ihnen vorging. Alles, was wir sahen, waren Teile eines grauen Blechhaufens. Und der Leichenwagen von vorhin.

In einer Sekunde war also jemand völlig arglos von A nach B unterwegs gewesen. Vielleicht hatte er gerade über einen Witz gelacht. Möglicherweise freute sie sich auf das Wiedersehen mit der Familie, oder mit Freunden, die sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte.

In der nächsten Sekunde war er oder sie tot.

Zuhause gooelte ich nach “Autobahn, Unfall, Bad Krozingen”. Ich erfuhr, dass vor uns ein älterer Autolenker tödlich verunglückt war. Seine Beifahrerin hatte mit schweren Verletzungen ins Spital geflogen werden müssen.

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Endstation

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Jetzt also: Melbourne.

Melbourne ist die letzte Station auf unserem

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Australientrip.

Nach Melbourne kommt nichts mehr, nur der Rückflug in die Schweiz, in der es laut der SMS einer extrem nahen Verwandten “total trüb und sehr dunkel” ist (und offenbar bis auf Weiteres bleibt).

Vier Tage bleiben uns noch. Wir werden die letzten Stunden geniessen, als ob wir soeben in Sydney gelandet wären und unsere sieben Flitterwochen vor uns liegen würden wie ein neues, dickes Buch, in dem wir nun von einer wunderschönen Geschichte zur nächsten blättern dürfen.

An Gelegenheiten, auch am letzten Ziel unserer XXL-Ferien den Plausch zu haben, fehlts nicht. Wir besuchen einen riesengrossen Markt, fahren mit dem Gratis-Bähnli den Sehenswürdigkeiten nach, ziehen uns chli Kultur rein, lassen uns in der australischen Geschichte versinken und bummeln ansonsten planlos durch die Gassen.

Zu behaupten, dass wir froh darüber seien, Melbourne erreicht zu haben, wäre trotz allem, was die zweitgrösste Stadt dieses Kontinents ihren Gästen bietet, übertrieben. Ganz im Gegenteil: Je näher wir der Metropole kamen, desto öfter erfasste uns eine leichte Schwermut.

“Melbourne”: Das hatte für uns immer etwas bedrückend Abschliessendes und Unwiderrufliches. “Melbourne” war nichts, woran wir gerne dachten.

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(Bild: Schatz)

Vorhin versuchte ich, unsere Hochzeitsreise im Kopf noch einmal abzufahren und -fliegen. Es gelang mir nicht auf Anhieb. Wir erlebten in Queensland, New South Wales und Victoria so viel Faszinierendes, dass manches in den Hintergrund rückt, was für andere Menschen einen Höhepunkt ihres Lebens darstellt. Der Ausflug zum Great Barrier Reef zum Beispiel fiel mir erst im zweiten Anlauf ein.

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(Bild: Schatz)

Doch bevor das hier allzusehr ins Melancholische ausartet, trete ich geistig auf die Bremse. Denn was wir in diesen knapp zwei Monaten vor allem hatten, war unwahrscheinliches Glück: Wir trafen jeden Tag Menschen, die wir jederzeit gerne wiedersehen würden (und die wir zum Teil in absehbarer Zeit wiedersehen werden). Regen gabs so gut wie nie, dafür Sonnenschein vom frühen Morgen bis spät am Abend. Wir sahen Orte und Tiere und Pflanzen, deren Pracht sich nicht beschreiben lässt.

Mehr als viele Worte fassen Chantals Bilder einige Eindrücke zusammen:

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Wir hatten, obwohl wir beinahe 5000 Autokilometer auf der für uns falschen Seite zurücklegten, keinen einzigen Unfall zu beklagen. Wir sahen, obwohl unzählige Buschbrände wüten, kein einziges Feuer aus der Nähe. Wir überfuhren, obwohl an den Strassenrändern Tausende von toten Kängurus, Wombats und Kaninchen liegen, kein Lebewesen. Wir wurden weder beraubt noch betrogen. Wir haben nicht einmal etwas Wichtiges verloren.

Ausser unsere Herzen – an Australien.

Nachdem uns das schon bei unserer ersten Reise vor zwei Jahren passiert ist, wissen wir heute endgültig:

Diese Liebe hält ewig.

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(Mit diesem Beitrag endet unsere Berichterstattung von “Down underwäx”. In ein paar Tagen geht es in diesem Blog wieder mit dem “Schreibzeug” weiter.)

Der Mann mit neun Leben

Irgendwie geht mir der Mann nicht aus dem Kopf. Als wir neulich drei Tage bei Chantals Cousine Nathalie in Brunswick Heads bei Byron Bay verbrachten, lernten wir Dean Cook kennen. Er lebt mit Nathalie zusammen. Ganz freiwillig tut er das nicht: Als ehemalige Krankenschwester kümmert sie sich hauptberuflich um ihn.

Dean Cooks grosse Leidenschaft war ist das Surfen. Eine Zeitlang verdiente er seinen Lebensunterhalt mit dem Fotografieren und Filmen von Wellenreitern an der australischen Ostküste. Noch lieber stand er jedoch selber auf dem Brett.

Wahrscheinlich dachte er sich nicht viel dabei, als er eines Tages von seinem Board in den Ozean fiel. Doch was wie ein Routinemalheur aussah, endete in einem Drama: Während er unter Wasser lag, wurde er von einem anderen Surfer überfahren. Das Schwert am Brett des Kollegen schlitzte ihm den Bauch auf.

Nach der Notoperation musste Cook – wie schon früher, bei seinem erfolgreichen Kampf gegen den Hautkrebs – Unmengen von Medikamenten schlucken. Der ohnehin schon schwer malträtierte Körper kapitulierte: “Kookie”, wie ihn hier alle nennen, erlitt einen Schlaganfall. Wochenlang lag er im Koma. Kaum war er daraus erwacht, brachte er sich das Sprechen neu bei.

Nun sucht Dean Cook einen Weg zurück in die Normalität. Er geht in die nahegelegenen Shops einkaufen, kocht, redet ununterbrochen mit Freunden, Wildfremden oder, wenn gerade niemand im Haus ist, sich selber, guckt stundenlang Surffilme und freut sich über die Besuche seines Sohnes; voller Vaterstolz zeigte er uns eine Zeitung mit dem 14jährigen Profi-Skater auf der Titelseite.

Cooks einziges Ziel ist es, so bald wie möglich wieder auf dem Surfbrett zu stehen. Daran, dass ihm das gelingt, hat er keine Zweifel. Diese Zuversicht kommt nicht von ungefähr: Wer dem Tod schon so oft von der Schippe gesprungen ist wie “Kookie”, stellt sich unmöglich scheinenden Herausforderungen wohl mit einem ganz anderen Selbstverstrauen als jemand, dem immer alles in den Schoss gefallen ist.

Ihm seien neun Leben geschenkt worden, sagte Cook bei einem Kaffee in Nathalies Küche. Nach all den Krankheiten und Unfällen müsse er allerdings davon ausgehen, dass der Vorrat erschöpft sei.

Das eine Leben, das ihm noch bleibt, will er keinesfalls als hilfsbedürftiger Patient verbringen, der fast rund um die Uhr Pillen benötigt, um einigermassen zu funktionieren. Sondern als selbstständiger und eigenverantwortlicher Mensch; draussen, auf dem Meer.

Mit nichts als dem Brett unter den Füssen und der Freiheit im Herzen.

Nachtrag 23. Dezember 2012: Dean Cook ist verschwunden. Er wird von der Polizei gesucht.

Die Betreuungs-Industrie

68 Touristen – darunter 36 Schweizer – wurden beim Totentempel der Hatschepsut in Luxor am 17. November 1997 von arabischen Terroristen massakriert. Auf dem Flughafen Kloten versuchten Pfarrer und Psychologen, die Angehörigen und Freunde zu trösten, die vergeblich auf die Heimkehr ihrer Angehörigen warteten. “Careteam” nannten die Medien die Helferinnen und Helfer, die sich tagelang um die Hinterbliebenen kümmerten.

In der Folge gab es keine Katastrophe (Absturz der SR111 vor Halifax, Anschläge vom 11. September, Attentat von Zug, Tod von Michael Jackson), nach der nicht umgehend eine Armee von Seelsorgern und Psychologen ausgerückt wäre, um sich um die Hinterbliebenen zu kümmern.

Bald galt: Wo ein Unglück ist, ist auch ein Careteam. Der Satz “…werden professionell betreut” ist zum unverzichtbaren Bestandteil von Polizeimeldungen über Morde, Entführungen, Banküberfälle und Verkehrsunfälle mit mehr als einem Leichtverletzten geworden. Von der Lawine in den Bergen bis zur Salmonelle im Heim – wers überlebt, kann davon ausgehen: Sie werden geholfen.

Dank der Wirtschaftskrise ist die Carebranche längst nicht mehr von bewaffneten Irren, betrunkenen Verkehrsteilnehmern und dem Schicksal abgängig: Nach einer Massenentlassung stehen vor den Türe der soeben geschlossenen Firma nicht Berufsberater oder Jobvermittler, sondern Psycho- und Soziologen, um den Betroffenen die Gelegenheit zu geben, darüber zu reden.

Was momentan in Biel passiert, ist für die Carerinnen und Carer vermutlich ein Freudenfest wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen – zumindest theoretisch: Seit Mittwoch sucht die Polizei einen bewaffneten Senior, der bei Bedarf auch auf Angehörige von Spezianeinheiten schiesst. Theoretisch ist also eine ganze Stadt betreuungsbedürftig. Nur: Für die Bielerinnen und Bieler bietet der Fall zwar rund um die Uhr Gesprächsstoff, aber offensichtlich keinen Anlass zur übertriebenen Sorge.

Entsprechend froh dürften die Gutmenschen vom Dienst gewesen sein, als am Freitagmorgen ein paar Bieler Kinder versehentlich zur Schule gingen, obwohl wegen des alten Mannes mit dem Gewehr gar kein Unterricht stattfand: die Kids wurden sofort betreut. Auf die Idee, die Kleinen einfach wieder nach Hause zu schicken, kam kein Mensch.