Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

First World Problems

So ruft “unser” Hotel seine Kundschaft zum Wassersparen auf:

Es wäre ja wirklich zu schade, wenn all die Springbrunnen und Wasserfälle in dieser Wüstenstadt auf einmal versiegen würden, nur, weil ihre Besucherinnen und Besucher es nicht schaffen, ein Badetuch zweimal zu benutzen.

Als Gäste, die wissen, was sich gehört, und denen vor allem bewusst ist, dass wir die Welt, in der wir leben, nur von unseren Nachkommen geliehen bekommen haben undsoweiterundsofort, taten wir, wie gebeten, und hängten die Tücher nach dem Abtrocknen wieder auf.

Unser Room Cleaning Assistant wechselte sie trotzdem gegen neue aus.

Ausgepumpt

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Nie hat jemand sie gelobt, kein Mensch hat je dankbar eines ihrer Ventile getätschelt. Stattdessen liessen wir Hausbewohnerinnen und -bewohner sie ununterbrochen für uns chrampfen: Wir schütteten sie rund um die Uhr mit Abwasser aus der Küche, dem Bad und der Toilette voll und gingen wie selbstverständlich davon aus, dass sie sich dann schon irgendwie darum kümmern würde.

Jahrelang ging das gut. Tag und Nacht verrichtete die Pumpe im Garten ihren Dienst, ohne sich auch nur einmal über die viele Arbeit zu beklagen. Aber jetzt: jetzt ist sie kollabiert. Für uns heisst das: Rien ne va plus, oder ämu fast rien.

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Ein von unseren Vermietern eiligst aufgebotenes Careteam fuhr gestern zwar nicht mit Blaulicht, aber immerhin mit einem blauen Einsatzwagen, in unserem Quartier vor, um sich um die Darniederliegende zu kümmern. Mit viel gutem Zureden und unter Einsatz all ihres handwerklichen Könnens versuchten die Männer, sie zum Weitermachen zu bewegen, doch es nützte alles nichts. Die Experten beschlossen, die offenbar unter akuter Verstopfung leidende Patientin von ihrem Leiden zu erlösen und sie zu ersetzen. Bis ihre Nachfolgerin im Loch in der Wiese versenkt ist, gelten in unserem Haus neue Regeln:

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Etwas Gutes hat der Zusammenbruch der alten Pumpe aber gehabt: Wir betrachten das Wirken der überraschend von uns Geholten rückblickend mit jener Demut, die schon zu ihren Aktivzeiten angezeigt gewesen wäre. Wir lassen Wasser nur noch wenn unbedingt nötig laufen und sorgen mit Stöpseln dafür, dass kein Tröpfchen in der Leitung verschwindet und sich von dort ungesäubert in den Boden ergiesst.

Oder, um es frei von jeglichem Pathos zu formulieren: Wir pflegen ohne Rücksicht auf unser eigenes Wohlbefinden auf einmal einen überaus umweltorientierten Umgang mit unseren Ressourcen und vergeuden nicht mehr achtlos den überlebenswichtigen Proviant der uns folgenden Generationen.

Was die neue Pumpe betrifft, die im Moment noch unter einer dicken Staubschicht in irgendeinem Lager darauf plangt, endlich zeigen zu können, was sie kann: Sie soll sich nicht zu sehr freuen. Sobald sie ihre Arbeit heute Nachmittag aufgenommen hat, entsorgen wir alles Wasser, das sich in den letzten 24 Stunden bei uns angestaut hat (siehe unten), auf einmal.

Und wenn sie, vermutlich erst gegen Abend, damit fertig geworden ist und ernüchtert denkt, “Phu! Hätte ich doch auf meine Eltern gehört und wäre, wie mein Papi, Stempeluhr in einem Zweimannbudeli geworden”, kommen die anderen Mieterinnen und Mieter nach Hause – und schütten ihre unfreiwillig angelegten Abwasservorräte ebenfalls zigliterweise in den Ausguss, ohne auch nur eine Sekunde lang kurz daran zu denken, was sie der stillen Schafferin im feuchtkalten Untergrund damit zumuten.

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Notizen aus dem Morgenland (X)

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Kurz nach Mitternacht muss ich für kleine Jungs. Neben mir bummelt meine Frau entspannt durch ihr Land der Träume. Ich will Chantal nicht wecken und verzichte deshalb darauf, das Licht anzumachen. Im Dunkeln tappe ich um das Bett herum und am Kleiderschrank vorbei. Auf der Höhe des Kaffeewasserkochers biege ich links ab; dann bin ich im Bad.

Mit der Routine des gelernten Sitzpinklers lasse ich mich auf dem kühlen Porzellan nieder. Doch kaum habe ich damit begonnen, den Dingen ihren Lauf zu lassen, stelle ich fest, dass ich mich aus Versehen auf das Bidet statt auf die Toilettenschüssel gesetzt habe.

Also wechsle ich vom kleinen auf den grossen Thron und mache auf diesem klar Schiff. In den Moment, in dem ich wieder ins Schlafgemach huschen will, entsinne ich mich der paar Tröpfli im Bidet. Auch diese gehören selbstverständlich beseitigt, nur: wie?

Um mir Klarheit darüber zu verschaffen, beuge ich mich über das für mich ungewohnte Körpersaftentsorgungsgerät. Mit der rechten Hand stütze ich mich auf dem Rand ab, mit der linken taste ich nach einem Schalter oder Hebel oder etwas zum Draufdrücken. Ein Knopf gerät mir zwischen die Finger. Ich drehe ihn auf, und zwar voll; wies Männer halt machen, wenn sie etwas ausprobieren und nicht genau wissen, wies geht.

Sekundenbruchteile später schiesst, wie von einem Gewehr abgefeuert, ein dicker, harter Strahl omanischer Spülflüssigkeit in mein linkes Auge. Reflexartig reisse ich den Kopf zurück, worauf die Fontäne an mir vorbeirast, donnernd an die Decke klatscht und sich von dort aus in unzähligen Ministurzbächen auf die Fliesen ergiesst.

Mit einem schmerzenden Sehorgan und innerlich wie ein Muslim fluchend, der zwei Tage vor Ramadanende durch ein Heer von beminirockten Serviertöchtern an einem sich unter Fleischbergen biegenden Buffet vorbeigehen muss, mache ich mich daran, den Boden zu trocknen. Dafür benötige ich eine Rolle Toilettenpapier. Auf die Idee, dafür ein Frottiertuch zu verwenden, komme ich als posttraumatisch Frischgestörter gar nicht.

Endlich zurück im Bett, nehme ich zur Kenntnis, dass meine Frau immer noch schläft. Sie hat offensichtlich nichts mitbekommen von dem Drama (andere würden vielleicht sagen, “von der Komödie”, aber das ist jetzt weder die Zeit noch der Ort für Schadenfreude), das sich nur zwei Meter Luftlinie von ihr entfernt soeben abgespielt hat.

Als mein Schatz Stunden später ins Badezimmer schlurft, ist darin alles tupfgenaugleich wie am Abend zuvor. Auch das Bidet lässt keine Anzeichen von Verhaltensauffälligkeiten erkennen, ganz im Gegenteil: Rein und weiss und blankpoliert wirkt es wie ein zwischen die Wanne und das Klo modelliertes Symbol der Unschuld.

Aber es und ich wissen: Wir sind noch nicht fertig miteinander. Ich habe bei ihm noch etwas offen. Vielleicht gönne ich mir zum Znacht ein extrafeuriges Chili con Carne – mit einer Riesenportion Bohnen.

Das Znacht zum Wetter

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Eigentlich hätten wir im Schlossfussläubli heute gerne ein Pferd auf den Grill geworfen, aber dann brachte mein Schatz ein Fondue mit nach Hause, und als wir in der Wohnung wenig später heisse Kartoffeln in den heissen Käse tunkten, musste ich sagen: Nichts passt besser zum Wetter im Sommer 2014 als das.

Meine ehemalige Arbeitskollegin Mirjam Messerli und ihr Mann Stefan von Below würdigten diesen Juliabend auf eine ähnliche Art und Weise:

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Dazu gabs Chäschüechli.

Aber mir wei nid chlage. Ziemlich in der Nähe, im oberen Emmental, haben die Leute wegen des Dauerregens gerade ganz andere Sorgen.

Inselleben (VI)

Tag 5, immer mal wieder

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Schlappschuss 1: Die grünrotgelbe Möve, die direkt über mir jetzt eine halbe Stunde lang Kunststückli aufgeführt (extrem sehenswert: die einflügligen Rückwärtsloopings!) und dazu “Fly like an eagle” in der Orchesterversion von Andrè Rieu gepfiffen hat, verschwindet in dem Moment, in dem ich geistesgegenwärtig beschliesse, sie zu filmen.

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Saubere Sache: “Es hat Beschwerden gegeben. Viele Touristen störts, dass es zwischen ihren Arschbacken dauernd knirscht und ripst, wenn sie nachem Sünnele zum Hotel laufen. Das heisst: Weg mit dem Sand!”, hatte der Chef bei der Lagebesprechung am frühen Morgen gesagt. Also setzte sich José, der nach vier Jahren Arbeitslosigkeit endlich einen Job im Werkhof von Playa del Inglés gefunden hat und heute zum ersten Mal im Einsatz steht, auf den Bagger und fuhr zum Strand. Kaum war er weg, prusteten sein Vorgesetzter und seine Gspändli los und verbrachten den Rest des Vormittags damit, sich wiehernd auf die Schultern zu klopfen und miteinander zu wetten, ob der Neue bis Ende Woche durchhalten würde.

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FKK: Aller Gattig Hühner sind nur deshalb auf Gran Canaria, weil sie hier die Garantie haben, nahtlos braun zu werden.

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Schwacher Trost: Weil ich immer noch keine Live-Kanarienvögel gesehen habe, beobachte ich nun stundenlang Cocktaildekorationen, um wenigstens ein bisschen Farbe im Leben zu haben. A propos “Leben”: Die wüste Geschichte von gestern nahm ein glückliches Ende. Im letzten Moment sah ich zwei Meter neben den Dünen ein Fusswägli, auf dem ich leichten Herzens und fast unversehrten Gehirns in die Zivilisation bummeln konnte, wo ich mir als Erstes einen Megagigaschoggipistaschstrattschatellaggupp gönnte.

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Schlappschuss 2: Als er die etwas gar theatralisch um Hilfe rufende Silikonrussin endlich den Quere- statt den Höchewäg zwischen den Kiefern hatte, stiess der Weisse Hai ins Meer zurück – ohne sich darum zu kümmern, dass ich immer noch damit beschäftigt war, einen Film in mein iPhone zu legen.

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Immer nur lächeln: Das gilt in Touristenhochburgen nicht nur für die menschlichen Glieder der Wertschöpfungskette, sondern auch für zufällig herausgepflückte Vertreterinnen und Vertreter der hierzueilande besonders bunten Botanikszene.

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Grund zum Strahlen: Mithilfe von ein paar Reisebüros – die ja dafür sorgen, dass das mit dem Rückflug klappt; oder eben nicht – konnte die Inselregierung ein paar Feriengäste dazu motivieren, beim Bergen von Uran-Brennstäben aus der Tiefsee mitzuhelfen.

Inselleben (V)

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Tag 4, irgendwann

Der senegalesische Sonnenbrillenverkäufer am Strand unten sah, wie alle senegalesischen Sonnenbrillenverkäufer am Strand unten, vertrauenswürdig aus. Es gab für mich folglich keinen Grund, ihn heute Morgen (oder vor zwei Tagen? Oder vor fünf Monaten?) nicht nach dem Weg zur Kirche zu fragen. Der Tag, an dem ich ihn fragte, wo die Kirche sei, muss also ein Sonntag gewesen sein, denn am Sonntag gehe ich immer zur Kirche, ausser, wenn ich nicht gehe.

Irgendwie bin ich froh, das noch zusammengebracht zu haben. Es spielt am Schluss vermutlich keine Rolle, wie alles andere auch, aber jetzt weiss ich immerhin, dass die Geschichte, die ich gleich zu erzählen versuchen werde, an einem Sonntag und nicht an einem Montag begann, und das gibt ihr irgendwie etwas…wie soll ich sagen?…Feierliches.

„No Taxi! Gangsta!“, warnte mich der Sonnenbrillenverkäufer, nachdem ich mich vorgestellt und ihm mein Ansinnen vorgetragen hatte. Zu Fuss zur Kirche zu gelangen, sei „no problem”, versicherte er. “Go left, left, right, left, right, right, up, change street, go left again, down, right, no, sorry: left, right, left, left.”

Dazu machte er Handbewegungen, die Skirennfahrer kurz vor dem Start machen, wenn sie die Strecke geistig bewältigen, bevor sie in den Abgrund sausen. Um dem Afrikaner meinen Respekt zu zollen und als Zeichen des Verstehens und Dankens nickte ich auf Senegalesisch. Dann marschierte ich voller Zuversicht, bald in der Kirche zu sitzen, nach left davon.

Und jetzt? Jetzt stehe ich hier, mitten in der Wüste. Unter mir glüht der Sand, über mir gleisst die Sonne, und in mir macht sich langsam ein Gefühl breit, das ich mit „totale Hoffnungslosigkeit“ beschreiben würde, wenn denn jemand da wäre, dem ich es beschreiben könnte. Aber es niemand da, ausser mir und ein paar Geiern, die jedesmal, wenn ich in die Höhe gucke, grösser zu werden scheinen, aber das kann natürlich auch täuschen.

Im Moment beschäftigen mich drei Probleme. Ich habe

1. keinen Strom,
2. kein Wasser

und muss

3. dringend go bisle.

Die Dringlichkeit wechselt allpott, weshalb ich darauf verzichtet habe, die Sorgen zu nummerieren. Wir sind hier sowieso nicht in der Hitparade, sondern, wie ich glaub schon erwähnt habe, in der Wüste oder, wie der Franzose sagt, „in the middle of nowhere“, was Verschiedenes chli verkompliziert; vor allem mein Leben.

Ganz schlimm ist die Sache mit dem Bisle. In den Millionen von Jahren, die nach der Gründung dieser Wüste ins Ödland gezogen sind, ist es offensichtlich noch keinem Menschen in den Sinn gekommen, hinter einer der zahllosen Dünen eine Toilette hinzustellen für den Fall, dass ein Kirchgänger mit einer platschvollen Blase vom Weg abkommt und sich mir nichts, dir nichts in einem gigantischen Sandkasten wiederfindet, der keinen Anfang hat und kein Ende.

Wenn das nicht zum bitterstmöglichen Lachen ist – was dann?

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Genau: Das mit dem Strom. Es gibt hier Sonne bis an den nicht vorhandenen Bach abe, aber trotzdem weit und breit keine Solarzelle, an der man einen Laptop einstöpseln könnte, um sich ein paar You- oder Porntube-Filmchen reinzuziehen oder ein bisschen facezubooken oder einfach mal unverbindlich die Rega anzumailen und zu fragen, wie das sei: Angenommen, man habe einen Kollegen, der gerade dabei sei, in der kanarischen Wüste zu sterben. Weiter angenommen, dieser Depp habe vor den Ferien vor lauter Packen vergessen, seinen Jahresbeitrag einzuzahlen – ob so einer, rein theoretisch natürlich, eigentlich auch mit dem Heli geholt würde, oder ob man den einfach verräblen liesse, bis er das Geld überwiesen hat?

Am Elendesten ist inzwischen das Wasserproblem geworden (vorher wars noch das mit dem Bisle, ich weiss. Aber wie ich schon sagte: Das ändert laufend). Ich würde inzwischen jedes Wasser trinken, auch solches, das direkt aus der Kläranlage kommt, oder aus der Toilette (Mist: Das hätte ich jetzt besser nicht geschrieben. Ist das zu glauben, Ladys and Gentlemen in der Desert-Arena und zuhause an den Fernsehern? Soeben ist die Bislisache wie gstört am Wasserthema vorbei erneut auf Platz 1 gerast. Mein Gott, ist das spannend heute!) einer Disco in Playa del Inglés, und wenn welches umewäre, gäbe ich mich sogar mit Hahnenwasser für SFr. 2.50 pro Glas zufrieden, aber wenn meine Tante Rädli hätte, wäre sie ein Velo oder ein Leiterwägeli oder, im Optimalfall, ein mobiles WC. Irgendwie müssen diese Hüttli ja vom Rockfestival A zum Schwingfest B transportiert werden, und mit Rädli geht das sicher besser als ohne.

Pf.

Pf. Pf.

Pf.

Stimmt – das mit dem „Pf“ habe ich noch gar nicht erwähnt. Es ist nämlich so, dass mein Gehirn verdampft. Das tut es nicht auf einen Chlapf, sondern ganz langsam, und immer, wenn es in meinem Kopf „Pf“ macht, weiss ich: Jetzt sind wieder ein paar Zellen weg.

Algebra, Mathematik, Geometrie, Geografie, die Feinmotorik, der Orientierungssinn und, glaub, das Gespür für kurze und prägnante Texte haben sich, wenn nicht schon vor Jahrzehnten, dann ganz bestimmt in den letzten Stunden, verflüchtigt und minimunzige Wölklein gebildet. Wenn diese sich an der inneren Schädeldecke entleeren, tröpfelts ein wenig aus den Ohren. Ich habe mir schon überlegt, diese Tropfen aufzufangen, um wenigstens ein bisschen etwas zu Trinken zu haben, aber wenn man nicht Gene Simmons ist und eine Zunge hat, mit der man von Zürich aus Curry in Mumbai probieren kann, nützt alles Herausstrecken nichts: Man schaffts einfach nicht unters Ohrläppli; nicht einmal halb.

Pf.

Das war der Kommasetzsinn. Jetzt wirds heikel jetzt gehts ans Eingemachte wie die Bäuerin ame beim Chütteneschleeabfüllen murmelt und wenn ich nicht grausam aufpasse rinnt mir demnächst auch die Orthografie aus den Ohren und nach ihr die Grammatik und dann guet Nacht am Sächsi oder was auch immer wir dann für Zeit haben ich habe das Zeitgefühl um punkt 15.47 heute Nachmittag oder im Herbst des Jahres 1987 verloren und mein Handy im Hotel vergessen auf dem ich sehen könnte was für, zeit ist (ich glaube jetzt verpffftet gerade die Ordo Orto Orgra das vürs Schreiben hoffentlich teusche ich, mich heieieiei).

Wann wenn nich jetzt ist eine gute gelehenheit um das lehben zu blanzieren moment das dauert nicht lange bin gleich wieder da also mein lehben war gut soweit ich dasss von hir aus beurteilen kann scheisse die geier sind afe weit unten. Ess isst mir zwar nich immer alles inden schos gefallen aber das, macht nichts weil es kann auch huere weetun wenn einam ewtas in den Schos fällt je, nachdäm was es ist, und blözlich muss man im gmischten chohr auf die andere Seitte wächseln weil man als Mann auf einmal so einen schöhnen sobran hat ich habe eienn tollen mann den ich über alles liebe er heist angelika und hatt eine glasse und sieh aus wi bobmarli nur anders. Und was, ic schon immär mahlsagenwolltejetzt kann ich’s jasagen ich bin nicht mahgersüchtig, apsolut nie. Ahrauwirtmeissterahrauwirtmeissterahrauwirtmeisster geegen Gorbaschoff.

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Ichsähe gerade hinter, mier steht 1 Duschsche sie funktioniert mal schauen was, pasiert wenn ich sie anlasse supper sie, läuft aber es kommt nur kalltwasser und das ist eggstremgefehrlich in dieser hize, kaltwasser das, giebt einen Hertschlag und zackbummisstallesvorbei; ist das jetzt schohn der regaheli oder sinnd das immer noch die Geier ist? doch gleich ic.*(%””+)%?%*()(++& , Schäzzu!!!

Adiós, Gran Canaria – und vor allem: Tschou Burgdorf!

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Kein Leben auf dem Wasser…

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…tote Hose am Strand…

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…gähnende Leere in den Beizen…

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…und ein Höllenkrach beim Zmorgekaffee:

Es ist Zeit, das Rucksäckli zu packen und zu verschwinden.

Beim Gedanken daran, nach Hause zu fliegen und bald wieder in Burgdorf, im alten Markt, dem tollsten Quartier der Welt, zu sein, bei meinem Schatz und all den anderen Menschen, die ich in den letzten Tagen zwischendurch schones Birebitzeli vermisst habe, wird mir trotz der 16 arktischen Grad auf dem gleich verregneten Gran Canaria so richtig wohlig warm ums Herz.