Ende Feuer

Wir wissen nicht, in wessen Stube du im letzten Dezember standest, und wir staunten nicht schlecht, als du eines Januarmorgens in unserem Garten lagst.

Jetzt, lieber Christbaum, wurde es time to say good-bye. Auf deine trockene Art hast du dein Schicksal klaglos akzeptiert und gingst fast so schnell von uns, wie du gekommen warst.

Neue Erkenntnisse und alte Gewissheiten

Dieses Bild dürfte unzählige Eltern in Erklärungsnotstände bringen: Der Samichlaus verbringt seine Freizeit nicht in einem bescheidenen Iglu am Nordpol oder in einer spartanisch eingerichteten Hütte im Schwarzwald, sondern, wie wir gestern stirnrunzelnd feststellen mussten, an einem Strand in der Nähe von Sydney.

Abgesehen davon ist der Schmutzli offensichtlich kein Mann, und was das Eseli betrifft, muss die Weihnachtsgeschichte vermutlich sowieso von Anfang an neu geschrieben werden.

Wir haben den Heiligen Abend soeben mit unserer australischen Familie gefeiert. Gleich fahren wir zum Flughafen. Um 4 Uhr geben wir das Mietauto zurück, zwei Stunden später heben wir in Richtung Dubai ab, von wo aus es dann weiter nach Zürich und Burgdorf geht.

Während ich so dasitze und mit einer Mischung aus Abschiedsschmerz und Heimweh (an dieser Stelle: Herzliche Grüsse an all unsere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde und last, but überhaupt nicht least, Tess!) in den Nachthimmel über der Südhalbkugel starre, wird mir wie jedesmal, wenn wir diesen Kontinent verlassen, klar, dass es mit der Zeit immer dasselbe ist: Sie rast einem davon, sobald man auch nur daran denkt, sich zu wünschen, dass sie für einen Moment viele Jahre stillstehen möge.

Das Christkind surft auf allen Kanälen

In kurzen Hosen und im T-Shirt durch vorweihnächtlich dekorierte Städte und Dörfer zu fahren: Das hat was.

Doch die Freude darüber, die Festtage schwitzend verbringen zu dürfen, während die lieben Daheimgebliebenen sich kaum aus dem Haus wagen aus lauter Angst, schon auf dem Fussabtreter elendiglich zu erfrieren, wird empfindlich gedämpft, sobald man das Autoradio andreht.

Die Tatsache, dass in zwei Wochen das Christkind kommt (in Australien surft es in weissen Bikini von Haus zu Haus), lässt die Verantwortlichen sämtlicher Stationen kollektiv hyperventilieren. „Ihr, die hier einschaltet, lasset alle Hoffnung fahren“: Nach diesem Motto begraben die Sender ihr Publikum rund um die Uhr unter einer klebrigsüssen Masse aus Liedern, in denen mindestens 20 Mal das Wort „Christmas“ vorkommt, und Wortbeiträgen, die sich ebenfalls immer nur um das Eine drehen.

Hörer erinnern sich in endlosen Telefoninterviews an ihr schönstes Fest, Hörerinnen verraten aufgeregt ihre Feiertagsmenürezepte, Kinder lesen coram publico ihre Wunschlisten vor. Und wenn die Moderatorinnen und Moderatoren einmal für ein paar Minuten pausieren (vermutlich, um sich ordentlich Glühwein nachzuschenken; nüchtern steht kein Mensch ein solches Programm durch), herrscht nicht etwa Ruhe im Stall: Dann wirbt die lokale Wirtschaft auf Engel komm raus für ihre sensational, unbelieveable und breathtaking Weihnachtsangebote.

Zur Ablenkung aus dem Autofenster zu starren, bringt wenig: Vor jeder Kirche, vor jeder Schule und vor jedem Gemeindezentrum laden grosse Plakate zum grossen gemeinsamen Chorsingen ein. In den Beizen weisen lustige Flyer auf die unmittelbar bevorstehende Ankunft von Santa Claus hin:

Aber, immerhin: Von „Last Christmas“ von Wham blieben wir bisher verschont. Zumindest in dieser Hinsicht sind die Grenzen des Zumutbaren für die Radiomacher Down Under offensichtlich früher erreicht als für ihre Kolleginnen und Kollegen jenseits der Äquators.

Notizen aus dem Morgenland (VI)

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Jesus ist für die Muslime zwar ein wichtiger Prophet. Einen Grund dafür, dessen Geburt zu feiern, sehen die Anhänger des Islam aber nicht.

Wenn Weihnachten im Oman in diesen Tagen trotzdem ein Thema ist, dann vor allem wegen all jener Touristen, die die Feiertage lieber bei 30 Grad im Schatten als bei Minustemperaturen im Schneepflotsch verbringen.

Auch die Direktion unseres Hotels legt sich tüchtig ins Zeug, um ihren Gästen ein wenig Adventsstimmung zu bieten. In der Lobby steht seit ein paar Tagen ein riesiger Christbaum. Von der Decke hängen meterlange Elektro-Lamettabänder. Nach Weihrauch duftet es in diesem Land unabhängig von der Jahreszeit sowieso fast überall.

Selbst Bäume in der Hotelanlage sind festtäglich dekoriert: Sobald sich die Dämmerung über die Ostküste legt, beginnen die Lichterschlangen an den Palmenstämmen beim Pool zu leuchten.

Notizen aus dem Morgenland (I)

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Ein grösserer Gegensatz ist kaum denkbar: Mitten in Maskat, hoch vom Minarett, ruft der Muezzin die Gläubigen zum Abendgebet. Drinnen, in der Hotellobby, singen amerikanische Kinder Weihnachtslieder unter einem riesigen Christbaum, dessen Lichter Minuten zuvor Greta C. Holtz, die US-Botschafterin im Oman, angeknipst hat.

Fundamentalismus? Terror? Krieg? Das alles scheint hier, im Oman, unendlich weit weg zu sein. Das ist umso bemerkenswerter, als das Sultanat nicht mit den umgänglichsten Nachbarn gesegnet ist, die sich friedliebende Menschen gemeinhin wünschen: Im Westen grenzt Oman an Saudi-Arabien und Jemen. Etwas weiter nördlich, gleich hinter dem Golf, breiten sich der Iran, Irak und Afghanistan aus.

“Wir wetteifern nicht mit anderen Nationen um die Grösse der Hotels und die Anzahl der Luxusläden”, sagt der Fahrer, der uns nach Mitternacht am Flughafen abholt, mit einem Blick auf die Protz- und Prunkmetropole Dubai, die ihm immer mehr vorkomme “wie Las Vegas”.

Oberstes Ziel der Omanis und ihrer Regierung sei vielmehr, dafür zu sorgen, dass sich die Einheimischen und ihre Gäste wohlfühlen und alle “in Frieden leben können”. Entsprechend gross geschrieben werde die gegenseitige Toleranz: “Alles – ausser Bikinis” antwortet er auf die Frage nach der allgemein gültigen Kleiderordnung.

Die verschiedenen Religionen, die sich auf dem 300 000 Quadratkilometer grossen und grösstenteils von Sand bedeckten Flecken Erde tummeln, hätten untereinander keine Probleme. Staatsreligion sei zwar der Islam. Doch die Sunniten, Schiiten, Hindus und Christen, die zusammengenommen rund 10 Prozent er Bevölkerung ausmachen, könnten ihren Glauben leben, ohne Repressalien befürchten zu müssen.

“Leben und leben lassen”: Angesichts all der religiös motivierten Gräueltaten, die nicht nur, aber auch im Orient verübt wurden und nach wie vor werden, erhält diese abgedroschene Floskel hier auf einmal eine sehr reale Bedeutung.

Im Übrigen gebe es im Oman auch politisch keinen Grund zur Klage, versichert der Fahrer: Sultan Quabus, der das Land absolutistisch regiert, seit er 1970 seinen Vater vom Thron geputscht hat, sei ein “sehr guter Mann”, der sich um sein Volk kümmere. Er reise jedes Jahr durch das Land, um mit seinen Untergebenen zu reden, und sorge – zum Beispiel – dafür, dass jedermann von der Grundschule bis zum Universitätsabschluss eine kostenlose Ausbildung geniessen könne.

Ja, räumt er ein: Vor drei Jahren habe es auch in Oman Demonstrationen gegeben. Aber die hätten sich nicht gegen den Herrscher gerichtet, sondern gegen zwei, drei Minister.

Der Muezzin und die Kinder im Hotel sind verstummt. Was nachklingt, ist die Erkenntnis, dass ein friedliches Neben- und Miteinander der Kulturen kein Traum zu sein braucht. Hier, im Oman, ist die Vision eine Realität.

Die Frage ist, wie lange noch. Der 74jährige Sultan lässt ein nicht näher definiertes medizinisches Problem seit Monaten im Deutschland behandeln, und ob seine Nachfolge geregelt ist – und wenn ja: wie – ist unklar.

Aber mir wei nid grüble.

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Scheinheilige Zeiten

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Auf diese Idee muss man erst einmal kommen: Kurz, bevor die Weihnachtszeit losgeht, beglückt die Bank Credit-Now ihre Kunden Schuldner und all jene, die es noch werden sollen, mit einem Adventskalender.

Wer die Türchen aufchnüüblet, stellt ernüchtert fest: Adventskalender sind auch nicht mehr, was sie einst waren: Wo früher Schoggiherzli, Guetsli, Radiergummis oder Gutscheine versteckt waren, prangen heute Zahlen.

Aber diese Codes haben es in sich, jedenfalls dann, wenn man den Verheissungen Sirenengesängen der Bank glaubt und sich die Mühe macht, sie jeden Tag auf der Website des Kreditinstituts einzutippen.

Denn “mit ein bisschen Glück”, verspricht die Bank, “gehören Sie zu den Tagessiegern”, die Preise im Wert von über 15 000 Franken gewinnen. Und damit nicht genug: Am Heiligen Abend würden die Hauptpreise gezogen. Dabei handle es sich um fünf Media Markt-Gutscheine à 1000 Franken.

Media-Markt? Genau: Das ist einer dieser Läden, deren Erfolg nicht zuletzt darauf beruht, dass die Kundinnen und Kunden umständelos auf Pump posten können, wonach auch immer ihnen der Sinn gerade steht. Das passt irgendwie also tiptopp.

Auf der zum Kalender gehörenden Website der Bank ist zu meiner Enttäuschung noch nicht wahnsinnig viel los:

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Was auffällt: Rechts oben auf der Seite prangen nicht etwa Wünsche für eine besinnliche Zeit und ein frohes Fest, sondern ziemlich gross drei Felder, die darauf hindeuten, worums der Absenderin des Kalenders wirklich geht:

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Aufs Geratewohl hin klicke ich eines der Felder an – und bin schon beinahe dort, wo mich die Rattenfänger von Anfang an haben wollten:

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Von hier aus muss ich nur ein paar Zentimeter nach unten scrollen, um auf waseliwas zu stossen?

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Et voilà: Da ist sie, die virtuelle Pforte zur Glückseligkeit. Die Mutter, die während des Öffnens der Türchen jeden Tag aufs Neue daran herumstudiert, womit sie ihren Kindern zumindest ein kleines Geschenk kaufen könnte, und der Vater, der sich seit Wochen beinahe hintersinnt, weil er die letzte Steuerrate dieses Jahres nicht bezahlen kann, atmet spätestens jetzt, beim Anblick dieses Buttons, auf. Es gibt also, wie die Bank-now in ihrer Werbung verspricht, tatsächlich “immer eine Lösung”.

Ausser für den Fall natürlich, dass statt des Christkindchens auf einmal der Betreibungsbeamte vor der Türe steht. Aber das müssen die Mutter und der Vater nicht unbedingt wissen. Und das spielt in diesem Moment, in dem das Ende aller Sorgen in Klicknähe liegt, auch gar keine Rolle. Was jetzt zählt, ist die Chance, schnell zu Geld zu kommen.

Koste es, was es wolle.

On the road again

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Weihnachten, die „Hochzeitsfeier“, Silvester; dazwischen immer wieder Fahrten in Läden und zu Verwandten, lange Gespräche, himmlisch romantische und höllisch wilde Ritte auf den Wellen, ein Bummel durch den

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Tierpark,

überüppige Essen…die Feiertage 2012 hatten es in sich. Auch wenn wir die Zeit bei unserer Familie in Sydney sehr genossen haben: Am Ende freuten wir uns doch darüber, am Neujahrsmorgen unsere längst deutlich mehr als Siebensachen zu packen und ins Auto zu steigen, um nach Süden, in Richtung Melbourne, weiterzustreunen.

Der Abschied wurde allen Beteiligten insofern etwas erleichtert, als einige unserer australischen Angehörigen planen, in mehr oder weniger absehbarer Zeit auf die nördliche Seite der Erde zu fliegen und auf ihrem Trip durch Europa auch bei uns vorbeizuschauen. Abgesehen davon: Irgendwann, in ein paar Jahren, sind wir schon wieder back in Sydney.

Etwas ermattet von all dem Rummel, war es uns – und vor allem Chantal, die die ganze Arbeit am Steuer leistet – nicht darum, gleich Hunderte von Kilometern zurückzulegen. Pressant haben wir es ja nicht: Wichtig ist nur, dass wir am 13. Januar in Melbourne sind, weil wir dann nach Tasmanien fliegen.

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Am späteren Nachmittag entdeckten wir einen Ort namens Shellharbour Beach. Das Küstenstädchen besteht aus nicht viel mehr als ein paar Läden, Beizchen, einem Fitnessstudio, einem Spa und einem Motel (in dem laut dem Mann an der Rezess Retzep Rezepz am Empfang eine Woche oder so vor uns ein gewisser Herb Hofstetter from Switzerland abgestiegen ist) und scheint wie für unsere aktuellen Bedürfnisse gebaut.

Wir geniessen am Strand die Ruhe, die nur hin und wieder von kreischenden Möven ud lachenden Kindern gestört wird (wobei “gestört” der falsche Ausdruck ist, weil von Störungen nicht die Schreibe sein kann; aber es fällt mir im Moment einfach nichts Passenderes ein).

Zu den Besonderheiten von Shellharbour Beach gehört, dass das
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Trinken von Alkohol tagsüber streng verboten

ist. Auch Pelikane, die auf den Strassenlaternen hausen, sieht man in Australien nicht überall.

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Morgen fahren wir weiter in den Süden. Wohin genau, wissen wir noch nicht. Rund zwei Stunden entfernt, gibt es eine Stadt namens Ulladulla. Das klingt schonmal nicht schlecht.

Zum Geburtstag viel Klick

Ein paar Wochen vor dem Geburi und rechtzeitig zu Weihnachten einen Wunschzettel zu schreiben: Das war früher Ehrensache. Man setzte sich hin, überlegte gaaaaanz lange, was man haben möchte…und notierte dann Wunsch um Wunsch in der schönsten Schnüerlischrift, die man zustandebrachte, auf ein sauberes, weisses Blatt Papier. Die teursten zuoberst, die billigsten ganz unten.

Je nach Kreativität garnierte man die Liste mit Blüemli, Vögeli oder Sünneli – und schickte sie dann auf gut Glück an Göttis, Gotten, Tanten, Onkel und weitere Verwandte, Bekannte und Zugewandte.

Heute hingegen:

Heute kreuzt man (oder s Mami) bei einem Online-Dealer an, was man haben will, und mailt den Link dann an potenzielle Spenderinnen und Spender. Diese brauchen sich nicht einmal aus dem Haus zu bemühen, um das Kind zu beschenken, sondern können gäbig per Mausklick bestellen, was verlangt gewünscht wird.

Das erspart einiges an Zeit und Nerven (für den Fall, dass es mit dem fehlerlosen und schönen Schreiben noch nicht so klappen sollte).

Das ganz Persönliche, das einen Wunschzettel ausmacht, bleibt auf diese Unart und Weise jedoch genauso auf der Strecke wie der Stil und die Freude daran, jemandem eine Freude zu machen.

Aus der Frühphase

“Weihnachten”: Dieses Wort ist Gold in Kinder- und Erwachsenenohren. Bei den Sprösslingen – so vermute ich wenigstens – stehen besonders die Päckli im Vordergrund. Bei den Erwachsenen mehr die Freude am Wiegenfest Jesus’ und nicht zuletzt das etwaige Musizieren ihrer kleinen Stradivaris und Mozarts.

Das Aufsatzthema lautet aber nicht, “Was ist Weihnachten?”, sondern: “Wie ist Weihnachten in Eurer Phantasie dargestellt?” – Ich möchte Weihnachten nicht als “Päckli-” oder Überraschungsfest erleben. Am liebsten wäre es mir, wenn Grossmutter, Grossvater, Onkel, Tante, Götti und die Gotte zu einem fröhlichen Schmaus kämen. Natürlich habe ich nichts gegen kleine Überraschungen, aber diese sollten nicht die Hauptsache sein.

Doch auch Vorweihnachten ist mir sehr sympathisch. Mir gefällt es immer sehr, wenn der Kranz mit den Kerzen auf dem Tisch steht und wenn zum Dessert ein Stück Kuchen serviert wird. Meine Tante hat mir einen wunderbaren Adventskranz aus leeren Streichholzschachteln gebastelt, in welchem jedesmal irgendetwas drin ist, was man gut gebrauchen kann. Zum Beispiel ein Spitzer, ein Gummi usw. Auf diese Weise könnte ich mir jedes Jahr ein kleines Büro einrichten.

Aber zu Weihnachten gehört sicher auch der Samichlaus. Am Abend des 6. Dezember sitzen wir mit den Grosseltern im Wohnzimmer, wo wir erwartungsvoll auf ein Klingeln im Treppenhaus warten. Sobald es dann läutet, beginnt mein Herz komisch zu klopfen, obwohl ich, ganz im Gegensatz zu meinem kleinen Bruder, ein ziemlich gutes Gewissen habe.

Ein Weihnachtswunsch von mir wäre aber auch, dass es in dieser Zeit keinen Krieg mehr gibt. Wenn man nämlich bedenkt, dass in Vietnam viele Väter Weihnachten im Panzer verbringen müssten, könnte einem fast ein bisschen die Festtagsfreude genommen werden.

Zum Schluss noch etwas zu Weihnachten im Allgemeinen: Man soll und darf dieses Fest nicht als Erwachsenen- oder Kinderfest beschreiben, sondern als eine Feier, welche in der ganzen Welt geachtet und geehrt wird.”

Dieser – nun ja – Artikel erschien am 5. Dezember 1978 im “Böjuer Informationsblatt”. Verfasst wurde er von einem gewissen Johannes Hofstetter (13).

Ich hatte damals an einem Schreibwettbewerb teilgenommen. In die Kränze kam ich mit der Erzählung nicht. Das lag weniger an der Konkurrenz (“Der Wettbewerb stiess leider nur auf wenig Gegenliebe und brachte termingerecht einen Beitrag”, teilte der rührige “Böjuer”-Verleger Franz Mattig seiner Leserschaft mit), sondern vor allem daran, dass ich den Einsendeschluss verpasst hatte. Aus Goodwill – und amänd, weil er sein Heft auch in den nicht übertrieben ereignisreichen Adventstagen füllen musste – druckte Mattig den Aufsatz trotzdem ab.

Jetzt, nachdem mir die Geschichte 33 Jahre später wieder in die Hände gefallen ist – Mütter neigen dazu, Dinge aufzubewahren, die man selber längst vergessen hat – muss ich sagen: Genauso würde ich sie wohl nicht mehr schreiben. Panzer und Krieg neben Adventskalendern und Kuchen: Mein erster und letzter gedruckter Kommentar zur grossen Weltpolitik wirkt rückblickend ein wenig sehr…wie soll ich sagen?…altklug. Und etwas gar konstruiert.

Unabhängig davon würde ich heute ganz bestimmt auf die Passage “…obwohl ich, ganz im Gegensatz zu meinem kleinen Bruder, ein ziemlich gutes Gewissen habe” verzichten.

Ich meine: Mein Brüetsch war damals siebenjährig. Was, bitteschön, kann am Gewissen eines Siebenjährigen schlecht sein?

Wahrscheinlich ist es nichts als ausgleichende Gerechtigkeit, wenn wegen dieses achtlos hingeworfenen Halbsatzes nun mich ein etwas ungutes Gefühl plagt.

Dasselbe gilt für einen Titel, den ich Jahre später über einen Fussball-Matchbericht setzte. Mein – schon wieder er! – Bruder stand eines unschönen Abends als Goalie des Drittligisten Reinach unter dem Dauerbeschuss der Stürmer des turmhoch überlegenen Zweitligisten Gunzwil.

Anderntags fiel mir nichts Gescheiteres ein, als den Text gross mit “Es war nicht Hofstetters Abend” zu überschreiben. Ich weiss nicht, welcher Teufel mich dabei geritten hatte. Vermutlich wollte ich der Leserschaft beweisen, dass ich beim Texten keine Rücksicht auf Verwandt- oder Freundschaften nehmen würde und als ganz und gar unabhängiger Reporter einfach rapportiere, was es zu rapportieren gibt. Möglicherweise wollte ich damit jemandem imponieren. Vielleicht wars auch nur der Restalkohol.

Die Gründe dafür mögen für immer im Dunkeln liegen. Klar ist jedoch: Obwohl mein Brüetsch nach mir in den Journalismus einstieg, wusste er lange vor mir, wie Worte verletzen können.

Ich selber merkte das irgendwann auch. Nach dem Stammtischerfolg “Sechs Frauen unter 400 Männern” (zum Start einer neuen Rekrutenschule in Freiburg) und dem romantisch-launigen “Küsse statt Schüsse” (über ein Schweiz-Kosovarisches Liebespaar) oder dem schampar originellen “Der Bundesrat gibt Gas” (im Lauf der Debatte über die Nachrichtenlosen Vermögen) sowie dem einen und anderen weiteren Schenkelklopfer segle ich schlagzeilenmässig nun schon seit einem geraumen Weilchen in gemässigteren Zonen.

Mein vorläufig letzter Titel lautete “…dann schreibe ich ein paar Zeilen”.

Damit gewinnt man keine Wettbewerbe. Aber dafür kann man sichs auch in 30 Jahren noch anschauen, ohne über sich selber den Kopf schütteln zu müssen.

Rose, Ring und Riesenfreuden

Ich weiss auch nicht, wieso ich dieses Video hier reinstelle. Ich bin sonst nicht der grosse Hiphop-Anhänger. Aber der Song, die Melodie, der Film dazu und überhaupt sind einfach zu gut, um einer breiten Öffentlichkeit vorenthalten zu werden.

Die letzten Tage waren, wie wir Australier sagen, “quite busy”: Mehr oder weniger alles stand – Überraschung! – im Zeichen von Weihnachten; jedenfalls für die meisten. Ich hatte noch anderes im Kopf und, vor allem: auf dem Herzen.

Vor Heiligabend besuchte Chantal ihre vife Grossmutter in den Blue Mountains. Dann wars mit der Ruhe vorbei: Praktisch ununterbrochen waren die Leute in den Shoppingcentern unterwegs, um sich mit Geschenken einzudecken. Das war insofern chli irritierend, als eine Woche zuvor noch alle versichert hatten, heuer ganz sicher keine Gschänkli zu posten.

Ich nutzte den Trubel, um – von meinem Schatz unbemerkt – meine Zukunft mit eben diesem Schatz zu regeln: Ich telefonierte mit Chantals Vater in Zürich, um bei ihm um die Hand seiner Tochter anzuhalten. Anschliessend kaufte ich einen purpurenen Ring mit Diamantsplitterchen plus eine Rose.

Am Feier-Abend versammelten sich rund 40 und damit so gut wie alle von Chantals Verwandten im Garten unserer Gastfamilie.

Bevor es ans Auspacken der Geschenke ging, machte ich Chantal vor allen erst leicht erstaunten und dann immer breiter strahlenden Leuten auf Englisch – damit auch alle verstanden, worum es geht – den Heiratsantrag. Ich war kaum vor ihr auf die Knie gegangen, als ich schon wusste: alles ist gut! Chantal sagte leicht fassungslos, aber freudigstens Ja!

Ich versuche gerade, mich zu erinnern, wann ich jemals so glücklich war in meinem Leben; es fällt mir beim besten Willen nichts ein – auch wenn ich in diesem Jahr schon mehr als einmal dachte: wunderbarer gehts kaum noch.

Am 25. Dezember erholten wir uns bei einem von Chantals Cousins zwischen Einfamilienhäuschen und Busch


am Pool.

Heute entführten uns zwei ihrer Cousinen an die

Südküste

zum


Barbeque.

Mit vollen Mägen zügelten wir anschliessend an den Strand.

Alles andere als langsam und sicher, neigen sich unsere Ferien im Paradies ihrem Ende zu. Ab morgen reisen wir drei Tage lang mit einem Mietwagen in Richtung Süden. Dann…nun…steht noch Silvester auf dem Programm, eine grosse Privatparty in Palm Beach, das Packen – und schliesslich der Rückflug. Am Sonntag um 18.30 hebt unser Airbus – falls die Technik mitmacht – nach Singapur ab.

Am Dienstagmorgen landen wir in Zürich, meine zukünftige Ehefrau und ich.