Im Traum- statt in Russland

Samstagabend, 17. Juni 2018: Millionen fiebern vor ihren Fernsehern und an Public Viewing-Plätzen mit, als die Schweiz an der Fussball-WM in Russland Brasilien ein 1:1 abtrotzt. Auch viele unserer Nachbarinnen und Nachbarn verfolgen den Match. Regelmässig sind aus dem umliegenden Häusern und Gärten  “Jaaaa!”- und “Neeeei!”-Rufe plus ein frenetischer Jubel zu vernehmen.

Unserer Tess ist das alles egal. Sie schläft. Alles, was wir von ihr hören, ist ein gelegentliches Seufzen und Murmeln.

Inselleben (IV)

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Tag 4, Abend: Nachdem ich das WM-Spiel der Schweiz gegen Frankreich zum Glück extra verpasst habe, schaue ich im TV-Eggeli am Hotelpool heute den Deutschen gegen Ghana zu. Vom Barkeeper meines Vertrauens habe ich mir gegen ein kleines Bakshish einen Platz reservieren lassen. Wenig später sollte sich zeigen, dass das nicht unbedingt nötig gewesen wäre (siehe Bild oben).

Die Stimmung in unserer naturgemäss germanisch dominierten Mini-IG ist bis zum nicht alle restlos happy machenden end heiter und entspannt. Graue Haare statt Glatzen, Weisswein statt Wodka, Häkeljacken statt Hakenkreuze, Bravos statt Buhs und Röckli statt Raketen: Imagine all the Fussballfans livin’ life immer so in peace.

Vor lauter Freude darüber, dass sich auch bei Halbzeit noch keine Toten und Verletzten zwischen den Stuhlreihen stapeln, erwäge ich kurz, “Hopp Ghana!” zu brüllen, lasse es dann aus Rücksicht auf jene Hotelgäste, die nach dem Znacht früh in die Federn gehüpft sind, damit sie auch morgen wieder kraftvoll zubeissen können, bleiben.

Schwingpreis
(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Zwischen Tag 4 und Tag 5: Sekunden, bevor ich am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Beinwil am See mit meinem Freund Hannes Zaugg-Graf in den Schlussgang steige (als Kampfrichter fungieren Pesche Leu von der kulturfabrikbigla, mein Brüetsch und Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw; als Lebendpreis winkt ein im Hallwilersee parkierter Blauwal, auf den mangels eines passenden Stalls weder mein Gegner noch ich übertrieben erpicht sind), beauftragt Elisabeth Zäch mich damit, das Schloss Burgdorf vom Keller bis zum Dach und innen und aussen schwarzgelbkariert zu bemalen, mit Neocolor, und zwar ganz alleine (“wir haben kein Geld und du hast ja Zeit”), bis Ende nächster Woche.

Es dauert ein Weilchen, bis ich wieder einschlafen kann.

Tag 5, nach einer verchrügleten Nacht: Der Sommerhit des Jahres 2014 auf Gran Canaria heisst…

(Trommelwirbel, atemlose Spannung, strengstes Blitzlichtverbot)

…“Killing my softly“ , wie schon letztes Jahr und vorletztes und vermutlich auch vorvor- und vorvorvorletztes.

Irgendwie ist es schon faszinierend: Vor über 40 Jahren war „Killing me softly“, das damals noch “Killing me softly with his Blues” hiess (vielleicht ist das wichtig, vielleicht auch nicht) – zum ersten Mal ein internationaler Hit. Gesungen hatte ihn damals Roberta Flack, und zwar so:

23 Jahre später schoss der Song in der Fassung der Fugees schon wieder an die Spitze von zig Hitparaden in Europa und Übersee. Seither kreist er wie ein Kettenbrief rund um den Erdball und legt immer genau dann einen Halt auf den Kanaren ein, wenn ich auf selbigen dem hemmungslosen Faulenzen fröne.

Wo auch immer man geht und steht und höcklet: Spätestens nach einer Viertelstunde legt Lauryn Hill los mit “Strumming my pain with his fingers, singing my life with his words…”.

Was die Hiphopballade zu einem unlöschbaren Dauerbrenner macht, hat sich mir auch nach dem achtmillionsten Zwangshören nicht zur Gänze erschlossen. Mir ist sie nach dem dritten Mal verleidet wie seinerzeit die Schule nach der ersten Pause. Dennoch scheint das Lied ein musikalischer Nenner zu sein, auf den sich sämtliche Touristen zwischen Abu Dhabi und Zagreb einigen können. So betrachtet, gibts an ihm wenig auszusetzen. Ich weiss gar nicht, was ich habe.

Wenn – nein: falls – ich in zehn Jahren nach Playa del Inglés zurückkomme, dröhnt womöglich endlich etwas anderes aus den Boxen über den Beizen und Bars. „Feel“ von Robbie Williams etwa; das kam 2002 auf den Markt und hat folglich beste Aussichen, 2024 zum neusten Heuler in den Ualaubaparadiesen zu avancieren.

Inselleben (I)

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Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des “Parqué Tropical”.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: “Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!”

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

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Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, “der beste Wingman aller Zeiten!” und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses “ñ” basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: “Ayayayayay!” (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

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Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

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fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf “wie, sagen wir…” “…ein Araber” folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

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Im Namen des Vorstandes schreibt er:

“Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).”

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als “Life!!!” angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

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Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

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gfürchige Wolkenwand

auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

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das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

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in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

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das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

Was für ein Match!

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Läck, das war ein Spiel gestern Abend, als ich mich mit dem iPad auf dem Gartensitzplätzli zu einer Runde “Coiffeur” zusammensetzte: Die Trumpf- und Bockkarten flogen mir nur so zu. Während der Rest der Nation die Fussballnati bei ihrem WM-Auftakt gegen Ecuador anfeuerte, kurvte ich souverän durch Slaloms (siehe Bild), triumphierte ich von obenabe und undenufe und bekam ich genau dann Puur und Nell zu Fünft von Kreuz ausgeteilt, wenn ich nur noch Kreuz machen konnte.