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Schlagwort: Zimmer

Schaffer, Schotten, Schlüssel, Schnäppchen

Während ich kurz vor Sonnenuntergang in einem Beizli am fast menschenleeren Strand von Playa del Inglés höckle und frohen Gemüts der Welten Lauf reflektiere, fällt mir siedenheiss ein, dass zuhause niemand weiss, wie es mir geht (aber ungut: Es hat mich, wie ich nicht gänzlich irritationsfrei konstatieren muss, auch kein Mensch danach gefragt).

Das war schon anders; ganz anders sogar: Als ich vor einem halben Jahr mit meinen Co-Geschäftsführern Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria weilte, erreichten mich fast täglich Mails und WhatsApp-Nachrichten, in denen sich zum Teil wildfremde Leute danach erkundigten, was wir so treiben. obwohl ich über unser Wirken auch ohne diese nervötenden Zuschriften wertvollen Inputs so ausführlich, wie es unser enggetakteter Zeitplan halt zuliess, Bericht erstattet hatte.

Um das also gleich vorwegzunehmen: Hofstetter und Hofstetter arbeiten in der Konzernzentrale dermassen intensiv am Umsetzen all der Leuchtturmprojekte, die unsere Vision „Rise to Eternity“ prägen – Kauf einer Kaffeemaschine, Klären, ob das Personal bis zu zweimal pro Woche daheim statt im Büro übernachten soll dürfen, regelmässige Lohnzahlungen undsoweiterundsofort – dass sie gar nicht mitbekamen, wie ich meine Siebensachen packte und vor die Küste Westafrikas verschwand. Das war jedenfalls die offizielle Version für die Medien.

Die inoffizielle lautet: Ich dachte keine Sekunde daran, Hofstetter und Hofstetter in meine Reisepläne einzuweihen, weil ich einfach wieder einmal meine Ruhe haben wollte. Nicht nur, aber auch und ganz besonders vor ihnen. Falls die beiden gerade mitlesen: Jetzt möchte ich eure Gesichter sehen! Ihr glaubtet, ich würde seit Freitag als Head Keynote-Speaker am Communication World Global Summit in Frankfurt von Messehalle zu Messehalle chauffiert, dabei nippe ich bei 26 Grad GMT an einem eisgekühlten Cola Zero, livin‘ live in peace watchin‘ the wheels go round and round (soviel nur am Rande zum inzwischen fast schon absurd kontrovers diskutierten Thema „Ist es möglich, Texte aus zwei John Lennon-Songs in einem Halbsatz miteinander zu verbinden?“).

Den erschütternd wenigen, dies interessiert, kann ich also versichern: Es geht mir wunderprächtig. Das liegt auch daran, dass das Gran Canaria im März ein etwas anderes Gran Canaria zu sein scheint als, sagen wir, jenes im April oder im Mai oder im Juni oder im Juli oder im August oder im September oder im Oktober oder im November oder im Dezember oder im Januar oder im Februar.

Um diese Zeit ist auf „GC“, wie der Sogutwieeingeborene sagt, alles chli ruhiger als sonst. Die Allinclusivehorden aus Germanien, Helvetien und Hollandium rüsten sich auf dem Festland für die sommerlichen Schlachten an den kalten und warmen Buffets,

die zigtausend Seniorinnen und Senioren, die in der wohligen Wärme des kanarischen Archipels überwintert hatten, schauen seit Kurzem wieder in ihren eigenen vier Wänden rund um die Uhr fern.

Durch Playa del Inglés streunen aktuell viele Schotten und Finnen, wobei man Letztere fast gar nicht bemerkt. Sie machen tagsüber weniger Lärm als ein kaputtes Radio. Was sie nachts tun, entzieht sich meiner Kenntnis, aber rentierisch auf die Pauke hauen sie kaum: Sie zmörgelen immer als Erste und sehen dabei aus wie aus dem Truckli.

Die Schotten hingegen sind weder zu übersehen noch zu überhören. Die vier mittelalterlichen Gesellen aus der Greater Glasgow Area, die unter grossem Hallo mit Eheringen an den Fingern, aber ohne Ehefrauen im Schlepptau, eincheckten, lassen sich vom Morgen bis am Abend durchgaren. Ihre Hautfarbe hat längst von käseweiss zu hummerrot gewechselt, doch das kümmert sie kein bisschen. Vermutlich haben sies noch gar nicht bemerkt.

Wenn das Servicepersonal sich daran macht, für den Mittagsservice einzudecken, philosophieren sie schon wieder oder immer noch sternhagelvoll über Fussball, Fussball oder Fussball. Wer an ihnen vorbeigeht, wird wie ein alter Freund aufs Überschwänglichste begrüsst und nur in gut begründeten Ausnahmefällen nicht dazu genötigt, das eine oder andere Fass mitzutrinken.

Zweimal am Tag gönnen sich die kugelrunden und fast flächendeckend tätowierten Glatzköpfe ein Bad. Dann halten sie sich an den Händen und hüpfen miteinander ins Becken. Wenn die halbe Tonne Fleisch durch die Wasseroberfläche kracht, bekommen die Umliegenden jeweils eine Vorstellung davon, was bei einem Tsunami passiert.

Passiert ist auch einem Ehepaar aus der Ostschweiz etwas: Am Samstagabend hatten die beiden noch jedem, ders hören wollte (und allen anderen auch) erzählt, was für ein „suppa Schneppli“ sie mit dieser Onlinebuchung doch gemacht hätten: „Achthundertfüfzg Frangge für zwei Wuche Grangganaria mitsamtem Flug; das müendir eu mal vorstele!“

Am Dienstag sassen sie in aller Herrgottsfrühe im Speisesaal. Sie verleibte sich mit offensiver Achtsamkeit ein Birchermüesli ein, er schoss seine Cholesterinwerte mit einer Wagenladung Rührei und Speck durchs Dach im zwölften Stock. Neben ihnen standen drei Koffer und zwei Sporttaschen. Bald würden sie vom „Schauinsland“-Bus abgeholt, der sie – mit Zwischenstopps in weiteren zwei Dutzend Unterkünften – in nicht einmal drei Stunden zum Flughafen bringen würde (mit dem Auto dauert die Fahrt nach Las Palmas knappe 30 Minuten, aber so ein Ferienende ist schliesslich auch ohne Raubüberfall durch einen kanarischen Taxifahrer schon frustrierend genug).

Weil sie nicht wussten, wie sie die Wartezeit totschlagen könnten, griffen sie zu ihren Handys. Sie leikte Facebook-Beiträge, er überflog seine Mails. Mitten in die Stille hinein entfuhr ihm ein „Hueresiech!!!“. Erschrocken blickte seine Frau von ihrem iPhone auf. „Die hend üse Flug kensslet“, teilte er ihr mit vor Fassungslosigkeit bebender Stimme mit. „Eifach so. Kensslet!“

„Verzell kän Schaiss!“, bat sie. „Lueg doch selber!“, blaffte er zurück. So ging das ein ganzes Weilchen hin und her, bis ihnen endgültig klargeworden war, dass aus ihrem Heimflug nichts werden würde; ämu nicht heute und, wer weiss?, auch nicht morgen und übermorgen. Für sie hiess das, wie sie ihm stocksauer mitteilte: Ihre Turnstunde fällt aus, und aus einer für Donnerstag fixierten Einladung würde, wenns ganz dumm laufen sollte, ebenfalls nichts werden.

Er scrollte, ununterbrochen tamisiechmurmelnd, durch seine Agenda und gab seiner Gattin mehrfach zu verstehen, dass ein gewisser Charly nun schön im Saich sei. Das nenne er ein Problem, wohingegen ihre Turnstunde seiner Ansicht nach eher als Pipifax zu taxieren sei. Auf den Besuch bei Sowiesos könne er so oder so verzichten.

Dann verkündete er wie weiland Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, er gehe die Sache klären. Wenig später kam er, deutlich entbronsont, zurück. Der Mann am Empfang wisse von nichts, der Reiseleiter habe erst um 11 Uhr Sprechstunde und bei der Fluggesellschaft antworte nur ein Automat, gab er seiner Frau zu verstehen.

Wenn ich je wieder von einem „Häufchen Elend“ lese, werde ich unweigerlich an sie denken; wie sie mit der Handtasche auf dem Schoss und einem zerknüllten Kleenex zwischen den Fingern versuchte, sich damit abzufinden, zwischen zwei Löffeln Müesli von einer unbeschwerten Touristin zur Gefangenen einer höheren Macht geworden zu sein, die sie nicht kannte und gegen die weder sie noch ihr Mann (der offensichtlich schon gar nicht!) etwas ausrichten konnten.

Spontan fühle ich mit ihr. Verlängerte Ferien auf Versicherungskosten: Wer würde bei dieser Aussicht nicht zusammenbrechen?

Der Car kam und fuhr ohne die beiden los. Auf dem Sofa in der Lobby beratschlagten die Schnäppchenjäger, was zu tun sei. Ich bekam nicht alles mit, was sie sagten, hatte aber das Gefühl, dass ihr Gespräch in erstaunlich kurzer Zeit zu einer Art Gerichtsverhandlung mutierte, bei der sie sehr überzeugend die Rolle der Anklägerin spielte („Ich habe ja gesagt, dass wir das gescheiter mit einem Reisebüro machen!“) und er den Angeklagten geben musste, der ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, die Schuld auf einen nicht näher definierten Dritten („Scheiss Internet!“) abzuwälzen.

So oder so: Das Paar ist an diesem Donnerstag immer noch im Hotel. Und wo immer es auftaucht, fällt die Temperatur ins etwas Unangenehme.

Aber kühl ist es auf Gran Canaria shockingwise, wie die Schotten sagen würden, manchmal sowieso, wenn auch nur am Abend und das auch bloss, wenns kalt wird. Um es draussen auch nach Sonnenuntergang aushalten zu können, ging ich meine aus zwei Badehosen, einigen ärmellosen Shirts und Unterwäsche bestehende Garderobe kurzentschlossen und weder Kosten noch Mühen scheuend aufstocken:

Fündig wurde ich in einem Chinarestaurant. Ich bestellte einfach das Menü 3.

Nun kann mir eigentlich nichts mehr passieren; nicht einmal im Hotel. Dieses erfüllt, wie ich unmittelbar nach meiner Ankunft in Erfahrung brachte, die höchsten Sicherheitsstandards. Die Zimmer zum Beispiel sind mit sogenannten Türen von restlichen Bereich abgetrennt. Diese schliessen sich hinter einem, sobald man das Zimmer verlässt. Öffnen lassen sie sich mit einem Schlüssel im Kreditkartenformat. Man hält ihn an einen Sensor und schwupp, ist man drin.

Das funktioniert aber nur, wenn man beim Verlassen des Zimmers daran gedacht hat, das Chärtli mitzunehmen. Das schaffen, wie mir der Mann an der Rezeption glaubhaft darlegte, nicht alle. Immer wieder müsse er an seinem Compi für Schlufis, die sich selber aussperrten (oder „outlockeden“, wie der Fachbegriff heisst) mühselig neue Schlüssel nachmachen.

In diesen Tagen, fügte er an, sei ein Kunde drauf und dran, sämtliche diesbezüglichen Rekorde zu pulverisieren: Der Gast aus Zimmer 608, der am Samstag angekommen sei, habe ihn seither schon viermal nach einem Ersatzschlüssel gefragt, erzählte der Rezeptionist schmunzelnd.

Ich konnte darüber nicht lachen. Mir wurde ganz gschmuuch. Schliesslich lebe ich mit diesem Deppen unter einem Dach.

Über meine weiteren Pläne habe ich mir noch keine allzu tiefschürfenden Gedanken gemacht. Mein Aktionsradius wird weiterhin plusminus zwei Kilometer betragen. Soweit ist es, mit ein paar Umwegen zu den angesagtesten Boutiquen, bis zum Strand. Kulinarisch bewege ich mich wie bis anhin in von Tintenfischen, Muscheln, Krabben und Clubsandwiches gesäumten Pfaden.

Kulturell steht mir jedoch eine völlig neue Erfahrung bevor. Aus der Schweiz riet mir eine Kanarenkennerin:

Ich muss sagen: Das Plakat sieht sehr vielversprechend aus. Auch Touristen, die mit deutschem Liedgut nichts am Hut haben, dürfte sein Anblick ekstatische „Hossa! Hossa! Hossa!“-Rufe entlocken.

Für mindestens zwei von ihnen avanciert der Frühschoppen möglicherweise gar zum Höhepunkt des Jahres: Wer fast eine Woche lang gezwungenermassen auf dieser Insel festsitzt, muss irgendwann selbst den grössten Chabis als Glanzlicht empfinden.

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Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

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Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

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Altersunheimelig

Abends um zehn vor einer verschlossenen Hoteltüre zu stehen: Das ist mir glaub noch nie passiert. Doch zwei Minuten, nachdem ich hineintelefoniert hatte, sah ich durch die Glastüre auch schon einen jungen Mann herbeieilen, der mich aufs Freundlichste begrüsste und aufs Zimmer geleitete, und alles war bestens, oder ämu fast.

Irgendetwas – vielleicht warens die Alarmknöpfe an den Wänden oder das Sitzli in der Duschkabine; wer weiss? – irritierte mich, doch irgendetwas, merkte ich leicht verspätet, hatte schon mit dem Türöffner und der Rezeption nicht gestimmt.

Der Mann war ganz in Weiss gekleidet, als ob er gerade dem Set eines Ärztefilms entsprungen wäre oder seit Tagen darauf gewartet hätte, einen reumütig von seiner Flucht zurückkehrenden Patienten mit beschwichtigenden Worten in die Zwangsjacke zu stecken. Der Empfangsbereich wirkte auch zu dieser vorgerückten Stunde so steril wie ein Operationssaal vor dem ersten Eingriff des Tages.

Und überhaupt: Das Zimmer ist gar kein Zimmer, sondern eine komplette Wohnung mit Küche und Balkon und einem Sofa und allem und zwei Türen, die sich nicht öffnen lassen, und die mich wenig später albträumen liessen, was in den Räumen dahinter Bewohnern an Unaussprechlichem widerfahren kann, die sich nicht hauskompatibel benehmen (als Stichworte müssen „Fingernägel“ und „glühendheisse Zangen“ genügen).

Rasenden Herzens erwacht, tappte ich vom Bett zum Fernseher. Dort, erinnerte ich mich, lag ein Haufen Prospekte. Ich griff mir die erstbeste Broschüre – und merkte schon nach kurem Blättern, wie sich mein Puls von Seite zu Seite in den zweistelligen Bereich zu senken begann.

Ich bin mitten in Locarno nicht, wie befürchtet, in einer Kopie des „Overlook“-Hotels aus „Shining“ gelandet, sondern an einem Ort, an dem ich „ein Leben mit gehobenen Services und vielen Annehmlichkeiten und einem gepflegten Ambience“ verbringen darf. Ich könne, versichert mir das Management, „ganz nach Ihren Wünschen und Vorstellungen“ leben und meinen „Tagesrhythmus selber bestimmen“. Für meine Sicherheit sorge „rund um die Uhr unsere Notrufbereitschaft“, las ich, und warf voller Dankbarkeit einen Blick auf den roten Knopf.

Für allerlei Kurzweil sei im Übrigen gesorgt, entnahm ich dem Hochglanzmagazin. Geboten werde „ein breit gefächertes, hausinternes Kulturprogramm, das sowohl den Geist als auch die Sinne anspricht“. Konzerte in verschiedenen Stilrichtungen, Spielnachmittage, eine eigene Bocciabahn, Diskussionsforen, Gedächtnistrainings, Lesungen, Sprachkurse und so weiter und so fort stünden zu meiner freien Verfügung. „Aktiv bleiben, neugierig sein und Interessen haben“ gehöre schliesslich zu den „wichtigen Elementen für eine hohe Lebensqualität im Alter“.

„…im Alter“?!?

Mir fiel es wie Schuppen vom Fisch: Ich bin in einem Seniorenzentrum gelandet, das einige Zimmer (wobei, eben: „Zimmer“…) auch an Gäste vermietet, die nicht vorhaben, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen und für ihr Appartment, je nach Fläche, 3520 bis 5260 Franken pro Monat zu bezahlen; Sonderwünsche not included.

Hätte ich das gewusst, wäre ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einer anderen Unterkunft abgestiegen, auch wenn ich einräumen muss, dass ich hier, lange vor Anbruch der Hauptsaison, sehr günstig hause.

Auf dem Portal, über das ich das Hotel „Hotel“ buchte, hiess es, es verfüge nebst vielem anderen über einen grossen Garten mit einer Terrasse, einen Innenpool, ein Alacarterestaurant und eine Bar. Die Piazza Grande und das Ufer des Lago Maggiore seien nur rund einen Kilometer entfernt.

Dass es sich bei der Immobilie um ein Altersheim handelt, wurde mit keiner Silbe erwähnt.

Aber gut: Auf eine schräge Art ist es hier ja ganz gemütlich. Beim Zmorge war ich vorhin der mit Abstand Jüngste im Saal. In aller Ruhe und musikalisch begleitet von Céline Dion, Peter Reber und Elton John konnte ich mich ungeellböglet durch das riesige Buffet (mit einer bemerkenswert üppigen Auswahl an Müesli und Weichkäsen) futtern. Mit ihren Rollstühlen und Rollatoren hatten die Mitesserinnen und Mitesser gegen mich keine Chance.

Jetzt frage ich einen der Betreuer, die ununterbrochen durch die Flure wieseln, ob er Zeit habe, mich in die Stadt zu begleiten. Anschliessend gönne ich mir chly Wellness und Fitness im Hallen-Therapiebad.

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Schlüsselerlebnisse

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Kaum ist die Zimmertüre am sehr frühen Morgen donnernd hinter mir ins Schloss gekracht (gedämpfter Applaus aus 239, 241, 245 und 247), merke ich, dass ich mich soeben selber aus meiner Kammer gesperrt habe. Der Portier händigt mir, ohne langes bürokratisches Federlesens zu machen, eine neue Karte aus.

Eine Stunde später kann ich den Ersatzbadge nicht mehr finden. Mir scheint, dass der Diensthabende bei meinem zweiten Vorsprechen etwas weniger zuvorkommend wirkt als beim ersten, aber ich kann mich natürlich auch täuschen.

So oder so beschliesse ich, die Umsetzung meines lange gehegten Vorhabens, jemanden an der Rezeption einmal frisch von der mineralwassergetränkten Leber weg zu fragen, wie hoch er oder sie eigentlich ganz spontan meinen IQ schätzen würde, auf später zu verschieben.

Ohne etwas von dem kleinen Malheur, das meiner Meinung nach nun wirklich jedem passieren kann, zu ahnen, schreibt mir mein Schatz im Laufe des Tages an den Strand: „So langsam finde ich, Du könntest jetzt heimkommen“.

Das finde ich auch.

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Schlimmer gehts immer

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Mit dem Wetterbericht in einen Text einzusteigen, ist nicht die knackigste aller Möglichkeiten, in einen Text einzusteigen, auch wenn das die Kolleginnen vom swissmusicdiary womöglich chli anders sehen.

Nur: Wenn man lange genug darüber nachdenkt, kommt man irgendwann zum Schluss, dass ein meteorologischer Auftakt zwischendurch immer noch heftiger fägt als gar keiner oder einer, in dem es – um nur die paar naheliegendsten Beispiele zu nehmen – um die Börsenkurse von 1991, erste Hochrechnungen der Wahlen in Nairobi oder was auch immer zum Thema „SVP“ geht.

In diesem Sinne:

Am frühen Morgen lächelte die Sonne noch vom Himmel wie ein frisch gefüttertes Baby aus dem Laufgitter. Doch dann zogen hinter dem Hoger bei Playa del Inglés erst helle, dann graue und schliesslich gfürchig dunkle Wolken auf. Wie eine gigantische schwarze Decke legten sie sich (das sich in diesem Zusammenhang aufdrängende „in Windeseile“ verkneife ich mir) über die Stadt und den Strand, und wenig später…aber wenn die hier schon einmal erwähnten Reiseexperten von reisen-experten.de schreiben, auf Gran Canaria herrsche an 300 Tagen pro Jahr Schönwetter, meinen sie eben 300 und nicht 365.

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Henu, dachte ich: dann gehe ich halt aufs Zimmer und lese in aller Ruhe „Totenhaus“ zu Ende, den nigelnagelneuen Bestseller von Bernhard Aichner, dem Gewinner des Burgdorfer Krimipreises 2014.

Aber irgendwie…irgendwie wars auch mit der entspannten und entspannenden Lektüre nicht allzuweit her. Das hatte nicht das Geringste mit dem Inhalt des Thrillers zu tun, sondern nur und ausschliesslich damit, dass wenige Meter neben meinem Bett ununterbrochen Bohrer heulten und Fräsen kreischten.

Also verkrümelte ich mich an die Poolbar, wo ich nun mit ein paar Überlebenden der Sintflut und nicht vorzeitig abgereisten Indermittagsruhegestörten der Dinge harre, die da noch kommen mögen.

Einige von uns nippen mit entzündeten Lungen an ihrem Bier, andere mampfen mit blutenden Ohren Erdnüssli, doch auch wenn wir alle chli unguter zwäg sind als noch am Morgen, als vor unseren Balkonen munter die Vögelein jubilierten und die Putzenfrauenkolonne in der Lobby zu den Klängen von „Let’s work together“ ihren traditionellen Schichtbeginntango in den frisch gewienerten Boden stampfte, stärkte uns bis soeben doch der feste Glaube daran, dass es heute im Grunde nicht mehr schlimmer werden könne.

Doch dann deutete ein plötzlich kreideweiss angelaufener Österreicher zähneklappernd auf ein Plakat am anderen Ende des Tresens:

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Hosenträger, Glastischli, Arbeitslose und chli Blut im Bad

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Führende Ärzte und vom Ausbrennen bedrohte Lehrer empfehlen, die Ferien zur Entspannung zu nutzen und fernab von daheim auf keinen Fall das zu tun, womit man sich werktagein und -aus ständig beschäftigt.

Deshalb habe ich ganz bewusst („bewusst“ nicht im Sinne von „bewusstseinserweiternd“, wie die kurligen Highpraktiker in ihrem Seminar neulich, sondern, auf gut Deutsch: extra) darauf verzichtet, meinen Laptop zum Bloggen mit nach Gran Canaria zu nehmen, wo ich mir gestern Abend im selben Hotel wie schon in den Jahren 2012, 2013 und 2014 bei der selben Rezess Rezepti Dama des Empfangas wie 2012, 2013 und 2014 ein Zimmer aushändigen liess, das genauso aussieht wie 2012, 2013 und 2014, wobei: in der Früchteschale liegen neuerdings Äpfel statt Orangen und das Bett ist grösser, damit die Schwäne mehr Platz zum (wenn das Wort „Vögeln“ je einmal angebracht wäre, dann auf Hundert und zurück in diesem Fall. Aber mit Blick auf den minderjährigen Teil der Leserschaft verklemme ichs mir gerne.) Schmusen haben:

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Allerdings kann man ja auch mit dem iPad schreiben, wenns mit einem schreiben will.

Rechts von mir haust ein Paar aus Sachsen, das sich wohl kurz nach der Hochzeit im letzten Drittel des 1. Weltkrieges darauf geeinigt hat, dass in dieser Ehe er die Hosen anhaben darf, solange sie ihm sagen kann, welche.

In der Praxis läuft das so: Er schlägt ihr bei einem Halbeli Roten auf dem Balkon aus ungewohnt bewölktem Himmel vor, morgen einmal früh aufzustehen, um rechtzeitig bei einem gewissen „Eewiss“ in der Innenstadt zu sein, um einen Wagen zu mieten, um einen Ausflug ins Landesinnere machen zu können und um, falls die Zeit noch längt, den grossen Aquapark mit den alten Delfinen und der neuen Riesenrutschbahn zu besuchen (ich merke gerade: das waren jetzt sehr viele „Um“ hintereinander, aber es ging beim besten Willen nicht anders), worauf sie erwidert, das könne man gerne machen, sehr gerne sogar, aber sicher nicht morgen; morgen wolle sie an den Strand, worauf er nuschelt: Oggee.

Das gleich folgende Bild zeigt weltexklusiv die

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Wöschhänki

der beiden.

Weiter hat das Hotelmanagement in meiner Abwesenheit beschlossen, das ehemals fast ganz in Puffrot gehaltene Openair-Restaurant beim Pool dem Zeitgeist zuliebe gewissen farblichen und stylishen Modifikationen zu unterziehen, was darauf hinauslief, dass im Aussenbereich nun an kunstmarmorisierten Glasplattentischen getafelt oder gekäfelet oder gebloggt wird.

Darauf fehlen jetzt nur noch ein paar jener grossformatigen und sauteuren Hochglanzbildbände („Namibia“, „Englische Gärten“, „Schlösser der Normandie“ uswusf.), die neureiche Leute an strategisch wichtigen Punkten in ihrer Wohnung immer so zu drapieren pflegen, dass ihre Gäste glauben sollen, sie, die neureichen Leute, hätten, bevors an der Tür geklingelt hat, gerade in stiller Ehrfurcht vor der Kultur auf dem Schwarzen Kontinent (ist das politisch überhaupt noch korrekt: „Kontinent“?), der britischen Florabewirtschaftung oder der französischen Mittelalterarchitektur in diesem Schinken geblättert, aber die Gäste sind ja nicht blöd.

A propos „blöd“: Um den Zeitunterschied zwischen einem beliebigen Land und Gran Canaria zu erklären, könnte man ins Internet schreiben, „der Zeitunterschied zwischen X und Gran Canaria beträgt + oder – soundsoviele Stunden“. Aber es geht natürlich auch so:

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Wichtig (vor allem für die Betroffenen): Das Vollbeschäftigungsprinzip der kanarischen Kellnergilde hat, vermutlich wegen der Globalisierung im Allgemeinen, der Eurokrise im Besonderen und auch weil überhaupt, ausgedient. Früher erlebte, wer in einem Restaurant auf Playa del Inglés etwas essen undoder trinken wollte, Folgendes:

Kellner A zerrt den Passanten in die Beiz, und zwar unabhängig davon, ob dieser bereits gegessen oder woanders reserviert hat.

Kellner B rückt für den verdatterten Gast, der sich nur langsam mit seinem Schicksal abfindet, einen Stuhl zurecht.

Kellner C sagt dem Gast etwas Nettes.

Kellner D erkundigt sich danach, was der Gast zu trinken gedenke.

Kellner E fragt den Gast, ob er etwas zu essen wünsche.

Kellner F bringt das Getränk.

Kellner G bringt die Speisekarte.

Kellner H notiert die Bestellung.

Kellner C schaut erneut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner I deckt den Tisch ein.

Kellner J schleppt einen Zweiliterkrug Wasser an, mit Limettenschnitzen und der halben Antarktis drin.

Kellner K bringt das bestellte Getränk.

Kellner L hat mit dem Gast eigentlich nichts zu tun, will aber trotzdem wissen, ob alles in Ordnung sei.

Kellner M bringt die Vorspeise.

Kellner N räumt die Vorspeise ab.

Kellner O wechselt das zum Teil noch gar nicht benutzte Besteck aus.

Kellner P bringt den Hauptgang.

Kellner C schaut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner Q räumt ab.

Kellner R ist derjenige, der

Kellner S ausrichtet, dass man gerne zahlen möchte.

Kellner T bringt die Rechnung auf einem Klemmbrettli.

Kellner U holt das Klemmbrettli mit dem Geld darauf ab.

Kellner V bringt das Wechselgeld.

Kellner W behändigt das Trinkgeld.

Kellner X verabschiedet den Gast wortreich.

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Das ist vorbei. Neuerdings betritt man völlig zwanglos das Restaurant, sucht sich selbstständig einen Platz, ordert ganz alleine etwas von der Karte, konsumiert und bezahlt und sagt Grassias und verschwindet.

Irgendwie, deucht mir, ging damit – nebst dem einen und anderen Arbeitsplatz – auch ein Stückli lokaler Folklore verloren.

Die gute Idee: in aller Herrgottsfrühe dem Meer entlang von Playa del Inglés nach Maspalomas schlendern gehen laufen wies Bisiwätter*. Dann hat man die Welt für sich, und der Wegesrand wird noch nicht von an gestrandete Walrosse gemahnenden Vollblüttlerinnen und -blüttlern gesäumt.

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Die schlechte Idee: sich mit einem Billigsteinwegrasierer aus dem Snackshop neben dem Hotel im Gesicht herumfuhrwerken.

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* Ich hatte schon lange vorgehabt, den schönen Ausdruck „wies Bisiwätter“ irgendwo zu verewigen. Et voilà.

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Inselleben (I)

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Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des „Parqué Tropical“.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: „Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!“

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

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Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, „der beste Wingman aller Zeiten!“ und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses „ñ“ basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: „Ayayayayay!“ (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

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Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

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fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf „wie, sagen wir…“ „…ein Araber“ folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

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Im Namen des Vorstandes schreibt er:

„Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).“

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als „Life!!!“ angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

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Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

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gfürchige Wolkenwand

auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

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183,

das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

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125,

in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

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245,

das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

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Gspässig, hässig und lässig

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Es ist 4.06 Uhr hier in London, und weil die Versicherung später wunder nehmen könnte, wann genau was passiert ist, schreibe ichs am besten auf, solange ich noch lebe.

Zeitpunkt des Schadensereignisses: 4.02 Uhr GMT a.m..

Hergang des Schadensereignisses: Ich habe mir auf dem Weg zum WC den kleinen Zeh gottsjämmerlich an einem

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Stahlstück

angetätscht, das aus der vorderen linken (oder auch rechten; es kommt ganz darauf an, von wo aus mans betrachtet) Ecke meines Bettes ragt.

Aber gut: Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass London gemeinhin als Geburtsstätte des Heavy Metal bezeichnet wird.

So eine Stange hat es nicht an jedem Bett, aber an meinem schon, weil: Meine Liegestätte ist eine, die tagsüber an einer Wand lehnt und am Abend

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heruntergeklappt

werden kann (jedenfalls, wenn man weiss, wie es geht. Wenn mans nicht weiss, schläft man halt am Boden oder im Stehen, an der Wand; ganz, wie es einem bequemer ist).

Dieses Bett gehört nicht zur Standartausrüstung des Hotels, in dem ich gerade weile. In allen anderen Zimmern stehen ganz normale Betten, ohne Metallstücke vorne links oder rechts. Ich habe sehr spontan einen…sagen wir: Spezialraum zugewiesen bekommen, weil es das Zimmer, das mein Freund, der mit mir das Wochenende in London verbringt, für mich gebucht hatte, laut dem Mann an der Rezeption gar nicht gibt.

(Frage aus dem Dunkel der hinteren Zuschauerreihen: „Wieso brauchen zwei Männer, die miteinander eine Städtreise machen, überhaupt Einzelzimmer?!? Das ist doch der pure Luxus! Mit diesem Geld könnte man in Afrika eine Schule und zwei Dorfbrunnen bauen!!!“

Antwort: „Weil wir beide tierisch laut schnarchen und uns nicht gegenseitig zwei Nächte lang wachhalten wollen.“)

Nur eine halbe Stunde, nachdem Luc, unser Mann am Empfang, herausgefunden hatte, dass seine Leute für uns ein Phantomzimmer reserviet hatten, stand ich auch schon in Room No. 407; etwas ratlos zwar (ich hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht bemerkt, dass darin auch ein Bett versteckt ist), dafür aber hochentzückt über die tolle Aussicht:

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Nein, halt. Das ist nur ein Bild im Gang.

Die Aussicht geht so:

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Super, isn’t it? London by Night. Andere bezahlen für eine Postkarte mit diesem Sujet viel Geld; ich habs sozusagen gratis und franko, und wenn wir schon dabei sind: Die Frage, ob ich für dieses Todeszimmer am Ende tatsächlich den selben Preis bezahlen muss wie mein Begleiter, der eine wesentlich ungefährlichere Unterkunft beziehen konnte, müssen wir mit Luc dann noch klären.

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Lange wird diese Debatte kaum dauern: Als ich mich mit ihm gestern Abend über the not existing room unterhielt, liess ich durchblicken, dass mein Freund in Switzerland eine Travel Agency betreibe, was auf den Rezeptionsmann glaub ziemlich Eindruck gemacht hat: „Travel Agencies – das sind doch diejenigen, die uns die Kundschaft zuführen“, dachte er, sagte er jedoch nicht. Verstanden dürfte er es aber haben.

Wenn nicht, lasse ich beim Auschecken am Sonntag halt beiläufig einem weiteren Nebensatz auf seinen blankpolierten Tresen fallen, im Sinne von „my friend here is the CEO of the very huge Travel Agency that brought us here. It might be easier for you to communicate directly with him. I’m only his extremely well-paying client.“

Je nachdem füge ich dem noch an, dass ich als Journalist bei einer der grössten Tageszeitungen in Switzerland arbeite. Aber so, wie ich Luc inzwischen kennengelernt habe, wird das wahrscheinlich gar nicht nötig sein. Schliesslich ist er ein gebürtiger Schweizer. Er macht einen recht vernünftigen Eindruck und weiss so gut wie wir, dass es für ihn nicht ganz einfach sein dürfte, in London auf die Schnelle einen neuen Job zu finden.

So. Während es in meinem Fuss nach wie vor surret und macht wie blöd – ich nehme an, dass in diesem Moment Zilliarden von Bakterien zu retten versuchen, was an dem Chnöcheli noch zu retten ist – entsinne ich mich hochachtungsvoll des Swiss-Piloten, der uns gestern mit dem Flug LX466 in die britische Metropole gebracht hat.

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Wobei: „Flug“ ist chli viel gesagt. „Stand“ trifft es besser, ämu, was die erste Stunde betrifft, die wir im Flieger verbrachten. Kaum war klar, dass aus dem Start um 17.15 defintiv nichts mehr werden würde, informierte der Käptn die Passagiere via Bordlautsprecher dahingehend, dass die Verspätung ungefähr 30 Minuten betrage.

Das war eine nette (und nicht unbedingt selbstverständliche) Information, aber noch lange nicht alles. Nach diesem quasi offiziellen Teil sagte der Mann in der Kanzel vorne, dass die Warterei darauf zurücktuführen sei, dass…(die folgende Passage habe ich nicht ganz verstanden, weil ich mit mir, über mein iPad gebeugt, am Jassen war)…und das habe er, der Pilot, den zuständigen Leuten im Tower auch zweimal mitgeteilt, aber offenbar habe es in Zürich irgendwelche Probleme mit der Koordination gegeben, und…ja.

Er danke für unser Verständnis und alles und melde sich wieder, wenn es etwas Neues gebe. Falls jemand telefonieren wolle oder die Toilette benützen müsse: Kein Problem. Wir könnten die Handys bis zum Start ungeniert benutzen und auch die Sicherheitsgurte wieder öffnen.

Insgesamt meldete der Pilot sich dann noch zwei- oder dreimal, und jedesmal wurde der Unterschied zwischen dem, was er durchgab, und dem, was er meinte, deutlicher hörbar. Am liebsten hätte der Käptn zweifellos gesagt, „wenn die Säcke im Turm einmal, aber auch nur einmal auf das hören würden, was wir von der Front ihnen sagen, gäbs hier viel weniger Puff, tami!“, aber so konnte er das natürlich nicht sagen, vor allen Leuten.

Übrigens: Bei Schlechtwetter und wenn man auf eine Rollbahn steht und nicht auf jedes Detail achtet, siehts

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in London

fast tupfgenaugleich aus wie

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in Zürich.

Eigentlich hätten wir also genausogut zuhause bleiben können, aber zuhause hats kein British Museum. und, noch fast wichtiger, auch keine Angus Steakhouses.

Ersteres gehen wir uns heute in aller Ruhe anschauen, in Letzterem stärken wir uns demnächst für einen langen, lässigen, interessanten und amänd sogar unfallfreien Tag.

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Lichtschrank

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Morgens um 4: Im Hotel ist es dunkel.

Im ganzen Hotel?

Nein. Durch die Ritzen meines Kleiderschranks dringt Licht in das Zimmer.

Auch wenn ich noch so lange suche – es gibt keine Möglichkeit, es zu löschen.

Aber egal: Ist ja nicht mein Geld, das da verbrannt wird.

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