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Tag: Zürich

Fuckin’ fantastisch

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Sie ist, einerseits, “eine Diva mit fast übermenschlicher Stimme“, eine “Königin” oder “der allerletzte wahre Star“, heimst vom Oscar bis zum Grammy Preise am laufenden Band ein und zählt mit über 100 Millionen verkauften Platten zu den erfolgreichsten Künstlern der Gegenwart.

Andrerseits: Wenn Adele Laurie Blue Atkins, wie gestern Abend während ihres Konzerts im rappelvollen Zürcher Hallenstadion, einen mit zahllosen “Fuckin’s” gespickten Schwank aus ihrem Leben erzählt (was sie ziemlich oft tut), wirkt sie wie eine Arbeitskollegin, die beim Feierabendbier ein Glas zuviel erwischt hat.

Dieser Kontrast irritiert ebenso, wie er fasziniert. Sie singt, als ob sie ein Wesen von einem anderen Stern wäre – und scheint die Bodenhaftung trotz des gigantischen Rummels, der rund um den Erdball spätestens seit ihrem sagenhaften Comeback-Album “25” um sie veranstaltet wird, nicht verloren zu haben.

Adeles Auftritt ist von baffmachender Makellosigkeit. Von “Hello” – ihrem Über-Hit, mit dem sie den Abend eröffnet – über das atemberaubende “Skyfall” bis hin zur letzten Zugabe “Rolling in the deep” sitzt jeder Ton.

Unter einer monumentalen Leinwand begleitet eine blind harmonierende zwanzigköpfige Band mit Gitarristen und Schlagzeugern und Streichern und Bläsern und Backgroundsängerinnen und allem druckvoll, was die Chefin auf der vierzehn mal fünfzig Meter grossen Bühne – sie erinnert entfernt an einen überdimensionierten Schminkspiegel –  in ihrem mit Strass verzierten bodenlangen dunklen Kleid vorträgt.

Kostümwechsel (wie bei Madonna, Lady Gaga und anderen Mitbewerberinnen) gibt es keine. Auch auf aufwändige Choreografien, Feuerwerk und artverwandte Ablenkungsmanöver haben die Showgestalter der Show verzichtet. Dafür gönnen sie den 13 000 Zuschauerinnen und Zuschauern nach einem bombastischen Auftakt im musikalischen XXL-Format eine kurze Atempause mit einem fast schon intim wirkenden akustischen Teil. Wenig später steht Adele mitten in der Halle auf einen kleinen Bühne und lässt sich zu “Set fire to the rain” verregnen, ohne nass zu werden.

Der Trick passt wunderbar in diesen durch und durch magischen Abend.

Doch nicht “forever”

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Es war einer jener Abende, den all jene, die ihn erleben dürfen, als “magisch” bezeichnen, bevor er zu Ende ist: Im Basler St. Jakobsstadion spielten am 16. Juli 1983 Joe Cocker, Chris de Burgh und Supertramp, und alles wäre perfekt gewesen, wenn man nicht gewusst hätte, dass Letztere sich gerade auf ihrer Abschiedstournee befinden und man “The Logical Song”, “Breakfast in America”, “Fool’s Ouverture”, “Dreamer”, “Bloody well right”, “Crime of the Century” und was die Herren um Roger Hodgson und Rick Davies noch an musikalischen Perlen aus den Ärmeln geschüttelt hatten, nie mehr live zu hören bekommen würde.

Nur: “Abschiedstournee” war schon immer ein dehnbarer Begriff (Tina Turner kann auch zu diesem Thema einen ganzen Strauss Lieder singen). 14 Jahre später waren Supertramp wieder da, wenn auch ohne Roger Hodgson, der sich längst sehr erfolgreich selbstständig gemacht hatte, aber das machte fast gar nichts: In der “Arena” von Genf zelebrierte die Truppe eine Pop-Rock-Messe der Sonderklasse. Dass sie den Gig gleich mit “School”, einem ihrer Überhits, lancierten, zeigte: an Selbstvertrauen fehlt es den Briten nach wie vor nicht. Als die Lichter in der Halle wieder angingen, dachte ich: das wars jetzt endgültig. Supertramp siehst du nie mehr.

Aber oha: Am 25. Oktober 2010 feierten Rick Davies – das nach Hodgsons Ausstieg letzte verbliebene Gründungsmitglied -, und John A. Helliwell, der den Supertramp-Sound mit seinem Saxofon jahrzehntelang mitgeprägt hatte, mit sieben Mitstreitern den 40. Geburtstag der Band auch im Zürcher Hallenstadion. “Die Formation zog zwei Stunden lang alle Register, um das Publikum zu begeistern”, notierte der “Tagesanzeiger”, und fügte an: “Sollte sich das Konzert als allerletzter Auftritt in der Schweiz herausstellen, war es ein würdiger Abschied.”

Fünf Jahre später, am nächsten Mittwoch, wollten Supertramp erneut in Zürich gastieren. Doch daraus wird nichts: Wie ihr Management mitteilt, mussten sie die komplette Europatournee absagen, weil Rick Davis an Knochenmarkkrebs erkrankt ist und sich “einer aggressiven Behandlung” unterziehen muss.

Die tragische Ironie der Geschichte: Die Tour stand unter dem Motto “Forever Supertramp”.

Die Sonnen- und die Schattensaiten

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Es gibt

keinen Bassisten und

keinen Keyboarder und

keinen Schlagzeuger und

keine Lautsprechertürme und

keine Sicherheitsleute und

keine Absperrgitter und

keine Lightshow und

kein Trockeneis und

so gut wie keine “Fans”, die ununterbrochen ihre Handys in die Höhe strecken, um Fotos zu schiessen und Filmchen zu drehen.

Dafür gibt es, als Suzanne Vega und ihr Begleiter, der Gitarrist Gerry Leonard, mit einer Viertelstunde Verspätung die Bühne im ausverkauften Club Bogen F im Zürcher Industriequartier betreten, eine Panne: das Gesangsmikrofon funktioniert nicht.

Was bei anderen Künstlern dieses Kalibers zu hysterischen Anfällen und Fristlosentlassungen im Ressort Technik führen würde, quittieren Vega und Leonard (der als Gastmusiker von David Bowie oder Cyndi Lauper schon ganz anderes durchgemacht haben dürfte) mit einem Achselzucken. Sie brechen “Fat Man & Dancing Girl”, die Einstiegsnummer, lächelnd ab, warten, bis der Roadie ein Ersatzmik auf den Ständer geklemmt hat, und starten den Gig, als ob nichts gewesen wäre, noch einmal neu.

Und dann…dann gehts los. Mal mit ihrem Partner, mal ganz alleine, singt Vega sich in der dampfenden Hitze dieses Sommerabends durch die drei Jahrzehnte ihres musikalischen Schaffens. Mit “Marlene on the wall”, “Caramel”, “Left of center” oder “In Liverpool” geht die 56jährige US-Amerikanerin auf Nummer sicher; im zwei- vielleicht dreihundertköpfigen Publikum stehen nur wenige Gäste, die diese Songs nicht mitsummen können. Andrerseits präsentiert sie immer wieder Songs aus ihrem neusten Album mit dem etwas sperrigen Titel “Tales from the Realm of the Queen of Pentacles” – und nimmt mit erkennbarer Verblüffung zur Kenntnis, dass der Menge vor ihr auch diese Nummern längst vertraut und liebgeworden sind.

Weit mehr als zwei Stunden lang – 20 Minuten Pause inbegriffen – erzählt Suzanne Vega in Dur und Moll zum Teil sehr persönliche Geschichten und zauberhafte Märchen, wobei nicht immer auf Anhieb klar wird, was wahr ist und was “nur” gut erfunden. Sie singt über Liebe und Hass und Leben und Tod und Frieden und Krieg und Strassenschluchten und Wiesen, unterhält sich zwischendurch mit Zuhörerinnen und Zuhören, nimmt Wünsche entgegen, verrät, dass sie – schwupp, knöpft sie sich das schwarze Oberteil auf – noch nie in einem Bikini-Oberteil auf der Bühne gestanden sei und lässt (auch) mit all diesen nebenmusikalischen Aktivitäten keine Sekunde lang das schale Gefühl aufkommen, hier arbeite jemand nach Schema F ein längt zur Routine geronnenes Konzertprogramm ab.

Eine “spröde Sängerin” sei Suzanne Vega, hat ein Reporter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung notiert, nachdem er einige Zeit mit der Künstlerin in deren Garderobe verbringen durfte. “Spröde”: Das mag damals, vor rund zehn Jahren, zugetroffen haben. Inzwischen ist davon nichts mehr zu spüren: auf der Bühne in Zürich steht eine reife, selbstbewusste, schlagfertige und humorvolle Frau, die die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens kennt und die weiss, wie sie aus beiden Extremen das beste machen kann: indem sie in ihrem New Yorker Apartment eine Gitarre zur Hand nimmt und das Erlebte und Gedachte vertont.

Mit “Luka”, der herzzerreisenden Hymne an ein misshandeltes Kind, und “Tom’s Diner”, ihrem kommerziell bisher grössten Hit, beschliesst Suzanne Vega den offiziellen Teil ihres Sets. Wenig später kommt sie für eine Handvoll Zugaben noch einmal auf die Bühne. Dann entlässt sie ihre restlos begeisterten Freundinnen und Freunde mit “Blood makes noise” und “Rosemary” in die von einem orangen Mond beleuchtete Nacht.

Nachtrag: Auch dem Kritiker der NZZ hat das Gebotene gefallen.

Er ist so frei

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Der Abend beginnt mit etwas Nigelnagelneuem (“Broken Bones“, 2015)) und endet mit etwas Steinaltem (“Going home“, 1983), und natürlich gibts zwischendurch ausreichend Gelegenheiten, um in Erinnerungen zu schwelgen. Das ist in erster Linie den “Sultans of Swing” zu verdanken, und “Romeo and Juliet”, und als der “Speedway at Nazareth” kurz vor Schluss in die “Telegraph Road” mündet, die direkt in die Schützengräben führt, in denen “So far away” die “Brothers in arms” kauern, ist es fast so wie früher, aber eben: nur fast.

Ganz so wie früher wirds ohnehin nie mehr werden, wenn Mark Knopfler mit Guy Fletcher, Richard Bennett, Jim Cox, Mike McGoldrick, John McCusker, Glenn Worf und Ian Thomas um die Welt reist. Die Zeiten, in denen seine Konzerte wie Live-Darbietungen von Greatest-Hits-Sammlungen der Dire Straits klangen; jener vokuhilafrisierten und dauergewellten Softrockertruppe, die 1977, in der Hochblüte des Punk, aus dem Nichts riesengross wurde und in den folgenden 20 Jahren rund 120 Millionen Platten verkaufte – sie sind vorbei.

Die einen freuts, die andern reuts: Wenn Mark Knopfler heute seine “Private Investigations” anstellt, geht es ihm nicht mehr darum, weiteres “Money for nothing” zu scheffeln. Für den 65-Jährigen zählt nur noch, mit der Gitarre in der Hand und seinen Jungs um sich herum sein eigenes Glück zu finden. “Glück” wiederum definiert der gebürtige Schotte längst nicht mehr über Zuschauerzahlen, Journalistenlob oder Chartsplatzierungen.

“Das Wichtigste ist für mich, dass ich mich noch begeistern kann. Wenn ich zur Probe komme und die Instrumente sehe, die dort darauf warten, dass sie sich jemand greift und losspielt – dann ist das immer wieder aufregend, stimulierend”, sagte Knopfler drei Wochen vor dem Gig in Zürich in einem sehr lesenswerten Interview mit dem Tagesanzeiger.

Anders als in seinem ersten Leben als Superstar sehe er sich inzwischen als “Fährtenleser, der versucht, die Spuren der Zeit zu erfassen”, denn “in meinem Alter erhält man eine andere Sicht auf die Zeit und das Leben”.

Ihm auf dieser Spurensuche im von vorne bis hinten durchgestuhlten, keimfreien, irgendwie kalten und für derlei Abenteuer folglich nur mässig geeigneten Hallenstadion zu folgen, bereitet dem einen und anderen Zuschauer, der mit dem Namen “Mark Knopfler” immer noch

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verbindet, etwelche Mühen. Der Applaus wirkt oft eher höflich als enthusiastisch, wobei: der Phase, in der es en vogue war, seiner Begeisterung mit frenetischem Kreischen, rhythmischem Stampfen und dem Inrichtungbühnewerfen von Unterwäsche Ausdruck zu verleihen, sind die allermeisten der Anwesenden schon entwachsen, als in Berlin noch die Mauer stand.

Statt die Post mit allerlei synthetischen Hilfsmitteln abgehen zu lassen, verschickt Knopfler heute lieber von Hand geschriebene Karten aus Paraguay. Wo im letzten Jahrtausend Melodien waren, die jeder Teenager aus dem Stand nachpfeifen konnte, säuseln heute irische Flöten durch den Raum, und was sich damals wie von selber ins Ohr schlängelte, muss nun erst umständlich durch die Gehirnwindungen kriechen, bis es als das erkannt werden kann, was es ist: grossartige Musik.

Knopfler hat offenkundig nicht vor (und es auch ganz bestimmt nicht mehr nötig), dem Publikum seine Virtuosität ständig aufs Neue zu beweisen. “Am Ende springt meist eh der ganze Saal auf und ab”, sagt er mit der ihm eigenen Lakonie.

Längst erlöst von den wirtschaftlichen Fesseln und kommerziellen Zwängen, die seine Kreativität zu Dire Straits-Zeiten von Album zu Album mehr zu ersticken drohten, geniesst er auch in Zürich die Freiheit, die hohen Erwartungen seiner Getreuen mit unerwarteten Stilbrüchen, überraschenden Tempiwechseln und sperrigen Harmonien ein ums andere Mal unterlaufen zu dürfen ohne befürchten zu müssen, dafür niedergepfiffen zu werden.

Nur zwischendurch schiesst er aus dem Handgelenk zwei, drei Töne oder ein paar Akkorde wie Laserstrahlen in das mit den Lichtlein von zig Handykameras gesprenkelte Dunkel vor ihm ab. Es muss ihm grosses Vergnügen bereiten, zu wissen, dass in diesen Momenten zehntausend Menschen mit der Luftgitarre im Anschlag auf sehr viel mehr warten…und ihnen stattdessen “nur” das zu geben, was er will: etwas mit Panflöten zum Beispiel, oder einen Kontrabasslauf, oder eine Zithereinlage.

Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. Vor dessen innerem Auge blühen sattgrüne Landschaften, in dessen Nase sticht der Geruch von feuchtem Moos, und irgendwo, in der Ferne, hört er stahlgraue Wellen mit derselben Gleichmütigkeit an schroffe Kalksteinwände schlagen, mit der Mark Knopfler sich und sein Publikum zwei Stunden lang rundumentschleunigt.

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The Swinger takes it all

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Am Ende singt er ihn dann doch noch, den allergrössten Hit seiner unzähligen ganz grossen Hits, und natürlich sind seine 13 000 Gäste im Zürcher Hallenstadion schon bei den ersten Akkorden von “Angel” hin und weg vor Glück und Ergriffenheit, und selbstverständlich ist spätestens dann auch jenen Männern, die dieses Konzert vor allem ihren Frauen zuliebe besuchen, endgültig klar, welch grossartigen Entertainer sie heute leibhaftig erleben dürfen, aber eigentlich…

…eigentlich hätte Robbie Williams seine inzwischen leicht ergrauten Engel dafür gar nicht fliegen zu lassen brauchen.

Denn allfällige Zweifel daran, dass er auch 20 Jahre nach seinem drogenbedingten Ausstieg bei Take That und zehn Jahre nach seinem Karrierehöhepunkt als Solomusiker (auf dem er in Knebworth an drei Abenden hintereinander je 120 000 Zuschauern aus dem Häuschen brachte) zu den vielseitigsten, originellsten und mitreissendsten Persönlichkeiten der Popgeschichte zählt, hatte er schon zerstreut, als er mit einer Viertelstunde Verspätung durch ein Loch im Boden auf der Bühne erschienen war und dem Publikum mitgeteilt hatte, sein Name sei Robert Peter Williams, “und eure Hintern gehören in den nächsten zwei Stunden mir!”

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Mit einer glänzend disponierten Big Band mit Pauken, Trompeten, Posaunen und allem im Rücken (nur die Streicher kamen aus der Konserve) und einem halben Dutzend atemberaubend agierender Tänzerinnen und Tänzer an der Seite streift der Brite in Frack und Lack auf seiner “Swings both ways”-Tournee mit spielerischer Leichtigkeit und bubenhafter Freude durch eine Zeit, in der es noch keine am Reissbrett zusammengestellten Boygroups gab und keine “Superstar”-Suchen am Fernsehen und kein Youtube im Internet.

“Puttin’ on the Ritz” von Jeff Richman, “Minnie the Moocher” von Cab Calloway, “Do nothin’ ’til you hear from me” von Duke Ellington oder “High Hopes” und – dramaturisch perfekt erst kurz vor Schluss dargeboten – “My Way” von Frank Sinatra: Das sind die Ecksteine, auf die Robbie Williams, der als Popstar längst erreicht hat, was ein Popstar erreichen kann, nun als Swinginterpret baut. Dazwischen streut er passend umarrangiertes eigenes Material ein (“Come undone”, “Millennium”) und adaptiert er Meisterwerke von Alicia Keys (“Empire State of Mind”) oder Ray Charles “Hit the Road, Jack”).

Ihm dabei zuzusehen und -zuhören, ist auch für Leute, die eher dem Blues und dem Rock zugeneigt sind, das pure Vergnügen. Das liegt einerseits daran, dass Williams und seine Begleiter die goldenen Oldies in Dur und Moll zwar mit dem gebotenen Respekt, aber nie mit übertriebener Ernsthaftigkeit präsentieren.

Und andrerseits daran, dass der 40jährige Brite die vielen Freiheiten, die er sich im letzten Vierteljahrhundert erkämpft hat, zu nutzen weiss: Es gibt nicht sehr viele Künstler, die ein Konzert unterbrechen dürfen, um minutenlang mit den Zuschauern in den vordersten Reihen zu schäkern, für Fotos mit Fans zu posieren, CD’s für deren Kinder zu signieren oder eine halbe Ewigkeit lang Werbung für Toblerone zu machen, ohne ein gellendes Pfeifkonzert zu riskieren.

Aber Robbie Williams darf das; Robbie Williams darf alles, weil er nichts mehr muss, ausser, alle paar Jahre wieder zu einer grossen Reise durch die Arenen Europas aufbrechen, um Abend für Abend jedem einzelnen unter zigtausend Kunden das Gefühl zu geben, diese Ton- und Licht- und Farben- und Konfettiorgie nur für sie oder ihn zu veranstalten.

Im Gegenzug erhält der Mann, der in der einen Sekunde umwerfend selbsironisch und in der nächsten unfassbar arrogant wirken kann, regelmässig in hohen Dosen, was er offenkundig am dringendsten braucht: Die Bestätigung dafür, der Grösste zu sein, und des Gefühl, trotz (oder wegen?) all der Brüche in seiner Vergangenheit von jedem Menschen auf diesem Planeten verehrt und begehrt zu werden.

Oder, wie es “Die Presse” nach Williams’ Gastspiel in Wien formulierte: “Das bunte Bukett an widersprüchlichen Gefühlen, das er mit seinen penibel inszenierten Eskapaden auslöste, sorgt für jenen Jubel, der Medizin für alle narzisstisch Veranlagte ist.”

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Nachtrag: Auch die noble NZZ war vom Swingfest begeistert. Der Tagesanzeiger hingegen empfand die Show als “unangemessen und aufgebauscht”.

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Das Boarding für den Swiss-Flug von Rom nach Zürich verzögere sich um etwa eine Viertelstunde, sagte die Frau am Lautsprecher.

Niemand denkt auch nur im Traum daran, sein Plätzli in der Warteschlange, das er sich zuvor so mühevoll erkämpft hatte, aufzugeben. Statt noch ein Kafi trinken zu gehen, bleiben die Leute auf ihren 40 Quadratzentimetern stehen. Es könnte ja sein, dass der Sitz im Flieger nachher besetzt ist. Oder die Maschine ohne einen abhebt.

Grün vor und hinter den Ohren

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Wer mein virtuelles Stübchen hier mit einer gewissen Regelmässigkeit besucht, weiss: Ich neige bisweilen dazu, mich in ein Thema zu verbeissen.

Wenn ich etwas als ganz besonders toll oder oder blöd oder auch ohne besonderen Grund als vertiefenswert erachte, kann ich nicht mehr aufhören, es wieder und wieder wiederzukäuen, bis mir entweder die ersten Blogleserinnen und -leser Mails schicken, in denen wörtlich oder sinngemäss steht, man wisse es jetzt dann langsam, oder bis die Klickzahlen ins Einstellige absacken.

Im Moment chätsche ich am Thema “Hotelzimmer” herum. Gestern Zürich, heute Playa del Inglés, dann London und anschliessend Rom: Da kommt aushäusigübernachtungsmässig allerhand zusammen.

Nachdem es mir gestern in der coolen Minisuite des Radisson Blu im Flughafen Kloten nicht übertrieben wohl gewesen war (was aber nicht unbedingt am Zimmer selber lag), entdeckte ich heute, nur ein paar Kilometer weiter südlich, eine ganz andere Welt: La habitación 245 im “Parque Tropical” in Playa del Inglés.

Gut: Das Bett ist jenen, in denen ich schon bei früheren Kanaren-Aufenthalten genächtigt hatte, nicht unähnlich (für jene, dies immer ganz genau wissen müssen: So sahen die Liegestätten bei der Premiere 2012 aus…

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…und so präsentieren sie sich dem Gast heute

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Aber sonst? Kein Vergleich.

Zum Vergleich: Als ich in Zürich aus dem Zimmer trat, bot sich mir diese Aussicht:

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Und was erblickten meine vor Freude sofort unkontrolliert tränenden Augen heute Mittag, als ich von meiner kanarischen Unterkunft zum ersten Mal auf den Balkon hinaustrat, waseliwas?

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Grün, soweit der Blick reicht, und ganz hinten, fast schon am Horizont, das zartglitzernde Blau des Pools und darüber, einem Baldachin nicht unähnlich, ein wolkenloser Himmel, und das alles bei 30 Grad.

Ausrufezeichen sind in journalistisch gefärbten “Arbeiten” eher verpönt. Trotzdem kann ich vor lauter Begeisterung nicht umhin, den letzten Abschnitt gleich noch einmal zu schreiben, aber diesmal mit der dazu passenden Interpunktion:

Grün, soweit der Blick reicht, und ganz hinten, fast schon am Horizont, das zarte Blau des Hotelpools und darüber, einem Baldachin nicht unähnlich, ein wolkenloser Himmel, und das alles bei gut 30 Grad im kaum vorhandenen Schatten!!!

Tja, liebe Leserinnen und Leser (vor allem der jüngeren Zielgruppe von 6 bis 15): Es kann sich schon lohnen, die Ferien in einem sogenannten “Reisebüro” zu buchen, statt sich im Internet auf die Schnelle und Billige etwas herauszupicken und vor Ort dann, wie zum Beispiel das Pärchen, das vor mir mit einer Mail in der Hand einzuchecken geruhte, festzustellen, dass “mitta Beschdädigung wohl was nicht geklappt” hat, wie der Mann gegenüber seiner Frau nach einer ziemlich endlosen Verhandlung mit dem Fräulein an der Rezeption des bis auf die letzte Besenkammer ausgebuchten Hotels einräumen musste.

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Ich hätte die Debatte und, vor allem natürlich, den Moment des Einräumens, nicht ungerne als Fotoserie oder in Filmform für die Nachwelt verewigt, hatte aber Hemmungen, mit der Kamera voll draufzuhalten.

Abgesehen davon will ich ja noch ein Weilchen hierbleiben, wenn ich – im Gegensatz zu gewissen andern Leuten – schon das Glück gehabt habe, ein solches Prachtszimmer mit einer söttigen Wunderaussicht ergattern zu können.

(Nachtrag, gegen Abend: Offenbar hats midda Beschdädigung dann doch noch geklappt. Das Paar bummelt gerade durchs Hotelareal und macht dabei einen rundum glücklichen Eindruck.)

Luxusprobleme im Zimmer 135

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Irgendwie nützt einem das schönste Hotelzimmer nichts, wenn mans alleine bewohnt.

Aus dem schicken Flachbildfernseher dudelt Blues, der klingt, als ob eine Roboterband auf einer Eisscholle spielen würde. Vom Flur her dringt kein Laut in den Raum.

Draussen, vor dem Fenster, läuft ein seltsamer Film: Drei Polizisten unterhalten sich stumm miteinander. Autos verschwinden geräuschlos ins Parkhaus. Alle zwei oder drei Minuten steigt still ein Flugzeug in den Himmel.

Erst seit anderthalb Stunden bin ich hier, und doch kommt es mir vor, als ob ich schon den ganzen Tag in diesen vier Wänden verbracht hätte.

Den riesigen Kaffeekocher, die Duftstäbli, die grob geschätzt zwei Dutzend weissen Handtücher in allen Grössen, die Schalter für die Lampen und die Lüftung und den Kleiderschrank und die Minibar: All das habe ich längst entdeckt und ausprobiert.

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Zu meckern gibts also nichts, eigentlich, doch wenn ich morgen sehr früh auschecke, werde ich kaum von dem Luxus profitiert haben, den mir die Direktion der Radisson Blu-Kette im Zimmer 135 zur Verfügung stellt (wobei “zur Verfügung stellt” bei Übernachtungspreisen von 165 Franken vielleicht nicht der perfekt passende Ausdruck ist. Aber im Moment fällt mir kein besserer ein).

Etwas fehlt sehr, oder vielmehr: jemand, aber das ist jetzt halt so und nicht zu ändern, und irgendwie ist das auch gar nicht so schlimm. In gut einer Woche sehen wir uns ja schon wieder, und in der Zeit zwischen jetzt und dann wird sie ihre Ferien in Frankreich genauso geniessen wie ich die meinen auf Gran Canaria.

So betrachtet, wäre das alles fast gar kein Problem, wenn nicht…wenn ich mich in diesem Raum, in dem auch hartgesottenste Milben null Überlebenschancen haben dürften und in dem, wie ich augenbrauehochziehend soeben registrieren muss, keine einzige Pflanze steht, nicht langsam, aber sicher fühlen würde wie der berühmte Vogel in seinem goldenen Käfig.

Aber unten, im Parterre, hats eine Bar und ein Restaurant. Dort sind Leute, die ich zwar weder kenne noch kennenlernen will, dort ist Betrieb, dort ist Leben.

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Dort gehe ich jetzt hin. Ich klappe den Laptop zusammen, ziehe die Karte aus dem Schlitz neben der Türe, schlurfe den endlosen Gang entlang zum Lift, fahre am neonleuchtenden Weinflaschenturm vorbei nach unten…

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…und stelle, noch bevor mir der Kellner das Cola Zero serviert, fest, dass tatsächlich noch  Trostloseres denkbar ist als solo ein Zweierhotelzimmer zu belegen: An einem Freitagabend in der ebenso anonymen wie sterilen Bar eines Flughafenhotels zu sitzen, Xylophonkängen aus unsichtbaren Lautsprechern ausgesetzt zu sein (bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass ich dem Thema “Xylophon” unbedingt einmal einen eigenen Beitrag widmen muss. Das Xylophon ist nämlich eine der übelsten Erfindungen überhaupt. Meine Abneigung gegen dieses Instrument rührt vermutlich aus frühesten Kindertagen her. Wenn wir im Familienkreise am Samstagabend “Teleboy” oder eine artverwandte TV-Show guckten, trat mit bemühender Regelmässigkeit ein gewisser Ralph Heid auf, der von Kurt Felix, Hans-Joachim Klenkampff, Hans Rosenthal und wie die Helden der Moderation damals alle hiessen, jeweils als “schnellster Xylophonist der Welt” angepriesen wurde, immer dasselbe verdammte Stück spielte und dazu einfältig grinste. Das wärs jetzt schon gewesen, was das Xylophon betrifft. Den separaten Text dazu kann ich mir folglich sparen; viel mehr kann da nicht mehr kommen.) und zu…Moment, ich habe den Faden gleich wieder… genau: und zu wissen, dass es zum Veröden in der Hotelbar im Grunde nur eine Alternative gibt:

Wieder in 135 hochzufahren, zur schockgefrorenen Musik und dem hippen Schmöckizeug im Glas, und auf den nächsten Morgen zu warten.

Gigantismus ohne Grenzen

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Monströs, bombastisch, epochal, ausserirdisch, gigantisch: Wer versucht, “The Wall” von Roger Waters in Worte zu fassen, kann noch so tief in die Kiste voller Superlative greifen; den perfekt passenden Begriff findet er nicht. Die Aufführung berührt soviele Sinne und erzeugt dermassen viele Gefühle, dass die Gedanken an das Erlebte auch dann noch wie Stroboskopblitze durch den Kopf zucken, als die Show längst vorbei ist.

Doch eines ist das Multimediaspektakel, das der Brite am Mittwochabend vor den fassungslos glänzenden Augen von 40 000 Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten im Zürcher Letzigrundstadion zelebrierte, ganz bestimmt: Das grösste Rock-Oratorium aller Zeiten.

Und die wohl teuerste Psychotherapie, die sich je jemand verschrieben hat: Seit über einem Vierteljahrhundert versucht der 70jährige Waters, den Verlust seines im Krieg gefallenen Vaters zu verarbeiten.

“The Wall” – das sind eines der meistverkauften Doppelalben (wobei Waters seine damaligen Bandkollegen von Pink Floyd fast mit der Waffe in der Hand dazu zwingen musste, es mir ihm zusammen aufzunehmen), ein monumentaler Film plus Konzerte, die im musikalischer, technischer und optischer Hinsicht sämtliche Grenzen sprengen.

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150 Meter breit und zwölf Meter breit ist die Mauer, die sich quer durch das Stadion erstreckt. Eine Woche lang waren zig Arbeiter damit beschäfigt, die Arena für “The Wall” herzurichten.

Zum Einsatz kamen – nebst Unzähligem anderem – riesige Puppen, Raketen, Feuerfontänen, ein quadrophonisches Soundsystem, atemberaubende Videoprojektionen im XXXXL-Format, ein Kinderchor, ein überlebensgrosser fliegender Eber, eine echte plus eine künstliche Begleitband, eine beklemmend realistisch in die Menge knatternde Maschinengewehrattrappe sowie ein grosses Modellflugzeug, das auch an diesem 11. September quer durchs Stadion raste, in die aus Kartonquadern bestehende Mauer krachte und dahinter in Flammen aufging.

Krieg und Frieden, Hass und Liebe, Dürre und Völlerei, Verderben und Leben: Darunter tuts es Roger Waters nicht.

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Dass sich auf seinem weit über zweistündigen Trip zwischen (s)einem dunklen Gestern und dem mutmasslich noch finstereren Morgen immer mal Widersprüche auftun. schadet dem Rundumerlebnis kein bisschen. Waters wettert vor einem Publikum, das pro Sitzplatz mehrere hundert Franken bezahlt hat, über den Kapitalismus? Kein Problem. Der notorische Egoist, der Pink Floyd im Alleingang gesprengt hat, verteufelt jeden, der seine Eigeninteressen rücksichtslos auf Kosten anderer durchsetzt? Völlig egal.

Der Mann, der die meiste Zeit in einem ärmellosen T-Shirt und zwischendurch in einem an die Nazis gemahnenden schwarzen Mantel am Bühnenrand steht, hat Jahrhundert-Alben wie “Dark side of the Moon” und Überhits wie “Wish you were her” (mit)komponiert; von “Another brick in the wall” ganz zu schweigen. Dieser Mann ist aufgrund seines Palmarès längst unantastbar gworden; ein Genie war er vermutlich schon immer.

Interessant ist, dass in dieser denkwürdigen Nacht nicht die ganz grossen Hits wie “Another brick in the wall” oder “Comfortably Numb” am meisten imponieren. In diesem perfekt orchestrierten Wummern, Donnern, Jaulen und Schreien wirken die leiseren Songs (“„Mother“, „Young Lust“, „Goodbye Blue Sky“ oder, ganz stark: “Hey you”, von Waters unmittelbar nach der Pause ganz alleine vor der Mauer vorgetragen) wie kleine Inseln, auf denen man kurz durchatmen kann, bevor der Feldherr einen aufs nächste Schlachtfeld führt.

(Weitere Kritiken: “Die Mauer ist durchlässiger geworden”, NZZ, und “Eindrückliches Spektakel und ein Fehltritt”; Aargauer Zeitung)

Das Geburtstagskind macht ein Riesengeschenk

Ihren 35. Geburtstag feierten Toto auch mit einem Konzert im Zürcher Hallenstadion. Steve Lukather (Gitarre und Gesang), David Paich (Keyboards und Gesang), Steve Porcaro (Keyboards), Joseph Williams (Gesang), Nathan East (Bass) und Simon Phillips (Drums) bescherten vier- oder fünftausend Fans eine über zweistündige Party, in deren Verlauf sie nicht nur ihre allergrössten Hits zum buchstäblich Besten gaben, sondern auch eher unbekannte Songs glänzen liessen:

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Steve Vai, einer der erfolgreichsten Rockgitarristen der Welt, hatte die Jubiläumsshow von Toto kurz zuvor in Rom gesehen. Auf seiner Facebook-Seite notierte er anschliessend: “I don’t think I ever heard a band sound this good live. This is a band that created their own unique sound. The perfect blending of rock, pop, fusion and a little jazz rolled into a huge accessible bundle.”

“Perfekt”: Das war auch das Toto-Gastspiel in Zürich, obwohl es eine halbe Stunde später begann als geplant, weil der Bandbus auf dem Weg nach Oerlikon in die Knie gegangen war.

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(Bild: Bruderherz)

Von Pflichtübung oder routiniertem Abhaken eines weiteren Programmpunktes auf dem Tourneeplan war nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Von “On the run” bis “Home of the brave” zündete das offensichtlich und hörbar bestens aufgelegte Quintett ein musikalisches Feuerwerk nach dem anderen.

Höhepunkt der Party waren natur- und erwartungsgemäss “Rosanna”, “Africa” und “Hold the line”, die Überhits aus den 80ern, die in all den Jahren aber nicht das geringste Stäubchen angesetzt haben…

…wobei: Ehrlich gesagt, ist “Rosanna” inzwischen schon nicht mehr die Allerknackigste. Bei allem Respekt: Sie wirkt ein bisschen wie eine 40jährige Mutter, die ihre 16jährige Tochter leicht overschminked in den Ausgang begleiten will, auch wenn dort manche finden, sie wäre vielleicht besser daheim geblieben, die Gute, und hätte sich einen gemütlichen Fernsehabend mit Popcorn und ein paar Folgen der “Desperate Housewives” gegönnt.

Ein sagenhaftes Gespür für Harmonien und Melodien, eine unerreichte Präzision im Zusammenspiel und die pure Freude daran, immer noch miteinander Musik machen zu dürfen: All das kumulierte in Zürich zu einem unvergesslichen Fest, an dem die Feiernden ihre Freunde ungleich üppiger beschenkten als umgekehrt.

Den Gästen blieb nur eines: Die Jubilare mit nicht endenwollenden Standing Ovations in die Nacht zu entlassen und ihnen noch viele, viele weitere tolle Jahre zu wünschen.

Verdankenswerterweise hat der mir unbekannte Bradley van Dijk im Ziggo Dome von Amsterdam einige Konzertschnipsel für die Ewigkeit festgehalten:

(Übrigens: Zur Entstehungsgeschichte von “Africa” hat dessen Komponist David Paich dem “Rock Cellar Magazine” ein bemerkenswertes Interview gegeben.)