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Von einem, der nur den Frieden haben wollte

notiz

“Für Ribeah,
Liebe Grüsse,
John Lennon
Yoko Ono
1980”

Diese Worte waren vermutlich die letzten, die John Lennon zu Papier gebracht hat. Die Schrift auf dem Zettel war kaum trocken und Ribeah zweifellos immer noch im Siebten Himmel, als Mark David Chapman – der am Nachmittag dieses 8. Dezember 1980 ebenfalls ein Autogramm des Musikers ergattern konnte – den ehemaligen Beatle mit fünf Kugeln erschoss.

Drei Jahrzehnte später findet sich die achtlos hingekritzelte Notiz, zusammen mit unzähligen weiteren Briefen, Gedichten und Postkarten im Buch

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“The John Lennon Letters – Erinnerungen in Briefen”

wieder.

In einer unvorstellbaren Kleinarbeit hat der britische Journalist und Autor Hunter Davies – der Verfasser der einzigen autorisierten Beatles-Biographie “A hard day’s night” – zusammengetragen, was Lennon während seines nur 40 Jahre währenden Daseins an Freunde, Ehefrauen, Fans, Familienmitglieder, Geschäftspartner, Geliebte, Konkurrenten und Kritiker geschrieben hatte.

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Philosophische Reflexionen (“Die einzige Möglichkeit, allen Menschen eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, besteht darin, sie bekannt zu machen – wir leben im 20. Jahrhundert. Meinst Du nicht, auch Jesus würde im Fernsehen auftreten, wenn er heute lebte?”) wechseln sich ab mit wütenden Reaktionen (“Was glaubst Du denn, wer Du bist? Was weißt Du überhaupt?”), humoristischen Geistesblitzen (“Wer zu spät kommt, hört oft nicht mehr gut”) und verbalen Angriffen auf seinen früheren Bandkumpel Paul McCartney und dessen damalige Ehefrau Linda (“Ich hoffe, ihr begreift, wie viel Scheisse ihr und meine anderen Freunde auf Yoko und mir abgeladen haben, seit wir zusammen sind.”)

Dazu kommen Einkaufslisten (“1. Skandinavisches Knäckebrot mit Kleie. 2. Esotts Himbeermarmelade. 3. Brot. 4. Sesambutter”), Liedfragmente, Antworten auf Fragebögen, Aufträge ans Personal (“Schicke Y. Os Mutter (verspätet) ein paar Blumen zum Muttertag”), Anweisungen für Lieferanten (“Bring das ganze Zeug hier rein, d.h. Lautsprecher und Tonbandgerät”), Zeichnungen, Skizzen und Karikaturen.

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Wer beginnt, in diesem Wort-Schatz zu wühlen, merkt schnell: John Lennon war weder der Heilige, als den ihn Millionen von Anhängerinnen und Anhängern verklärten, noch der Revoluzzer, als den ihn Teile der Regierung seiner Wahlheimat USA fürchteten.

Vielmehr war er tief in seinem Innersten ein in jeder Hinsicht harmoniesüchtiger Familienmensch, dem sein Status als Superstar eher suspekt war und der die Dinge selten ernster nahm, als sie waren. Den Frieden zu haben war alles, was er sich für sich und die Welt sein kurzes Leben lang wünschte. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Art und Weise, wie er seine Briefe abschloss: Auch das gehässigste Pamphlet – wie die erwähnte Tirade an die Adresse von Paul und Linda McCartney – endet mit versöhnlichen Worten wie “Trotz alledem: Alles Liebe für Euch beide von uns beiden.”

Aller finanziellen Sorgen enthoben, hätten John Lennon und Yoko Ono ihre Zeit mit Nichtstun verbringen können. Stattdessen arbeiteten sie rast- und ruhelos an verschiedensten Projekten. Ein Grossteil dessen, was Lennon umtrieb, ist in den “John Lennon Letters” fast lückenlos dokumentiert.

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Die Rettung der Welt war dem Künstler ein ebensogrosses Anliegen wie das Wohl und Wehe seiner Tante Mimi (und zig anderer Verwandter) im fernen England. Daneben kümmerte er sich um seine Geschäfte, korrespondierte er mit Wildfremden und versuchte er, ein ganz normales Lebens als Ehemann und Vater zu führen.

Das alles unter einen Hut zu bringen, war letztlich jedoch auch einem John Lennon unmöglich. Irgendwann mochte er nicht mehr vom Morgen früh bis spät in der Nacht im Hamsterrad laufen. In “Watching the wheels”, das er für das Album “Double Fantasy” komponiert hatte, liess er die Welt wissen, was er von diesem ewigen Getriebensein hält. Und wie er den Rest seines Lebens zubringen werde:

“People say I’m crazy doing what I’m doing.
Well they give me all kinds of warnings to save me from ruin
When I say that I’m o.k. they look at me kind of strange,
surely your not happy now you no longer play the game.

People say I’m lazy dreaming my life away.
Well they give me all kinds of advice designed to enlighten me.
When I tell that I’m doing Fine watching shadows on the wall,
don’t you miss the big time boy you’re no longer on the ball?

I’m just sitting here watching the wheels go round and round,
I really love to watch them roll.
No longer riding on the merry-go-round,
I just had to let it go.

People asking questions lost in confusion.
Well I tell them there’s no problem,
only solutions.
Well they shake their heads and they look at me as if I’ve lost my mind,
I tell them there’s no hurry,
I’m just sitting here doing time.

I’m just sitting here watching the wheels go round and round,
I really love to watch them roll,
No longer riding on the merry-go-round,
I just had to let it go.”

Published inMediales

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