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Zeit zu Zweit

Auf die Frage, worauf sie sich in den Ferien am meisten freuen, antworten zehn von zehn Paaren: „Darauf, wieder einmal chli Zeit miteinander zu verbringen. Zusammen zu reden und gemeinsam Sachen zu erleben. Im Alltag haben wir dazu ja kaum die Gelegenheit mit unseren Jobs und Hobbies und den anderen Engagements und den Kids.“

Und so sitzen sie wenig später, fast platzend vor Vorfreude auf ihr Qualitytimesharing, schweigend im Flugzeug. Sie starrt aus dem Fenster, weil sie so gerne einmal die Pigmä Pythago Pyroma berühmten spanischen Berge von oben sehen würde, aber nada: Wit unger ihr ligt s Wulchemeer.

Er glotzt auf die Beine der weiblichen Flight Attendants*In*enden (soviel Tschender muss sein, sonst gibts wieder einen Tadel wie neulich, als ich ein „Fräulein“ erwähnte, worauf ich prompt von einer (1) Leserin belehrt wurde, „Frau“ wäre im Fall sehr viel passender gewesen, dabei unterscheidet sich ein Fräulein von einer Frau meiner unmassgeblichen Ansicht nach weder vom Design noch von der Inneneinrichtung her nennenswert).

Nach der Landung hasten sie stumm durch das Spalier der Hotelchauffeure, die wie Hornusser mit hochgereckten Namenstafeln winken, entern ein Taxi, strecken dem Fahrer den Voucher unter die Nase…und los gehts. Er sitzt vorne, sie hinten. Beide haben Kopfhörer in den Ohren und sind vollauf damit beschäftigt, die Lieben zuhause wissen zu lassen, dass sie gut gelandet seien und alles superduper verlaufe.

Auf ungefähr halber Strecke tippt sie ihm auf die Schulter und sagt, „lueg mau, das Hüsli“. Er klaubt umständlich – sie darf ruhig sehen, dass sie ihn gerade aus einer tiefen Kontemplation gerissen hat – einen Stöpsel aus einem Ohr und ruft „hä?!?“, doch da ist das Hüsli längst an ihnen vorbeigerast.

Nach dem Einchecken gehen sie ihre Suite inspizieren. „Schön, gäu?“, sagt sie, als sie auf den Balkon hinaustritt. „Chamer säge“, murmelt er. Dann packen sie, ohne weitere Worte zu verlieren, ihre Koffer aus, belegen das Bad mit dem Allernötigsten bis unter die Decke (sie), checken den Kühlschrank (er), klemmen sich die Badesachen unter die Arme und gehen den Pool suchen.

Dort fläzen sie sich auf zwei gerade freigewordene Liegen. Er entnimmt einer riesigen Tasche ein Buch, sie legt sich auf den Bauch (oder umgekehrt)

und so plegere sie da, bis die Sonne verschwunden ist und es aus dem Speisesaal verführerisch nach Spaghetti Conveniencebolo, frisch aufgetauten Meeresfrüchten und einem Reiskleister riecht, den die Eingeborenen gemäss dem Reiseführer „Paëlla“ nennen und der hier sonst eigentlich nur en famille serviert wird, wie der Spanier sagt.

Während sie so vor sich hinkauen, studiert sie den Hotelprospekt. Er wischt ununterbrochen über sein Handy, weil er unbedingt wissen muss, was für Abenteuer seine 1528 Facebookfreundinnen und -freunde in den letzten sieben Stunden erlebt haben und was sonst noch an Wichtigem passiert ist in der Welt ausserhalb des Mikrokosmos, in dem er nun lebt.

„Nachher ist im ersten Stock Flamengo“, teilt sie ihm mit, was er mit einem kaum hörbaren „Hmhm“ quittiert. Sie überlegt kurz, anzufügen, und übrigens habe sie Lungenkrebs, befürchtet aber, dass er darauf genauso reagieren würde wie auf den Flamengo und verwirft die Idee, bevor sie weitergaren kann.

Zwischen der Schoggicrème und dem original echt spanischen Volkstanz bleibt den beiden kurz Zeit, sich im Zimmer frischzumachen, wobei er dafür keine Veranlassung sieht und lieber die Chance nutzt, auf dem Balkon seinen Nikotinakku bis zum Anschlag zu laden, weil in dieser alles andere als billigen Unterkunft, wie er schon beim Betreten des Gebäudes missmutig feststellen musste, zäntume Rauchverbot herrscht; jedenfalls drinnen. Sie pudert und malt und tupft und macht, bis ihm versehentlich der gusseiserne Zimmerschlüssel aus der Hand aufs Rauchglastischli fällt.

Den Folkloreabend verbringen sie ganz in sich gekehrt. Vor der letzten Zugabe sagt sie nur, damit wieder einmal etwas gesagt ist, „schön, gäu?“ Er kann seinen Enthusiasmus ebenfalls nur noch mit Mühe drosseln: „Chamer säge“, bestätigt er.

Einen Schlummertrunk an der Bar später (sie lernt bei einem Gin Tonic die Hausregeln in fünf Sprachen auswendig, er scrollt durch seine Mails) verziehen sie sich nach oben. „Es war ein langer Tag; ich muss jetzt schlafen“, lässt sie ihn wissen. „Stimmt“, sagt er, und löscht das Licht.

So geht das ab jetzt, sieben, vierzehn oder einundzwanzig Tage lang, und wenn sie wieder zuhause sind und die Verwandten und Freunde fragen, wie sie denn so gewesen seien, diese ersten Pärliferien seit ewig, strahlen sie einander an wie weiland im Standesamt und juchzen im Duett: „Wunderschön! Einfach wun-der-schön! Wir habens total genossen!“

Genossen – dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemanden interessiert – habe auch ich meinen Aufenthalt in Playa de Inglés. Am Samstag gegen Mittag düse ich zurück in die Schweiz.

Bis dahin dauerts zwar noch ein Weilchen. Zum Schreiben komme ich trotzdem kaum mehr, denn wenn ich sicher sein will, dass der Flieger nicht ohne mich abhebt, muss ich Gas geben: Am Boardingschalter im aeropuerto von Las Palmas stehen garantiert schon die ersten paar Dutzend Mitpassagiere Schlange, obwohl noch weit und breit kein Fräulein zu sehen ist.

Published inFerientechnischesFragwürdiges

Ein Kommentar

  1. Ruedi Schütz

    Ja, so kann‘s laufen, einfach voll easy und ohne Gefahr einer schwer ertragbaren Nähe!
    Wir versuchen‘s ab Samstag auch, ich werde aber keinen so tollen Beitrag schreiben können.
    Vielleicht geht‘s bei uns ja anders, wir sind ja nicht im Land der Reis/Fisch/Erbs Eintöpfe.
    Nach den Auszeittagen kommt ja meist die Rückreise, das ist oft schwierig, sei‘s am Schalter oder nachher zu Hause.
    Lassen wir‘s erst mal Samstag werden! 😉

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