Für Durchblicker

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Die Mode spielt für mich eine immer grössere Rolle. Dieses Gefühl hatte ich schon, als ich neulich eine eigene T Shirt-Kollektion entwarf – und jetzt hat sich die Vermutung bestätigt: Ich finde die Brillen, die Anja und Christian Häni (siehe Bild unten, oben links und unten rechts) für die “Halunke” und “The Haenis” kreiert haben, den Hit. Sie sorgen nicht nur für ein voll krass hippes Styling ihrer Trägerinnen und Träger, sondern verändern mit ihren unzähligen Facetten auch von einer Sekunde auf die andere den ganzen Blick aufs Leben.

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Herdentrieb

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All die Leute, die am Samstagabend im Flughafen von Las Palmas auf Gran Canaria auf den Flug AB2087 nach Zürich warten, haben ihre Plätze im Flieger auf sicher. Sie (sollten eigentlich) wissen: Die Maschine verlässt diese Insel erst, wenn alle Gäste an Bord sind. Niemand bekommt einen besseren Sitz als den, der auf dem Ticket vermerkt ist, weil er es früher als die Konkurrenz in den Jet schafft.

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Einstiegszeit ist um 17.05 Uhr. Eine halbe Stunde vorher sitzen schon Dutzende von Passagieren auf unbequemen Plastiksesseln und warten ungeduldig darauf, das Flugzeug stürmen zu können.

Um 16.50 stellt sich ein Mann vor den Schalter. Andere Wartende folgen seinem Beispiel. Minuten später hat sich hinter dem Mann eine lange Schlange gebildet, obwohl der Schalter noch nicht einmal besetzt ist.

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Halbkurz darauf liefern die Reisenden gleich noch einen – wenn auch längst überflüssigen – Beweis dafür, dass der Mensch zu den Herdentieren zählt: Nachdem die Maschine zum Stillstand gekommen ist, lösen alle miteinander die Sicherheitsgurten und schnellen, so gut es in dem Gedränge halt geht, auf, um ellbögelnd ihre Köfferchen und Täschli aus den Boxen über den Sitzen zu holen.

Nichts geht mehr, weder vorwärts noch rückwärts, und jeder flucht über den anderen und fragt sich, wieso das mit einem zügigen Aussteigen einfach nie klappt.

Inselleben (X und Schluss)

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Ob ich wieder meine Zweitfamilie besuchen gehe, fragt meine Frau jedes Mal, wenn ich für ein paar Tage nach Gran Canaria verschwinde. Sie meint das nicht im Ernst – oder ämu nicht ganz – und selbstverständlich sage ich darauf jeweils, wo sie auch hindenke; es gehe mir nur darum, Sonne zu tanken und die Batterien neu zu laden und den Kopf auszulüften und zu lesen und laufen und, vielleicht, chli zu schreiben.

Aber irgendwie hat mein Schatz – wie übrigens immer, eigentlich – Recht. Viele Menschen in Playa del Inglés sind mir inzwischen tatsächlich ähnlich „vertraut“ wie entfernte Verwandte, die man aus Gründen, die sippenintern bestens bekannt sind, über die aber niemand so richtig sprechen mag, weils sowieso keinen Sinn hat, nur alle paar Schaltjahre sieht: Man weiss, wo sie herkommen, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen… und hat doch keine Ahnung, wer – und vor allem: wie – sie wirklich sind.

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Aber man wills ja auch nicht so genau wissen.

Ich staune hier einfach darüber, wie sich die Leute am Buffet die Teller bis zum Gehtnichtmehr vollbeigen – und mit ihren Tischnachbarn dann über das lausige Essen meckern.

Ich beobachte sie, wenn sie mit fünfzig anderen Erlebnishungrigen in einen der sechs Busse steigen, die die Touristen zweimal täglich in den Megagiasuperduperwahnsinnsabenteuerpark mit den Delfinen und den Papageien und der grössten Doppelloopingwasserrutschbahn nördlich des Universums karren – und bekomme Stunden später mit, wie sie sich an der Rezeption über die unpersönliche Massenabfertigung in dieser Anlage beschweren.

Ich schaue ihnen zu, wie sie mit ihrem ganzen angefernsehenen Fachwissen über nahöstliche Gepflogenheiten mit einem Senegalesen um eine Sonnenbrille feilschen und empört davonstapfen, wenn der fliegende Händler nach einer halben Stunde sagt, jetzt sei dann aber mal gut; einen Euro fünfzig müsse er für diese original echte Ferraribrille schon haben, sonst nix Bisness, my friend.

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Doch wie es hinter den auf Hochglanz polierten Fassaden dieser Leute aussieht, interessiert an Orten wie diesen an Tagen wie diesen naturgemäss niemanden. Es ist auch völlig egal, dass man sich im Hotel oder am Strand oder sonstwo allpott über den Weg läuft und sich trotzdem völlig fremd bleibt.

Wer zuviel Nähe zulässt, riskiert Kratzer im Lack oder, noch schlimmer, dass Wochen nach den Ferien auf einmal das Handy klingelt und Gitte Huber aus Osnabrück dran ist, die mit ihrem Mann damals, auf den Kanaren, in 425 wohnte, „direkt neben Euch; Ihr hattet 423! Wir waren Pälla essen miteinander, und unsere Göttergatten haben vor der Abreise die Telefonnummern getauscht, und Tataaaa!, hier bin ich, um zu fragen, ob Ihr am Wochenende schon etwas vorhabt; es wäre doch schön, wenn wir uns einmal treffen und Erinnerungen….“

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Ich verbringe meine Miniferien vor der westafrikanischen Küste jedesmal mit anderen – und im Grunde genommen doch stets mit denselben Typinnen und Typen. Die Hanspeters und Inges und Günthers und Vrenis, die auf diesem Eiland die „schönste Zeit des Jahres“ verbringen, eint unabhängig von ihrer Nationalität, ihrem Beruf und ihrem gesellschaftlichen Status eines: Sie wollen alles genauso haben wie zuhause, aber südländisch temperamentiert und mit mehr Sonne.

Nur: Wehe, der Südländer – sagen wir: der für kaputte Zimmerventilatoren zuständige Handwerker im Hotel – macht mit seiner lehrbuchmässigen Entspanntheit mal Ernst und kommt tatsächlich erst mañana. Dann häscherets in den obersten Rechteggli des Organigramms, dass Dios erbarm, und Felipe VI grad auch noch.

Denn bel all dem krampfhaften Bemühen um Lockerheit mags kaum Abweichungen vom Gewohnten leiden. Hanspeter und Inge und Günther und Vreni kaufen immer am selben Kiosk ihre Zigaretten und die „Neue Post“, sie wählen in der immer gleichen Beiz aus vier Millionen möglichen Speisen die immer gleichen Spaghetti Bolo (wenns hochkommt, ordern sie zum Einstieg tollkühn ein Chnoblibrot, weil: “S ne typische Spezialität hier.”), sie liegen auf den immer gleichen Liegen am Bassin und am Meer und plaudern bei ihren Selbstverbrennungen über immer dieselben Themen (Wetter, Kinder, Fussball-WM; die Reihenfolge kann je nach Fifa ändern), kaufen die immer gleichen Souvenirs und reissen in ihren fünf oder sechs Stammlokalen die immer gleichen Sprüche (“heute gönn ich mir mal ein Bier, höhöhö!”)., worauf die immer gleichen Barkeeper und -keepsen immer gleich nachsichtig lächeln.

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Das alles weiss aber nur, wer seinerseits…

…und genau das, glaube ich, macht mir die Menschen hier trotz Vielem so sympathisch: Irgendwie sind sie ein bisschen wie ich, und einiges von mir steckt auch ihn ihnen.

Abgesehen davon, dass ich die cooleren T-Shirts habe als als die meisten andern Temporärimmigranten und im Flugzeug nicht jedesmal frenetisch applaudiere, wenn dem Piloten oder dem Kabinenpersonal etwas gelungen ist, unterscheide ich mich gar nicht soooo gross von den Millionen Pauschalualauban auf dieser Insel und sonstwo. Ich rede mir das nur gerne ein, aber auch das tun die anderen ja ebenfalls.

„Todo tranquillo, todo pacifico. Everybody happy“, rapportierte heute Morgen um 4.15 Uhr, wie jeden Morgen um 4.15 Uhr, Manolo, der Securitymann des Hotels, nachdem er seinen nächtlichen Rundgang beendet und eine Kanne Kaffee auf mein improvisiertes Schreibtischli beim Pool gestellt hatte. „Alles ruhig, alles friedlich. Alle sind glücklich“:

Passender hätte er meine letzten zehn Tage auf Gran Canaria nicht zusammenfassen können.

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Wer je einem Strand entlang oder durch eine belebte Fussgängerzone geschlendert ist, weiss: Es gibt sehr viel mehr T-Shirts, die höchstens ihr Träger zwei Stunden lang lustig findet (siehe Bild oben), als solche, die auch dem Betrachter auf ewig Freude bereiten. Und ihn im Idealfall sogar dazu animieren, aktiv zu werden; eine Internetadresse einzutippen und einfach mal zu schauen, was dann passiert, zum Beispiel.

Seit heute ist dieser Notstand behoben: In der Kollektion Bluesler gibt es seit Neustem drei verschiedenfarbige und unterschiedlich bunt bedruckte Sommeroberkörperbekleidungsstücke, die nicht nur hervorragend in jedes beliebige gesellschaftliche Umfeld passen, sondern auch bubieinfach zu waschen und auch sonst unglaublich pflegeleicht sind (mit anderen Worten: Sie ähneln ihrem Schöpfer bis auf die winzigste Faser).

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Und hier noch die Detailansichten:

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Wer eines dieser Tischis bestellen möchte, kann das gerne tun, und zwar unter hofstetter.hannes@gmail.com oder, noch einfacher, mit einem Kommentar (bitte Lieferadresse nicht vergessen). Bevor jetzt aber der grosse Run losgeht, möchte ich noch anfügen, dass es von den Liibli genau drei Stück gibt, und dass ich die alle für mich behalte.

Inselleben (IX)

Tag 8, noch vor dem ersten Hahnenschrei in der Hotelküche

Neuigkeiten aus der Schweiz: Schulreisen heissen nicht mehr “Schulreisen”, sondern “lernzielorientierte Exkursionen”, wie T.F. aus K., die beste Sekretärin der Welt (darf man wenigstens das noch sagen, ohne gleich eine Rassimusklage zu riskieren: “Sekretärin”, und wenn nicht: Wie heisst das politisch korrekt neu? Ich muss das wissen, denn ICH WILL NICHT INS GEFÄNGNIS!, jedenfalls nicht in den Ferien) mir soeben in einem Zusammenhang, der für die Öffentlichkeit nur von untergeordnetem Belang zu sein hat, gestern mitteilte (aber gut, wenns jemand un-be-dingt wissen will: Ich habe sie gefragt, wie es so laufe, und sie hat geantwortet, “geng wie geng”, und, eben: Schulreisen würden heute “lernzielorientierte Exkursionen” heissen, und daran chätsche ich jetzt, mutterseelenalleine in der Hotelanlage sitzend (siehe Bild oben), herum, weil ich sonst noch nichts zu chätschen habe; das Zmorge mit dem berühmten spanischen Bündnerfleisch gibts für die erste Staffel ab 8 Uhr und für die zweite ab 9, da das Fleisch für die betagteren Hotelgäste aufwändig püriert werden muss, und jetzt haben wir noch nicht einmal 5.52 GCZ.

“Lernzielorientierte Exkursion”: Wo führt das hin, ausser, auch geng wie geng, jedes Jahr auf die Rigi oder in ein Schloss oder nach Arth Goldau in den Zoo? Wem fällt so etwas ein? Und: War Yoko Ono wirklich die Alleinschuldige daran, dass die Beatles auseinandergefallen sind? Ich glaube nicht.

Schulreisen oder Schüler überhaupt habe ich auf Gran Canaria übrigens noch nie gesehen, was seine Vorteile hat: Es verangehmt Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln enorm, wenn man nicht bei jeder zweiten Haltestelle mit vorgehaltener Pistole um einen Hunderter für die Notschlafstelle gebeten wird und man nicht zweimal pro Woche ein Labor einschalten muss, um abzuklären, ob das Blut, das jeweils an den Spitzen der Spritzen klebt, auf die man sich im Bus mit unschöner Regelmässigkeit setzt, gespendet werden kann.

Andrerseits: Ich sage nur “Bruttoinlandprodukt”. Das von Spanien betrug letztes Jahr gemäss der offiziellen Bruttoinlandprodukthitparade 1’358’687 Millionen und jenes von der Schweiz 650’814 Millionen Dollar, also knapp die Hälfte.

Das heisst nach Adam Riese: Je weniger Schule, desto mehr Bruttoinlandprodukt desto mehr Wohlstand desto mehr medizinische Versorgung desto ein längeres Leben desto alles, und deshalb gehe ich jetzt einfach einmal davon aus, dass die spanischen Lehrerinnen und Lehrer Lehrpersonen zu ihren hyperaktiven Aufmerksamskeitsdefizitären eher selten sagen, “nicht für die Schule lernt ihr, sondern für das Leben!”, sondern meist viel präziser: “Nicht für die Schule lernt ihr, sondern für das Bruttoinlandprodukt, und zwar das von uns, nicht das von der Suisa.”

Oder, wie die Stammgäste der vielen Swingerclubs hier zu jubeln pflegen, bevor sie im Morgengrauen zu Frau und Kindern zurückwanken: Andere Länder, andere Titten.

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Ein grosser Denker hat – wenn ich mich richtig erinnere, sogar in diesem Blog – einmal gesagt, es hänge, von sehr weit oben gesteuert, immer alles mit allem zusammen. Et voilà – hier haben wir einen weiteren Beweis für diese von vielen Skeptikern aus dem Grossraum Hongkong als “vielleicht etwas gar steil” abgetane These: Köniz und die Beatles, Drogen und Servelats, Busbetriebe und Rassismus oder ADSL und Playa del Inglés haben mehr gemeinsam, als man denkt, aber dank der “erlebnisorientierten Exkursionen” wissen das nun nicht mehr nur die Jungs von der NSU, sondern auch normale Steuerzahler wie du und ich und unsere liebenswerten Vermieter, die ich an dieser Stelle übrigens herzlich grüsse, und entsprechend können müssen wir handeln, denn wie schon der grosse Astrochemiker Steve Lukater aus Genf doziert hat, als er mit Monica Lewinsky noch in seinem Labor in der Rue de Rosanne vor sich hin experimentierte, bis sich das Strässchen samt den hübschen Häuschen eines präctigen Sommermorgens sozusagen fast von selber pulversierte: “Frage nicht, was die Schule für dich tun kann. Frage, was du für Bill Clinton tun kannst.”