Der falsche Wunsch zur falschen Zeit

Feuerzeug

Vermutlich war er von Anfang an nicht ihr Tag gewesen, dieser 14. März 2013, und vielleicht hatte sie das nicht erst gemerkt, als sie wieder in ihrem Kiosk in der zugigen Bahnhofunterführung stand, vor all den mürrischen Leuten, die etwas von ihr wollten, und zwar sofort, sondern schon drei Stunden früher, gleich nach dem Aufstehen, als ihr Zahnglas auf den Badezimmerboden zesplitterte oder drei Minuten später, als sie merkte, dass kein Kaffee mehr vorrätig war…

…aber das konnte ich ja nicht ahnen; ich brauchte nur ein Übergangsfeuerzeug, weil mein Zippo leer ist und ich kein Benzin zum Nachfüllen bei mir habe, weshalb ich zu der Frau sagte, ich hätte gerne dieses Feuerzeug da, das grüne, worauf sie mir von unter der Theke ein Päckli mit drei Minifeuerzeugen darin überreichte und sagte, “drei neunzig”, worauf ich sagte, ich hätte lieber das grüne Feuerzeug dort, worauf sie sagte, das koste aber vier Franken zwanzig, was mich zur Bemerkung veranlasste, das spiele jetzt keine Rolle, ich hätte einfach gerne dieses grüne Feuerzeug und kein anderes, worauf sie pampig sagte, sie habe mir nur einen Gefallen tun wollen mit den billigen Feuerzeugen, woraufhin ich erwiderte, den grössten Gefallen würde sie mir tun, indem sie mir jetzt einfach das grüne geben würde, das für vier zwanzig, worauf bei ihr auch noch die letzte Sicherung aus der Fassung sprang:

“Fahr ab!”, zischte sie, und drückte mir das grüne Feuerzeug in die Hand, und als ich ihr einen Fünfliber hinstreckte, um zu bezahlen, wandte sie sich demonstrativ schon dem nächsten Kunden hinter mir zu, ohne auch nur einen Blick auf das Geld zu werfen, und dabei hätte ich ihr die achtzig Rappen, die sie mir hätte herausgeben müssen, geschenkt; aber das hätte ihren Tag vermutlich auch nicht mehr gerettet. Er war so oder so schon kaputt.

Wunderbares Wiederhören

Was für ein Lied! Was für eine Stimme! Was für eine Frau!

Neun Jahre war Agneta Fåltskog von der Bildfläche verschwunden. Nachdem sie auf “My colouring book” einige ihrer Lieblingslieder von anderen Komponisten neu interpretiert hatte, tauchte sie ab. Sie habe von dem Rummel, der ein Vierteljahrhundert lang um sie gemacht worden war, die Nase voll und lebe mit ihrem Mann abgeschieden in einem Haus bei Stockholm, war zu lesen, aber für Millionen von Fans kaum zu glauben.

Jetzt meldet sie sich mit der Pop-Ballade “When you really loved someone” zurück, als ob sie nur eine Woche Ferien gemacht hätte.

Und das Beste von allem: Am 10. Mai veröffentlicht die 62jährige(!) Schwedin ein komplettes neues Album. “A” heisst es, wie der erste Buchstabe des Alphabets, oder wie “Abba”.

Für die jüngeren Leser: Abba war die Band, mit der Agneta Fåltskog in den 70er- und frühen 80er-Jahren zum Superstar wurde, und die der Menschheit am Ende “The winner takes it all” und “The day before you came” vermachten: Zwei der traurigsten Musikvideos, die je gedreht wurden. Die Hauptrolle in den beiden Abschiedsfilmen spielte erschütternd glaubwürdig…Agneta Fåltskog.

Die grosse Depression scheint vorbei zu sein. Auf “When you really loved someone” klingt und wirkt eine der grössten Popsängerinnen ever so frisch und munter wie damals, in der Hochblütezeit von Abba.

Bin ich der einzige, der das Gefühl hat, die Welt sei auf einmal noch ein Birebitzeli schöner geworden?

Nachtrag 7. Mai: Das Magazin der “Zeit” widmet Agneta Fåltskog ein tolles Porträt.

Beim Gottlettaapasse

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Nach 20 Minuten Wartezeit, die sich mit einem uralten “Stern” nicht einmal bewusstlos schlagen liessen, steht hinter mir das

Fräulein A: “So, dann können wir jetzt zum Waschen gehen.”

Ich: “Ich habe sie schon heute Morgen…”

Fräulein A: “Sie können gleich hier Platz nehmen.”

Ich nehme Platz.

Fräulein A dreht das Wasser auf und lässt den Strahl ungefähr eine halbe Stunde lang ins Becken fliessen. Dann richtet sie ihn auf meinen Kopf. “Gehts mit der Temperatur?”

Ich: “Ja. Kein Problem.”

Fräulein A definiert den Begriff “Waterboarding” neu. Gleichzeitig drückt sie auf meiner Kopfhaut herum. Das Letzte, was ich in meinem Leben zu hören glaube, ist: “Eine Pflegespülung oder…”

Ich: “Nichts. Ist gleich. Machen Sie einfach.”

Fräulein A macht einfach. Greift zum Handtuch. Rubbelt mich trocken. “So.”

Ich: “…”

Fräulein A: “Dann können Sie wieder hier absitzen.”

Ich sitze wieder hier ab.

Fräulein A: “Ein Glas Wasser?”

Ich: “Danke, nein. Nur schneiden.”

Fräulein A: “Die Kollegin kommt gleich.”

Fräulein B kommt. “Und? Was machen wir?”

Ich: “Am besten einmal rundherum und drüber.”

Fräuleib B: “Darf ich mit der Maschine?”

Ich: “Klar. Machen Sie nur.”

Fräulein B macht. Kaum hat sie angefangen: “Ein Glas Wasser?”

Ich: “Nein, danke.”

Fräulein B macht weiter mit der Maschine. Plötzlich: “Soll ich hinten gerade oder anpassen?”

Ich: “Ich…”

Fräulein B: “Einfach, dass es gut aussieht?”

Ich: “Ja, genau.”

Fräulein B legt die Maschine beiseite. Greift zur Schere. Schnippelt. Und schnippelt. Und schnippelt. Manchmal schnippelt sie auch in der Luft. Das Geräusch wirkt irgendwie einschläfernd. Und macht mich nervös. Einschläfernd und nervösmachend – geht das überhaupt? Ich weiss doch nicht. Es spielt auch keine Rolle.

Ich versuche, die Härchen von meinen Augen zu blinzeln. Ist gar nicht so einfach, wie man immer meint.

Fräulein B schnippelt und schnippelt. Ohne die Schere abzusetzen, fragt sie: “Darf ich das Gottlett aapasse?”

Ich: “Äh…ja.”

Fräulein B passt das Gottlett an.

Ich würde jetzt gerne noch ein bisschen im alten “Stern” lesen. Aber der liegt ausserhalb meiner Reichweite vor dem Spiegel. Wenn ich mich vorbeuge, schneidet mir das Fräulein amänd in den Nacken. Oder dann haut sie eine Ecke aus der Frisur und braucht dann Stunden, um das Malheur zu korrigieren. Also: Kein “Stern”.

Fräulein B: “Chli Schlee?”

Ich: “Ou, nein, danke. Schlee ist so…”

Fräulein B: “…also lieber natüür.”

Ich schaffe es weder, den Juckreiz im Nacken zu unterdrücken, noch Justin Bieber zu überhören.

Fräulein B schnippelt natüür weiter.

Ich höre, wie Fräulein A zu einer Kundin, die seit drei Ewigkeiten mit pflotschnassen Haaren dasitzt, sagt, “dann machen wir jetzt die Brauen”, und denke: “Aha! Der gehts noch dreckiger. Die kommt hier nicht vor Mitternacht raus.”

Fräulein B: “Ist es gut so mit der Länge?”

Ich: “Wunderbar! Super!! Perfekt!!!”

Fräulein B schnippelt weiter.

Ich frage mich, wieso sie fragt, ob es gut sei mit der Länge, und dann weiterschnippelt, obwohl man doch gerade gesagt hat, es sei gut.

Fräulein B legt die Schere weg, kramt den Fön aus ihrem Schubladengefährt und bläst mir die Haare von der Haut.

Ich schöpfe neue Hoffnung. Vielleicht schaffe ich es morgen doch einigermassen pünktlich ins Büro.

Fräulein B: “So.”

Ich stehe auf.

Fräulein B geht zur Kasse. “Pflegespülung?”, fragt sie Fräulein A, die immer noch mit den Brauen der pflotschnassen Frau beschäftigt ist.

Fräulein A antwortet Unverständliches.

Ich: “Es hat jedenfalls geschäumt.”

Fräulein B lacht. “Macht 43 Franken. Haben Sie die Coopkarte?”

Ich: “Nein. 45.”

Fräulein B: “Danke!”

Ich: “Scho guet. E schöne Abe no!”

Fräulein B: “Uf Wiederluege.”

Ich haste mit meinen angepassten Gottletts auf den Bus. Auf der Fahrt in die Oberstadt denke ich wehdemütig an die Asiatin zurück, die in Melbourne für dieselbe Arbeit keine Viertelstunde benötigte und dafür erst noch nur die Hälfte verlangte.

Als der Bus auf dem Kronenplatz hält, steht mein Entschluss fest: Wenn schon wieder einmal Coiffeur, dann nur in Australien.

Schlottern bei Federers

Unknown

Was für ein lausiger Traum: Roger Federer hat mich eingeladen, ein Wochenende in seiner Villa zu verbringen. Ich erlebe einen überaus gmögigen Gastgeber. Er, seine Familie und das nette Personal sorgen dafür, dass ich mich rundum wohl fühle.

Gegen Abend frage ich, ob ich einen Pouletschenkel haben könne. Federer sagt: “Klar. Im Kühlraum sollten noch ein paar Hühner herumliegen. Ich nehme sie jeweils vom Australien Open in Melbourne mit nach Hause.”

Ich steige in den Keller hinunter und betrete den Kühlraum. Wummernd fällt die Stahltüre hinter mir ins Schloss. Ich merke schnell: Sie lässt sich von innen nicht öffnen.

Stunden später – ich bin schon halb erfroren, und um Hilfe rufen kann ich nicht, weil die Kälte meine Stimmbänder ruiniert hat – höre ich durch den Lüftungsschacht Federer sagen:

“Der Journi ist wohl gegangen. Jetzt lade ich euch alle zu einer Ferienwoche in Dubai ein. Packt eure Sachen. Wir fliegen gleich los.”