Herbstgedicht

Viele, viele Jäger lallen.
Dutzende von Schüssen knallen.
Gstabig kippt das Reh ins Gras,
“Schwein gehabt!”, freut sich der Has’.

Faule Blätter auf den Wegen
und vom Himmel ständig Regen.
Ringsherum nur Nebelwände,
Graue Töne ohne Ende.

“Wild auf Wild” ist jede Beiz
in der ganzen, dunklen Schweiz.
Voll mit Sauser, Haut an Haut,
mampft man Fleisch und rotes Kraut.

Glühwein und Marronistände
wärmen Mägen und die Hände.
Doch die Herzen bleiben kühl –
wann wirds endlich wieder schwül?

Dick verpackt in Pelz und Futter
stösst rotnasig manche Mutter
ihre Kleinen durch die Gassen.
Papi ist daheim am Jassen.

Vögel hats bald nicht mehr da,
sie sind längst in Afrika.
Igel kleben platt und kalt
gruppenweise auf Asphalt.

Wer kann, sucht das sehr, sehr Weite.
Kauft Flugtickets statt Holzscheite.
Steht schon bald am Barbeque
neben sich: ein Känguruh.

“Great to be back in Börgdorf”

Alle Jahre wieder packen die Skinny Machines in London ihre Instrumente und das Nötigste an Kleidern in ihren alten Ford-Kastenwagen, um ihrer wachsenden Fangemeinde auf dem europäischen Festland zu zeigen, welche Fortschritte die Band im Proberaum und auf ihrer Endlos-Tournee durch Pubs und Clubs gemacht hat.

Ihr Hauptquartier schlagen sie jeweils in Burgdorf auf, bei Chrige Roth, der Mutter von Drummer Dan Roth. Von der Emmestadt aus schwärmt der flotte Vierer fast Abend für Abend aus, um Konzertlokale in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Wackeln zu bringen (der aktuelle Fahrplan kann hier heruntergeladen werden).

Auf ihrer jüngsten Stippvisite präsentieren Rikki Glover (Leadgitarre), Eddie Cairns (Bass) und Schlagzeuger Roth nicht nur ihren neuen Sänger und Gitarristen Jim Stapley, sondern auch ihre zweite CD “Wind it up”, die in zwei Wochen erscheint.

Bei einem Augen- und Ohrenschein im Burgdorfer Kulturschopf wird schnell klar, dass die “Skinnies” sich aus der Schublade mit der Aufschrift “A-Ha mit Alternativeinschlägen” befreit haben. Die Skinny Machines 2012: Das ist mehr Druck, mehr Dampf, mehr Wumms oder kurz: “Meh Dräck”.

Handwerklich und harmonisch hat die Band die Lage jederzeit im Griff. Das einzige, was den positiven Eindruck bei ihrer Live-Performance chli trübt, ist die Tatsache, dass sie – zugegebenermassen sehr gekonnt aufgewärmt – immer wieder grosse Hits von anderen serviert.

Natürlich: Gegen das Liedgut von Tom Petty, den Rolling Stones oder den Stereophonics ist nichts einzuwenden.

Doch wer eine so hochkarätige CD wie


Wrong side of the river

im Gepäck hat und dank “Wind it up” seit Kurzem auf noch mehr Material mit Mitreisspotenzial zurückgreifen kann, sollte eigentlich über genügend Vertrauen in sein Können verfügen, um einen Konzertabend lang auf eigenen Füssen zu stehen.

Dies umso mehr, als diese Fähigkeiten von Fachleuten im Geburtsland der Beatles und von zig anderen Göttern im Rock-Olymp ja durchaus erkannt und gewürdigt werden: Der Radiosender Today FM lobt: “…strong 80s influences to the fore, this hook-laden melodic pop rock thunders through a tale of lost love and money – sure to fill airwaves this autumn…”
. Das “Playmusic Magazine” rühmt: “A brilliant example of engaging British songwriting”. Das “Clink Magazine” preist: “Sleek, tight, professional – this band is made for the big stage”

Die Freude über das Wiedersehen mit den geistig längst ins Ämmitau adoptierten Jungs von der Insel ist im Publikum aber zu gross, als dass ein paar musikalische Seitensprünge die Stimmung im Holzschuppen auch nur leicht trüben könnten. Auch wenn sich trotz wiederholter Aufforderungen kaum jemand zum lauten Mitsingen oder ausgelassenen Tanzen hinreissen lässt – das Wohlwollen, das den “Skinny Machines” entgegengebracht wird, ist jederzeit spürbar; auch für die Hauptdarsteller: “It’s great to be back in Börgdorf”, freut sich Sänger Stapley.

Der eine und die andere im Säli fühlt: Irgendwann, in vielleicht nicht allzuferner Zeit, werden die Skinny Machines auf wesentlich grösseren Plakaten angekündigt, als das noch im Herbst 2012 im Emmental der Fall war.

Irgendwann, wenn sie vor einer grossen Halle in einer langen Schlange auf den Einlass zu einem Konzert der Skinny Machines warten, werden sie ihren Kolleginnen und Kollegen dann so beiläufig, wies halt geht, sagen: “Die Skinnies sind früher im Fall öppedie in Burdorf aufgetreten. Ich habe sie oft getroffen. Vor und nach den Konzerten tranken sie mit ihren Fans jeweils ein oder zwei Bierchen. Das war total easy, damals, als sie noch nicht soooo bekannt waren.”

(Weitere Infos zur Band plus verschiedene Bild- und Tonmuster gibt mit einem Klick auf diesen Link).

Altmeisterhafte Gelassenheit

Mark Knopfler beherrscht nicht nur die Kunst des Komponierens und Gitarrespielens aus dem Effeff. Er ist auch ein Meister des Geschichtenerzählens.

Das hat er im Verlauf seiner Karriere als Kopf der Dire Straits und als Solokünstler schon zigmal bewiesen: “Telegraph Road“, “Romeo and Juliet“, “Speedway at Nazareth” – das sind Lieder, die dem Zuhörer wegen der traumhaften Melodien und dank der Texte im Kopf haften bleiben (ein kleiner Überblick auf das literarische Schaffen des 63-Jährigen findet sich hier).

Rau und zärtlich, cool und herzerwärmend, lakonisch und weise: So hört es sich an, wenn Knopfler von Menschen berichtet, und von Landschaften, und von Stimmungen und von Gefühlen. Und so klingt es auch und ganz besonders auf “Privateering”, dem ersten Doppelalbum des Künstlers, der weltweit längst als Superstar gilt, und der trotzdem wirkt, als ob er zum Glücklichsein nicht mehr benötigen würde als eine Gitarre und ein paar Kollegen, die ebenfalls Freude haben am gemeinsamen Musizieren.

Von all den synthetischen Mäscheli und Bändeli, mit denen Knopfer seine Kompositionen zu Dire Straits-Zeiten oft verzierte, sind nur Fetzen übriggeblieben. Im Vergleich zu Epen wie “Love over Gold” oder “Brothers in Arms” nimmt sich “Privateering” wie anderthalb Stunden Kammermusik aus.

Auf ein

Jahrhundert-Solo

wie jenes, mit dem Knopfler die “Sultans of Swing” zu einem Juwel der Rockmusik veredelte, wartet der Hörer von “Privateering” vergeblich.

Allerdings kennt der Gitarrist seine Pappenheimer inzwischen gut genug, um zu wissen, dass manche von ihnen auch 35 Jahre nach “Sultans…” mit weit geöffneten Ohren vor den Lautsprechern sitzen und auf weitere akrobatisch-geniale Einlagen auf den sechs Saiten warten. Knopfler spielt mit diesen Erwartungen, indem er hin und wieder wie aus dem Nichts zwei, drei messerscharfe Töne aufblitzen lässt – nur um gleich wieder abzubremsen und gemütlich fortzufahren.

Im Bewusstsein darum, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen, finanziell durch alle Böden abgesichert zu sein und mit entsprechend grosser Gelassenheit macht Knopfler auch auf “Privateering” nur, worauf er Lust hat. Und Lust hat er seit einem geraumen Weilchen primär auf das Schreiben von Songs, die den Zuhörer in Gegenden entführen, in denen er und seine Mitstreiter sich wohl fühlen. Das kann eine irische Wiese sein oder das schottische Hochland oder ein finsterer Hafen oder eine düstere Spelunke.

In jedem Fall sind es Orte, in denen Menschen leben, die etwas zu erzählen haben. Zum Untermalen ihrer Geschichten verwendet Knopfler Klangfarben, die von Musikern mit seiner Vergangenheit eher selten eingesetzt werden: Violinen, Flöten, Banjos, Mundharmonikas, Akkordeons oder alte Klaviere lassen erkennen, dass es dem mehrfachen Grammy-Gewinner ein grosses Anliegen ist, sich so weit weg wie möglich vom Bombast-Rock zu entfernen und sich so behutsam wie möglich den Ursprüngen des Country, Folk und Blues zu nähern.

“Privateering” (zu Deutsch: “Freibeutertum”) gehört zum “Alters”werk eines Mannes, dem niemand verübeln würde, wenn er all die Freiheiten, die er dank seiner Fähigkeiten hat, für sich alleine geniessen möchte.

Aber Egotrips sind – so in sich gekehrt er auf der Bühne auch scheinen mag – Knopflers Sache nicht. Er nimmt die Zuhörerinnen und Zuhörer lieber mit auf eine Reise, deren Ziel er selber nicht zu kennen scheint.

Und deren Ziel er vermutlich auch gar nicht so genau kennen will.