Schwerelos durch die Musikgalaxis

(Besonders beachtenswert: Der Beitrag ab 1.22)

Zunächst einmal: Wer auf einer CD vier Minuten lang “Me Meer” fordert, hat bei mir schon gewonnen. Selbst wenn alle anderen Songs auf der Platte noch so unterirdisch grauslich klingen würden – es gäbe für mich keine Veranlassung, die Qualität des Werks auch nur ansatzweise in Frage zu stellen.

“Me Meer”: So heisst die Single, mit der die Berner “Halunke” im Frühsommer Werbung für ihre zweite CD “Houston we are ok” zu machen begannen. Die Musikverantwortlichen der Radiostationen landauf und -ab verliebten sich auf den ersten Takt in das Lied.

Inzwischen steht die aus 14 Stücken zusammengesetzte Rakete professionell produziert und auf Hochglanz poliert auf der Startrampe in Cape Schüpfen im Berner Seeland, wo Oberhalunke Christian Häni mit seiner Frau und Managerin Anja lebt.

Am 21. September schiesst die Silberscheibe in die echten und virtuellen Plattenläden. Und von dort aus mit einiger Sicherheit ohne lange Umwege in die Hitparaden.

Denn das Versprechen, das sie mit ihrem Kurzflug ans Meer gegeben hatten, können Commander Häni (Gesang, Produktion und alles Mögliche) sowie seine Mit-Astronauten Christoph Berger (Drums), Marco Mazotti (Bass) und Simon Rupp (Gitarren) auch auf der Langstrecke halten. Sich durch das gute Dutzend Songs von “Houston…” zu hören, macht schon beim ersten Mal Spass – auch (oder gerade weil) Häni seine Texte nicht platt auf lustig trimmt, sondern sie – wie schon auf dem Erstling “Souerei” – mit Hintergründigem und Doppelbödigem anreichert, das sich einem erst im zweiten oder dritten Durchlauf in seiner vollen Pracht erschliesst.

Während Züri West ihr Publikum seit grob geschätzten 150 Jahren mit – wenn auch meist hochkarätiger – Küchentischphilosophie verzücken und Patent Ochsner ihre Zielgruppe seit Urzeiten ebenso gekonnt in ein Melancholiebad nach dem anderen tauchen, setzen die Halunke auf einen Mix aus Witz und Tiefsinn, der zumindest in der Berner Mundartmusikwelt seinesgleichen sucht, ohne zu finden. Bisweilen klingts wie Mani Matter auf Speed. Und zwischendurch wie Polo Hofer in seinen ganz grossen Tagen.

Das eine Prunkstück von “Houston…” ist “Hopfe und Malz”, für das sich die Mundartlegende Hanery Amman als Gastmusiker ans Piano setzte, um ein simples(?) Stück Hiphop zu einem zeitlos schönen Musikmoment zu veredeln.

(Für die jüngeren Leserinnen und Leser: “Hanery Amman” ist eines der treffendsten Synonyme anderen Wörter für “Hühnerhaut”:

).

Ein weiteres Highlight von “Houston…” ist das Titelstück. Eine schönere Liebeserklärung gabs auf Berndeutsch in den letzten Jahren wohl nicht:

Auf ihrem Flug durch die Galaxien der Soundtüfteleien und Wortspielereien beschränkt sich die Halunke-Crew aber nicht darauf, die schönen und weniger angenehmen Facetten des Zwischenmenschlichen zu beleuchten; Häni und seine Mannen schlagen auch kritische Töne an. “Nimm nume” setzt sich mit der “I want it all and I want it now!”-Mentalität mancher Zeitgenossen aus dem Wirtschaftssektor auseinander; “Boulevard” zielt auf Zeitungen, Onlineportale und TV-Magazine, die die Leute ununterbrochen mit als Nachrichten getarnten Nichtigkeiten berieseln – und nebenbei auch auf die Leute, die diese Nichtigkeiten für Nachrichten halten.

Doch alles in allem gehts auf “Houston we are ok”, ganz dem Namen entsprechend, vorwiegend heiter zu und her. Der eine Grund dafür ist, dass Häni die Menschen, über die er schreibt, hörbar gerne hat; entsprechend leicht fällt es ihm scheint es ihm zu fallen, ihre Macken und Stimmungen so liebevoll und präzise zu beschreiben, dass sie selbst für Lichtjahre entfernt Aussenstehende vertraut wirken.

Der andere Ursache für die auf dem Raumschiff “Halunke” herrschende Schwerelosigkeit ist, dass die Besatzung kein Problem damit hat, auch über sich selber zu staunen und lachen.

Im live aufgenommenen Bonustrack erzählt Häni “aus dem glamourösen Leben eines Mundart-Rockstars”, der herausgefunden hat, wie er gegen die ständige Ebbe in der Kasse ankämpfen kann: “Mach ig mis Portemonnaie jetzt uf, nimi halb soviel no druus. Das git einisch d Helfti meh woni jetzt sötti gseh.”

Einen weiteren Abstecher ins Autobiographische gönnt er sich und den Fans in “Next Level”:

“I ha nüt afa merke,
und nüt mitübercho.
I ha zwar 30 Jahr lang Zyt gha,
bi aber schnäll hie härecho.
Ig ha no tuusig Idee und nume Flause im Kopf.

Ha nid dänkt, dass es so schnälll cha ga.
Chas inzwüsche nid besser, aber länger.
Has geng no nid glehrt
und verbrönne mer d Finger.
Nach all dene Jahre han ig
no immer ke Schimmer.

Mini Sprüch si langsam närvig
und mi Buuch gseht us
wie us der Pnö-Egger-Wärbig.
Bi scho chli träg und nümme viel dusse.
Ha dr lieb läng Tag dr Hundeblick druffe.”

Wobei: “Ke Schimmer”? “Närvig”?

Von wegen.

Nachtrag 19.9.: Dass “Houston…” eine “erfrischende Unbeschwertheit” ausstrahlt, ist auch dem Schweizer Musikportal trespass.ch aufgefallen.

Auf zu immer neuen Ufern

Da schlagen die Herzen von Freunden intelligenten rockmusikalischen Schaffens gleich ein paar Takte höher: Die “Stranded Heroes” haben ihren Song “Bed of ivory” von ihrem Debütalbum “Metamorphin” als Single ausgekoppelt und verfilmt (siehe oben).

Seit heute steht das Video auf youtube; die Single ist ab morgen erhältlich. Sängerin Anja Bolliger verarbeitet im Text zu “Bed of ivory” die Zeit, die sie nach einer Rückenoperation durchmachen musste. Wie sie der Aargauer Zeitung erzählte, wurde sie nach diesem Eingriff morpiumabhängig. Der Entzug von dem Gift sei “eine sehr schmerzvolle Erfahrung” gewesen, an der sie habe wachsen können, sagte Bolliger.

Falls sich die Hoffnungen der Band aus meiner Heimat erfüllen, ist der nicht nur für Schweizer Verhältnisse sehr professionell produzierte Streifen bald auch auf den einschlägigen TV-Kanälen im In- und Ausland zu sehen. Zu gönnen wärs dem Quartett, das bei seiner Karriereplanung weniger auf Mutter Zufall, denn vielmehr auf Vater Arbeit plus die ihm in die Wiege gelegte Riesenportion Talent setzt.

Nachdem Anja Bolliger, Stefan Voramwald (Gitarre). Mash Lüscher (Bass) und Kusi Hintermann (Schlagzeug) ihre

erste CD

am 11. November letzten Jahres vom Stapel gelassen hatten, peilten die gestrandeten Helden Ufer um Ufer an, um sich und ihr Werk der Öffentlichkeit vorzustellen. Auf ihrem Tourneeplan standen nicht nur kleine, aber feine Openairfestivals in Hünibach, Salavaux, Gränichen oder Menziken, Auftritte am Fête de la musique in Lausanne und im sagenumwobenen Berner Gaskessel, sondern auch …Achtung: Trommelwirbel, der langsam von Pauken und Trompeten abgelöst wird…ein Gig am legendären Jazz-Festival in Montreux.

Mit besonders grossem Interesse wird das Video – hoffentlich! – nicht nur jeder Meinungsmacher in der Musikindustrie begutachten, sondern bestimmt auch jener Obdachlose, der in der Halle, in der der Film gedreht wurde, “wohnt”. Er wusste laut Drummer Kusi Hintermann genauso wenig, dass sein Unterschlupf als Location für ein Rockvideo dient, wie die Band ahnen konnte, dass an ihrem Drehort jemand haust.

Der Mann habe nicht schlecht gestaunt, als er eines Morgens nach Hause kam und seine zig Wände vor lauter Trockeneis kaum mehr wiedererkannte, erzählte der Schlagzeuger nach dem Dreh schmunzelnd.

Achtung! Hitzeentwicklung über der Flamme

Feuerzeug oder Terrorwaffe? Das ist offensichtlich die Frage bei einem atombombensicher verpackten Bhaltis, das zwischen dem Hotel Parque Tropical in Playa del Inglés und dem Flughafen Zürich in mein Handgepäck gelangte.

Auf einem separat eingeschweissten und doppelseitig beschriebenen Beiblatt wird dem Benutzer in zwei Dutzend Sprachen erklärt, worauf er im Umgang mit dem Höllengerät zu achten hat, wenn er nicht alles abfackeln will, was sich in einem Umkreis von 20 Kilmetern in seiner Nähe aufhält.

Auf Deutsch liest sich das so:

“1. Ausserhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren! Bringen Sie Kindern nicht bei, wie man dieses Feuerzeug benutzt.

2. Enthält brennbares Gas und steht unter Druck!

3. Halten Sie das Feuerzeug von Gesicht und Kleidern fern, wenn Sie die Flamme zünden oder regulieren.

4. Auf keinen Fall längere Zeit Sonneneinstrahlung oder Hitze über 50 Grad aussetzen.

5. Auf keinen Fall durchstechen oder direkten Feuerquellen aussetzen.

6. Flamme nicht länger als 10 Sekunden brennen lassen.

7. Versichern Sie sich, dass die Flamme nach dem Gebrauch gelöscht ist.

8. Bei Tageslicht ist die Flamme möglicherweise nicht sichtbar.

9. Dieses Feuerzeug sollte ausschliesslich zum Anzünden von Zigaretten verwendet werden.

10. Über der sichtbaren Flamme kommt es zu einer starken Hitzeentwicklung. Hier ist besondere Vorsicht geboten, um Feuer- oder Brandwunden zu vermeiden.”

So. Auf das abe muss ich jetzt erstmal eine rauchen. Falls es gleich knallt, habe ich irgendetwas falsch verstanden.

Aus dem Leben eines Playaboys (VII und Schluss. Oder auch nicht.)

Geplant war alles ganz anders: Als ich am Samstag in Las Palmas landete, war ich finster entschlossen, ein Velo zu mieten. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag eine Stunde im Fitnessraum des Hotels zu schwitzen, ausgedehnte Vollgas-Spaziergänge am Strand zu machen und regelmässig ein paar Längen zu schwimmen.

Ich wollte die Ferien nutzen, um weitere Kilos loszuwerden. Den Laptop nahm ich nur mit, um mich hin und wieder auf den aktuellen Stand der Nachrichtendinge bringen zu können, und um gelegentlich eine Mail zu lesen oder zu verschicken.

(Stimme im Hinterkopf: “Diesen Chabis glaubst du ja selber nicht. Zeitungen lesen und Briefli mailen kannst du mit dem Eifoun. Wir wissen beide, dass dir von Anfang an klar war, dass du mit dem Compi da unten noch ganz andere Dinge anstellen würdest.”)

Mag sein. Tatsache ist: Kaum hatte ich mein Rucksäckli ausgepackt, wollte musste ich etwas schreiben. Irgendetwas.

(Stimme im Hinterkopf: “Wir sprechen hier von einer Sucht, nicht wahr? Gibs zu: Du würdest eher auf Ferien verzichten als darauf, zu schreiben.”)

Wie gesagt: Mag sein.

Also gut: Stimmt.

Stell einem Alkoholiker ein Bier hin – er trinkts.
Stell mir einen Laptop vor die Nase – ich schreibe.

Zu sehen, wie sich am Bildschirm eine leere Seite öffnet, die sich dann auf eine wundersame Weise, die ich auch nach über einem Vierteljahrhundert berufsmässigen Geschichtenerzählens nicht begreife, ganz von alleine mit Buchstaben und Sätzen füllt, die sich ihrerseits zu Abschnitten formen, um etwas zu bilden, was anderen Menschen etwas bringt, und wenns nur zwei Minuten Plausch oder Ärger sind: Es gibt nichts Schöneres.

So begann der Playaboy zu leben. Die Umstände – “Umstände” sind für Süchtige immer gut – machten es ihm leicht, über Nacht ein Eigenleben zu entwickeln: Vom Radeln rieten mir Einheimische wegen der nichts kennenden Autofahrer in Playa del Inglés dringend ab. An Besuche im Folterkeller war bei 36 Grad im Schatten nicht zu denken. Fast ohne mein Zutun nutzte der Playaboy meinem Blog, um grösstenteils wildfremden Menschen munzige Einblicke in jene winzige Welt zu geben, die er mit mir durchstreifte.

Was ihn erst etwas erstaunte und dann völlig baff machte, war, wie die Menschen auf dem Festland auf seine Erzählungen reagierten. In seinem Mailfach und in den Kommentaren “seines” Blog stapelten sich Zuschriften von Unbekannten und Bekannten, die ihn ermunterten, weiterzutippen. Auf Facebook wurde augenzwinkernd zu Spenden aufgerufen, auf dass sein Aufenthalt auf (und damit auch die Berichterstattung aus) Gran Canaria verlängert werden könne. Ein anderer Freund riet online spasseshalber zu einer Kollekte, die dem Playaboy ermöglichen sollte, über die Meere kreuzzufahren und zu rapportieren, was und wer ihm zwischen Bug und Heck so alles auffällt. Und, vor allem: Wieso. Mein Brüetsch empfahl seiner internetten Fangemeinde eines Morgens nicht, wie üblich, den Wäutklass-Kracher des Tages zum Abrocken. Stattdessen legte er ihr ihnen die Ferien-Reminiszenzen meines neuen Gspändlis ans Herz.

Ohne, dass ich ihn darum gebeten hätte, sorgte der Playaboy im Macbookaufklappen dafür, dass in diesem Blog soviel Betrieb herrschte wie noch nie: Hunderte von Besucherinnen und Besucher drückten sich in nicht einmal einer Woche die Klinke zu meinem virtuellen Stübchen in die Hand.

Das alles war für uns beide ebenso ungewohnt wie erfreulich und zuweilen fast schon richtig rührend.

Unabhängig davon waren wir auch nicht unglücklich darüber, zwischen Poolrand und Sandstrand eine Beschäftigung zu haben, die den doch eher eintönigen Tagen in diesem Mekka des Nichtstuns eine Struktur gab. Wir setzten uns immer zur selben Zeit hin, um bei einer Kanne Kaffee einen neuen Beitrag z Fade z schlah. Anschliessend gingen wir ans Meer, um stundenlang zu laufen. Abends, wenn nicht mehr soviele Gäste im Schwimmbecken plantschten, tauchten wir jeweils ab.

So konnte ich mich trotz der gwundrig-gmögigen Klette an meiner Seite genauso intensiv bewegen, wie ich das vorgesehen hatte. Erleichtert stelle ich fest, dass im Sand dieser Insel das eine und andere Pfund liegenblieb, das ich längst loswerden wollte (der Preis für das appetitlichste Sprachbild des Jahres dürfte damit vergeben sein).

Aber jetzt ist bei allem Spass, dens gemacht hat, Schluss. Morgen fliege ich zurück in die Schweiz, zu meinem Schatz nach Burdorf, in den alten Markt. Dort ist es zwar nicht ganz so sonnig und heiss wie hier. Dafür fühle ich mich dort wirklich daheim.

Was den Playaboy betrifft, habe ich mir lange überlegt, was ich mit ihm machen soll. Zuerst erwog ich, ihn auf Gran Canaria seinem Schicksal zu überlassen. Das wäre aber eine für beide suboptimale Lösung. Denn ob ich je nach Playa del Inglés zurückkehre, kann ich nicht sagen. Und ihn ganz alleine zwischen all den Taxifahrern, Appartmentdealern und Blüttlern auszusetzen: Das bringe ich nichts übers Herz. Im für ihn besten Fall kommt er bei einem anderen Blogger unter. Nur: Das kommt für mich nicht in Frage.

Deshalb lasse ich den Playaboy sterben. So, wie ich ihn kennengelernt habe, trägt ers mit Fassung. In seinem nächsten Leben wird er sicher etwas über jenen leicht übergewichtigen Schweizer schreiben, der ihm einst im „Parque Tropical“ aus strahlend heiterem Himmel zugelaufen ist (dabei wars eigentlich umgekehrt. Aber egal).Wenn ich Glück habe, steht irgendwo in seiner Geschichte: „Wir hatten eine tolle Zeit miteinander.“ nehme ich ihn einfach mit nach Hause.

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, wie er mit der Kälte und der Nässe zurecht kommt, die ihn im Schweizer Herbst erwarten (um den strübsten Teil des Winters kommt er herum; dann ist er – wenn auch vielleicht unter anderem Namen – mit meiner Frau und mir in Australien). Und ich habe auch keine Ahnung, ob ihm die Emmentaler Höger genausogut gefallen werden wie die Dünen von Maspalomas.

Aber ich weiss: Sehr schwerfallen wird ihm die Umstellung nicht.

Er wird in der Schweiz unter Menschen sein, die sich von den Leuten hier nur minim unterscheiden.

“Aus dem Leben eines Playaboys” gab es Folgendes zu berichten:

“Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Ärger am Strand. Und ein Verhör unter Bernern.”

Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”

Aus dem Leben eines Playaboys (VI)

– „Mami: Morgen werde ich 15. Darf ich ab jetzt einen BH tragen?“
– „Nein, Max.“

Diesen Witz erzählte gestern ein Mann seiner Frau vor dem Hoteleingang.

Die Frau machte: „Hihi!“
Ich dachte: „Oho!“

Weil: Ich wusste, wo der Mann – hörbar ein Berner – den Witz herhatte: Aus der Berner Zeitung. Neulich hatten wir auf einer „Forum“-Seite noch genausoviele Zeilen frei, dass er wie dafür erfunden hineinpasste.

Fünf Millimeter mehr Platz, und der der Mann hätte einen anderen Witz erzählt. Seine Frau hätte vielleicht nicht “Hihi!” gemacht, sondern ihn überhaupt nicht lustig gefunden, worauf der Mann geschmollt hätte, sie finde seine Witze nie lustig, worauf sie erwidert hätte, seine Witze seien auch nie lustig, worauf er vorgeschlagen hätte, sie soll doch einfach einmal die Klappe halten, worauf sie gezetert hätte, nein, jetzt halte sie einmal – einmal! – nicht die Klappe, jetzt werde das z Bode geredet, worauf er erwidert hätte, das sei seiner Meinung nach jetzt aber der falsche Ort und die falsche Zeit, um so Sachen z Bode z rede, worauf sie gefaucht hätte, jetzt oder nie, worauf er gesagt hätte, dann nie, worauf sie sofort ausgecheckt und aus dem Bus zum Flughafen ihren Anwalt angerufen hätte, um die Scheidung einzureichen, worauf der Mann nach einer letzten Serwessa an der Poolbar an den Strand und von dort

ins Meer gegangen

wäre.

Wochen später würde seine heissluftballonartig aufgedunsene und von allerlei Getier angeknabberte Leiche von einem

Billigbrillenverkäufer (links, Mitte und rechts)

aus dem gleich um die Ecke liegenden Afrika gefunden.

Weil er nicht weiss, wohin damit, bringt er sie zum nächstbesten Allyoucaneatchinesen, der ihm dafür 5 falsche Euro in die Hand drückt. Der Extrem-Fielmann schickt das Geld in seine Heimat. Die Leute aus seinem Dorf bauen damit einen Brunnen und eine Schule; was übrigbleibt, wird in Boden-Luft-Raketen investiert.

Ich sehe gerade: Fotografieren am Strand ist hier gar nicht so hip, wie ich immer meinte.

Ich…

*zack!* *boing!*

“Nein! Nicht das Handy…!! – No! Not the cellphone!!…”

“…tami! Fuck! Seid ihr noch gebacken? Ich… – …damned! Fuck! Are you still baked!? I…”

*ngngngngngng*

“Das darf ja nicht wahr sein! Gebt das her! Nein! Nicht ins… – This may yes not be true! Give this here! No! Not in the…”

“…wunderbar. Super, wirklich. Jetzt ist es hinüber. – Wonderful. Super, really. Now it’s over it.”

*paff!* *paff!!* *paff!!!* *WUMM!*

*hust*

*würg*

*röchel*

Wo sind wir liegengeblieben? Ach ja.

Während das Paar also beim Hoteleingang stand und über den Bikiniwitz lachte und dann diskutierte, was man an diesem wunderschönen Abend noch unternehmen könnte, dachte ich: „Das muss es jetzt sein, das Prinzip vom Schmetterling, von dem nur ein Flügelschlag genügt, um…“. Aber dann kam ich nicht mehr darauf, um was auszulösen der Flügelschlag eines Schmetterlings genügen würde (einen Tsunami? Neuwahlen im Bundesrat? Die Senkung der Halbtaxtarife?) und begrub den Gedanken wie Max seine Träume vom BH.

(Übrigens: Max heisst im Witz, den wir publizierten, nicht Max, sondern anders. Ich habe ihn für diesen Beitrag umgetauft, um meinen Stammleser Thomas nicht zu brüskieren.)

Wie ich die beiden Berner so heiter und glücklich ihre nähere Zukunft beratschlagen sah, war ich versucht, mich mit den Worten „Jetz lueg ou do! No zwöi Bärner!“ zu ihnen zu gesellen. Mein rechtes Bein hing schon in der Luft, um den ersten Schritt auf das Duo zuzumachen, als sich aus der Abteilung „Vernunft“ in meinem Gehirn Rosanna-Pamela vom Nachtdienst meldete und brüllte: „Tu das nicht! Auf.Gar.Keinen.Fall!“

Ich kenne Rosanna-Pamela inzwischen gut genug, um zu merken, wann ich auf sie hören muss. Es war ja klar, was sie meinte: Sobald der Mann und die Frau wüssten, dass sie einen Landsmann vor sich haben, würde sich bis aufs letzte Komma genau dieser Dialog entspinnen:

Mann: „Ha! Die Welt ist schon klein! Guetenaaabe!“

Ich: “Guetenaaabe!”

(Er würde sich vorstellen. Ich würde mich vorstellen. Vielleicht würden wir Duzis machen. Wahrscheinlich aber nicht. Er scheint nicht so der Sofortduzismacher zu sein.)

Mann: „Wo wohnen Sie in Bern? Länggass? Matte?“

Ich: „Ich arbeite nur da. Wohnen tue ich in Burgdorf.“

Mann: „Burgdorf! Auch schön! Tolles Schloss! Was arbeiten Sie in Bern, wenn ich fragen darf?“

Ich (nuschelnd und bereits chli bereuend, Hallo gesagt zu haben): „Bei der Berner Zeitung.“

Mann: „Wie bitte? Ich habe Sie nicht ganz verstanden.“

Ich (etwas lauter): „Bei der Berner Zeitung.“

Mann: „Bei der BZ! Ich glaubs nicht!! Trudi! Herr Hostettler arbeitet bei der BZ! Die haben wir seit hundert Jahren abonniert. Den Bund hatten wir auch, aber jetzt haben wir ihn nicht mehr.“

Ich: „Das freut mich. Ich meine, für uns. Nicht für den Bund.“

Mann: „Was machen Sie bei der BZ? Für welche…wie sagt man?…Abteilung arbeiten Sie?“

Ich (wieder nuschelnd): „Auf der Redaktion.“

Mann: „Ah, Journalist!! Für welches Gebiet, wenn ich fragen darf?“

Ich (alle Hoffnung auf ein baldiges Ende des Verhörs fahrenlassend, in normaler Lautstärke): „Für das Forum.“

Mann: „Hm, hm. Das Forum. Und da sind Sie zuständig für…?“

Ich: „…alles Mögliche, aber nicht alleine. Wir sind ein Team. Es geht um Leserkontakte. Wünsche erfüllen. Bloggen. So Sachen. Briefe beantworten. Schreiben. Wir sind sozusagen…“

Mann: „Leserbriefe… Was ich schon immer mal fragen wollte: Drucken Sie eigentlich alle Leserbriefe ab, die sie bekommen?“

Ich: „Nein. Das wären viel zuviele. Wir haben pro Tag nur zwei Seiten für die Briefe, aber da muss noch anderes drauf, zum Beispiel…“

Mann: „…ich habe manchmal das Gefühl, dass Sie mehr SVP-Leserbriefe abdrucken als andere. Stimmt das?“

Ich: „Nein. Aber das hören wir oft.“

Mann: „Dann stimmts also doch?“

Ich: „Nein. Ich wollte sagen: Wir hören oft, dass wir mehr Leserbriefe von rechten Parteien abdrucken als von linke. Aber wir hören genausooft, dass wir mehr Leserbriefe von linken Parteien abdrucken als von rechten. Das gleicht sich übers Jahr ziemlich aus.“

Mann: „Schon klar. Aber ein bisschen rechts ist die BZ schon, oder?“

Ich: „Nicht, dass ich wüsste. Wie gesagt….“

Mann: „Was meinst du, Trudi? Ist die BZ nicht ein bisschen mehr rechts?“

Trudi (will endlich gehen): „Ich habe die BZ schon ewig nicht mehr gelesen. Ich mache nur das Sudoku.“

Mann: „Ämu, wenn ichs nicht schon gemacht habe, höhö. Wer ist jetzt schon wieder der Chef von der BZ?“

Ich: „Michael Hug.“

Mann: „Genau. Stimmt. Er ist ja auf diesen…diesen…jedenfalls etwas mit F gekommen. Mit dem hatte ich öppedie zu tun.”

Ich: “Z’Graggen Er hiess Andreas Z’Graggen, Das heisst, so heisst er eigentlich immer noch. Er ist nur nicht mehr unser Chef.”

Mann: “Eben. Das ist jetzt eben dieser Hug. Und? Wie macht er sich so, als Chef?”

Ich: „Tiptopp. Ich kann nicht klagen.“

Mann: „Logisch. Ist er ihr direkter Vorgesetzer? Oder wie ist das bei Ihnen?“

Ich: „Er ist der Chef von der ganzen BZ und deshalb auch mein Vorgesetzter. Aber wir haben für jedes Ressort noch eigene Chefs.“

Mann: „Interessant! Und Ihr Ressortchef ist…“

Ich: „Giuseppe Wüest.“

Mann: „Ah! Der Wüest!“

Ich: „Sie kennen ihn?“

Mann: „Nein.“

Ich: (wünsche mich nach Guantanamò) „Ich…“

Mann: „Mit den Inseraten läufts grad nicht so gut, wie man hört.“

Ich: „Ach – mit den Inseraten haben wir keine Probleme. Höchstens mit ein paar Inserenten.“

Mann: „Ich verstehe nicht ganz…“

Ich: „Mit Inserenten. Besser gesagt, mit Inserenten, die nicht mehr inserieren. Die sind ein bisschen ein Problem. Nicht die Inserate. Das war ironisch gemeint.“

Mann: „Jetzt ist es gegangen. Höhöhö.“

So würde das weitergehen, bis der Mond, des Zuhörens müde, frühzeitig untergegangen und die Sonne, die von dem sinnfreien Geplapper da unten nichts ahnen konnte, voller Vorfreude auf den neuen Tag aufgegangen wäre. Der Mann und ich würden über die BZ reden und reden und reden und am Samstag den Rückflug verpassen, aber das alles würde nichts daran ändern, dass die BZ halt schon ein bisschen mehr rechts ist als links, oder umgekehrt, oder nichts von beidem.

Deshalb liess ich den Berner und die Bernerin weiter darüber plaudern, was sie noch miteinander machen könnten in dieser Nacht – ein Sudoku vielleicht? – und ging ins Bett.

Bereits erschienen:

Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”