A-Erlebnis

Jahrelang thronten A-ha in meiner Musiksammlung ganz oben, dicht gefolgt von Aaron Neville und Abba.

Aber nun ist das längst aufgelöste Trio aus Schweden nach unten gerutscht: Es musste seine Position zugunsten einer Band namens A räumen.

Wie A klingen? So:

Entdeckt habe ich sie durch meinen Schreibkollegen Lukas Heinser. Er hat A in seinem Blog “Coffee and TV” eine richtige kleine Liebeserklärung gewidmet. Die hat mich so gwundrig gemacht, dass ich gleich 15 Franken fürs Herunterladen von “Hi-Fi Serious” investierte.

Jetzt habe ich nicht nur eine tolle Scheibe mehr in meiner Melodien-Datenbank. Jetzt ist auch der Spitzenplatz in meiner Playlist für immer vergeben; jedenfalls, solange für den Anfang des Alphabets kein neuer Buchstabe erfunden wird.

Der erste Satz und was dann kommt

Mit dem ersten Satz ist es immer so eine Sache: Einerseits sollte er die Leserinnen und Leser packen und fesseln und in die Geschichte ziehen.
Andrerseits gibt es für den potenziellen Leser wenig Abschreckenderes als einen Satz, dem man schon von Weitem ansieht, dass er einen packen und fesseln und in eine Geschichte ziehen soll.

In den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen. Sie beginnen – Überraschung! – alle ganz anders. Und haben mich doch alle gepackt und gefesselt.

“Dass mein Sohn der Star eines Pornofilms ist, fand ich heraus, als Karen Glenister, die zwei Häuser die Strasse runter wohnt, mit einen Umschlag durch den Briefschlitz steckte”:

So beginnt die erste von vier Kurzgeschichten des britischen Erfolgsautors Nick Hornby (“High Fidelity”), die der Verlag Kiepenheuer & Witsch im Band “Small World” zusammengefasst hat. Mit diesem Satz verspricht Hornby mehr hochklassige Unterhaltung als, sagen wir: Mario Barth mit einer zweistündigen RTL-Vorschau auf sein Abendprogramm. Und beim Versprechen belässt Hornby es nicht: Wer das Buch zur Hand nimmt, legt es erst wieder zur Seite, wenn er oder sie zu seinem oder ihrem grossen Bedauern schon auf Seite 158 und damit am Schluss angelangt ist. “Small World”: Das ist eine luftig-leichte und damit perfekte Lektüre für einen lauen Frühlingsabend im Garten oder einen Sommertag am See. Wie jedes andere Buch von Nick Hornby auch.

“Was die Todessehnsüchte im Rock’n’Roll betrifft, steht der Motörhead-Song “Ace of spades” mit seiner Textzeile “I don’t wanna live forever”-Textzeile immer noch ganz weit vorne”:

Das sind die ersten Worte von “Lemmy Talking”. Die folgenden 170 Seiten enthalten zig Zitate von Lemmy Kilmister, dem Gründer und Chef von Motörhead. Um “Sex, Drugs & Rock’n’Roll” geht es in dem Buch naturgemäss auch, aber nicht nur. Die “Heavy Metal-Legende” (als solche preist der Verlag seinen Protagonisten an) äussert sich auch über Kollegen, und zwar, wie in diesem Fall, überraschend wohlwollend: “Er hat grossartige Songs geschrieben. Wenn Mikkey sich mal das Gehirn wegsaufen sollte kurz vor einem Auftritt, und angenommen, er (der andere Musiker) sitzt zufällig in der Garderobe nebenan und ich bitte ihn sehr, seeeehr höflich um Hilfe – der spielt ein komplettes Set von Motörhead. Ohne Fehler!”, sagt der vermutlich ehrlichste Mensch der Rockgeschichte über…Phil Collins

“Abbas unglaublicher Erfolg ist die Geschichte von vier Musikern aus einem fernen Land im Norden Europas, die gemeinsam mit ihrem rastlosen und eigenwilligen Manager auszogen, die Welt zu erobern”:

Das ist dem schwedischen Autor Carl Magnus Palm zum Auftakt seiner Abba-Biographie “Licht und Schatten” eingefallen. Über 650 Seiten umfasst der Wälzer, in dem Palm “Die wahre Geschichte” einer der grossartigsten Bands ausbreitet, die je auf diesem Planeten musiziert hat. Schön ist, dass Palm sich nicht auf das flüssige Aufzählen von sauber recherchierten Fakten und das Verknüpfen von (teils natürlich längst bekannten) biographischen Details beschränkt. Er analysiert auch die Musik, die Millionen und Abermillionen von Menschen noch heute begleitet, auf eine so nachvollziehbare Art und Weise, dass auch Laien verstehen, was die Magie der Abba-Harmonien ausmachte – und nach wie vor ausmacht.

“Es ist viel passiert seit damals, als wir unsere Band gegründet und angefangen haben, die Musik zu machen, die wir bis heute lieben”,

schreiben Francis Rossi und Rick Parfitt im Vorwort zu “Die Status Quo-Autobiographie”. – “Viel passiert” ist gut: Die vor rund 50 Jahren gegründete Boogie-Rock-Truppe hat das Musikschaffen des letzten Jahrhunderts mitgeprägt wie wenige andere Formationen. Dafür genügten ihnen plusminus drei Akkorde – und ein untrügliches Gespür dafür, was die Leute in den Festzelten und Riesenarenen dieser Welt hören wollen. Rick Parfitt und Francis Rossi, die Quo-Masterminds, haben ihre gemeinsame Geschichte with a little help from the Journalist Mick Wall verfasst. Wie die beiden in (bisweilen leicht divergierenden) Erinnerungen schwelgen, mit wieviel Humor sie den Trubel um sie herum (und sich selber) betrachten und mit welchem Spass und Ehrgeiz sie ihr in die Jahre gekommenes Schlachtross immer noch von Bühne zu Bühne treiben: Das erstaunt und beeindruckt und lässt darauf hoffen, dass ihnen und ihren Mitspielern noch viele, viele Jahre vor möglichst imposanten Lautsprechertürmen rund um den Planeten vergönnt sein mögen.

“Als sich Roger Waters das erste Mal herabliess, das Wort an mich zu richten, studierten wir am College schon fast ein halbes Jahr Architektur zusammen”:

So leitet Rick Mason, der frühere Schlagzeuger von Pink Floyd, sein Buch “Inside Out” ein. Wobei: Dieses Werk “Buch” zu nennen, ist, wie zu sagen, Wolfgang Amadeus Mozart habe sich als Klavierspieler verdingt. “Inside out” ist die Bibel für die Freunde der rockmusikalischen Hochkultur. Eine auf Hochglanzpapier gebannte Orgie von Klängen, Texten, Bildern, Ideen und Träumen. Ein Rausch zum Lesen. Und eine psychologische Studie über das Neben-, Mit- und Gegeneinander von Menschen, deren Egos irgendwann so gigantisch gross ware, dass sie sich unter ihrem Gewicht kaum mehr fortbewegen oder weiterentwickeln konnten. Selbstverständlich schildert Mason die Pink Floyd-Saga von ihren alles anderen als bescheidenen Anfängen bis zu ihrem bitteren Ende. Er erzählt, wie “Wish you were here”, “Dark side of the moon” und (fast) sämtliche anderen Alben der Briten zu zeitlosen Klassikern avancierten und was es alles brauchte, bis “The Wall” endlich stand. Aber wie Mason das tut; wie er diese Saga einbettet in den Lauf der Zeit; wie er Zusammenhänge erklärt, die andere nicht einmal erkannt haben, das sucht auf dem Markt der Musik-Biographien vermutlich Seinesgleichen, ohne je fündig zu werden.

Perlen vor die Sparsäue

Mich betrifft es ja nur peripher, wenn die Deutsche Bahn, Telekom und Air Berlin keine Presserabatte mehr gewähren.

Ein paar Kolleginnen und Kollegen, die die letzten Monate vor allem damit zubrachten, dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nachzuweisen, von welchen Vergünstigungen er im Verlauf seiner Karriere profitierte, dürften diese Massnahmen empfindlicher treffen.

Andrerseits: Für Journalisten gibt es immer noch die eine und andere Möglichkeit, ein paar Euro zu sparen, oder ein paar Franken.

Aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht… – ich weiss.

Kleines Imageproblem

Das ist jetzt doch ein wenig ernüchternd: Ein Vierteljahrhundert lang bildete ich mir mit einigem Erfolg ein, die seriöse Minderheit der schreibenden Zunft zu vertreten. Ich dachte, dass alles das meiste von dem, was ich tippe, die Menschheit irgendwie weiterbringen würde.

Kurz: Ich war fest davon überzeugt, als Journalist und Blogger einen Beitrag wider die intellektuelle Verarmung der Welt zu leisten.

Und dann…dann finde ich mich auf der Website einer Berner Liegenschaftsvermittlung wieder; unter der Rubrik “Gute Unterhaltung”:

Auf Souvenirjagd

(Ja: Um wahr zu sein, ist diese Geschichte fast zu herzig. Ob sie stimmt, oder ob es sich dabei um eine der unzähligen urbanen Legenden handelt, weiss ich nicht. Erzählt wurde sie mir von jemandem, dem ich aus Prinzip jedes Wort glaube. Falls sich die Story so zugetragen hat, ist sie mindestens so gut wie die vom Hasen ohne Ohren, der bei einer extra für ihn veranstalteten Pressekonferenz flach herausgekommen ist.)

Eine Schulklasse besucht einen Zoo. Auf einmal fehlt eines der Kinder. Der Lehrer startet eine grosse Suchaktion. Alles Rufen und in den Büschen Herumstochern hilft nichts: Das Mädchen bleibt veschwunden.

Doch plötzlich taucht es wieder auf. Es wirkt leicht verstört. Seine Kleider sind schmutzig. Der Lehrer und die Gspändli wollen wissen, wo es (mit wem?) gewesen und was dort passiert sei. Die Kleine schweigt.

Ununterbrochen über den aufregenden Spaziergang durch den Tierpark plappernd, verdrücken die Kinder auf der Heimfahrt im Zug ihre Zvieri. Das Mädchen mit den feuchten Schuhen und den dreckigen Hosen sagt kein Wort. Es scheint keinen Hunger zu haben. Teilnahmslos sitzt es mit dem Rucksäckli auf dem Schoss da.

Am Bahnhof werden die Kinder von ihren Eltern abgeholt. Der Lehrer erzählt dem Vater und der Mutter der Ausreisserin das wenige, was er über das kurzfristige Verschwinden der Schülerin weiss. Für ihre die dreckigen Kleider und ihr sonderbares Verhalten hat er keine Erklärung.

Zuhause angekommen, hebt die Kleine vorsichtig einen jungen Pinguin aus ihrem Rucksack.