SchMerz, lass nicht nach

Der – jawoll! – Burgdorfer Kabarettist, Autor, Slampoet und BZ-Kolumnist Adrian Merz schafft es, auch dem Übelsten, was einem widerfahren kann, eine humoristische Note abzugewinnen: Dem Besuch bei der Dentalhygienikerin.

Dieses Kunst-Stück ist Teil seines abendsehrkurzweiligfüllenden Programms “Dichtschädel”.

Sprachwitzig, hintergründig, tiefenscharf: So kommentiert Merz den Gang der Welt, den Lauf der Zeit und seine vielen, vielen Kindheitstraumas.

Ich kanns nur empfehlen.

Gschmuuche Momente

Im Zug sitzen an diesem Wintersonntagabend nur wenige Leute – darunter ein Grossvater mit seinem drei-, vielleicht vierjährigen Enkel.

“Jetzt kommt Burgdorf”, sagt der Senior. “Dann kommt bald Langenthal. Wenn wir daheim sind, nehmen wir ein Bad, gäu.”

Mir wird chli gschmuuch.

Ich fühle mich wie damals auf dem WC von Toni’s Zoo in Rothenburg. Während ich so dasass in meinem Kabäuschen, hörte ich, wie die Türe zur Toilette aufging. Jemand begann, ein Kind zu wickeln. Dazu murmelte eine im Lauf der Jahrzehnte brüchig gewordene männliche Stimme ununterbrochen: “Er ist so gross…so schön…so gross…so schön”.

Nach einer Weile ging der Unbekannte zum Pissoir. Wasser musste er nicht lassen. Dafür verschaffte er sich anderweitig Erleichterung. Irgendwann stöhnte er auf. Sekunden später war ich wieder alleine im Raum. Der alte Mann hatte nicht einmal gespült.

Im Zoo-Restaurant sah ich kurz darauf einen betagten Herrn und einen sehr, sehr kleinen Buben an einem Tisch höcklen. Ihnen gegenüber löffelte eine Frau – wohl die Mutter des Kindes – einen Coupe aus. Am liebsten wäre ich zu ihr hingegangen, um sie zu fragen, ob sie eigentlich wisse, was ihr Vater (oder Schwiegervater) mit ihrem Sohn so treibe, wenn er mit ihm alleine sei.

Ich liess es bleiben. Ich hatte keine Beweise. Und selbst wenn ich der Mutter mit Bild- und Tonaufnahmen hätte belegen können, was vor einer Viertelstunde passiert war: Sie hätte mir nicht glauben können. Und sie hätte mir, vor allem, nicht glauben wollen.

Und überhaupt: Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gelang es mir, mir einzureden, dass mich das alles sowieso nichts angehe.

Aber ganz sicher war ich mir seinerzeit, im Zoo, so wenig wie gestern im Zug.

Andrerseits: Womöglich sitzt der Kleine bei diesen Bädern immer quietschend vor Freude in der Wanne, während der Opa ihm die Haare wäscht und ihm eine coole Geschichte erzählt. Es könnte ja sein, dass der Junge sich jeweils schon lange im Voraus auf dieses Ritual freut, weil sich dann jemand so richtig um ihn kümmert.

Nach all den Montagen und Dienstagen und Mittwochen und Donnerstagen und Freitagen in der Ganztages-Kita ist er amänd ganz froh, wenn ihn das Mami über die Wochenenden bei den Grosseltern abgibt, weil es, wie es immer sagt, “einfach auch mal ein bisschen Zeit für mich selber” benötigt.

Alles geht seinen Gäng

Ist es nicht schön? In einer Zeit, in der es im Internet und auch sonst immer hektischer zugeht, vermeldet die beste Partyband der Welt auf ihrer Homepage als aktuellste Neuigkeit:

“Sonntag, 7. September 2008: Anja Stöckli Sängerin bei Bäng Gäng!”

Wobei – von Müssiggang kann nicht die Rede sein:

“Wir sind voller Tatendrang”, heisst es auf der Startseite. “Dieses Jahr (gemeint ist 2012; der Blogwart) werden wir – wie versprochen! – unseren 15. Song komponieren!”

Sich so schnell wie möglich die Namen der neuen Mitmusiker merken und fast gleichzeitig einen zusätzlichen Text einstudieren müssen: Man möchte mit Frau Stöckli nicht unbedingt tauschen.

Die grosse Chance

Als Bartwuchs für mich noch etwas war, womit ich mich vielleicht in ein paar Jahren beschäftigen würde, posierte ich aus einer Laune heraus und weil ich das Geld brauchte, als Fotomodell für Rasierapparate. Das Bild erschien in einem dieser Kataloge, die immer die Briefkästen verstopfen und undurchgeblättert im Altpapier landen.

Die nächsten 30 Jahre verbrachte ich damit, auf meine Entdeckung als Model zu warten. Ich konnte mir das gut vorstellen: Am Morgen in Paris, über Mittag in Mailand, ein paar Stunden später in Sydney, dann weiter nach Kapstadt – ich war bereit; die ganze Zeit. Aber kein Schwein rief mich an. Nicht einmal zweideutige Angebote habe ich erhalten.

Aber jetzt…jetzt fühle ich mich plötzlich wie beim letzten Wippen auf dem Fünfmeterbrett, unmittelbar vor dem Sprung – und Sekunden vor dem Eintauchen in eine andere Welt. Am Horizont winkt mir etwas zu. Ich kann es nicht ganz genau erkennen. Aber ich glaube, es ist der internationale Durchbruch.

Wenn alles so klappt, wie ich mir das vorstelle, bin ich spätestens im Sommer reich und berühmt. Anlass zur Hoffnung gibt mir diese Ausschreibung, die ich auf der Website des Fotografen Hannes Zaugg-Graf entdeckt habe:

“Zur Neueröffnung der renovierten Badi Uetendorf im Frühling 2012 wird die Badigenossenschaft einen Flyer produzieren und auch aktuelle Bilder auf der Website der Gemeinde aufschalten. Für die Illustration suchen wir Fotomodelle, welche nächsten Frühling vor der offiziellen Eröffnung die neue Badi zum ersten Mal für ein Fotoshooting bevölkern.

Sie brauchen weder Traummasse noch das Aussehen eines Supermodells. Ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, selbst wenn Sie nicht im Badeanzug, sondern lieber mit Kleidern im Badibeizli Modell sitzen möchten…

…melden Sie sich.”

Was mich ein wenig irritiert, ist, dass die Bewerber “weder Traummasse noch das Aussehen eines Supermodells” benötigen: Heisst das, das Leute, die genau diese Voraussetzungen mitbringen, nicht teilnehmen dürfen? Sollten all die Stunden in Fitnesszentren, auf Finnenbahnen, in Schwimmbecken und auf allerlei Foltermaschinen umsonst gewesen sein?

Oder anders gefragt: Wenn sich irgendein dahergelaufener Uetendorfer, der für sein Gewicht viel zu klein ist, als Badi-Model bewirbt, nur weil er von seinem Gemeindepräsidenten auch mal wie, sagen wir,


DSDS-Kandidat Luca Hänni

in Szene gesetzt werden möchte: Hat der tatsächlich dieselben Chancen wie ein durchtrainierter Burgdorfer?

Vergängliche Prachtskerle

Ist er nicht wunderschön, der Schneemann, den Nathalie Oswald aus Thun gebaut hat?

Doch, ist er. Und ich bin sicher: Es gibt noch gaaaaaaaaaanz viele weitere solcher Gesellen, die es verdient haben, einmal einer *räusper* breiteren Öffentlichkeit gezeigt zu werden. Den hier, zum Beispiel; made by Schatz:

Deshalb eröffne ich hiermit in der Galerie Bluesler.ch – nach dem Achtungserfolg mit der Barfuss-Retrospektive – die grosse Schneemann-Ausstellung.

Wer so einen coolen Prachtskerl kennt, soll ihn bitte fotografieren und mir das Bild möglichst noch vor dem nächsten Tauwetter mailen (hofstetter.hannes@gmail.com).

Einen richtigen Wettbewerb mit Gewinnen und allem kann ich leider nicht ausschreiben – die Hochzeit steht vor der Türe. Da zählt jede Rappe.

Ich freue mich darauf, eure Schneemänner und -frauen und -kinder kennenzulernen.

Oh! Und schon gehts los:

Diesen Schneeliputaner haben Sonja Kupferschmid und ihre Kinder in Engelberg gesichtet: