Nur eine Frage

Jetzt haben sie mich also gefunden: Sie waren hier, am alten Markt 6 in Burgdorf; am heiterhellen Tag.

Es war ihnen egal, ob sie von anderen Leuten gesehen werden. Sie maskierten sich nicht einmal. Sie gingen durch den Garten zur Türe, hinter der ich wohne, klingelten…

…aber oha.

“Da Sie nicht zuhause angetroffen wurden, erlaube ich mir, Sie durch dieses Schreiben zu erreichen”, teilte mir einer der Besucher nun mit. Der Brief, den ich vorhin leicht überrascht aus dem Briefkasten fischte, war handgeschrieben, mit Chugi, und praktisch frei von Fehlern, sieht man von einigen Wortwiederholungen und inhaltlichen Redundanzen ab.

Wahrscheinlich, dachte ich, während ich die Augen über die schnurgeraden Zeilen fliegen liess, wahrscheinlich schreibt V. M. aus K. ziemlich regelmässig solche Briefe, weil niemand daheim ist, wenn er vor der Türe steht, oder weil die Leute, die er besuchen will, gerade duschen oder lesen oder schlafen oder zu den Klängen von Ozzy Osbourne Sektentraktate verbrennen.

Jedenfalls: Er beteilige sich “an einem Werk, das weltweit von ehrenamtlichen Mitarbeitern durchgeführt wird”, liess mich M. wissen. Und stellte in Aussicht, “in diesen schwierigen Zeiten Antworten auf verschiedene Fragen” zu haben.

“Schwierige Zeiten”? Ich weiss nicht. Wie schwierig sind die Zeiten für jemanden, der (bald) eine fantastische Frau, ein oberlässige Familie, ein tolles Umfeld, eine wunderbare Wohnung, ein festes Einkommen und keine gesundheitlichen Probleme hat?

Und “Fragen”…nun…ja, klar: Immer wieder, jeden Tag, aber die sind eher beruflicher Natur. Wenn ich keine Fragen mehr hätte, hätte ich auch keinen Job und damit “schwierige Zeiten” indeed. Aber sonst? Eigentlich nicht. Jedenfalls keine, die ich jemanden beantworten liesse, der mich nicht einmal vom Sehen her kennt.

Das heisst: Doch. Eine Frage habe ich: Ich möchte gerne wissen, weshalb man jemandem, der in der Regel um spätestens 3 Uhr morgens putzmunter ist, ein Heftli mit diesem Titel schenkt:

Des Bräutigrambruders neue Kleider

Möglicherweise habe ich es schon einmal erwähnt: Am 13. Mai heiratet Judith meinen Brüetsch, bzw. mein Brüetsch seine Judith. Ich bin deshalb auf einer für mich ganz und gar ungewohnten Mission in fremdem Gelände: Ich brauche bis in genau 30 Tagen einen Anzug. Einen richtigen, schicken. Einen, der, wenn er ein Kebab wäre, als “mit scharf und allem” bestellt würde. Einen, den man einmal trägt und dann nie wieder, weil man in ihm überall sonst etwas overdressed wirkt.

Also schaute ich mich in einer schlaflosen Nacht chli auf der Website eines Schweizer Herrenausstatters um. Was ich da sah, wirkte recht anmächelig, um nicht zu sagen: halbwegs passabel. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass man dieses Geschäft einfach so betreten und fünf Minuten später umständelos erledigter Dinge wieder verlassen kann.

Schon beim Betrachten der Homepage roch ich einen Schwarm ekelhaft gegelter und penetrant parfümierter Verkäufer, die ununterbrochen um mich herumwieseln und mir beflissen dieses Hemd zeigen und jene Weste vorführen und mir freudig im Schritt und am Hosenbund herumfummeln, obwohl ich, schon Stunden zuvor, auf den ersten Blick gewusst hatte, was ich wollte; und obwohl das passte wie angegossen, aber nein: Der Herr Kunde wird ausgerechnet heute ganz besonders zuvorkommend behandelt, drum: noch mehr Hemden und Hosen und Jacken und Krawatten und weiteres vor Unterwürfigkeit fast auf den teuren Teppich sabberndes Personal, das mit nie nachlassender Begeisterung an einem zerrt und zupft und noch mehr Gänge in die Hölle Garderobe, in der man sich schon lange nicht mehr umzieht, sondern in der man nur ungefähr die Zeitspanne abwartet, die man zum Umziehen benötigen würde, und aus der man dann herausruft, die Sachen seien zu gross oder zu klein oder zu lange oder zu kurz oder zu hell oder zu dunkel, worauf man das wie zehntausend alte Socken müffelnde Kabäuschen wieder verlässt in der Hoffnung, von den Hyänen, die draussen mit neuen Stapeln von Wäsche auf ihr längst waidwund beratenes Opfer lauern, die sie ihm un-be-dingt noch zeigen wollen, entweder schnell und schmerzlos getötet oder aber endlich, ENDLICH!, in Ruhe gelassen zu werden, damit man mit dem Zeug, das man ganz am Anfang ausgesucht hatte, zur Kasse und dann aus der Glastüre gehen kann – und fertig.

Vielleicht ahnt man, wo das Problem liegt.

Jedenfalls liess ich den Kleiderladen geistig in Flammen aufgehen, wartete, bis auch die letzte Fliege und der letzte Lehrling verkohlt war, und rief dann eine zweihundert Kilometer entfernt stationierte Feuerwehr an.

Um das Projekt trotzdem vorwärts zu bringen, besprach ich die Hochzeitskleidersfrage heute Nachmittag mit zwei Kollegen auf dem Dach des BZ-Gebäudes. Der eine sagte, er würde für diesen Anlass “etwas ganz Normales” anziehen und riet zu Jeans und einem Hemd. Ich sagte, das sei unmöglich; immerhin gehe es um die Hochzeit von meinem Bruder, worauf der Kollege erwiderte: “Eben.”

Der andere Kollege riet mir dringend, einen Laden namens “We” an der Berner Marktgasse aufzusuchen. Die hätten da alles, was der Gast des hohen Festes begehre, und dann erst noch zu sehr, sehr humanen Preisen. Mit 400 Franken sei mann dabei; alles inklusive, ausser den Schuhen.

Ich stand so gut wie in dem Lokal, als der Kollege fortfuhr: Das Beste an dem Geschäft seien nicht einmal die Preise. “Sagenhaft” sei vor allem: “die Beratung”. Die “We”-Leute – und das war der Moment, in dem ich beinahe aus dem fünften Stock in die Lorraine hinuntergesprungen wäre – würden sich im Gegensatz zu Verkäufern in anderen Modehäusern “noch so richtig Zeit nehmen für einen”.

Nach all den Jahren

‎”Huere Haxe!” sagt die alte Frau, und legt ihre Füsse auf den Zugsitz gegenüber.

“Sind ämu no schöni”, lächelt ihr Mann vis-à-vis, und streicht ihr übers linke Schienbein.

“Ha di eifach gärn”, sagt sie leise.

Dann schweigen die beiden.