Zahlen, bitte

Normalerweise bin ich bei Wettbewerben immer derjenige, der leer ausgeht. Gestern Abend aber begleitete Fortuna mich, Chantal, ihre Cousine, deren Sohn und eine weitere Verwandte (oder Bekannte? Manchmal weiss man das in diesem Patchwork-Clan nicht so genau) von meinem Schatz in eine Spielhalle in Sydney. Und siehe da: kaum hatte das Lotto begonnen, kamen wir kaum mehr aus dem Preiseabholen heraus. Wir gewannen vier Fünfkilo-Schinken plus zwei oder drei üppig gefüllte Fress- und Trinkkörbe. Eine solide Basis für das grosse Weihnachtsdinner ist damit gelegt.

Anschliessend zügelten wir samt unserer Beute, aber ohne die Glücksgöttin im Schlepptau, in die Bingohalle. Dort drückten wir den Altersdurchschnitt der Spielgemeinde ein wenig nach unten. Wir unterhielten uns bestens und lernten: Bingo ist – auch – in Australien eine Angelegenheit, die manche Leute sehr, sehr Ernst nehmen. Extrawürste werden keine geduldet. Als eine Spielerin den Zahlenvorleser mit den Worten „Slow down“ darum bat, es mit dem Herunterspulen der Nummern etwas ruhiger angehen zu lassen, wurde sie von einer ebenso betagten Konkurrentin mit einem gehässig gezischten „Shut up!“ zum Schweigen gebracht.

Eine andere Seniorin quittierte die Nummer, die ihr zu einem vollen Block und damit zu 40 Dollar Preisgeld verhalf, nicht mit dem Ausruf „Bingo!“. Sondern – vielleicht in Erinnerung an lange zurückliegende Tage und Nächte – mit einem schwärmerisch-verklärten „Thank you!“.

Die Gewinnzahl lautete 69.

Das Karrierekillerbild

Von bald jedem Menschen existiert ein Bild, das ihn die Karriere kosten kann, falls der Chef es beim völlig zufälligen Googlen seiner Mitarbeiter entdeckt.

Dank Chantal gibt es jetzt auch eines von mir:

Schon Halbzeit? – Erst Halbzeit!

Über 3000 Kilometer auf Highways, in Städten, Dörfern oder auf holprigen Nebenstrassen – und keine einzige Beule im Auto und kein Schrämmeli an unseren zartgebräunten Luxuskörpern: Nach unserem Ostküstentrip in den australischen Norden sind wir am Geburi von

Linksdrall-Chantal

genau so wieder in Sydney angekommen, wie wir uns das bei der Abfahrt erhofft hatten.

Um die letzten zehn Tage zu beschreiben, genügen drei Worte: „Der helle Wahnsinn“. All die Menschen, Tiere und Landschaften – wen und was wir getroffen, gesehen und erlebt haben, lässt sich kaum beschreiben, ohne den Rahmen dieses Internets zu sprengen. Bilder folgen, sobald ich einen Compi gefunden habe, der imstande ist, ziemlich sehr grosse Datenmengen innert nützlicher Frist zu verarbeiten. Aber ehrlich gesagt: Ich mag meine Zeit nicht damit verplempern, Internetcafés nach einer passenden Maschine abzuklappern.

A propos Internet: Nach meinem letzten Blog-Eintrag haben sich Freunde aus der Schweiz leicht besorgt erkundigt, wies uns so gehe, in diesem Dauerregen. Nun: Von „Dauerregen“ kann nicht die Rede sein. Normalerweise scheint in unserem Wirkungsgebiet die Sonne oder ist es leicht bewölkt.

Regnen tuts jedoch oft am sehr frühen Morgen, wenn ich als erster Bewohner dieses Kontinents aufstehe, und grundsätzlich, wenn wir irgendwo ankommen. Oder am Nachmittag, für zwei Minuten, aus heiterem Himmel – und sturzflutartig. Für Autofahrer aus dem Ausland mag es dienlich sein zu wissen: Sobald der Australier einen Wassertropfen auf seiner Windschutzscheibe zerplatzen sieht, tritt er auf die Bremse, als ob zwei Meter vor ihm eine Koalafamilie über die Strasse krabbeln würde.

Inzwischen ist die Hälfte unserer Ferien auf der anderen Seite des Erdballs vorbei. Aber weil das Glas nie halbleer ist, sondern immer halbvoll, freuen wir uns jetzt wie kleine Kinder auf die vor uns liegenden zweieinhalb Wochen. Pläne haben wir keine, nur Ideen. Wir möchten, wenns geht, einen Abstecher nach Kangaroo Island machen, einen der vielen Zoos besuchen, am Bondi-Beach baden, den Hafen von Sydney bei Nacht erleben und und und…

Zunächst einmal gehen wir heute Abend mit einer unserer beiden Gastgeberfamilien zum Bingo, um ein paar Schinkli fürs Weihnachtsessen zu gewinnen. Oh, ja: Es weihnachtet auch hierzulande sehrstens. Manche Australier dekorieren ihre Häuser und Gärten noch abartiger als viele Europäer schon Wochen vor dem Besuch des Christkinds, das hier vemutlich in coolen Boxershorts und auf dem Surfboard durch die Kamine rauscht, mit viel Liebe zu


elektrisch illuminierten Dekorationselementen aller Art.

Komisch ist: Wer fünf Wochen in der Schweiz verbringt, hat irgendwann das meiste gesehen. In Australien hingegen lernen wir in dieser Zeit nur ein Bruchteilchen dessen kennen (und „kennen“), was dieses grossartige Land zu bieten hat. Deshalb haben wir bereits beschlossen, in zwei Jahren wieder hierher zu reisen.

In der Hoffnung darauf, dass Chantal nicht mitliest (ich will unter allen Umständen verhindern, dass sies auf diesem Weg erfährt): Australien scheint mir nicht nur, aber auch für Flitterwochen wie geschaffen.

Rain man auf Reisen

Falls hier auch Meteorologen mitlesen (zumindest einer von euch hat dafür ja viel Zeit) – woran liegt das:

– Wir sind im australischen Sommer in Sydney: es regnet.
– Wir fahren an die „Sunshine Coast“, an der es zu dieser Jahreszeit sonst nie regnet: es regnet.
– Wir fahren zurück nach Byron Bay, wo sich die Leute mit den Surfbrettern in der Hand auf den Füssen herumstehen: es regnet.

Nur der Vollständigkeit halber: In den letzten Jahren regnete es während meiner Aufenthalte in Teneriffa, auf Cran Canaria, in Afrika, Hongkong, Bangkok und London mehr oder weniger ausgedehnt. Es regnet grundsätzlich auch, wenn ich in der Schweiz frei habe.

Alles, was ich wissen möchte, ist: Hat das mit dem globalen Kilmawandel zu tun oder mit mir? Wenn Ersteres zutrifft: tant piss. Wenn Letzteres wahrscheinlicher ist: Was verdient man so, als Regenmacher in Zentralafrika?

Zurück zum Start

Time flies schon in der Schweiz ziemlich schnell – hier in Australien tut sies mit Überschallgeschwindigkei: Kaum sind wir am letzten Montag zu unserem Trip nach Norden aufgebrochen, befinden wir uns eine Woche später schon wieder auf der Rückreise nach Sydney. Vor drei Stunden haben wir in Byron Bay für eine weitere Nacht in jener Unterkunft eingecheckt, die von den hilfsbereitesten Motelbetreibern der ganzen Welt geführt wird. Maria, die Chefin und Frau von Kelvin, dem Chef, hiess uns herzlich willkommen und händigte Chantal das am Freitag liegengelassene Schweizer Geld aus. Wir revanchierten uns für ihre Bemühungen mit einer guten Flasche Wein und der Buchung einer weiteren Nacht.

Die Fahrt vom naturgemäss totalverregneten Rainbow Beach im „Sunshine State“ (ha!) Queensland hinunter nach Byron Bay verlief weitgehend problemlos. Wir schafften es zwar, uns vom Pacific Highway her direkt in die Berge zu verirren. Aber am Ende erreichten wir unser Ziel mit – sagen wir – zwei Stunden Verpätung wohlbehalten und unversehrt an Haut und Blech.

Übermorgen – pünktlich zu Chantals Geburi – schlagen wir erneut bei unserer Gastgeberfamilie ein. Sie will meinem Schatz dem Vernehmen nach eine ziemlich üppige Party ausrichten. Die Frage ist: üppig nach Schweizer oder australischen Massstäben? Falls Letzteres zutreffen sollte, brauchen wir in den verbleibenden drei Wochen nie mehr zu essen.