Doppelgänger?

Ich bin gerade leicht sehr verwirrt: Der Typ links gleicht mir aufs früher noch dichtere Haar.

Aber: Wenn ich überhaupt je eine Uhr trage, dann nicht am rechten Arm. Der Mikrofonhalter ist mir ebenso fremd wie der Raum. In einer solchen – ziemlich sicher gestellten – Interviewsituation habe ich mich meiner Erinnerung nach nie befunden.

Die Kleidung und die Brille und der Bauch und die Körperhaltung hingegen sind quasi echt original live ich.

Das Bild wurde 2004 geschossen. Es illustriert einen Text zum Thema “Umgang mit Medien”.

Aber das alles macht die Sache natürlich nicht entscheidend weniger mysteriös.

Auf beiden Seiten des Abgrunds

Möglicherweise hat tatsächlich jeder Mensch Anspruch auf ein bisschen Glück – auch wenn nur wenig darauf hindeutet, dass diesem Menschen etwas Menschliches innewohnt.

Der mutmassliche Vierfachmörder von Rupperswil sitzt vor einem ordentlichen Gericht. Und verbringt seine Zeit ansonsten im Gefängnis. Das mag für “normale” Leute nicht der Inbegriff von “Glück” sein. Der 33-jährige Schweizer, der sich diese Woche vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten muss, verdankt diesen Umständen aber vermutlich sein Leben.

Weil ich regelmässig als Gerichtsberichterstatter für die Berner Zeitung tätig bin, wurde ich in den letzten Tagen mehrfach gefragt, wie der junge Mann wohl bestraft werde. Ich antwortete darauf jedesmal das Gleiche: Ich wisse über den Fall nicht mehr als jeder andere Medienkonsument und masse mir als Nichtjurist grundsätzlich nie an, ein Urteil vorauszusagen.

Meine Gesprächspartner hatten da weniger Skrupel: “Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man den nach der Verhaftung erschossen”, sagte ein flüchtiger Bekannter, während er seelenruhig sein Gipfeli ins Kafi tunkte. Ein anderer empfahl die sofortige Kastration – und zwar nicht auf die chemische Art und Weise, sondern mit einem rostigen Messer und ohne Narkose -, ein dritter setzt seine Hoffnungen auf die Mitinsassen des Angeklagten: “Die machen den früher oder später sowieso kalt.”

Köpfen, hängen, auf dem elektrischen Stuhl grillieren, tagelang mit glühenden Zangen zu Tode quälen, ertränken, erwürgen oder steinigen: Die Liste der an Stammtischen und in Onlinekommentaren vorgeschlagenen Vergeltungsmassnahmen liesse sich endlos verlängern.

Ein Country-Musiker aus dem Berner Oberland, der mit seiner Single “Meersöili” einen Achtungserfolg verbuchen durfte, postete auf Facebook:

Ich nahm mir zwei Minuten Zeit, um mir den einen und anderen Gedanken zum Thema “Meinungsfreiheit” zu machen. Dann löschte ich Tom Lee aus meiner Freundesliste.

Auch wenn ich so weit wie nur möglich davon entfernt bin, für Thomas N. etwas aufzubringen, was als Mitgefühl oder Verständnis gewertet werden könnte: Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass manche Menschen, die nun von jenseits der Grenzen des Rechtsstaates her über ihn richten, in geistiger und moralischer Hinsicht gar nicht so weit von dem entfernt sind, was sie selber zutiefst entsetzt.

“Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein”, schrieb Friedrich Nietzsche im vorletzten Jahrhundert.

Selten hatte seine These mehr Gültigkeit als in diesen Tagen.

Vorne, bei den Vollidioten

Für ihre Plätze im “Golden Circle” des Zürcher Hallenstadions hatten die Leute je 140 Franken bezahlt. Weitere 150 Euro blätterten manche von ihnen für die “VIP-Experience” hin. So heisst das Privileg, vor dem Toto-Konzert beim Soundcheck dabeisein zu dürfen. Anschliessend signieren die Bandmitglieder T-Shirts, Chäppis, Poster und Platten und halten am Ende für ein Erinnerungsbild mit ihren solventen Fans hin:

(diese Aufnahme klaute ich von der Facebook-Seite des Toto- und Steve Lukather-Fanclubs. Sie entstand in Italien, hätte aber auf jeder beliebigen anderen Station der “40 Trips around the sun“-Tournee geschossen werden können).

Minuten, bevor es auf der Bühne losgeht, sitzen sie mit ihren Handys im Anschlag auf ihren Stühlen. Kaum fällt der Vorhang, schiessen sie auf, recken die Arme in die Höhe und filmen, was das Zeug hält. “Alone”, “Hold the line”, “Lovers in the night”, “Spanish Sea”: Einen Song nach dem anderen halten sie mit ihren Kameras für die Ewigkeit fest.

Mit den 300 Stutz, die sie für diesen Abend hingeblättert haben (die Kosten für ein paar Cüpli, das Parkhaus und allerlei Merchandising-Artikel sind darin noch nicht eingerechnet), sicherten sie sich offensichtlich auch das Recht, sich in der Halle ohne Rücksicht auf die gängigsten Anstandsregeln aufzuführen.

Die Angehörigen des hinter ihnen platzierten Pöbels sehen ausser abstehenden Ohren, fast haarfreien Hinterköpfen und verschwitzten Unterarmhöhlen nichts mehr. Sich ebenfalls erheben mögen sie aus Rücksicht auf die Zu”schauerinnen” und -“schauer” in den Reihen 4, 5, 6 ff. nicht, und überhaupt: Um das Konzert stehend geniessen zu können, hätten sie nicht zwingend Sitzplätze zu buchen brauchen.

Irgendwann haben die Hobbyfilmer ein Einsehen oder Krämpfe in den Waden. Man hat jetzt freien Blick auf die Band und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass das bis zum Schluss so bleibt, aber chasch dänke: Kaum erklingen die ersten Akkorde des nächsten Hits, baut sich die Wand aus Jacken und Hemden und Mobiltelefonen wie von alleine erneut vor einem auf.

Ich bin sicher (und hoffe inständig): Wenn die Leute nach Hause kommen und von ihren Lieben gefragt werden, wie es so war, das Konzert, sagen sie: “Keine Ahnung. Ich muss zuerst auf dem Handy nachschauen.”

Dann öffnen sie ihre Film-App, klicken sabbernd vor Vorfreude auf “Play” – und bekommen ausser einem undefinierbaren Krach nichts zu hören und abgesehen von heillos überbelichteten Musikern auch nichts zu sehen.

Altpapier

Liebe Kinder

In der Schule hört ihr ständig, wie wichtig doch eure Noten und Zeugnisse seien.

Meine Zeugnisse lagen über 30 Jahre lang irgendwo im Haus meiner Eltern. Jetzt hat meine Mutter sie mir geschickt.

Ich wusste nicht, dass sie noch existieren. Kein Mensch hat je danach gefragt.