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Die neue Virklichkeit (29)

Die Alternative zum Fernsehen: Nachschau halten, obs da draussen auch wirklich läuft wie verordnet.

Wenn ich wissen will, was ausserhalb meiner vier Wände passiert, riskiere ich hin und wieder einen Blick auf die Facebook-Seite „Du bisch vo Burgdorf wed…“.

„Riskieren“ schreibe ich, weil es einem auf diesem Portal ergehen kann wie auf der Autobahn beim Blick aus dem Fenster: Schönes und Grauenerregendes wechseln sich ständig ab.

Je nachdem, wer sich darauf tummelt, finde ich Kurzbeiträge aus dem kulturellen Leben…

…kreative Anregungen…

…oder Sachen zum Lachen:

Gelehgentlich kann ich so gar ettwas leeren:

Wenn es der Seite schlecht läuft, mutiert sie allerdings zum Pranger…

…zum Treffpunkt der Selbstgerechten…

…und zum Kummerkasten für Leute, die das wirklich Wesentliche auch vor dem Hintergrund von über hunderttausend Coronatoten nicht aus den Augen verlieren:

Seit dem Lockdown Mitte März hat sich eine weitere Gruppe dazugesellt: jene der Hobbypolizisten, Privatdetektivinnen und Freizeitschnüfflenden. Je länger der kollektive Hausarrest dauert, desto motivierter schwärmen sie aus, um Nachschau zu halten, obs da draussen auch wirklich vonstatten geht wie verordnet.

Mal geraten die Bonsai-Stasiagenten in unüberschaubare Menschenansammlungen…

…mal enthüllen sie Umweltskandale…

…mal denunzieren sie vom Aussterben bedrohte Lebewesen…

…oder jammern über Jammernde.

Privilegiertere Spione brauchen sich nicht einmal in die freie Wildbahn zu bemühen, um angeblichen Frevlerinnen und Frevlern nachzustellen. Sie gehen ihrer Arbeit trendig von zuhause aus nach:

Weil ich gerade ein Eggeli Zeit hatte, schaute ich mich auf anderen Seiten nach ähnlichen Inhalten um. Lange brauchte ich nicht durch seriöse Onlineportale und obskure Blogs zu surfen: Das Anschwärzen von Mitmenschen scheint für aller Gattig Lüt zu einer echten Alternative zum Fernsehen geworden zu sein.

Beim Sichten der Beiträge fiel mir ein, was mir zwei oder drei Tage, nachdem der Bundesrat die Notlage ausgerufen hatte, vor dem nahen Tankstellenshop passiert war. Ich war gerade dabei, mich mit einem Säckli voller Cola Zero-Büchsen aufs Bike zu schwingen, als eine Frau, die ihren Wagen auftankte, mich tadelnd fragte, was ich „hie usse“ zu suchen hätte.

Zu meiner eigenen Überraschung antwortete ich ihr höflich, ich sei Flüssigproviant für die nächsten Tage posten gegangen und mache mich jetzt huschhusch auf den Heimweg.

Dass der eine oder die andere chly hysterisch auf die neue Situation reagieren würde, war zu erwarten. Das würde sich, dachte ich damals, im Laufe der nächsten Tage von alleine normalisieren. Zuhause angekommen, hatte ich die Sache so gut wie vergessen.

Aber jetzt, wo ich wieder darüber nachdenke, stelle ich mir vor, wie die Frau jeden Tag an einem Waldrand oder vor einen Grossverteiler fährt und dann mit dem durchgeladenen Smartphone im Anschlag Leuten abpasst, die nur kurz frische Luft schnappen oder einkaufen wollen, während ihr Mann mit dem Hund stundenlang der Emme entlangspaziert.

Ahnungslos, aber unabhängig

Ahnungslos, aber unabhängig

Weil die Seite noch nicht ganz voll war Um der werten Leserschaft zu zeigen, dass erstaunlich viele Kommunikationswege in die Redaktion führen, schrieb ich in der BZ letzte Woche Folgendes:

*

Die Reaktion aus der Betupften-Ecke erfolgte absehbar umgehend: „Die launige Kolumne impliziert, dass alte Bauern aus abgelegenen Bergregionen als Prototypen für internetunkundige Menschen gelten können“, mailte S.K. aus Thun. „Als Tochter eines Landwirts und Schwester zweier Landwirte mit abgeschlossenem Agronomiestudium an der ETH kann ich diesen Vergleich nicht unwidersprochen hinnehmen. Diesen ‚alten Bauern‘ wird Rückständigkeit attestiert. Ist es nicht ebenso rückständig, noch immer Bauern als Beispiele für dumme Tölpel aufzuführen?“

Ein paar Tage später sass ich mit Hannes Zaugg-Graf in der kulturfabrikbigla in Biglen als „Aschis Gaschtig“ vor Publikum auf einer Couch. Irgendwann fragte der Talkmaster die Zuhörerinnen und Zuhörer, wer ein Konto bei Facebook habe. Es ging nicht eine Hand nach oben.

Das war, bei vielleicht 50 Gästen, schon erstaunlich genug. Doch als wir uns nach dem offiziellen Teil zu zwei – pardon! – mittelalterlichen Damen an den Tisch setzten, um nochli weiterzuplaudern, zeigte sich: So selbstverständlich, wie „man“ meinen könnte, ist der Umgang mit dem Internet für viele Leute tatsächlich nicht; oder noch nicht. Facebook? Blogs? – „Das ist mehr etwas für die Jungen“, lächelte die eine Frau.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr dieses Unwissen peinlich war. Vielmehr ist es wohl einfach so, dass sie tiptopp durchs Leben kommt, ohne an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr mit jemandem vernetzt zu sein. Sehr wahrscheinlich kann diese Frau Stunden und Tage mit sich alleine verbringen, ohne auch nur einmal das Gefühl zu haben, dass ihr etwas oder jemand fehle.

Ich bin ziemlich sicher, dass diese Frau über eine Souveränität verfügt, die der atemlos dauerkommunizierenden „Generation Facebook“ fremd ist und immer fremd bleiben wird. Wenn sie etwas lesen will, greift sie zur Zeitung oder zu einem Buch. Wenn sie etwas zu sagen hat, trifft sie sich mit der betreffenden Person oder sagt es ihr per Telefon. Wenn sie jemandem schreiben will, setzt sie sich hin und schreibt einen Brief. Die ständige Angst, etwas ungeheuer Wichtiges zu verpassen, kennt diese Frau nicht.

Vielleicht geniesst diese Frau mehr Lebensqualität als mancher, der sein Wohl von der Anzahl Mails abhängig macht, die er tagtäglich erhält; oder der seinen Stellenwert in der Gesellschaft daran misst, wieviele „Freundinnen“ und „Freunde“ er in Online-Foren um sich scharen kann.

Wer weiss: In einer Zeit, in der mit verdächtiger Regelmässigkeit postuliert wird, wie unabhängig das Internet die Menschenheit doch mache, ist diese Frau womöglich eine der letzten wahren Unabhängigen.

Ganz alleine auf der Welt

Ganz alleine auf der Welt

22.40 Uhr: Ich gehe ins Bett.

0.00 Uhr: Starre immer noch an die Decke. Der Magen spinnt. Er weiss, dass ich abnehmen will. Heute habe ich damit begonnen. Würste? Schoggi? Weissbrot und Greyerzer? Chasch dänke. Stattdessen: Müesli, Knäcke, Hüttenkäse. Und mehr Bewegung. Das macht ihn hässig.

0.42 Uhr: Es hat keinen Sinn. Ich beschliesse aus dem fast hohlen Bauch heraus, aufzustehen.

0.43 Uhr: WC. Die erste Sitzung des noch sehr jungen Tages. Wenn ich der Tag wäre, würde ich grummeln: „Super Start. Vielen Dank auch. Wollen wir nicht noch einmal von vorne anfangen?“

0.47 Uhr: Was jetzt?

0.48 Uhr: Ich brenne für einen Kollegen „Ending on a high note„, das letzte (und fantastische) Doppelalbum von A-ha.

0.57 Uhr: Krämpfe. Wasser kochen für einen „Beste Freundinnen-Tee“.

1.05 Uhr: „1 gegen 100“ auf Schweiz 1. Noch nie gesehen. Sven Epiney hat gealtet. Die grauen Haare stehen ihm aber gar nicht so schlecht. Oh: Das ist ja René Rindlisbacher.

1.14 Uhr: Im NDR diskutiert „Beckmann“ mit Gästen über Guido Westerwelle. Es geht irgendwie darum, dass keine fünf Prozent der FDP-Wähler einen Tsunami vor Japan ausgelöst haben, weshalb in Libyen jetzt ein erbitterter Kampf um Herbert Grönemeyers neue CD tobt. Als ich Grönemeyer zum ersten und letzten Mal leibhaftig vor mir sah, stand er auf der Bühne der halb ausverkauften Mehrzweckhalle in Zofingen und sang über Männer. „Klarer Fall von One-Hit-Wonder“, dachte ich damals. Henu.

1.23 Uhr: Auf RTLII gibts „Ärger im Revier„. Hauptdarsteller ist ein Pole, der „ohne güldigen Füroschein“ in Deutschland unterwegs war und der jetzt, auf dem Polizeiposten, chli renitent tut. „Do hob ich kein Bock drauf“, sagt ein Beamter. Der Pole ist schwer beeindruckt.

1.31 Uhr: Feiner Tee. Gut, habe ich gleich einen ganzen Krug voll gemacht. Sollte ihn noch ein Weilchen ziehen lassen, mag aber nicht warten.

1.50 Uhr: Der Ärger im Revier nimmt kein Ende. Wegen „Sochbeschädigung“ fahnden Polizisten in einem etwas trostlos wirkenden Quartier erfolgreich nach „rechten Schlägern“. Einer der Neonazis erhält einen „Blotzverweis“ und macht sich vom Acker. Wenn das vor 70 Jahren nur auch so einfach gegangen wäre. Ein Zehnjähriger kann von Beamten in letzter Sekunde daran gehindert werden, seinen Hamster an die Wand zu werfen. Das sind sie wohl, die „blühenden Landschaften„.

1.54 Uhr: Wie getrunken, so gestunken.

2.02 Uhr: Im Vatikan habe es einen „geheimen Lustgarten“ gegeben, berichtet Arte. Die Päpste seien „wirklich grosse Sammler“ gewesen, sagt ein Sprecher. Sie hätten „alles gesammelt; auch Erotisches und Sexuelles“.

2.03 Uhr: Nimm das, Benedikt, und such mit Urbi und Orbi beim Deutschen Sportfernsehen zusammen, was dir in der Sammlung noch fehlt!

2.05 Uhr: Start eines Mailversuchs an die Bald-Verwandtschaft in Australien.

2.23 Uhr: Abbruch des Mailversuchs. Was es zu sagen gibt, haben mein Schatz und ich Nat, Sylvie und Eric schon am Sonntagmorgen am Telefon gesagt. But if you’re reading this, mates: You’re simply the fuckin‘ best!!!

2.35 Uhr: 131 „Freundinnen“ und „Freunde“ auf Facebook und dazu (oder vor allem) ein paar ohne Anführungszeichen im richtigen Leben. Aber wenn man mal einen oder eine brauchen könnte: tja. Kein Schwein ruft mich an. Niemand hat mich gern. Ich fühle mich ganz alleine auf der Welt.

2.37 Uhr: Zurück ins Bett. „You can get it if you really want“, behauptet Jimmy Cliff.

3.12 Uhr: Heieiei. „You can’t always get what you want“, wissen die Rolling Stones.

3.20 Uhr: Teatime mit Lou Reed.

3.22 Uhr: Von meinem Fenster aus sehe ich in fünf Unterstadt-Wohnungen Licht brennen. Aus zwei Zimmern flackert bläulich ein Fernseher. Was machen die Leute um diese Zeit? Man sollte einfach hinuntergehen, klingeln und fragen. Man sollte noch vieles. Schlafen, zum Beispiel. In fünf oder sechs Stunden werde ich auf der Redaktion erwartet.

3.26 Uhr: Schon wieder. Die hausgemachte „Tropfenmischung Leber-Galle“ von der Drogerie Ryser wirkt wie verrückt. Sie wandelt das Fett, das man trotz aller Fettaufnahmeverhütungsmassnahmen zu sich genommen hat, in Wasser um, das gleich durch die Kanalisation rauschen wird. Wieso erkennt man die Wunder dieser Welt mitten in der Nacht besser als am helllichten Tag? Und wieso kann man sich über diese Wunder trotzdem nicht so richtig freuen, weil…Moment.

3.36 Uhr: Internetrecherche auf fremdem Terrain. Ich brauche in diesem Jahr vermutlich zwei Hochzeitsanzüge. Am 13. Mai heiraten unsere Trauzeugen, irgendwann später dann Chantal und ich. Eines meiner Bürogespändli sagte, das bringe nichts und koste nur viel, zwei Anzüge zu postenn. Ich soll mich doch beim Stadttheater Bern erkundigen, ob sie in ihrem Fundus nicht etwas zum Ausleihen hätten. Bei jedem anderen Fest würde ich mir das überlegen. Aber in diesen Fällen…ich weiss nicht. Das heisst: Natürlich weiss ich. Das geht nicht, mit Theaterklamotten. Dann könnte ich für unseren grossen Tag auch gleich die Eheringe mieten.

3.43 Uhr: Liegts am Tee? Was macht einen Tee zum „Beste Freundinnen-Tee“? Was genau hats da drin? Wonach duften beste Freundinnen? Warum haben eigentlich Frauen immer beste Freundinnen und Männer nur selten beste Freunde? Weil die Männer Angst haben, gleich als schwul zu gelten, wenn sie sagen, „Fritz ist mein bester Freund?“ Falls ja: Was sagt das über die Männer im Allgemeinen aus? Und über Fritz im Besonderen?

4.00 Uhr: Eine gute Zeit, wenn amänd auch nicht unbedingt die passende Gelegenheit, um der Öffentlichkeit einen Blick in meinen Kühlschrank zu erlauben.

4.02 Uhr: Nächstes Mal schreibe ich von Anfang auf dem WC.

4.06 Uhr: Bauer sucht Frau. Journalist hat gefunden, und erst noch die beste von allen!!!

4.13 Uhr: Tea for one.

4.16 Uhr: Sehr wichtig: Zwischenmahlzeiten, damit der Bauch immer chli öppis zu tun hat. Die Frage ist nur: links- oder rechtsgebogen? Und: Wie schlau ist das, jetzt?

4.17 Uhr: Der Nachrichtensender N-TV berichtet über einen Comicfilm von Arnold Schwarzenegger. Hochinteressant.

4.20 Uhr: Ärger im Revier; diesmal unter Katern im alten Markt.

4.27 Uhr: Bald habe ich die Burgdorfer Kanalisation im Alleingang amortisiert.

4.29 Uhr: Ein Blinklicht am Himmel. Schöne Ferien, ihr Säcke!

4.31 Uhr: Was bloggen andere? Stefan Niggemeier zersägt die „Bunte“-Chefin, Herm würdigt gewohnt liebenswürdig den „Jubiläums-Musikantenstadl“ (hoffentlich liefert er bald Teil 2), Lukas Heinser blickt auf das erste Musikquartal 2011 zurück. Sehr lesenswert, alle drei; wie immer, eigentlich. Ebenfalls zu empfehlen: Die Stellungnahme der Schweizer PresserätInnen zur AuseinandErSiesetzung zwischen der gleichstellenden Doris Stump und dem „Blick“. Ich hätte dem „Blick“ – auch als Nicht-Elter – ein milderes „Urteil“ gegönnt.

4.37 Uhr: „Die folgende Sendung ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet.“ – Hopperla. Umschalten.

4.37 Uhr: Telebärn präsentiert die allwöchentliche Musig-Stubete. „Ich habe dich so lang vermisst, wusste, dass es Liebe ist“, singen „Silberstern“, und machen damit viele Menschen glücklich:

4.58 Uhr: Ein Kafi wäre ein Kafi wäre ein Kafi. Ich bleibe beim Tee. Der Magen zickt immer noch herum. Vielleicht hätte ich doch die rechtsgebogene Banane nehmen sollen.

5.26 Uhr: Ich will ja nicht jammern, tus aber trotzdem. Langsam wirds chli mühsam. Auch für die Leute im Wasserwerk, die jetzt nichts Böses ahnend ihren Dienst antreten.

6.26 Uhr: Die kühle Luft riecht wie frisch gewaschen. In den Bäumen und Sträuchern erwachen die Vögel. Unten, auf der Hauptstrasse, rauschen Lastwagen vorbei. An der Tankstelle stehen drei Autos. Hinter immer mehr Fensterläden und Vorhängen wirds hell. Langsam verblassen die Sterne. Der Magen? Ist immer noch stinksauer.

Aber: