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Die neue Virklichkeit (44)

Jemand muss es ja machen: Tess inspiziert die Metzgerei Hori in Burgdorf.

Corona und seine Auswirkungen auf die Psyche der Tiere: Das ist, glaube ich, ein von der Wissenschaft noch weitgehend ungepflügtes Feld, aber damit eilt es ja nicht; im Moment gibt es sicher noch Wichtigeres zu erforschen.

Physisch scheint alles klar zu sein: In der Schweiz stellen Tiere für Menschen kein Infektionsrisiko dar. Sie verbreiten das Virus, zumindest hierzulande, nicht weiter, wie das Bundesamt für Gesundheit schreibt.

Aber: Reden Katzen, wenn sie sich auf einem Dach treffen, genauso automatisch über die Seuche wie die Menschen von Balkon zu Balkon? Zwitschern die Spatzen einander frühmorgens die neusten Infektionszahlen zu? Achten Goldfische in ihren Gläsern pingelig darauf, voneinander zwei Meter Abstand zu halten?

Anzeichen dafür, dass Häftlinge in Zoos sich anders verhalten als vor dem Einmarsch der Truppen des allmächtigen Covid-19, gibt es. Die Affen zum Beispiel würden normalerweise intensiv den Besucherinnen und Besuchern zuschauen, sagte Kurator Adrian Baumeyer vom Basler Zolli gegenüber dem St. Galler Tagblatt. Jetzt, wo die engsten Verwandten wegblieben, mache sich bei ihnen Langeweile breit.

Die Zebras seien ständig am Beobachten, wer an ihrem Gehege vorbeigeht. Das habe mit den Instinkten zu tun: Ihre natürlichen Feinde würden nie in Herden auftreten. Bei den paar wenigen Leuten, die nun durch die Anlage schlendern, wüssten sie deshalb nie, ob es sich um harmlose Gäste oder blutrünstige Jäger handelt.

Für Hunde und Katzen herrschen aktuell paradiesische Zustände: Ihre Chefinnen und Chefs verbringen ihre Zeit im Home Office oder – die Übergänge mögen in Einzelfällen fliessend sein – vor dem Fernseher, die Kinder haben ebenfalls Hausarrest. Eine Rundumdieuhr-Bespassung ist also gewährleistet.

Der einen Freud ist der anderen Angst: Unzählige Betreiberinnen und Betreiber von Tierhorten und -hotels liegen, von Existenzsorgen geplagt, seit vielen Nächten wach, weil ihnen ein grosser Teil ihrer Kundschaft abhanden kam.

Nicht nur die Tierhalterinnen und -halter nutzen die Zwangspause, um mehr Zeit mit ihren Lieblingen zu verbringen. Auch Menschen, die selber keine Haustiere haben, werden immer öfter in vierbeiniger Begleitung gesichtet. Sie leihen sich regelmässig den Hund des Nachbarn aus, um die eigenen vier Wände allen bundesrätlichen Weisungen zum Trotz für ein Stündchen verlassen zu dürfen, ohne dafür böse Blicke zu ernten.

Von dem Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft profitieren Krisengewinnler in Spanien: Die sogenannten Opportunistas Coronas vermieten Hunde für Spaziergänge. Falls dieses Modell Schule macht, müssen junge Leute, die sich ihr Studium bisher damit finanzierten, anderer Leute Dackel, Labradore oder Golden Retrievers auszuführen, sich bald nach alternativen Einkommensquellen umsehen.

Für einige von ihnen dürfte das kein Problem sein: Wer sich mit Vögeln statt mit Hunden das eine und andere Nötli hinzuverdienen will, meldet sich einfach beim nächstbesten Escortservice.

Was Tess betrifft: Abgesehen davon, dass sie rund um die Uhr befürchtet, in den nächsten zehn Minuten elendiglich zu verhungern – dieses Gefühl hat aber nichts mit Viren zu tun; das kennt sie seit dem Tag ihrer Geburt – geht es ihr prächtig.

Gestern feierte sie ein Wiedersehen mit Hans-Peter Horisberger. Der Burgdorfer Metzger zählt seit jeher zu ihren allerbesten Kumpels und weiss, was er zu tun hat, um sich ihre Gunst zu erhalten: Kaum hatte er die Meite auf dem Parkplatz hinter seinem Laden entdeckt, eilte er zur Auslage und holte für sie eine Hampfele Ghackets.

Tiptopp zwäg ist auch Tess‘ Freundin Nanuk aus dem aargauischen Fricktal. Sie beugte Futterengpässen vor, indem sie unmittelbar nach dem Lockdown begann, Toilettenpapier gegen Gudis einzutauschen.

Zwei Rollen WC-Papier für ein Stück getrockneter Rinderlunge: Nanuk weiss, wie hund auch in Krisenzeiten nie hungert. (Bild: Sarah Bergmann und Pascal Grütter)
Man hat sie einfach gerne zu haben

Man hat sie einfach gerne zu haben

Vorhin, am Kebabstand: Ich wollte ein Mineralwasser holen und wartete, bis der Mann hinter der Theke mit der Fleischabschaberei fertig war. Von links schlenderte ein Herr mit einem halbhohen und nicht angeleinten Hund daher. Er postierte sich in Atemriechnähe hinter mir. Sein Hund wartete  Zentimter neben meinem Bein auf das Kommando zum Sitzen. Rund um uns wäre genügend Platz für hundert Männer mit Kühen gewesen. Aber nein: Der Typ rückte mir so nahe auf die Pelle, dass ich glaubte, seinen Hemdkragen an meinem Hals zu spüren. Der Hund bellte wie am Kebabspiess drauflos, obwohl es weit und breit nichts anzubellen gab.

Ich drehte mich um, musterte den Mann mit dem bösesten Blick, den ich auf Lager habe, und zischte: „Können Sie mit ihrem blöden Hund nicht ein bisschen weiter hinten anstehen?“

Das heisst: Ganz genauso sagte ich das natürlich nicht. Streng genommen, sagte ich überhaupt nichts. Ich liess mir das Wasser aushändigen und ging. 

Irgendwie scheinen sämtliche Hundehalter und -halterinnen zu glauben, dass die Leute auf  der Strasse, im Restaurant, in Unterführungen oder in Parks Hunde genauso gerne haben wie sie. Auf die Idee, dass es jemandem unangenehm sein könnte, auf einmal auf Tuchfühlung mit einem wildfremden Fleischfresser zu sein, kommen sie nicht. Oder wollen sie nicht kommen. Das ist schliesslich auch nicht ihr Problem.

Das selbe Phänomen lässt sich bei Singlemüttern mit Kleinkindern beobachten. Sobald man im Zug sitzt, entert garantiert eine überforderte Alleinerziehende das Abteil und besetzt mit ihrem quengelnden Nachwuchs plus Gepäck für drei Monate Nepal die freien Plätze gegenüber und neben dem Sitz, auf dem man es sich gerade gemütlich gemacht hat. 

Normalerweise versucht jeder, ein Viererabteil für sich zu ergattern. Alleinerziehende Mütter ticken anders. Woran das liegt? Ich weiss nicht. Vielleicht suchen sie jemanden, von dem sie annehmen dürfen, dass er auch mal eine Antwort gibt, statt immer nur zu sabbern und zu brüllen.  Möglicherweise brauchen sie auch nur einen neuen Papi für ihre Laras und Lucas.

Eines Tages, wenn ich gross bin, werde ich tatsächlich ausrufen, dass Gott erbarm. Und dem Hundehalter oder der Mutter ins Gesicht mitteilen, dass sie zwischen mich und ihr Viech oder Kind gefälligst einen Mindestabstand von, sagen wir, zwei Metern legen sollen. Dass meinerseits nichts sei mit „Oh! Bist du ein schöner“ und „Jööö, bis du ein herziges!“ 

Das Dumme ist, dass ich damit vor allem diejenigen erschrecken werde, die gar nichts dafür können. Und dass die dann nur noch lauter bellen und plärren.