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Spätes Feriensouvenir

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Fix sind sie ja, die Italiener: Nur acht Monate und fünf Tage, nachdem wir auf der Suche nach einem Parkplatz durch Castiglione della Pescaia gekurvt sind, erreichte uns aus der Toscana heute per Einschreiben eine Busse für „unerlaubtes Fahren in Stadtteil mit eingeschränktem Verkehr“.

Wieviel wir für diesen Frevel bezahlen müssen, geht aus der zweisprachig ausgefertigten „Festellung der Übertretung der Strassenverkehrsverordnung“ nicht auf den ersten Blick hervor, und auf den zweiten eigentlich auch nicht: „Wenn die Zahlung innerhalb von 5 Tagen ab Zustellung des Vergehens erfolgt, wird der zu entrichtende Betrag um 30% verringern (d.h. Zahlungsminderung)“, heisst es in dem von Polizeikommandant Dott. Fabio Pieri höchstselbst abgestempelten Dokument mit der Protokollnummer V/11961K/2015.

Und weiter: „Der zu entrichtende Betrag innerhalb von 5 Tagen ab Zustellung beläuft sich auf Euro 56,70 + Euro 17,90 für Verfahrenskosten und Zustellungskosten (Gesamtbetrag Euro 74,60). Innerhalb von 60 Tagen ab Zustellung beläuft sich der ganze Betrag auf Euro 81 + Euro 17,90 für Verfahrenskosten und Zustellungskosten (Gesamtbetrag ohne Zahlungsminderung Euro 98,90). Wenn Sie nach Ablauf der Frist von 60 Tagen die Geldstrafe noch nicht beglichen haben, steigt der Betrag gemäss Art. 203 StVO um Euro 180,90.“

Einsprachemöglichkeiten gebe es im Übrigen so gut wie keine: Die zuständige Behörde halte uns „bis zum Beweis des Gegenteils für verantwortlich“.

Das ist natürlich auch eine Methode, um an das Geld anderer Leute zu kommen: Man schickt ihnen eine Rechnung, die dermassen kompliziert abgefasst ist, dass die Empfänger bis weit über die zahlungsmildernde Frist hinaus mit Entschlüsseln beschäftigt sind.

Die Polizei per Mail zu fragen, was genau wir ihr nun schuldig seien, brächte wenig: Bis wir polizia.municipale@comune.castiglionedellapescaia.gr.it in die Adresszeile getippt haben, ist auch der letzte Discount-Überweisungstermin passato.

Veni, vidi, staunte

Veni, vidi, staunte

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Rom.

ROM.

ROM.

Obwohl er nur so kurz ist, erschlägt einen der Name dieser Stadt fast.

Aber auf die Länge kommts ja auch bei Ortsnamen nicht an: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch zum Beispiel klingt nicht uninteressant, aber kein bisschen respekterheischend.

Wer „Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch“ hört, fragt sich vielleicht, wie man das buchstabiert („Du! Ich schreibe gerade den McLeighs, wegen Weihnachten. Wir wissen ja immer noch nicht, ob sie bei uns oder wir bei ihnen. Hat ‚Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogochvier‘ nach dem „W“ am Anfang des letzten Drittels jetzt vier L oder fünf?“) und allenfalls noch, wie mans ausspricht, wird aber nicht automatisch ein paar Zentimeter kleiner vor Ehrfurcht.

„Rom“ hingegen: Das ist fast die komplette Weltgeschichte auf 1285 Quadtratkilometern. Ein Grossteil dessen, was für die Menschenheit in politischer, religiöser und kultureller Hinsicht von Belang war und blieb, wurde hier eingefädelt. Marc Aurel, Caligula, Julius Caesar, Nero, Giuseppe Garibaldi, zig Johannes, Michelangelo, Sergio Leone, Ornella Muti, Eros Ramazotti oder Sophia Loren: Sie alle und unzählige weitere Persönlichkeiten haben in Rom gelebt und von Rom aus das Bewusstsein der Menschheit mitgeprägt.

Ohne Rom gäbe es die heutigen Gesetze nicht und keine Parlamente und keine katholische Kirche und kein Latein und keine 62 Romingers in der Schweiz. Sie würden heute Napolinger heissen oder, wenn sie wirklich Pech hätten, Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogochinger.

Wenn Rom nicht wäre, gäbe es auch viele, viele Menschenschlangen weniger.

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Ob vor dem Sightseeing-Bus,

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beim Eingang zum Forum Romanum,

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im Kolosseum

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am Trevi-Brunnen:

Überall stehen Hunderte und Tausende von Leuten, die einmal live sehen wollen, was sie bisher nur vom Hörenlesenfernsehen her kannten.

Wer in jungen Jahren das Glück hatte, von einem Lehrer unterrichtet zu werden, der sein Wissen über Rom mit Begeisterung an die Schülerinnen und Schüler weitergab, ist in der Ewigen Stadt klar im Vorteil gegenüber jemandem, der seine Geschichtsstunden im Kreise der Pfahlbauer verbrachte, weil zufälligerweise grad ein See in der Nähe war.

Beim Bummel durchs Forum Romanum zum Beispiel kam mein Schatz immer wieder an Plätzen vorbei, die sie einer Person oder Begebenheit zuordnen konnte. Ich hingegen tappte weitgehend ahnungslos – aber nichtsdestotrotz staunend – von Steinhaufen zu Säule und freute mich jedesmal, wenn der elektronische Führer einen Kaiser oder Papst oder Gott erwähnte, der mir bekannt vorkam.

Umso grössere Hoffnungen setzte ich ins Kolosseum. Dieses vermeinte ich dank mehrfachen Studiums des Films „Gladiator“ so gut wie meine eigene Wohnung zu kennen. Leicht ernüchtert musste ich vor Ort aber feststellen, dass a) in der Arena gar kein Sand liegt und dass b) das Gebäude Mängel aufweist, die „Hollywood“ offenbar trickreich verborgen hatte:

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Gänzlich frei von Schäden ist im Gegensatz dazu unser Hotel aus dem 20. Jh. n. C. Es liegt direkt an der öffentlichen Verkehrshauptschlagader der Stadt und ermöglicht uns nach den Comebacks aus der Antike jeweils einen fantastischen Blick auf das neuzeitliche Schaffen in Rom:

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Damals, im Sommer

Damals, im Sommer

Vier Wochen lang gab es von Mittag bis Mitternacht nichts als Fussball, Fussball und Bier ohne Ende: Zwischen dem 8. Juni und dem 8. Juli 1990 sass ich wegen der WM in Italien ununterbrochen in der Gartenwirtschaft des Restaurants Schützenhaus in Reinach und schaute mir mit Adrian Krenn, dem Freund der Wirtin Annemarie Gloor, die Augen wund.

Aus jedem zweiten Auto, das neben uns am Waldrand vorbeifuhr, dröhnte „Un estata italiana“ von Gianna Nannini und Edoaro Bennato.

Meist waren wir alleine. Die anderen Leute hatten Gescheiteres zu tun, als stundenlang mit anderen vor dem TV in der Beiz zu sitzen. Der Begriff „Public viewing“ existierte noch nicht. Grossleinwände gab es nur im Kino. Dass die Menschen ihre Telefone dereinst in der Hosentasche mitführen würden: undenkbar. Internet? Zukunftsmusik. Wer wissen wollte, was von wem gegen wen wie gespielt wurde, guckte unbehelligt von Werbepausen fern, las eine der vielen, vielen Bezahlzeitungen oder hörte Radio.

Roger Milla, Rudi Völler, Frank Rijkaard, Marco van Basten, Salvatore Schillaci, Ruud Gullit: Das sind die Namen, die mir beim Stichwort „Italia 90“ spontan in den Sinn kommen. Und jener von Franz Beckenbauer natürlich, der nach dem deutschen 1:0-Sieg im Finale gegen Argentinien sagte, jetzt sei (das soeben wiedervereinigte) Deutschland „über Jahre hinaus nicht zu besiegen“. Diese Bemerkung geisselte ich mit einem gehässigen Kommentar im Wynentaler Blatt; ob Beckenbauer meine Kritik je wegstecken konnte, habe ich nie erfahren.

Es war ein – wie mir damals schien – unendlich langer und unfassbar schöner Sommer.

Wenig später war Adrian tot. Annemarie gab das „Schützenhaus“ auf und verschwand von meinem Radar. Ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist.

Fussball-Weltmeisterschaften waren für mich nachher nie mehr dasselbe. Natürlich: Das Spiel fasziniert mich nach wie vor. Und ja: Ich mag den Deutschen immer noch jeden Gegentreffer und jeden Bänderriss gönnen und klar: Die Brasilianer sind die Besten, mit Abstand, vor allen anderen Südamerikanern und den Portugiesen.    

Aber der Zauber – der ganz grosse Zauber ist verflogen. Fussball ist zu einem jederzeit überall konsumierbaren Produkt geworden; wenn ich will, kann ich mir auf meinem Handy in diesem Moment die Aufzeichung eines Spiels in Weissrussland anschauen. Oder die Wiederholung des WM-Achtelsfinals in Italien.

Nur: Ohne Adrian und sein „gib en use! Gib en doch use!!“, ohne Annemarie und ihre Pommes-Frittes, ohne den alten Fernseher in der Laube und ohne dieses eine Lied, das in dreieinhalb Minuten zusammenfasste, was Millionen Menschen wochenlang fühlten, fehlt einfach etwas. Die Magie. Es ist alles so beliebig geworden. So durchorganisiert. Und so selbstverständlich.