Articles with Party

War mal was?

Fast wie „früher“: Corona dominiert die Schlagzeilen, obwohl – oder gerade weil – das Gröbste überstanden schien.

„Wies aussieht, sind immer mehr Menschen dabei, das Abnormale langsam als normal zu betrachten (zu versuchen) und sich mit der Lage so gut, wies halt geht, zu arrangieren“: Mit diesen Worten beendete ich am 6. Mai die „Neue Virklichkeit„-Serie.

Damals ging ich davon aus, dass die Leute sich nach zwei Monaten Lockdown schnell daran gewöhnen würden, voneinander Abstand zu halten, sich regelmässig die Hände zu desinfizieren oder im ÖV einen Mundschutz zu tragen.

Doch dem ist nicht so. Spätestens seit der Wiedereröffnung der Restaurants und Bars führen sich immer mehr Zeitgenossinnen und -genossen auf, als als ob nie etwas gewesen wäre.

In einem Zürcher Club feierten 300 Personen eine Party. Unter ihnen befand sich ein „Superspreader“, der sechs Leute mit dem Virus infizierte. Die Suche nach Betroffenen gestaltete sich schwierig, weil ein Drittel der Besucherinnen und Besucher beim Eingang falsche Kontaktangaben notiert hatte.

In Bern stieg am Wochenende eine illegale Technosause mit mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern. «Sie ignorierten die Schutzmassnahmen und standen dicht beieinander», sagte ein Augenzeuge gegenüber der BZ.

Da wie dort reagierten die Behörden auf eine Art und Weise, die als Einladung zum Weiterfeiern verstanden werden konnte: Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Nathalie Rickli zeigte sich „enttäuscht“. Den Club auf der Stelle zu schliessen, war für sie keine Option. In ihren Augen handelt es sich offenkundig um einen systemrelevanten Betrieb.

In Bern liess die Polizei die Partygänger gewähren, weil „eine sofortige Intervention zu einer Eskalation und damit zur Gefährdung der zahlreichen anwesenden Personen geführt“ hätte, wie ein Sprecher der Kapo mitteilte.

Dass gerade wegen der „zahlreichen anwesenden Personen“ eine erhebliche Gefährdung bestand – und zwar in gesundheitlicher Hinsicht; nicht nur für die Technofreaks – schien in den Erwägungen der Ordnungshüter und der Stadtregierung bloss eine periphere Rolle zu spielen.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nur bedingt, dass die Fallzahlen wieder steigen: 52 Neuansteckungen verzeichnete das Bundesamt für Gesundheit am letzten Donnerstag, 58 am Freitag und 69 am Samstag.

Die Vorfälle in Zürich und Bern dürften die Werte in den nächsten Wochen ebensowenig senken wie die Tatsache, dass Morgen für Morgen Horden von Schweizerinnen und Schweizern nach Deutschland pilgern, um sich mit Billigstfleisch einzudecken oder sich mit Tausenden von anderen Spasstouristen im Europapark in Rust zu tummeln. Von all den Leuten, die im Juli und August aus ihren Sommerferien in eben noch abgeriegelten Ländern zurückkehren werden, ganz zu schweigen.

Das hätte ich nach all dem Positiven, das dem Negativen des Lockdowns innewohnte, nicht gedacht. Ich war ziemlich fest davon überzeugt, dass diese einschneidende Erfahrung jedem und jeder klargemacht hatte, was „Eigenverantwortung“ und „Rücksichtnahme“ bedeuten.

Was wir uns mit einem weitgehend klaglos ertragenen Hausarrest, beispielloser Hilfsbereitschaft und unvorstellbar viel Geld erkauft hatten, verspielen ein paar Idioten auf Kosten der Allgemeinheit gerade mit einer erschreckenden Nonchalance.

Und ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Nachtrag 1. Juli:

Die neue Virklichkeit (47)

Eben tanzte man im Partykeller noch unbeschwert und voller Hoffnung mit T.B. aus R., doch am nächsten Morgen stellten sich Fragen, die bleischwer auf dem ganzen Sonntag lagen.

„Immer wieder sonntags
kommt die Erinnerung
dubdidubdidubdub dub.“


(Cindy & Bert, 1973. Für Unerschrockene: hier ist der Link zum Lied)

Tja: Was für Erinnerungen sind es denn, die sich immer wieder sonntags in unsere Köpfe schleichen und von dort aus durch die verwinkelten Gänge unserer Gemüter krabbeln?

Nicht nur schöne jedenfalls, aber dafür können die Sonntage weniger als die bier- und bacardigeschwängerten Samstage zuvor, die sich bisweilen bis tief in die Nacht hinzogen, damals, an idyllischen See- und Flussufern oder in verqualmten Partykellern, in denen wir andächtig der für uns ganz neuen Klänge von AC/DC lauschten und in denen wir erlickten, welch mannigfaltige Freuden einem das Tanzen bereiten kann, solange es geschlossen praktiziert wird, und an dieser Stelle, einfach, damits mal gesagt ist: tuusig Dank für alles, Barclay James Harvest!

Den Preis für dieses ausschweifende Tun inklusive Flaschendrehen mit Scharf und allem bezahlten wir wenig später – nämlich, eben, am Sonntag – mit Katern, Kollern und Kummer: Würde es mit T. B. aus R. wohl so weitergehen, wie es Stunden zuvor geendet hatte, und wenn ja, für zwei Tage, drei Monate oder amänd gar für den Rest des Lebens? Hätte sie gerne eine Wohnung in der Stadt oder ein Häuschen am Waldrand? Will sie zwei Kinder haben? Drei? Oder gar keine, dafür einen Hamster?

Und was ist überhaupt mit F., mit dem sie gemäss Augenzeugen schon mehr als einmal und alles andere als widerwillig wirkend auf eine Art und Weise zugange war, die moralisch und sittlich gefestigtere Jungbürger höchstens aus „Bravo“-Fotoromanen und Dr. Sommer-Beratungen kennen?

So betrachtet…aber ich schweife ab. Jedenfalls könnte man mit der Clique von damals heute Sonntag nicht einmal eine Runde Minigolf spielen gehen, ohne spätestens auf der dritten Bahn wegen Missachtung des Versammlungsverbotes verhaftet zu werden, und nachdem wir dem Barclay James Harvest-Alter inzwischen ziemlich entwachsen sind und uns damit abgefunden haben, dass die T.B’s. dieser Welt längst anderweitig liiert sind, bleibt uns wenig anderes übrig, als die Sonntage als das zu betrachten, was sie sind: hundskommune Tage wie alle anderen auch, nur mit einem Sonn vornedran statt mit einem Wochen.

A propos „ziemlich“: Ziemlich seltsam ist, dass die Leute je früher aufstehen, desto länger Corona dauert, obwohl viele von ihnen dank des Virus ausschlafen könnten, solange sie wollen, und zwar nicht nur an Sonntagen.

Bevor es mit dem Hausarrest losging, schauten die ersten Besucherinnen und Besucher meist erst gegen 8 oder 9 Uhr in diesem Blog vorbei. Jetzt stehen manche schon in aller Herrgottsfrühe vor der Türe meines virtuellen Stübchens, wie ein Blick auf die Statisik zeigt:

Vermutlich hat das damit zu tun, dass den Menschen das Zeitgefühl immer mehr abhanden kommt. Und damit, dass es für viele Leserinnen und Leser längst keine Rolle mehr spielt, ob sie, wenns langsam hell wird, taufrisch ins Badezimmer hüpfen oder rundumzerknittert zum Kühlschrank schlurfen und von hier wie dort wieder zurück ins Bett.

Aber mit diesem Herumgeflohnere ist es ja bald vorbei. Noch achtmal schlafen und schwupp – erwachen wir aus dem Traum oder Albtraum namens „Lockdown“.

In der Burgdorfer Altstadt – und möglicherweise auch andernorts in der Schweiz – sind die Angehörigen der Gastrogilde, die Ladenbesitzer und die Boutiquenbetreiberinnen schon emsig dabei, ihre Lokale für den 11. Mai aller 11. Maie mit ebensoviel Liebe wie Vorfreude herauszuputzen und, nur ganz leise mit den Zähnen knirschend, coronamässig umzurüsten.

Die Stimmung ähnelt ein wenig jener vor dem Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf: Es liegt eine Art Sirren in der Luft, das von Tag zu Tag stärker wird.

Über 50 000 Menschen sassen während des Schlussgangs zwischen Matthias Sempach und Christian Stucki damals Schulter an Schulter in der Arena. Millionen verfolgten das Finale am Fernsehen. Friedlich wars, die ganze Zeit, und freundschaftlich und fröhlich.

Auf Platz 168 in Reihe 7 im Sektor A5 verbrachte ich am 1. September 2013 einen Sonntag, an den die Erinnerungen gerne immer wieder kommen können, dubdidubdidubdub dub.

Fünfeinhalb Minuten Augenwasser: Im Wundersommer 2013 fand in Burgdorf – wo sonst? – das mit Abstand perfekteste „Eidgenössische“ aller Zeiten und Welten statt.

Full House

Einen tolleren Jahresabschluss hätten wir uns nicht vorstellen können: Dutzende von Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitskolleginnen und kollegen, ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn und weiteren lieben Leuten folgten gestern Abend der Einladung zur Einweihung unseres neuen Daheims.

Gegen Mitternacht hatten sämtliche Schuhe, die beim Eingang deponiert worden waren, wieder eine Besitzerin oder einen Besitzer gefunden. An der Hauswand erinnert nur noch ein knallgelber Knirps an diese wunderschönen Stunden im Kreise von wunderbaren Menschen.