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Die neue Virklichkeit (14)

Es wird auch – und ganz besonders! – in Krisenzeiten gegessen, was auf den Tisch kommt, und wenn auf den Tisch ein Birchermüesli mit Joghurt kam, siehts im Schäli am Schluss so aus.

„Was soll ich heute nur kochen“? – Diese Frage stellt sich den professionellen Heldinnen und Helden am Herd vorläufig nicht mehr, dafür aber mit wachsender Dringlichkeit in Abertausenden von Haushaltungen. Immer nur Spaghetti Fertigbolo, Wienerli mit Büchsenröschti oder Ravioli auf einem Ärbsundrüeblibett: Das kanns nicht sein, nicht auf Dauer, und schon gar nicht auf unabsehbar lange Dauer. 

Ich erwäge deshalb, demnächst einmal (oder vielleicht auch ziemlich regelmässig) Christian Bolliger vom Stadthaus, Lukas Kiener von der Gedult und Manuel Hölterhoff vom Serendib zum Essen einzuladen. Wenn ich ihnen sage, bei mir gebe es nur Conveniencezeug, kommen sie bestimmt von alleine auf die Idee, in ihre Vorratskammern zu steigen, die sie am Abend des 16. März überstürzt verlassen mussten, und ihre Verpflegung selber mitzubringen. In diesen Speichern lagern auf Hundert und zurück kulinarische Schätze sonder Zahl, die langsam gehoben werden sollten; ich sage nur „Ablaufdatum“ und „Lebensmittler“.

Für alle andern, die nicht über so gute Koneggschens verfügen, habe ich hier ein Rezept für ein Essen, das Gross und Klein und Jung und Alt und Dick und Doof gleichermassen sättigt, im Handumdrehen zubereitet und erst noch vegetarierkompatibel ist: Birchermüesliflocken in ein Schäli schütten, Joghurt drüberkippen, umrühren – und fertig ist das Zmorge, Zmittag, Zvieri oder Znacht und darüberhinaus auch noch eine lecker-gesunde Mahlzeit für zwischendurch. 

„Froh zu sein, bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König“, lernten wir in der Sonntagsschule. Und auch wenn uns aus dem Religionsunterricht für die Kleinen unterdessen nicht mehr viel mehr präsent sein mag als unsere erbitterten Debatten um die korrekte Auslegung von Samuel 17. (dort geht es bekanntlich um den Beef, den David und Goliath miteinander hatten) realisieren wir heute, während wir in unseren vier Wänden den grob geschätzt 418. Tag unserer Isolationshaft absitzen, doch: das stimmt. 

Mit dem Frohsein und dem Bedürfen verhält es sich nämlich genauso wie mit der berühmten Weisssagung der Cree-Indianer („Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“), nur mit ohne Wildwestromantik: „Erst, wenn die letzten Kalbsmedaliongs, das letzte Pfund Ghackets, der letzte Rochen, den ihr Stunden vor dem grossen Lockdown im Tankstellenshop eures Vertrauens zusammenramisiert habt, verputzt ist, werdet ihr merken, dass auch ein simples Müesli ein Festessen sein kann.“ 

Gründe zum Feiern gibts aktuell zwar nicht sonder Zahl. Dafür wären reichlich Anlässe dafür vorhanden, chly bescheidener oder – Achtung: grosses Wort! – demütiger zu werden.

Ich weiss natürlich nicht, wie es jedem einzelnen Bewohner und jeder einzelnen Bewohnerin dieses Landes seit dem Ausbruch der Corona-Krise geht. Aber ich vermute stark, dass die meisten von ihnen – ich nehme mich da nicht aus; überhaupt nicht – gerade auf einem sehr hohen Niveau meckern und wettern und fluchen und wehklagen (würden, wenn sies denn täten).

Einigen wenigen kommt die Pandemie möglicherweise sogar nicht einmal ungelegen. Das wegen seiner Sparsamkeit berüchtigte Verlagshaus Tamedia zum Beispiel teilte dieser Tage mit, dass die Werbeeinnahmen wegen des Virus dermassen wegbrechen würden, dass die Arbeitspensen bei sämtlichen Angestellten ab dem 1. April um 10 bis 20 Prozent gekürzt werden müssten. 

Das heisst: Ausgerechnet jetzt, wo die Leserinnen und Leser mehr denn je auf verlässliche Informationen angewiesen sind, setzt das Medienunternehmen den Sparhebel genau dort an, wo Profis aus einem endlosen Strom von Meldungen aller Art rund um die Uhr Nachrichten fischen, auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen und sorgfältig so aufarbeiten, dass ihre Kundschaft jederzeit über den aktuellen Stand der Dinge auf dem Laufenden ist.

Und dabei ist es nicht so, dass die Tamedia nur noch wenige Schritte vor dem Konkursamt stehen würde. Für das Jahr 2019 wies die Firma einen Umsatz von 1,08 Milliarden Franken und einen Gewinn von knapp 100 Millionen Franken aus (ich wiederhole: einen Umsatz von 1,08 Milliarden Franken und einen Gewinn von knapp 100 Millionen Franken).

Damit die Aktionärinnen und Aktionäre auch nächstes Jahr chly öppis von ihren Engagements haben, müssen nun leider, leider weitere Stellenprozente gestrichen werden, weil eben: Corona. Da kann man einfach nichts machen. Sorry, Leute. Ist ja nicht persönlich gemeint.

Trotzdem gilt hoffentlich allgemein: Es geht uns gut. Anderswo tobt die Seuche wie früher die Kampfstiere in den Gassen von Pamplona: In China, Italien, Spanien und Frankreich warten kranke Menschen auf den Böden vor Notfallkliniken darauf, dass jemand sich ihrer annimmt. In New York werden die Viren-Toten in Zelten zwischengelagert, bevor sie in Urnen oder Gräbern ihre letzte Ruhe finden dürfen, und in Indien verfügte die Regierung für 1,3 Milliarden Menschen eine Ausgangssperre.

Das alles sehen wir, gemütlich auf unsere Sofas gefläzt, jeden Abend in der Tagesschau. Am nächsten Morgen ellböglen wir uns um spätestens 7.30 Uhr ins vordere Drittel der Warteschlange vor der Migros, um uns im Rennen um die 500 Rollen Toilettenpapier, die wir bestimmt auch heute benötigen werden, einen guten Startplatz zu ergattern. 

Dass die Habegger aus dem 2. Stock mit dem Geschäfts-SUV ihres Alten schon wieder drei Viertel des gesamten Papierbestandes abzügelt, während wir uns noch überlegen, ob ein Einkaufschörbli für unsere Wochenration von 14 Kilo Zahnpasta wohl genügt, passiert uns ganz sicher nicht ein zweites Mal.

Ich mag mir nicht vorstellen, in wievielen Tiefkühltruhen und auf wie manchen Kellergestellen sich inzwischen Esswaren stapeln, mit denen sich fünfköpfige Familien samt zwei Paar Grosseltern und dem kompletten Satz Gotten und Göttis plus sämtlichen Cousinen und Cousins sowie den angeheirateten Neuzugängen bis im Juni 2042 ernähren könnten, ohne zweimal das gleiche zu futtern.

Eine Woche ist vergangen, seit ich zum letzten Mal ins Fach mit der Fanpost geguckt habe. Was ich damals entdecke („Vollpfosten!“), warf mich psychisch dermassen z Bode, dass ich mir in meinem abgedunkelten Schlafgemach, bis unter die Schädeldecke mit Prozac vollgepumpt und mit bis zum Anschlag aufgedrehten Lautstärkereglern 24/7 Trost bei Xavier Naidoo suchend („…verlierst noch genug Blut, Schweiss und Tränen auf dem Weg, der vor dir liegt…“), vornahm, nie mehr auch nur in seine Nähe zu gehen.

Aber natürlich war der Gwunder irgendwann stärker als der Überlebensinstinkt. Ganz süüferli, als ob darin ein Monster mit spitzen Zähnen und rasiermesserscharfen Klauen dösen würde, öffnete ich letzte Nacht den Mailordner dieses Blogs, leuchtete mit der Taschenlampe meines iPhones hinein und entdeckte…

…nichts. Kein Lob, kein Tadel, keine Kritik. Wo sonst Heiratsanträge, Spermabestellungen und Morddrohungen aufgetürmt sind, lagen lediglich zwei halbverrottete Spammails aus Nigeria, die mich stumm anflehten, sie von ihrem Leiden in der Finsternis zu erlösen.

Ich tat ihnen den Gefallen, klickte auf „Löschen“ und ging heiteren Gemüts in die Küche, um mir ein Birchermüesli zu zaubern.

Nachtrag: Wenige Tage nach der Tamedia beantragten auch die NZZ-Gruppe und CH-Media Kurzarbeit.

Gussgenuss

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Nein – das ist kein surea surreall sureli modernes Gemälde und auch nicht das Blutbild eines Greenpeace-Aktivisten. Es handelt sich bloss um die Nahaufnahme des Gusses, den ich neulich über einen Hörnliauflauf gekippt habe. Für Gourmets: er bestand aus dreieinhalb Dezi Halbrahm, drei Eiern, chli Salz, Pfeffer und Muskatnuss und einer Hampfele Schnittlauch.

Das Resultat schmeckte, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, ansprechend. Aber so sehr ich mir mit dem Gericht auch Mühe gegeben hatte: so fein wie der Hörnliauflauf von Mamma Mia war meiner bei Weitem nicht.

Das Blut-Rezept

Das Blut-Rezept

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(Bilder: Hannes Zaugg-Graf, z-arts)

Wer die letzten Regenwochen dazu genutzt hat, sich den einen oder anderen Krimi anzusehen, fragte sich möglicherweise, was das eigentlich für Blut ist, das da immer mal wieder aus Köpfen, Beinen und Bäuchen rinnt.

Dass nicht jedesmal ein Tier geschlachtet werden kann, wenn ein Darsteller möglichst lebensecht tödlich verletzt wirken soll, ist klar. Also wird der Lebenssaft wohl künstlich hergestellt. Aber wie? Hannes Zaugg-Graf, der Uetendorfer Fotograf und Theaterfachmann, verrät das Rezept:

„Die benötigte Blutmenge in Form von Wasser aufkochen und mit „Maizena Express braun“ (ist besser als nur Maizena, da es bereits hilft, die Flüssigkeit undurchsichtig zu machen) zu einer sirupartigen gewünschten Konsistenz bringen. Die Flüssigkeit wird beim Auskühlen noch etwas dickflüssiger (verdünnen kann man immer, verdicken nicht mehr).

Rote Lebensmittelfarbe und ein wenig Blau beifügen. Es braucht nicht wahnsinnig viel, denn diese Farbe färbt extrem auf Haut und Kleider ab. Die eigentliche Farbe machen wir nach dem Auskühlen mit Talens Plakatfarbe, ebenfalls ins Rot und mit ein wenig Blau. Auch hier gilt: Dazugeben kann man immer, wegnehmen nur schwerlich.

Röter und etwas flüssiger ergibt arterielles Blut. Ein Tropfen Blau mehr und etwas dickflüssiger gibt venöses Blut, das sich zum Beispiel für grössere Blutlachen eignet.

Der Vorteil der Plakatfarbe ist ihre hohe Deckkraft. Sie macht die Flüssigkeit undurchsichtig. Zudem kann diese Farbe im Gegensatz zur Lebensmittelfarbe oder Randensaft mit kaltem Wasser problemlos auch aus Kleidern oder Pelzmänteln gewaschen werden. Auch auf der Haut bleiben keine Rückstände, was sich bei Lebensmittelfarbe nicht sagen lässt.

Interessanterweise verhält sich dieses Kunstblut selbst beim Eintrocknen fast wie Blut. Das Braun des Saucenbinders kommt mehr zur Geltung und es dunkelt ziemlich ab.“

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