Articles with Sydney

Neue Erkenntnisse und alte Gewissheiten

Dieses Bild dürfte unzählige Eltern in Erklärungsnotstände bringen: Der Samichlaus verbringt seine Freizeit nicht in einem bescheidenen Iglu am Nordpol oder in einer spartanisch eingerichteten Hütte im Schwarzwald, sondern, wie wir gestern stirnrunzelnd feststellen mussten, an einem Strand in der Nähe von Sydney.

Abgesehen davon ist der Schmutzli offensichtlich kein Mann, und was das Eseli betrifft, muss die Weihnachtsgeschichte vermutlich sowieso von Anfang an neu geschrieben werden.

Wir haben den Heiligen Abend soeben mit unserer australischen Familie gefeiert. Gleich fahren wir zum Flughafen. Um 4 Uhr geben wir das Mietauto zurück, zwei Stunden später heben wir in Richtung Dubai ab, von wo aus es dann weiter nach Zürich und Burgdorf geht.

Während ich so dasitze und mit einer Mischung aus Abschiedsschmerz und Heimweh (an dieser Stelle: Herzliche Grüsse an all unsere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde und last, but überhaupt nicht least, Tess!) in den Nachthimmel über der Südhalbkugel starre, wird mir wie jedesmal, wenn wir diesen Kontinent verlassen, klar, dass es mit der Zeit immer dasselbe ist: Sie rast einem davon, sobald man auch nur daran denkt, sich zu wünschen, dass sie für einen Moment viele Jahre stillstehen möge.

Tipp für Operngucker

Aha: Die grassierende Selfie-Manie, die rund um den Globus immer mehr Touristinnen und Touristen befällt, stösst nicht nur Christoph Hunziker und vielen anderen Normalreisenden, sondern auch den Verantwortlichen der Oper von Sydney säuerlich auf.

Vor dem weltberühmten Gebäude haben sie deshalb Schilder montiert, denen zu entnehmen ist, dass es hier noch sehr viel mehr zu tun gibt (oder gäbe), als Fotos von sich selber zu schiessen.

Zu behaupten, dass die Hinweise die gewünschte Wirkung zeitigen, wäre jedoch übertrieben. Die meisten Bilder, die heute Nachmittag auf dem Platz vor der Oper gemacht wurden, zeigen im Vordergrund mindestens ein grinsendes Gesicht und viel weiter hinten – damit auf der Aufnahme auch ja alles Platz hat – das 184 Meter lange, 118 Meter breite und 67 Meter hohe Wahrzeichen Australiens.

Petri Dank!

Austern, Garnelen, Hummer, Muscheln, Oktopusse und so weiter, und so fort: Auf dem Fischmarkt von Sydney ist alles zu haben, was das Meer an Delikatessen hergibt:

50 bis 55 Tonnen Seafood werden hier laut den Verantwortlichen Tag für Tag verkauft.

Daneben wartet eine unfassbar grosse Menge von Früchten – wenn auch oft made in China und entsprechend chemisch frisiert – auf Abnehmer.

Auch Käse gibts; sogar aus dem Berner Oberland und dem Emmental (oder so; Hauptsache, aus Schweden).

Hackerangriff

Rettung in letzter Sekunde: Auf dem Weg zur Arbeit sah Chantals Cousin Christian gestern, wie zehn Krähen einen auf der Strasse liegenden jungen Lori attackierten. Kurzentschlossen steuerte er auf den Mob zu, worauf die schwarzen Vögel von ihrem Opfer abliessen.

In den letzten 24 Stunden konnte sich der Papagei in einem Käfig auf der Terrasse von Christians Haus von dem Angriff erholen. Er trinkt, frisst, turnt an den Gitterstäben herum und meckert lautstark, wenn man sich ihm nähert.

Für Christian und seine Familie stellt sich damit bald die Frage: Behalten oder freilassen? Einerseits wärs natürlich schon schön, einen solch bunten Prachtskerl immer in der Nähe zu haben.

Andrerseits: Vermutlich hat Versace – so heisst er seit Neustem, und passt damit bestens zu Chanel, dem Hund, und Thommy Hilfiger, der Katze, die an der selben Adresse wohnen – Eltern und Geschwister, die sich auf einem Baum in der Nähe bange fragen, wann der Kleine wohl endlich nach Hause kommt und wie es ihm geht.

Wir fahren morgen zurück in die Stadt – nicht unglücklich darüber, uns elegant um diese Entscheidung drücken zu können.

Nachtrag, vier Tage später: Versace hat seinen Käfig noch nicht verlassen (können). Seine Schwanzfeder sei noch zu kurz, teilt sein Pfleger auf Zeit mit, und ergänzt: „Right now he is just cat food if outside the cage.“

Wie es sein sollte

Sonntag, 18. Dezember, 14.32 Uhr südostaustralischer Zeit: In einer Woche sitzen wir in einem Flugzeug, das uns erst nach Dubai und dann nach Zürich bringen wird, wo wir nach einer dreissigstündigen Reise am Abend desselben Tages landen werden, an dem wir achtzehn Stunden zuvor gestartet waren.

Das ist nicht nur ziemlich strange, wie der Australier sagen würde, sondern, vor allem: sehr schade. Die Tage, die wir zu Zweit in Tasmanien und mit Familienmitgliedern auf einer winzigen Streifen dieses gigantischen Kontinentes verbrachten, rasten und rasen nur so vorbei. Kaum haben wir uns beim Zmorge überlegt, was wir in den nächsten Stunden unternehmen könnten, verdauen wir das Znacht.

Im Moment höcklen wir bei Chantals Cousin Christian auf der Terrasse vor seinem Haus in einem Aussenquartier von Sydney. Auf dem Wiesli nebenan räckelt sich eine Echsenfamilie in der Sonne. Ein mildes Lüftchen zeichnet Kringel auf das Wasser im Pool, im Radio besingt Sade ihren „Smooth Operator.“

Kurz: Es ist alles, wie es sein muss, und doch…

…aber mir wei nid grüble (wie der Australier garantiert nie sagen wird).

„Jump!“, singen jetzt die Pointer Sisters. Ich nehme das als Aufforderung, kurz ins Wasser zu hüpfen. Bin gleich zurück.

Oder auch ein bisschen später.