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Hautsache Nebensache

Hautsache Nebensache

2007 schuf Patricia Herrmann, die Schwester meines Arbeitskollegen Hans Herrmann, einen Drachen. Er diente als Logo für den Burgdorfer Verein Mythos, der vor vier Jahren in einem Wald bei Burgdorf sein erstes Stationentheater durchführte: die „Drachenjagd“. Aus lauter Freude an diesem lässigen Verein und über meine Première als Schauspieler liess ich mir das Clubsignet auf den rechten Oberarm tätowieren:

Für seine gut zweistündige Stichelei bezahlte ich einem etwas gfürchig wirkenden Künstler in einem Solothurner Tattoo-Shop 350 Franken. Im Wissen darum, gerade eine Investition für die Ewigkeit zu tätigen, legte ich die vier Noten aus allen Poren blutend, aber leichten Herzens auf den Tresen.

Seither begleitet mich das starke Wesen aus einer fremden Welt durch gute und andere Zeiten. Ich meinerseits lasse ihm beim Duschen und nach Sonnenbädern manchmal eine besonders sorgfältige Pflege angedeihen. Zum Dank dafür nahm es im vergangenen Sommer klaglos hin, dass sich auf seinem Nachbargrundstück auf einmal die grösste Rockband dieses Planeten breitmachte:

Und dann: dann beschloss die Hauptversammlung unseres Vereins gestern Abend, den Namen „Mythos“ durch „Szenerie Burgdorf“ zu ersetzen. Und, dazu passend, ein neues Logo zu kreieren.

Frei nach dem Motto „Frage nicht, was dein Verein für deine Verzierungen tun kann. Frage, was du für deinen Verein tun kannst“ habe auch ich für diese Vorschläge gestimmt.

Aber beim Handhochhalten wusste ich: das nächste Signet kommt höchstens auf ein T-Shirt.

„Wow!“

„Wow!“

Ich bin bald 45, habe die Teenagerzeit also seit einem Vierteljahrhundert hinter mir, behaupte von mir selber, in der Regel mit mindestens anderthalb Füssen fest auf dem Boden zu stehen und würde sagen, dass mich so leicht nichts mehr aus den Socken haut.

Aber:

(Gopf: Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll.)

Jedenfalls war ich vor dem Toto-Konzert in Locarno in einem Tattoo-Laden in Zürich und liess mir den Schriftzug der Band in den Oberarm stechen. Für mich gibt es auf diesem Planeten keine komplettere Rockband als Toto. Sie ist im Lauf der Zeit zu einem Teil meines Lebens geworden (ich weiss: das ist nicht ganz frei von Pathos, aber halt einfach so). Zum Beispiel habe ich dank Toto Chantal kennengelernt. Sie brachte mir vom Fuss der Jungfrau ein T-Shirt von jenem Schweizer Konzert mit, an dem ich nicht mit von der Partie sein konnte. Sehr viel später haben wir uns dann kennengelernt. Seither…was soll ich sagen?

Es geht nicht nur um „Rosanna“ und „Africa“ und „Hold the Line“ und all ihre anderen Hits. Es geht auch darum, wie die Jungs aus Los Angeles miteinander umgehen: Wenn Sänger Bobby Kimball beinahe im Alkohol- und Drogensumpf versinkt, helfen sie ihm, indem sie ihn aus der Band schmeissen. Und ihn mit offenen Armen wieder in ihren Reihen aufnehmen, sobald er sein Leben nach der Therapie wieder im Griff hat. Ihrem vor Jahren verstorbenen Drummer Jeff Porcaro widmen sie heute noch an jedem Auftritt einen Song. Nun ist dessen Bruder Mike Porcaro, Bassist der ersten Stunde, unheilbar erkrankt. Also ging die Band, obwohl sie sich vor zwei Jahren aufgelöst hat, in den letzte Wochen noch einmal auf eine Europa-Tournee; den Reingewinn dieses Multimillionen-Unternehmens spenden sie ihrem Freund und dessen Familie.

Es geht, nicht zuletzt, auch darum, wie Toto immer wieder musikalisches Neuland suchen und betreten, obwohl sie wissen, dass dem grössten Teil ihrer Fans nichts lieber wäre, als wenn sie auf immer und ewig auf den immer gleichen Harmoniepfaden weiterwandeln würden. Es geht darum, wie sie auf der Bühne spielen statt arbeiten: auch die Leute in der hundertsten Reihe spüren, dass die Männer da oben nur noch aus Spass tun, was sie tun. Wer als Studiomusiker seit 30 Jahren mit scheinbar locker hingeworfenen Gitarrenlicks und beiläufig aneinandergereihten Keyboardakkorden die Alben der gefragtesten Musiker der Welt veredelt, braucht irgendwann nicht mehr des Geldes wegen aufzustehen.

Ich merke gerade: Ich schweife ab.

Wichtig ist im Moment eigentlich nur: Ich habe ich das Bild von meinem Toto-Tattoo auf Facebook publiziert und gleichzeitig Steve Lukather, dem Kopf, Gitarristen und Mit-Sänger der Band zugestellt.

Und als ich heute Abend die Toto-Site auf Facebook konsultierte, traf mich fast der Schlag: Lukather hat das Foti in sein Online-Fotoalbum „geklebt“ – und kommentiert: „WOW!„, schrieb er darunter.

Drei Buchstaben, ein Satzzeichen – mehr braucht es nicht, damit sich ein 45-Jähriger wie ein kleines Kind freut.

 

Nachtrag: Drei Dutzend Facebooker von überall auf dem Erdball kommentieren das Tattoo:

„The ultimate compliment. Marked for life with TOTO.
That move deserves backstage passes for ever „,
schreibt ein Phil Black.

„…that´s real fans…“, findet ein Tom Peteranderl.

„That is the ONLY tatt I’d ever have“, bemerkt eine Susan Reschke.

„Hardcore baby, a true fan indeed!“, freut sich ein Ken Nault.

All diese Leute kenne ich nicht. Aber ich habe mit jedem von ihnen die Begeisterung für dieselbe Band gemeinsam. Dass man durch einen einzigen Mausklick von der Existenz dieser Menschen erfährt und dass man mit einem weiteren Klick mit ihnen in Kontakt treten könnte, wenn man möchte – das ist, wenn man ein Weilchen darüber nachdenkt, ein kleines Wunder.