Articles with Zahlen

Nichts gelernt und Vieles verspielt

So belebt wie im Frühling 2020: Die Burgdorfer Hofstatt im Herbst 2020.

Wir hatten uns schon ein Weilchen nicht mehr gesehen. Dann begegneten wir uns zufällig in der Oberstadt und beschlossen, uns noch am selben Abend einen Apéro zu gönnen.

Doch anderthalb Stunden vorher:

Die Abmachung von jetzt als Absage von gleich: das hatten wir doch auch schon, und es ist noch nicht einmal verdamp lang her.

Private Zusammenkünfte, geschäftliche Sitzungen, kulturelle Anlässe, kulinarische Entdeckungsreisen – das alles und noch mehr wird, wie zwischen Mitte März und Mai, vertagt oder gleich aus der Agenda gestrichen, und wenn doch etwas stattfindet, dann coronakompatibel maskiert, besucherbeschränkt, contactgetraced und damit in einem Rahmen, der dem Inhalt nur selten gerecht wird.

Seit Tagen bereiten der Bundesrat und seine Corona-Taskforce die Bevölkerung mehr oder weniger schonend auf die Möglichkeit eines Kurzlockdowns vor für den Fall, dass die Infektionszahlen dramatisch weitersteigen. Der Kanton Bern hat die Schraube schon heute Donnerstagabend weiter angezogen.

Während die einen für die Pandemiebekämpfungsmassnahmen Verständnis aufbringen, spricht eine wachsende Zahl von Zeitgenossen und -zeitgenossen von „Panikmache“. Zu ihnen gehört auch Freddy Frutig:

Freddy Frutig ist nicht irgendwer. Er war während Ewigkeiten Schlagzeuger von Krokus und etwas weniger lange bei Gianna Nannini und gilt zäntume als rocknrollende Frohnatur. Wenn selbst er coronam publico mitteilt, er sei „am Anschlag“, „wütend“ und „traurig“ und habe „keine Lust“ mehr, will das etwas heissen.

Wir machen chly Musig, mit Asienbezug:

Ich selber weiss schon lange nicht mehr, was ich von den bisweilen nur mässig koordiniert wirkenden Kurvendrückbemühungen halten soll.

Aber wie ich darüber denke, spielt ja auch keine Rolle. Ich tue einfach, wie geheissen, und werfe gelegentlich fassungslos und verständnisfrei einen Blick auf die Zahlenberge, welche Fachleute und Menschen, die sich als solche sehen, rund um die Uhr um uns herum auftürmen.

Angst vor dem Virus verspüre ich keine. Wenn er mich verschont: wunderbar. Wenn nicht: ab ins Bett.

Ungleich mehr beunruhigt mich etwas anderes: die Tatsache, dass es immer weniger gibt, worauf zu freuen sich lohnt.

Auf meinem Büchergestell liegen Tickets für Konzerte von Deep Purple, Irrwisch und Edoardo Bennato. Sie hätten im November und Dezember stattfinden sollen, doch daraus wird – wie auch aus zig anderen kulturellen Veranstaltungen – nichts. Die Ersatzdaten sind zwar längst gesetzt; ob die Gigs in einem halben oder ganzen Jahr tatsächlich werden steigen können – und wenn ja, unter welchen Bedingungen – weiss allerdings kein Mensch.

Ab und zu flattern Einladungen zu Veranstaltungen im kleinsten Kreis in mein Mailfach. Ich sage sie durchs Band weg ab. Die nächste Vorstandssitzung unserer Altstadtvereinigung verschob ich auf irgendwann; es gibt nach wie vor nichts zu planen.

Eine frühere Arbeitskollegin und ich wollten uns demnächst zu einem Znacht treffen. Nun schrieb sie mir: „Dieser Corona-Mist wird immer ungemütlicher und ich glaube nicht, dass es in nächster Zeit besser wird. Ich wäre daher froh, wenn wir unser Abendessen auf bessere Zeiten verschieben.“

Wenn die Sonne das Gemüt doch einmal wärmt, tut sie das in der Regel unerwartet: Am Freitag kam mich mein Bruder besuchen. Das hatten wir ziemlich kurzfristig vereinbart. Ein Lottosechser hätte mich nicht mehr aufheitern können.

Coronabedingt werden nicht einmal mehr Selfies scharf.

Das Dasein im Herbst 2020 fühlt sich ähnlich an wie im Frühling 2020, als der Bundesrat die halbe Schweiz in den Hausarrest schickte. Im Gegensatz zu heute wussten wir damals allerdings, dass bald Sommer sein und damit eine Zeit anbrechen würde, in der es naturgemäss etwas lockerer zu- und hergeht.

Aber jetzt…jetzt wirds Winter samt Nebel und Pflotsch und Dunkelheit und Glatteis und häuslichen Advents-Gewaltsexzessen und – auf Hundert und zurück – einem Greatest Hits-Doppelalbum von Helene Fischer.

Sich hin und wieder mit einem Blick in „die Medien“ von der Misère abzulenken zu versuchen, führt nur zu unangenehmen Déja-lus:

Monothematisch: Startseite von BZ Online. Zig andere Medienplattformen sehen ähnlich aus.

Fernsehsendungen, Radionachrichten, Zeitungsseiten, Onlineportale: Es gibt nichts ausser Corona, Corona und Corona. Wenn ich Verleger wäre, würde ich meiner Redaktion einen cornanewsfreien Tag pro Woche verordnen, damit jene, welche die meist unfrohen Botschaften überbringen müssen, ebenso regelmässig kurz durchatmen können wie jene, welche sie vorgesetzt bekommen.

Beim „Wynentaler Blatt“ produzierten wir einmal eine „rosarote Zeitung“ mit lauter erfreulichen Nachrichten. Alles auch nur ansatzweise Unschöne liessen wir weg; sogar die Polizeimeldungen frisierten wir, indem wir meldeten, es habe auf dieser Kreuzung keinen Unfall gegeben und in jener Bijouterie null Einbrüche.

Ich weiss nicht mehr, wieviele positive Reaktionen wir auf diese Nummer erhielten; es mussten Hunderte gewesen sein.

Bisher glaubte ich, dass „man“ sich an alles gewöhnen kann; ganz besonders an etwas, womit man sich zwangsläufig über einen längeren Zeitraum hinweg zu beschäftigen hat.

Dem ist offensichtlich nicht so: Covid-19 plagt die Menschheit je länger, desto intensiver. Einerseits auf der gesundheitlichen Ebene – und anderseits auf der gesellschaftlichen: Die Furchen, welche die unversöhnlich-gehässig geführten Debatten zum Thema unabhängig von Zivil- und Kontostand, Beruf oder Konfession durch Familien, Freundeskreise, Firmen und Vereine ziehen, werden vermutlich noch über Generationen hinweg zu sehen und spüren sein.

20 Neuansteckungen gabs in der Schweiz im Juni pro Tag. Wir dachten, wir hätten die Seuche in den Griff bekommen. Und wussten, dass wir sie mit regelmässigem Händewaschen und Abstandhalten in Schach halten können.

Aber selbst das Einhalten dieser simplen Regeln war vom angeblich intelligentesten und vernunftbegabtesten Lebewesen auf diesem Planeten zu viel verlangt.

Das, glaube ich, ist die traurigste Lehre, die wir aus Covid-19 ziehen müssen: dass wir Menschen trotz all der sagenhaften Fortschritte, die wir in den vergangenen paar tausend Jahren machten, so riesengrosse Idioten geblieben sind.

It’s a long way

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„Value Proposition“, „Venture Capital-Finanzierung“, „Pareto-Prinzip“, „Acceleratoren-Konzept“, „Bisoziation“ oder „Kopfstanddenken“: Seit gut einer Woche rasen jeden Tag Begriffe durch meinen Kopf, von denen ich nie zuvor gehört hatte – oder die mir zwar irgendwie bekannt vorkamen, mit denen ich jedoch bis vor Kurzem nichts anzufangen wusste.

Auf meinem Schreibtisch im Kursraum der Santis AG in Bern – sie ist laut ihrer Website spezialisiert auf „Ausbildungsbedarfsorientierung mit Professionalität, Zielorientierung und Praxistransfer“ – türmen sich Ordner, Bücher und Merkblätter voller Zahlen, Statistiken, Tabellen und längstfädiger Erläuterungen. Den Blick zur Ablenkung zwischendurch in die Nähe schweifen zu lassen, bringt wenig: Die Wände um mich herum sind vollgeklebt mit Papieren, auf denen stichwortartig zusammengefasst ist, was wir schon diskutiert haben oder demnächst besprechen werden.

Wenn wir zweimal pro Tag ein Viertelstündchen Pause haben, denke ich…überhaupt nichts mehr, weil das Gehirn dermassen voll ist, dass es sich komplett leer anfühlt. Die Abende verbringe ich, ohne viel vom Gesehenen mitzubekommen, vor dem Fernseher. Meist gehe ich noch vor den Hühnern Schildkröten ins Bett.

Bis Ende März verbringe ich meine Tage hier, im Geschäftsführerkurs der Berner Amtes für Wirtschaft (beco). Zusammen mit elf gleichgesinnten Damen und Herren und mit Hilfe eines Lehrers, der sich erstaunlich erfolgreich darum bemüht, uns die bisweilen völlig abstrakt wirkende Materie zu vermitteln, bereite ich mich mit grossem Enthusiasmus auf etwas vor, woran ich schon zu meinen Aktivzeiten bei der Berner Zeitung hin und wieder schemenhaft gedacht hatte: den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit.

Ein Zurück gibt es (jedenfalls für mich) nicht mehr, selbst wenn der Lernstoff noch so komplex ist (oder manchmal auch nur so komplex scheint): Am 1. Mai eröffne ich

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am Burgdorfer Kronenplatz,

mitten in der Oberstadt, in einem holzgetäferten, überaus heimeligen und mit einem uralten Kachelofen ausgestatteten Büro mein eigenes Geschäft. Was ich unter welchem Firmennamen wem anbieten werde, darf ich aus juristischen Gründen noch nicht perfekt auf die Kundenbedürfnisse abgestimmt kommunizieren verraten, weil mir der Kanton sonst die Kursgelder streicht.

Deshalb fürs Erste nur soviel: Genauso, wie sich ein kleines Kind hinter der verschlossenen Stubentüre am Weihnachtsabend darauf freut, den Christbaum zu sehen, plange ich darauf, mit meiner Einmannagentur endlich loslegen zu können.

Und damit: zurück ins Schulungslokal. Heute stehen Steuer- und Versicherungsfragen auf dem Programm. Frei nach AC/DC: „It’s a long way to the top if you wanna rock’n’roll“, aber ein vielversprechender. Von 489 Leuten, die zwischen 2005 und 2009 „meinen“ Geschäftsführerkurs absolviert haben, sind bis heute deren 383 auf dem Markt aktiv. Sie schufen 132 Vollzeit- und 201 Teilzeitstellen und bilden insgesamt 21 Lehrlinge aus.

Nachtrag 27. März: Et voilà.

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Zahlen, bitte

Zahlen, bitte

Kleiner Service für Statistiker – plus ein Grund zum Nachdenken für die Werbeverantwortlichen von Kleinbetrieben und multinationalen Konzernen:

Seit ich in diesen Blog im August 2010 einen Zähler eingebaut habe, schauten hier zig Leute total 88 144 mal vorbei. Sie freuten oder ärgerten sich über 495 Beiträge und hinterliessen 570 Kommentare.

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