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Die Süddeutsche Zeitung gilt als “Qualitätsmedium”. Mit Hans Leyendecker beschäftigt sie einen der profiliertesten Enthüllungsjournalisten des Landes. Er und seine Kolleginnen und Kollegen werden für ihre Arbeiten regelmässig ausgezeichnet. Bei einer grossangelegten Umfrage erkoren Medienschaffende die “Süddeutsche” noch vor dem “Spiegel” zum “Leitmedium Nummer Eins”.

Ihre Leserschaft hatte also (un)gute Gründe, zu erschrecken, als die SZ am 12. Juni frei von Zweifeln und ohne auch nur ein Fragezeichen zu setzen verkündete:

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Ein halbes Jahr später schreibt sie nun:

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“Die öffentliche Aufregung”, heisst es in dem Bericht weiter, sei “gross” gewesen, “als im Sommer die Nachricht über Missstände in einer Mainzer Kita publik wurden”. Darüber, wer an vorderster Front daran mitgewirkt hatte, die Nachricht publik zu machen, schweigt sich die “Süddeutsche” aus. Stattdessen deutet sie an, dass an den Anschuldigungen vielleicht, vielleicht doch etwas gewesen sein könnte: “Was sich in der Kita tatsächlich zugetragen hat, bleibt rätselhaft”. Auch die zuständige Oberstaatsanwältin habe “keine Antwort auf die Frage”, wie es zu den “offenbar unbegründeten Vorwürfen” habe kommen können: “Da spielten wohl mehrere Faktoren eine Rolle”.

Ob die Staatsanwälting mit “mehrere Faktoren” auch die “Süddeutsche” meint, schreibt die “Süddeutsche” nicht.

Nachtrag: Die “Zeit” betrachtet den Fall genauer. Und kommt zu überraschenden Erkenntnissen.

Doch nicht “forever”

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Es war einer jener Abende, den all jene, die ihn erleben dürfen, als “magisch” bezeichnen, bevor er zu Ende ist: Im Basler St. Jakobsstadion spielten am 16. Juli 1983 Joe Cocker, Chris de Burgh und Supertramp, und alles wäre perfekt gewesen, wenn man nicht gewusst hätte, dass Letztere sich gerade auf ihrer Abschiedstournee befinden und man “The Logical Song”, “Breakfast in America”, “Fool’s Ouverture”, “Dreamer”, “Bloody well right”, “Crime of the Century” und was die Herren um Roger Hodgson und Rick Davies noch an musikalischen Perlen aus den Ärmeln geschüttelt hatten, nie mehr live zu hören bekommen würde.

Nur: “Abschiedstournee” war schon immer ein dehnbarer Begriff (Tina Turner kann auch zu diesem Thema einen ganzen Strauss Lieder singen). 14 Jahre später waren Supertramp wieder da, wenn auch ohne Roger Hodgson, der sich längst sehr erfolgreich selbstständig gemacht hatte, aber das machte fast gar nichts: In der “Arena” von Genf zelebrierte die Truppe eine Pop-Rock-Messe der Sonderklasse. Dass sie den Gig gleich mit “School”, einem ihrer Überhits, lancierten, zeigte: an Selbstvertrauen fehlt es den Briten nach wie vor nicht. Als die Lichter in der Halle wieder angingen, dachte ich: das wars jetzt endgültig. Supertramp siehst du nie mehr.

Aber oha: Am 25. Oktober 2010 feierten Rick Davies – das nach Hodgsons Ausstieg letzte verbliebene Gründungsmitglied -, und John A. Helliwell, der den Supertramp-Sound mit seinem Saxofon jahrzehntelang mitgeprägt hatte, mit sieben Mitstreitern den 40. Geburtstag der Band auch im Zürcher Hallenstadion. “Die Formation zog zwei Stunden lang alle Register, um das Publikum zu begeistern”, notierte der “Tagesanzeiger”, und fügte an: “Sollte sich das Konzert als allerletzter Auftritt in der Schweiz herausstellen, war es ein würdiger Abschied.”

Fünf Jahre später, am nächsten Mittwoch, wollten Supertramp erneut in Zürich gastieren. Doch daraus wird nichts: Wie ihr Management mitteilt, mussten sie die komplette Europatournee absagen, weil Rick Davis an Knochenmarkkrebs erkrankt ist und sich “einer aggressiven Behandlung” unterziehen muss.

Die tragische Ironie der Geschichte: Die Tour stand unter dem Motto “Forever Supertramp”.

Herzliche Grüsse

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Vorhin, im Kiosk: Während Herrchen die Zigis bezahlt, findet seine Begleitung, man könnte Frauchen auch etwas mitbringen. Und weil dieses Etwas grad so gäbig auf Schnauzenhöhe liegt: schwupp.

Das Neuste aus dem Alten Markt

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Zeitungssterben?

Nicht in unserem Quartier. Wir erhalten seit bald einem Monat jede Woche frisch ab Kopierer eine nigelnagelneue Ausgabe der “Alter Markt Zeitung”.

Unser Nachbar Livio Gneist hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bewohnerinnen und Bewohner unseres kleinen Paradieslis regelmässig in Text und Bild darüber aufzudatieren, was hinter den Hausmauern und Hecken am Schlossfuss so läuft.

Dank des Schülers und seines publizistischen Engagements konnten mein Schatz und ich unseren Beobachtungsposten am Küchenfenster, den wir jahrelang im Schichtbetrieb besetzt gehalten hatten, endlich räumen. Wenn jemand wegzieht, erfahren wir das nun ebenso umgehend, wie wenn auf der Weide nebenan neue Schafe grasen, sich in einer Wohnung auf einmal Insekten tummeln, die wie Urtiere aussehen, oder wenn auf der anderen Strassenseite ein Parkplatz frisch gegrient wird.

Auch unsere vierbeinige Mitbewohnerin war schon ein Thema: “Täglich mehrmals sieht man Hannes mit Tess, seiner Hündin, gassigehen. Tess ist ein Labrador mit grau-braunem Fell. Sie ist ca. 2 Monate alt und noch sehr verspielt. Sie wird von Hannes oft ‘Meite’ genannt”, hat der junge Reporter beobachtet.

Dazu gibts saisonkompatible Kochtipps (Marronen-Cake, Kürbis- oder Gerstensuppe) und selbstgezeichnete Comics. Ein Inserat wurde bereits geschaltet, und dass schon in der zweiten Ausgabe ein Korrigendum gedruckt werden musste (“XY zieht nicht in den Kanton Zug, sondern hier in die Region”), störte nicht im Geringsten, sondern rundete den überraschend professionellen Eindruck, den die maschinengetippte Zeitung im A5-Format macht, eher noch ab.

Im Wissen darum, dass die News auch im Alten Markt nicht auf den reichlich vorhandenen Bäumen wachsen, ermuntert der Verleger die Leserschaft seiner kostenlosen Nachrichten zur Mitarbeit: Es sei zwar “keine Pflicht”, aber wenn er “ab und zu einige Informationen erhalten würde”, wäre er “froh”, teilt er mit. Auch Werbung, fügt er an, trage dazu bei, dass “die Zeitung ein bisschen voller” wird.

Ein Impressum gibts ebenfalls. Diesem ist zu entnehmen, dass “alle Angaben ohne Gewähr” seien und dass “Rechtschreibefehler nicht korrigiert werden” könnten.

Solche Hinweise würden auch manch grösserer Zeitung nicht schlecht anstehen.

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