Regisseur Zufall

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Heute Morgen stand ich vor dem Café Landtmann in Wien. Während ich das darüber hängende Schild des Theaters “Die neue Tribüne” betrachtete, dachte ich darüber nach, was wohl “meine” Leute von der Szenerie Burgdorf zuhause so treiben; wie sie mit ihrem Regisseur Patrick Sommer beim Proben für unsere neue Inszenierung “Fäustchen” vorankommen.

Als ich den Blick wieder geradeaus richtete, setzte mein Herzschlag für einen kurzen Moment aus: vor mir stand Patrick Sommer mit seiner Freundin Pascale Rickli.

Glühwein am Laufmeter

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Es gibt eine Gruppe von Menschen, die nach dem Aufstehen nicht gleich die Kaffeemaschine anwerfen, sondern als Erstes ins Wohnzimmer schlurfen, um dort in den Tisch zu beissen.

Bei den Mitgliedern dieses Vereins handelt es sich vorwiegend um Musikmanager, die gelangweilt abgewunken hatten, als ein paar Jünglinge vor ihnen im Büro standen und sagten, sie seien die Beatles und hätten gerne einen Plattenvertrag.

Präsident des Clubs ist jener Mann, der eines verschneiten Wintermorgens auf die Idee gekommen war, in seinem Wohnort einen Weihnachtsmarkt auf die steifgefrorenen Beine zu stellen, und der dann vor lauter Organisieren vergass, sich diese Veranstaltung patentieren zu lassen.

In Wien, wo mein Schatz und unser Hund und ich gerade ein paar Adventstage verbringen, gibts Weihnachtsmärkte an jeder museums-, konzerthallen- und schlossfreien Ecke.

Typisch für die Weihnachtsmärkte in Wien und überall sonst auf der Welt ist der Glühweinstand gleich beim Eingang. Direkt daneben befindet sich meist ein Glühweinstand. Wer weiterbummelt, entdeckt schon nach wenigen Schritten einen Glühweinstand, von dem aus er oder sie einen Blick auf das Treiben am Glühweinstand weiter vorne werfen kann, der neben dem Glühweinstand aufgebaut wurde, der an den Glühweinstand beim Glühweinstand beim Tannliverkaufsplatz grenzt. Von dort aus sind es dann nur noch wenige Meter bis zum Glühweinstand.

Vom vielen Laufen ermattet und schon bis Mitte Niere tiefgekühlt, mag der eine oder andere Weihnachtsmarktbesucher spätestens an diesem Stand spontan denken, dass ein Glühwein jetzt genau das Richtige für ihn oder sie wäre. Also mobilisiert er all seine verbliebenen Kräfte, um sich zehn Meter nach rechts zu schleppen, wo ein gewiefter Gastronom zwischen einem Glühweinstand und einem Glühweinstand einen Glühweinstand eingerichtet hat, an dem die Erstlehrjahrsstifte unter der Aufsicht des mazedonischen Hilfskochs rund um die Uhr heissen Billigstrotwein ausschenken, den er in seiner Beiz nicht einmal den Hardcore-Alkis vorsetzen dürfte, ohne Lämpen zu riskieren, der aber hier, am Weihnachtsmarkt, mit diesem Zuckerzimtnelkengemisch drin und all den Liechtli drumherum und überhaupt: was ist das nur wieder für eine feierliche Stimmung hier! – bestellt wird, als ob es sich um einen perfekt temperierten Jahrgangsburgunder handeln würde.

Nachtrag 26. Dezember: Auch die Reporterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung findet Weihnachtsmärkte (und Glühwein) nicht so toll.

Das blutte Zähni schlägt alles

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Es ist ja nicht so, dass ich beim Schreiben ständig daran denke, wie der Text, den ich gerade tippe, bei den Leserinnen und Leser ankommen wird. Aber gegen Ende Jahr einmal durch verschlungene Gänge in den dunklen Maschinenraum dieses Blogs hinunterzusteigen und dort, in der hintersten und finstersten Ecke, den Klick-Zähler abzulesen: das macht halt schon irgendwie Spass.

Die meistgelesenen Beiträge 2015 waren:

1) “Blutti Zähni” (14’733 Klicks)

2) “Offenbar geht es um Ihr Postfach” (13’220)

3) “Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren” (13’008)

4) “Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk” (11’561)

5) “Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne” (10’243)

6) “Überglückliche Fügung” (10’103)

7) “Unter Männern” (9’924)

8) “Ein flotter Dreier zum Dreiunddreissigsten” (9’894)

9) “Paradies in der Pampa” (9’705)

10) “Ein stierisch gmögiger Pfundskerl” (6’681)

Interessant ist: der Artikel, für den ich mit Abstand am meisten Zeit aufgewendet habe (nämlich der hier), schaffte es nicht einmal auf eine vierstellige Besucherzahl. Aber wie ich meine Pappenheimerinnen und -heimer inzwischen kenne, dürfte es von diesem Moment an nur noch eine Frage von Minuten sein, bis auch er dem Tausenderclub angehört.

Für Eure Zeit, Euer Interesse, Eure Zuschriften und Eure Anregungen danke ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, von Herzen. Auch wenn es noch ein paar Tage dauert: ich freue mich heute schon darauf, Euch auch im 2016 wieder in meinem virtuellen Stübli begrüssen zu dürfen.

Unplugged

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Ohne dieses Kabel hätte niemand mitbekommen, was Christa Markwalder gestern Abend auf dem Burgdorfer Kronenplatz sagte, als die Stadt ihre Wahl zur Nationalratspräsidentin feierte. Kein Mensch hätte gehört, wie Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch coram publico erklärte, “wir sind mächtig stolz auf dich, Christa».

Jetzt, keine zwölf Stunden nach seinem grossen Einsatz, liegt es wie eine tote Schlange in einer Ecke der Oberstadt. Achtlos gehen die Passanten an ihm vorbei. Bald wird jemand es zusammenrollen und irgendwo verstauen.

Es weiss nicht, wann es wieder gebraucht wird. Falls es Pech hat, liegt es für den Rest des Winters in einer ungeheizten und zugigen Halle, wo es unter einer langsam wachsenden Staubschicht spröde wird und rissig, und wenns für das Kabel wirklich dumm läuft, nimmt noch vor dem Frühlingsbeginn ein Arbeiter es in die Hand und murmelt beiläufig, “so: das wird jetzt entsorgt”.

“Ist teurer jetzt, Krankekasse”

nerven

Auf dem Display leuchtet eine 032er-Ziffer auf, doch im Grossraum Solothurn gibt es niemanden, der mich schon um diese Zeit anrufen würde.

Deshalb ahne ich: Da hat wieder einmal ein Nummernwählautomat meine Nummer gewählt, und falls ich darauf reagiere, wird in irgendeinem Callcenter irgendjemand huschhusch sein Headset aufsetzen und mir mitteilen, dass er für das Institut Sowieso eine Meinungsumfrage zum Thema “Krankenkassenprämien” durchführe und so weiter und so fort, nur: um meine Meinung geht es ihm nicht im Geringsten. Alles, was er will, ist mein Geld.

Aber weil ich gerade nichts Dümmeres zu tun habe, mache ich dem Hotlinesklaven, der möglicherweise schon die ganze Nacht lang eine Abfuhr nach der anderen kassiert hat und der amänd ernsthaft befürchten muss, seinen Job (und infolgedessen auch seine Wohnung samt Familie) zu verlieren, wenn gegen Ende der Schicht nicht doch noch ein Trottel anbeisst, jetzt einmal ein Freudeli und lasse mich auf ein Gespräch mit ihm ein.

“Hofstetter.”

“Hallo?”

“Hofstetter.”

“Hallo. Gute Tag. Spreche mit Herr Hofstetter?”

“Ja.”

“Gut. Ich rufe an für Meinungsumfrage. Mache Meinungsumfrage.”

“Aha.”

“Meine Kollegin Frau (Name unverständlich) hat Ihne geschriebe…”

“…nein, hat sie nicht.”

“Es geht um Krankekasse. Sie wisse sicher, dass die Prämie…”

“…ja…”

“…meine Kollegin Frau (Name immer noch unverständlich)…”

“…nein, hat sie nicht…”

“…darf ich frage, wieviel Sie bezahle Krankekasseprämie?”

“Fragen darf man immer.”

“Danke. Wieviel bezahle?”

“Das geht Sie nichts an.”

“Habe nicht verstande. Wieviel bezahle?”

“Genau richtig viel.”

“Bitte?”

“Genau richtig viel.”

“Viel?”

“Nein. Genau richtig. 1600 Franken pro Monat. Plus Frau, Schildkröten und Hund.”

“Sie habe gehört, dass Prämie gestiege…”

“…ja, das weiss ich.”

“Und? Finde Sie gut?”

“Natürlich. Im Moment finde ich eigentlich alles gut, aber ich weiss auch nicht, warum. Ist einfach so.”

“Ist teurer jetzt, Krankekasse. Werde teurer. Viel teurer. Wir mache Umfrage.”

“Das habe ich verstanden. Ihre Kollegin hat mir deswegen ja schon nicht geschrieben.”

“Bitte?”

“Nichts.”

“Ich rufe an wegen Krankekasse. Prämien werde teurer. Anfang Jahr.”

“Wirklich? Das höre ich jetzt zum ersten Mal.”

“Was sage Sie?”

“Ich finde das gut. Das habe ich schon Ihrer Kollegin gesagt.”

“Bitte?”

“Egal.”

“Gut?”

“Was, gut?”

“Krankekasse. Prämien koste teurer.”

“Super. Dann verdiene ich mehr Geld.”

“Warum?”

“Ich arbeite bei einer Krankenkasse.”

“Oh.”

“Ja. Und zwar bei der Krankenkasse, die am meisten aufschlägt von allen.”

“Oh. Das ist…das habe ich…”

“…schön, nicht?”

“Sind Sie interessiert…”

“Ich glaube nicht, nein.”