Deshalb ist mein Leben so wunderbar unkompliziert:
(Gesehen an einem T Shirt-Stand in London)
Es ist 4.06 Uhr hier in London, und weil die Versicherung später wunder nehmen könnte, wann genau was passiert ist, schreibe ichs am besten auf, solange ich noch lebe.
Zeitpunkt des Schadensereignisses: 4.02 Uhr GMT a.m..
Hergang des Schadensereignisses: Ich habe mir auf dem Weg zum WC den kleinen Zeh gottsjämmerlich an einem
Stahlstück
angetätscht, das aus der vorderen linken (oder auch rechten; es kommt ganz darauf an, von wo aus mans betrachtet) Ecke meines Bettes ragt.
Aber gut: Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass London gemeinhin als Geburtsstätte des Heavy Metal bezeichnet wird.
So eine Stange hat es nicht an jedem Bett, aber an meinem schon, weil: Meine Liegestätte ist eine, die tagsüber an einer Wand lehnt und am Abend
heruntergeklappt
werden kann (jedenfalls, wenn man weiss, wie es geht. Wenn mans nicht weiss, schläft man halt am Boden oder im Stehen, an der Wand; ganz, wie es einem bequemer ist).
Dieses Bett gehört nicht zur Standartausrüstung des Hotels, in dem ich gerade weile. In allen anderen Zimmern stehen ganz normale Betten, ohne Metallstücke vorne links oder rechts. Ich habe sehr spontan einen…sagen wir: Spezialraum zugewiesen bekommen, weil es das Zimmer, das mein Freund, der mit mir das Wochenende in London verbringt, für mich gebucht hatte, laut dem Mann an der Rezeption gar nicht gibt.
(Frage aus dem Dunkel der hinteren Zuschauerreihen: “Wieso brauchen zwei Männer, die miteinander eine Städtreise machen, überhaupt Einzelzimmer?!? Das ist doch der pure Luxus! Mit diesem Geld könnte man in Afrika eine Schule und zwei Dorfbrunnen bauen!!!”
Antwort: “Weil wir beide tierisch laut schnarchen und uns nicht gegenseitig zwei Nächte lang wachhalten wollen.”)
Nur eine halbe Stunde, nachdem Luc, unser Mann am Empfang, herausgefunden hatte, dass seine Leute für uns ein Phantomzimmer reserviet hatten, stand ich auch schon in Room No. 407; etwas ratlos zwar (ich hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht bemerkt, dass darin auch ein Bett versteckt ist), dafür aber hochentzückt über die tolle Aussicht:
Nein, halt. Das ist nur ein Bild im Gang.
Die Aussicht geht so:
Super, isn’t it? London by Night. Andere bezahlen für eine Postkarte mit diesem Sujet viel Geld; ich habs sozusagen gratis und franko, und wenn wir schon dabei sind: Die Frage, ob ich für dieses Todeszimmer am Ende tatsächlich den selben Preis bezahlen muss wie mein Begleiter, der eine wesentlich ungefährlichere Unterkunft beziehen konnte, müssen wir mit Luc dann noch klären.
Lange wird diese Debatte kaum dauern: Als ich mich mit ihm gestern Abend über the not existing room unterhielt, liess ich durchblicken, dass mein Freund in Switzerland eine Travel Agency betreibe, was auf den Rezeptionsmann glaub ziemlich Eindruck gemacht hat: “Travel Agencies – das sind doch diejenigen, die uns die Kundschaft zuführen”, dachte er, sagte er jedoch nicht. Verstanden dürfte er es aber haben.
Wenn nicht, lasse ich beim Auschecken am Sonntag halt beiläufig einem weiteren Nebensatz auf seinen blankpolierten Tresen fallen, im Sinne von “my friend here is the CEO of the very huge Travel Agency that brought us here. It might be easier for you to communicate directly with him. I’m only his extremely well-paying client.”
Je nachdem füge ich dem noch an, dass ich als Journalist bei einer der grössten Tageszeitungen in Switzerland arbeite. Aber so, wie ich Luc inzwischen kennengelernt habe, wird das wahrscheinlich gar nicht nötig sein. Schliesslich ist er ein gebürtiger Schweizer. Er macht einen recht vernünftigen Eindruck und weiss so gut wie wir, dass es für ihn nicht ganz einfach sein dürfte, in London auf die Schnelle einen neuen Job zu finden.
So. Während es in meinem Fuss nach wie vor surret und macht wie blöd – ich nehme an, dass in diesem Moment Zilliarden von Bakterien zu retten versuchen, was an dem Chnöcheli noch zu retten ist – entsinne ich mich hochachtungsvoll des Swiss-Piloten, der uns gestern mit dem Flug LX466 in die britische Metropole gebracht hat.
Wobei: “Flug” ist chli viel gesagt. “Stand” trifft es besser, ämu, was die erste Stunde betrifft, die wir im Flieger verbrachten. Kaum war klar, dass aus dem Start um 17.15 defintiv nichts mehr werden würde, informierte der Käptn die Passagiere via Bordlautsprecher dahingehend, dass die Verspätung ungefähr 30 Minuten betrage.
Das war eine nette (und nicht unbedingt selbstverständliche) Information, aber noch lange nicht alles. Nach diesem quasi offiziellen Teil sagte der Mann in der Kanzel vorne, dass die Warterei darauf zurücktuführen sei, dass…(die folgende Passage habe ich nicht ganz verstanden, weil ich mit mir, über mein iPad gebeugt, am Jassen war)…und das habe er, der Pilot, den zuständigen Leuten im Tower auch zweimal mitgeteilt, aber offenbar habe es in Zürich irgendwelche Probleme mit der Koordination gegeben, und…ja.
Er danke für unser Verständnis und alles und melde sich wieder, wenn es etwas Neues gebe. Falls jemand telefonieren wolle oder die Toilette benützen müsse: Kein Problem. Wir könnten die Handys bis zum Start ungeniert benutzen und auch die Sicherheitsgurte wieder öffnen.
Insgesamt meldete der Pilot sich dann noch zwei- oder dreimal, und jedesmal wurde der Unterschied zwischen dem, was er durchgab, und dem, was er meinte, deutlicher hörbar. Am liebsten hätte der Käptn zweifellos gesagt, “wenn die Säcke im Turm einmal, aber auch nur einmal auf das hören würden, was wir von der Front ihnen sagen, gäbs hier viel weniger Puff, tami!”, aber so konnte er das natürlich nicht sagen, vor allen Leuten.
Übrigens: Bei Schlechtwetter und wenn man auf eine Rollbahn steht und nicht auf jedes Detail achtet, siehts
in London
fast tupfgenaugleich aus wie
in Zürich.
Eigentlich hätten wir also genausogut zuhause bleiben können, aber zuhause hats kein British Museum. und, noch fast wichtiger, auch keine Angus Steakhouses.
Ersteres gehen wir uns heute in aller Ruhe anschauen, in Letzterem stärken wir uns demnächst für einen langen, lässigen, interessanten und amänd sogar unfallfreien Tag.
Auch wenns längst nicht mehr nötig wäre: Die Verantwortlichen von Burgdorf arbeiten unermüdlich weiter an der Verschönerung meines Wohnortes:
Wir von der Szenerie Burgdorf freuen uns schon heute darauf, unseren Teil zu den Wakkerpreis-Feierlichkeiten beitragen zu dürfen, wenn die Stadt schon unsere Plakate gratis und franko aufklebt und -stellt.
904 Texte habe ich in diesem Blog schon verfasst. 735 mal wurden sie kritisch oder lobend kommentiert. Dazu erreichten mich im Laufe der Jahre Aberdutzende von gemailten Reaktionen in allen Schattierungen von a wie „abartig!“ bis W wie „Wältklass!“. Vor diesem Hintergrund ging ich davon aus, dass mich in Sachen „Leserpost“ nichts mehr überraschen könnte.
Aber oha: Das Echo auf den gestern veröffentlichten 905. Beitrag war nicht nur überraschend, sondern schlicht überwältigend.
Die Geschichte von der Frau, die einen Weg aus der Alkoholabhängigkeit sucht und die mich gebeten hatte, sie dabei ein bisschen zu unterstützen, schlug (und schlägt nach wie vor) alles in diesem Forum Dagewesene: Sie wurde bis jetzt über tausendmal angeklickt, und in meinem Mailfach türmt sich Zuschrift auf Zuschrift.
Aktuell liegen mir 54 Briefe von Leserinnen und Lesern vor. Sie sind allesamt unter Pseudonym verfasst, was mühelos nachvollziehbar ist: Bis auf zwei Personen lassen sämtliche Schreiberinnen und Schreiber durchblicken, dass sie das Problem meiner “Hauptdarstellerin” entweder aus eigener Erfahrung oder von Suchterkrankungen im Verwandten- und Freundeskreis her bestens kennen.
Es würde zu weit führen, jede Mail Wort für Wort zu veröffentlichen. Manche Briefe ähneln sich inhaltlich dermassen, dass sie von ein und derselben Person verfasst zu sein scheinen. In anderen werden intimste Details geschildert – als Stichworte mögen „Gewalt in der Familie“ oder „Schwere körperliche Schäden“ genügen – die meiner Meinung nach auch dann nicht an die Öffentlichkeit gehören, wenn auf Anhieb keinerlei Rückschlüsse auf die Absender möglich sind.
Wir leben in einer kleinen Welt: Eine einzige spezielle Formulierung oder die Schilderung bestimmter Umstände können in diesen internetten Zeiten genügen, um jemanden zu outen und damit existenziell zu gefährden. Die Mails so lange umschreiben, bis sie garantiert niemandem mehr zugeordnet werden können, will ich aber auch nicht, weil dann ein Teil ihres “Charakters” verloren gehen würde.
Was in diesen Briefen geschrieben wurde, gehört nur den Absenderinnen und Absendern – und jetzt, zumindest teilweise, auch mir. Für dieses buchstäblich blinde Vertrauen – das mich, wie ich gerne zugebe, ebenso rührt wie in Einzelfällen überfordert – danke ich allen von Herzen.
Auszüge:
Herr A. (verheiratet, zwei Kinder): „Nichts hat mich in den vergangenen Monaten so glücklich gemacht wie die Erkenntnis, nicht der einzige Mensch weit und breit zu sein, der scheinbar chancenlos gegen den Alkohol kämpft. Was ich schon versucht habe, damit aufzuhören…und wie oft ich mir schon gesagt habe, ich gehe gleich morgen früh zum Arzt, um mit ihm über mein Problem zu reden… Jetzt weiss ich, dass meine Sucht fast etwas ‚Normales“ ist. Nur schon dieses Wissen tut mir sehr gut und hilft mir weiter.“
Herr B. (verheiratet, in Trennung lebend): „Der Alkohol hat mein Leben total kaputtgemacht. Ich habe schon mehrmals daran gedacht, Schluss zu machen, doch am Ende war ich immer zu feige dazu. Die offenen Worte dieser Frau machen mir Mut, nach vorne zu schauen. Was sie kann, kann ich auch.“
Frau C. (keine Angaben zur Person): „Danke. Dankedanke!!“
Herr D. (verheiratet, ein erwachsenes Kind): „Ich fand meinen Bierkonsum (ca. 5 Liter am Tag) lange Zeit nicht so schlimm. Langsam merke ich, dass es doch schlimm ist. Ich finde es auch immer peinlicher, wenn mein Sohn nach Hause kommt und mich mit einer Flasche in der Hand sieht..“
Frau E. (in einer zunehmend unglücklichen Beziehung lebend): „Ich hab gerade einem befreundeten Psychiater telefoniert und mit ihn einen Termin abgemacht. Hoffentlich klappts!!! Super, diese Frau!“
Frau F. (keine Angaben zur Person): „Wer eine solche Familie hat wie die Frau, von der Sie schreiben, braucht in seinem ganzen Leben keine anderen Geschenke mehr.“
Herr G. (geschieden, in einer neuen Beziehung lebend): „Nach meiner Scheidung habe ich tonnenweise Betroffenheitsliteratur gelesen. Keines dieser (teuren!!) Bücher hat mir geholfen. Sie waren entweder zu theoretisch oder zu esotherisch. Die bodenständige Schilderung dieser Frau ist etwas anderes. Richten Sie ihr bitte aus, sie soll so weitermachen. Das kommt sicher gut mit ihr. Ich hoffe es jedenfalls schwer für sie und ihre Familie!“
Frau H. („schon alt“): „Möge diese Frau alles Glück dieser Welt haben, um aus dieser Sache herauszukommen.“
Frau I. (keine Angaben zur Person): „Ich kann nicht verstehen, wieso die Frau nicht zu den Anonymen Alkoholikern gehen will. Wie der Name schon sagt, sind dort ja alle anonym, da kann ihr nichts passieren. Auf die andere Art sehe ich natürlich auch, dass so etwas auf dem Land schwieriger ist als in der Stadt. Wies aussieht, macht sies aber auch so sehr gut. Ich drücke ihr die Daumen, damit es so weitergeht.“
Herr K. (geschieden): „Ich sage nur: Chapeau!“
Herr L. (geschieden): „Anfang August gehe ich in eine Alkoholklinik. Das ist mein dritter Versuch. Beim ersten Mal bin ich einfach davongelaufen, beim zweiten Mal hatte ich schon beim Austritt ein schlechtes Gefühl. Wenn es jetzt nicht funktioniert, weiss ich auch nicht mehr. Scheiss Alk!“
Frau M. (kürzlich arbeitslos geworden): „Wäre, hätte, müsste und könnte – ich weiss, wie das mit den Ausreden ist. Man findet tatsächlich immer ‚etwas’, um den Schlussstrich nicht ausgerechnet heute ziehen zu müssen. Noch schlimmer sind nur die ewigen Lügereien. Man verbringt sein Leben damit, sich und anderen etwas vorzumachen. Wie anstrengend das ist, merkt man erst, wenn mans nicht mehr tun muss.“
Frau K. (verheiratetet, drei Kinder): „Ich möchte dieser Frau soviel sagen und weiss doch nicht genau, was. Beim Lesen ihrer Zeilen fühlte ich mich, wie wenn ich meine eigene Geschichte vor mir sehen würde. Dieses Verdrängen ‚Vernütigen’ und ‚Verstecken’ kommt mir so bekannt vor. Dabei hilft das doch alles nichts, und am wenigsten einem selber. Man muss sich der Realität stellen, genau wie die Frau. Ich finde das bewundernswert.“
Herr L. (keine Angaben zur Person): „Konfuzius sagt, ‘auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.'”