Alpabzug (oder auch nicht)

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Ein zufälliger Blick aus dem Küchenfenster – und was sieht man, waseliwas? Einen stämmigen Mann, der ein Schaf in einen Anhänger lädt.

Der Mann darf das. Das Schaf gehört ihm. Alle Schafe, die in den letzten Monaten in unserem Quartier gewohnt haben, gehören dem Mann. Jetzt sind sie wieder weg, die Schafe, und mit ihnen das muntere Bimmeln und Blöken, das uns so manchen Sommertag und so manche Sommernacht verschönert hat.

Der kleine Trost: Nächstes Jahr, im Frühling, hats wieder Schafe im alten Markt. Vermutlich Ganz bestimmt nicht dieselben wie heuer, aber das spielt ja keine so grosse Rolle. Wir freuen uns schon auf die neuen Nachbarn.

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Nachtrag 16.23 Uhr: Die Ereignisse überstürzen sich. Ein zweiter Blick aus dem Fenster zeigte soeben: Ein paar Schafe sind noch hier. Vielleicht hat der Mann sie vergessen. Möglicherweise sind es auch schon die neuen Nachbarn. Eventuell ist es Frühling geworden, ohne, dass ich es bemerkt hätte. Wie auch immer: Das ist eine zweite Chance, um das Gebimmel und Geblöke auch im Herbst und Winter geniessen zu dürfen.

Ich überlege gerade: Wir haben fünfeinhalb Zimmer. Und nutzen die nicht alle ununterbrochen. Das heisst…

Frühling im November

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Auf der Bäregghöhe ticken die Uhren chli anders als unten im Emmental: Nur so lässt sich erklären, dass in dem (zurecht!) viel gelobten Restaurant in den Högern über Trubschachen am 2. November ein “Menu littéraire in der mystischen Frühlingsnacht” stattfindet (siehe Veranstaltungshinweis im Bild oben).

Aber Kalender und Klima hin oder her: Ich freue mich sehr darauf, in dem heimeligen Gasthaus wieder einmal vor Publikum eine “Mordgeschichte aus dem Emmental” zu erzählen. Mit von der Partie sind auch Gabriel Anwander und Hans Minder, zwei weitere Autoren des Langnauer Landverlags.

Witzig ist: Ohne die Bäregghöhe wäre die Geschichte, die ich ganz oder in Auszügen vortragen werde, nie entstanden. Denn als wir dort seinerzeit den zweiten Band der “Mordsgeschichten” vorstellten, fragte ich mich mitten in meiner Lesung auf einmal, was wäre, wenn ein Zuhörer oder eine Zuhörerin in diesem Moment tot vom Stuhl kippen würde.

Selbstverständlich dachte ich dabei an niemanden bestimmten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kannte ich keinen der Gäste, die ebenso arglos wie busper und munter meiner Erzählung lauschten. Es war auch nicht so, dass mir einer der Zuhörer oder eine der Zuhörerinnen unsympathisch gewesen wäre; ganz im Gegenteil.

Ich hatte einfach nur diesen Kurzfilm im Kopf, in dem zu sehen war, wie sich jemand an die Brust fasst, kurz röchelt und mit hochrotem Kopf zu Boden sinkt. Sekundenbruchteile später schwenkte die Kamera auf Menschen, die sich aufgeregt von ihren Sitzen erhoben, aus dem Säli eilten oder noch am Tisch zu ihren Handys griffen, um die Sanität, die Polizei oder einen Reporter ihres Vertrauens zu verständigen.

Vom Einschlag dieses Geistesblitzes an war die eine meiner Gehirnhälften mit Vorlesen und die andere mit “Schreiben” beschäftigt. Das war für mich einerseits etwas irritierend, weil ich mich ständig darauf konzentrieren musste, die bereits bestehende Geschichte vor all den Leuten nicht mit der gerade in mir entstehenden durcheinanderzubringen – und andrerseits ganz praktisch.

Denn als Verlegerin Verena Zürcher ihre Schreibtischtäterinnen und -täter wenig später fragte, ob sie auch für einen dritten Band der “Mordsgeschichten” etwas beisteuern könnten, konnte ich nur abtippen, was in meinem Kopf seit  jenem Abend darauf gewartet hatte, zu Papier gebracht zu werden.

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(Reservationen: 034 495 70 00 oder gasthaus@baeregghoehe.ch)

Nachtrag 9. Oktober: Wegen eines kurzfristig hereingeschneiten privaten Termins habe ich die Teilnahme an der Lesung abgesagt. Für Ersatz ist gesorgt.

Sturz durchs Zeitloch

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Eine kleine Notiz bescherte uns einen grossartigen Abend: Auf Facebook teilte der FC Beinwil am See mit, er treffe am Samstagabend im Seetaler Derby auf Meisterschwanden. Als ich das las, bekam ich aus heiterem Himmel chli Heimweh.

Weil es auch meine Frau wunder nahm, wo ich einen schönen Teil meiner Jugend verbracht hatte, fuhren wir kurzentschlossen aus dem Emmen- ins Seetal.

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Der FC Beinwil war ein fester Bestandteil meines privaten und beruflichen Lebens: Beim FC Böju habe ich getschuttet und Junioren trainiert. Später, als Redaktor beim Wynentaler Blatt, schrieb ich über ihn (und zwar immer mit einem My mehr Herzblut als über die anderen Clubs; jetzt kann ichs ja sagen).

Der FC Böju: Das sind für mich glorreiche Siege, unverdiente Niederlagen, turbulente Grümpelturniere, bierselige Samstagabende, endlose Fahrten in die hintersten Ecken des Aargaus, Trainings im strömenden Regen und bei brütender Hitze, Grundsatzdiskussionen mit Vätern, die nicht verstehen konnten oder wollten, dass auch ihr Sohn keinen Stammplatz habe, meist kurzweilige Vorstandssitzungen und gemütliche Jahresendhöcks in der verschneiten Waldhütte.

Natürlich: Das alles gibt es in zig Vereinen landauf und -ab auch. Doch während man anderswo mit dem einen Auge ständig auf die Tabelle und mit dem anderen ununterbrochen in die Kasse schielte, stand in Beinwil am See etwas über allem anderen, was auch der potenteste Sponsor nicht herbeikaufen kann: Das Menschliche.

Als ich mit Chantal gestern Abend durch das Gittertor beim Sportplatz Strandbad gegangen war, merkte ich sofort, dass sich daran nichts geändert hat. Vom Grössenwahn, der schon manchen FC nach dem Aufstieg in die 2. Liga erfasst hat und der im Verbund mit Neid und Ehrgeiz auch die harmonischste Clubstruktur innert weniger Monate von innen zerfressen kann, ist am westlichen Ufer des Hallwilersees nichts zu spüren.

Entsprechende Befürchtungen hatte ich allerdings nie ernsthaft gehabt. Einerseits wird der FC Böju seit Jahr und Tag von meinem besten Freund Martin Hintermann (rechts im obersten Bild) geführt. Er alleine ist mit seiner bodenständigen Art ein Garant dafür, dass keines der weit über 200 Aktivmitglieder auf die Idee kommen kann, abzuheben, nur, weil man jetzt in einer höheren Spielklasse mitwirkt.

Darüberhinaus arbeiten im Hintergrund des Vereins zig Männer und Frauen mit, die wissen, wie man “Kontinuität” buchstabiert und die im FC so fest verwurzelt sind wie ein Mammutbaum in der Erde. Fremde Fötzel auf der Suche nach Schwarzgeldverstecken sind im FC Beinwil am See ebensowenig willkommen wie Egoisten, die auf und neben dem Spielfeld ihre Profilierungsneurosen ausleben wollen.

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Die Rückkehr auf das vertraute Terrain fühlte sich an wie eine weiche Landung nach einem Sturz durch ein Loch in der Geschichte: Der Platz, der Kiosk, die Festbeiz und die Unterstände für die Trainer und Ersatzspieler sehen noch fast genau gleich aus damals, als ich die 16 auf dem Rücken des gelbblauen Leibchens trug. Über allem liegt der vertraut-herbe Duftmix aus Dul-X, Schweiss und Bratwürsten. Verschwunden sind die Zuschauerbänkli hinter den Seitenlinien. Dafür gibt es eine elektronische Anzeigetafel auf dem Dach der Garderobe und eine hochwattige Flutlichtanlage und einen Kugelgrill plus einen Fan, der die Böjuer mit seinem Megaphon akustisch verstärkt.

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(Bild: pd)

Der Match selber war…naja. Wir haben gewonnen, doch in die engere Wahl für den Friedensnobelpreis wirds das Spiel kaum schaffen. Nach dem Abpfiff stürmte ein gegnerischer Fan auf den Rasen und streckte einen der Böjuer Akteure mit einem Faustschlag nieder. Wenig später war die Platzwunde am Kopf verarztet und die Polizei vor Ort, um eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen.

Das bekam ich aber nur am Rande mit. Ich genoss das Wiedersehen mit alten Bekannten. Mit all den Helden von früher, die sich das Seetaler Derby ebenfalls nicht entgehen lassen wollten, hätte sich beinahe eine komplette Mannschaft bilden lassen.

Die Freude und Herzlichkeit, mit der die ehemaligen Sportsfreunde Chantal und mich begrüssten, hatte etwas Rührendes. Es gab kein Fremdeln und kein Beschnuppern. Vielmehr fühlte es sich an, als ob seit unserem letzten Treffen nur fünf Tage und nicht 25 Jahre vergangen wären.

Als wir nach Hause zurückfuhren, wusste ich: Es gibt Bänder, die nie reissen. Auch wenn die Zeit noch so lange an ihnen zerrt.

Zwei Leben in einem

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Wer wissen will, was Liebe ist,

wer staunen kann,

wer an das Gute glaubt,

wer Freude an Worten hat

und an der Musik,

wer lachen will,

wer zwischendurch chli Trost braucht

oder

wer sich für die Geschichten hinter den BAP-Liedern interessiert…

…der muss die beiden Autobiografien von Wolfgang Niedecken lesen.

“Für ‘ne Moment” hat er, mit Oliver Kobold, vor seinem Schlaganfall geschrieben, “Zugabe” nachher; in seinem zweiten Leben.

Gigantismus ohne Grenzen

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Monströs, bombastisch, epochal, ausserirdisch, gigantisch: Wer versucht, “The Wall” von Roger Waters in Worte zu fassen, kann noch so tief in die Kiste voller Superlative greifen; den perfekt passenden Begriff findet er nicht. Die Aufführung berührt soviele Sinne und erzeugt dermassen viele Gefühle, dass die Gedanken an das Erlebte auch dann noch wie Stroboskopblitze durch den Kopf zucken, als die Show längst vorbei ist.

Doch eines ist das Multimediaspektakel, das der Brite am Mittwochabend vor den fassungslos glänzenden Augen von 40 000 Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten im Zürcher Letzigrundstadion zelebrierte, ganz bestimmt: Das grösste Rock-Oratorium aller Zeiten.

Und die wohl teuerste Psychotherapie, die sich je jemand verschrieben hat: Seit über einem Vierteljahrhundert versucht der 70jährige Waters, den Verlust seines im Krieg gefallenen Vaters zu verarbeiten.

“The Wall” – das sind eines der meistverkauften Doppelalben (wobei Waters seine damaligen Bandkollegen von Pink Floyd fast mit der Waffe in der Hand dazu zwingen musste, es mit ihm aufzunehmen), ein monumentaler Film plus Konzerte, die im musikalischer, technischer und optischer Hinsicht sämtliche Grenzen sprengten.

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150 Meter breit und zwölf Meter breit ist die Mauer, die sich quer durch das Stadion erstreckt. Eine Woche lang waren zig Arbeiter damit beschäftigt, die Arena für “The Wall” herzurichten.

Zum Einsatz kamen – nebst Unzähligem anderem – riesige Puppen, Raketen, Feuerfontänen, ein quadrophonisches Soundsystem, atemberaubende Videoprojektionen im XXXXL-Format, ein Kinderchor, ein überlebensgrosser fliegender Eber, eine echte plus eine künstliche Begleitband, eine beklemmend realistisch in die Menge knatternde Maschinengewehrattrappe sowie ein grosses Modellflugzeug, das auch an diesem 11. September quer durchs Stadion raste, in die aus Kartonquadern bestehende Mauer krachte und dahinter in Flammen aufging.

Krieg und Frieden, Hass und Liebe, Dürre und Völlerei, Verderben und Leben: Darunter tuts es Roger Waters nicht.

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Dass sich auf seinem weit über zweistündigen Trip zwischen (s)einem dunklen Gestern und dem mutmasslich noch finstereren Morgen immer mal Widersprüche auftun, schadet dem Rundumerlebnis kein bisschen. Waters wettert vor einem Publikum, das pro Sitzplatz mehrere hundert Franken bezahlt hat, über den Kapitalismus? Kein Problem. Der notorische Egoist, der Pink Floyd im Alleingang gesprengt hat, verteufelt jeden, der seine Eigeninteressen rücksichtslos auf Kosten anderer durchsetzt? Völlig egal.

Der Mann, der die meiste Zeit in einem ärmellosen T-Shirt und zwischendurch in einem an die Nazis gemahnenden schwarzen Mantel am Bühnenrand steht, hat Jahrhundert-Alben wie “Dark side of the Moon” und Überhits wie “Wish you were her” (mit)komponiert; von “Another brick in the wall” ganz zu schweigen. Dieser Mann ist aufgrund seines Palmarès längst unantastbar gworden; ein Genie war er vermutlich schon immer.

Interessant ist, dass in dieser denkwürdigen Nacht nicht die ganz grossen Hits wie “Another brick in the wall” oder “Comfortably Numb” am meisten imponieren. In diesem perfekt orchestrierten Wummern, Donnern, Jaulen und Schreien wirken die leiseren Songs (“„Mother“, „Young Lust“, „Goodbye Blue Sky“ oder, ganz stark: “Hey you”, von Waters unmittelbar nach der Pause ganz alleine vor der Mauer vorgetragen) wie kleine Inseln, auf denen man kurz durchatmen kann, bevor der Feldherr einen aufs nächste Schlachtfeld führt.

(Weitere Kritiken: “Die Mauer ist durchlässiger geworden”, NZZ, und “Eindrückliches Spektakel und ein Fehltritt”; Aargauer Zeitung)