Stelldichein der Schreibtischmörder

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Das wird vermutlich das spannendste Wochenende des Jahres: 230 Krimiautorinnen und -autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen sich vom 17. bis am 21. April in Bern an der “Criminale.”

Dieses alljährliche Meeting findet zum ersten Mal in der Schweiz statt. Auf dem Programm stehen rund 200 Lesungen, ein üppiges Rahmenprogramm und Fortbildungsveranstaltungen.

Weitere Infos gibts hier.

Ehrlich, echt und eigenständig

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Das Schwermütige von Patent Ochsner geht ihm ab. Das Küchentischpsychologische von Züri West fehlt ihm fast gänzlich. Von der Fabulierkunst eines Polo Hofer und von der Wortgewalt eines Endo Anaconda ist er ebensoweit weit entfernt wie von der aufgesetzt-peinlichen Promiattitüde eines Florian Ast.

Trotzdem – oder gerade deshalb – zählt Marc Trauffer, der ehemalige Frontmann der längst aufgelösten Airbäg, seit einem geraumen Weilchen zu den erfolgreichsten Mundartmusikern der Deutschschweiz.

Woran liegt das?

Trauffer spielt keine Rolle(n): Der 33-Jährige verbiegt und verstellt sich nicht, um seine CDs und Konzertbillete auch anderen Leuten zu verkaufen als jenen, die ihn so mögen, wie er ist.

Wenn er zu einer Geburtstagsfeier einen riesigen Laib Brienzer Käse anschleppt, tut er das nicht, um sich in den Mittelpunkt zu rücken. Dann tut er das, weil er findet, so ein Käse aus der Heimat sei ein gäbiges Mitbringsel; für alle Gäste.

Wenn er nach Locarno ans Moon & Stars-Festival fährt, tut er das nicht in der Hoffnung, dort zig Fotografen und Journalisten zu treffen. Dann will er Amy Macdonald singen hören und die Stimmung geniessen und mit Freundinnen und Freunden einen glatten Abend auf der Piazza Grande verbringen.

Trauffer macht, was er kann: Zum Handörgeli greifen einheimische Künstler immer mal wieder. Doch so konsequent wie Trauffer setzt dieses urchige Instrument kein Mitbewerber auf dem Unterhaltungsmarkt ein. Er benutzt das Schifferklavier, weil er das Instrument mag und beherrscht und weil es tiptopp zu seiner Art, Musik zu machen, passt. Synthetische Klangteppiche? Hintergrundchöre mit Sängerinnen aus Südafrika? Didgeridoo-Klänge zu Jodelrefrains? – Auf solchen und artverwandten Schnickschnack kann Trauffer verzichten.

Trauffer vertraut auf sich selber: “Trauffer (…) gehört zu den wohl besten Entertainern des Landes und weiss sein Publikum von den Sitzen zu reissen. Marc Trauffer ist eine erstaunliche Persönlichkeit.”: Das schreibt nicht ein wohlmeinender Kritiker über den Musiker; das schreibt der Musiker (oder der Presseverantwortliche seiner Plattenfirma) auf Trauffers Homepage. Wer mit soviel Selbstbewusstsein “arbeitet”, muss wissen, was er kann. Und die Gewissheit haben, sich ohne lange zu jammern aufrappeln zu können, wenn er zwischendurch auf die Nase fällt.

Trauffer hats nicht nötig (oder ämu nicht unbedingt): Existenzängste scheinen dem Oberländer, der hauptberuflich die Holzspielwarenfirma führt, die er seinem Vater und seinem Onkel abgekauft hat, und nebenamtlich im Gemeinderat seiner Wohngemeinde Hofstetten sitzt, fremd zu sein. Der Optimismus und die Fröhlichkeit, die sein Schaffen prägen, wirken – genauso wie der Schaffer selber – echt.

Nach “Pallanza”, und “Dr Heimat z’lieb” legt Marc Trauffer mit “Fischer & Jäger” nun sein drittes Soloalbum vor. Während “Pallanza” im Schatten seiner gescheiterten Ehe entstand, setzte Trauffer dem Mundartpop mit “Dr Heimat zlieb” ein erstes kleines Denkmal. “Fischer & Jäger” und die daraus ausgekoppelte Single “Nit miin Typ” dürften ihm – nach den vielen Erfolgen mit seiner Ex-Band Airbäg – zum zweiten Mal in seiner musikalischen Karriere einen Logenplatz im helvetischen Pophimmel sichern.

Das Video zur Single wurde auf Youtube, kaum war es online, 6000 Mal angeklickt (andere mühevoll produzierte Clips bringen es auch nach wochenlanger Internetpräsenz nur auf knapp ein Dutzend Besucher); in der iTunes-Hitparade schoss “Fischer & Jäger” auf Anhieb fast an die Spitze. Wer zu einer beliebigen Tageszeit einen beliebigen Schweizer Radiosender einschaltet, hört mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Interview oder/und Songs von Trauffer.

Wobei: Das ist nichts Neues.

Auch in den Printmedien wird “Fischer & Jäger” durchs Band weg gelobt: Von “süffigen Melodien und alltagsnahen Texten” schreibt “Der Landbote”. Die Berner (und die Aargauer) Zeitung freuen sich zunächst einmal darüber, dass die “Airbäg”-Zeiten vorbei sind: “Das war fröhlich und frech und bisweilen bemühend.” Und notieren dann anerkennend, das neue Album “strotzt vor Spielfreude”.

Marc Trauffer, Monika Schär (Gesang), Frank Niklaus und Christian Hugelshofer (Gitarren), Adamo Häller (Akkordeon), Patrik Meier (bass) und Christian Kyburz (Schlagzeug) reihen auf “Fischer & Jäger” 13 Perlen aneinander, die in recht unterschiedlichen Farben glänzen. Manches klingt munter und beschwingt, anderes kommt mit einem melancholischen Unterton daher, der allerdings nie ins Weltschmerzige abdriftet.

“Fischer & Jäger”: Das ist eines Momentaufnahme aus dem Leben eines Menschen, der mit sich hörbar im Reinen ist und dem viel daran liegt, andere Leute an diesem Glück teilhaben zu lassen.

Nicht mehr, aber – vor allem – auch nicht weniger.

Wer Trauffers Neue live kennenlernen will: Hier ist der Tourplan.

Vom Leben A ins Leben B

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Nun denn: Auf den Tag genau zwei Monate nach unserer Landung in Australien kehre ich morgen ins Büro zurück.

Oder in Bildern: Acht Wochen, nachdem wir

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hier

angekommen sind, gehts jetzt

BernWinter

da

weiter.

Noch Fragen, Anmerkungen, blöde Sprüche oder Ähnliches?



Niemand?

Schön; danke.

Ehrlich gesagt: Ich wäre froh, wenn ich nicht, noch bevor ich mich einigermassen mit all den Lätschgesichtern im Zug und den Pickelgrinden im Bus abgefunden habe, ununterbrochen an unsere Zeit auf der anderen Seite des Erdballs erinnert würde. Dazu gehören insbesondere Fragen nach dem Wetter, Land und Leuten, Essen und überhaupt nach allem, was auch nur entfernt mit Australien zu tun hat.

Falls es jemanden trotzdem wunder nehmen sollte – hier sind präventiv ein paar Antworten:

– “Ja, wir hatten es wunderschön.”

– “Viel zu schnell. Als ob es nur zwei Wochen gewesen wären.”

– “Nein, wir haben keinen Koala mit nach Hause genommen.”

– “, ” ” kein Känguru ” ” ” ” .

– “. ” ” auch kein Krokodil ” ” ” “.

– “Sonnig und warm bis sehr heiss. Geregnet hats kaum je und wenn, dann nur kurz.”

– “Von den Buschbränden haben wir live nichts mitbekommen.”

– “Nenei – das Fahren auf der falschen Strassenseite bereitete Chantal keinerlei Probleme.”

– “Hm…ich kann beim besten Willen nicht sagen, wo es am Schönsten war. Wir fühlten uns eigentlich überall wie im Paradies.”

– “Die Zigarettenpreise.”

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– “Hamburger, Fish & Chips und Meeresfrüchte.”

– “In Hotels und Motels. In Sydney lebten wir bei Chantals Familie.”

– “Mit Mietwagen. Zweimal buchten wir einen Inlandflug.”

– “Zuerst der Ostküste entlang bis hoch nach Cairns, dann in den Süden bis nach Melbourne.”

– “Ungefähr 5000 Kilometer.”

– “Sobald wie möglich!”

Alles Weitere kann in der Rubrik “Down underwäx” nachgelesen werden. Sie befindet sich unter dem Titel “Sonnig und heiter” rechts oben auf dieser Seite:

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Der alte Mann am Ende der Zeit

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(Bild: Markus Wehner, Biglen)

“BäseToggeliTod – oder die wo im Gletscher singe”: Der Schauspieler Peter Leu erzählt in seiner kulturfabrikbigla die Geschichte(n) des Dieners Robert, der ein halbes Jahrhundert lang in einem noblen Hotel gearbeitet hat.

Am Ende steht der alte Mann neben einem Besenwesen. Es sieht ein bisschen aus wie ein Mensch. Der Senior hat die gespenstisch anmutende Figur in den letzten 75 Minuten nach und nach geschaffen.

Den “Kopf” des Bäsetoggelis bedeckt ein Tuch; in seinem “Gesicht” steckt ein Rüebli aus Kunststoff und ein Gebiss. Es trägt einen ausgeleierten BH – und in der rechten “Hand” jene Sense, die in den letzten 75 Minuten immer eindringlicher an die Türe der Kammer gepocht hat, in der der Mann mit einem Koffer voller Erinnerungen, einem antiken Radio und einem zehnjährigen Kalender an der Wand haust.

Als es dann dunkel wird in der kulturfabrikbigla in Biglen, wissen die Zuschauer: Jetzt ist es für Robert endgültig vorbei mit dem Kofferschleppen für die Ladies, Gentlemen “und manchmal auch Könige”, die in diesem Luxushotel beim Rhônegletscher ein- und ausgegangen waren. Nie mehr muss Robert die sonore Stimme des Hoteldirektors hören, der lispelnd die strengen Hausregeln verliest.

Erloschen sind die bittersüssen Gedanken an die junge Frau, die ihm in jungen Jahren gezeigt hat, was ein “kleiner Tod” ist. Und die sein Herz brach, kaum, dass es richtig aufgegangen war.

Betreten sitzen die Gäste am Schluss in der Finsternis vor der Bühne. Es dauert ein Weilchen, bis die Beklemmung der Freude darüber weicht, soeben Zeuge einer grossartigen Aufführung gewesen sein zu dürfen.

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Ein Jahr ist es her, seit der Schauspieler, Regisseur und Kulturveranstalter Peter Leu, der Betreiber der kulturfabrikbigla, seinem ebenso gschaffigen wie schlitzohrigen Hilfsbüezer und Tookmaschter Aschi Rüegsegger eine “Stärnstund” gegönnt hat.

Mit dem von Markus Michel verfassten “BäseToggeliTod – oder die wo im Gletscher singe” (Musik: Barbara Jost; Regie: Pierre Kocher; Bilder auf der Bühne: Hannes Zaugg-Graf) setzt Leu den Zuschauerinnen und Zuschauern ungleich schwerere Kost vor. Zu Schmunzeln und Lachen gibt es diesmal nur Weniges, auch wenn Robert die tragischen Spitzen oft mit seiner feinen Ironie bricht. Dafür gibt es eine Menge zum Nachdenken. Und zum Fürchten, weil Robert mehr oder weniger ausgeprägt in jedem Menschen steckt.

Alt zu werden, lehrt uns der gebrechliche Hausbursche, ist auch dann kein Vergnügen, wenn man einen grossen Teil seines Lebens in vermeintlich bester Gesellschaft verbracht hat.

Während Robert – sich quälend oft wiederholend, immer wieder tief in die Vergangenheit abtauchend und den Faden verlierend – vor sich hinsinniert, beleuchtet er einerseits die Geschichte der Seiler-Dynastie, die das wirtschaftliche und politische Leben im Wallis einst mitgeprägt hatte. Gleichzeitig drehen sich seine Reminiszenzen um das grösste Familiengrundstück der Schweiz, den Rhônegletscher, und die ganze touristische Infrastruktur, die um ihn herum enstanden ist.

Den an der Türe wartenden Tod ignoriert er, so lange es geht. Und “lange” ist für ihn, in der Einsamkeit seines Zimmers, zu einem relativen Begriff geworden. Die Zeit, sagt er, spiele für ihn keine Rolle mehr.

Irgendwann läuft sie aber auch für ihn ab. Als ob es sich um den Koffer eines Hotelgastes handeln würde, trägt Robert die Sense zu sich ins Zimmer. Er poliert das Symbol des Todes beinahe zärtlich – wie sich das für einen tüchtigen Diener gehört.

(In einem Interview mit der Berner Kulturagenda spricht Peter Leu über das Stück und die Herausforderungen, die es an ihn als Schauspieler stellt).

Weitere Aufführungen:

– Sonntag, 27. Januar, 17 Uhr,
– Mittwoch, 30. Januar, 20.15 Uhr,
– Donnerstag, 31. Januar, 20.15 Uhr,
– Samstag, 2. Februar, 20.15 Uhr
– Sonntag, 3. Februar, 17 Uhr,
– Mittwoch, 6. Februar, 20.15 Uhr,
– Donnerstag, 7. Februar, 20.15 Uhr und
– Samstag, 9. Februar, 20.15 Uhr

Vorverkauf: www.ticketeria.org (oder unter Telefon 0900 10 11 12, Fr. 1.19/Min.)