Auf der Homeoffinsel (52)

Sonntag, 11. April 2021, 12.05 Uhr

Zum ersten Mal seit Wochen verbrachte ich wieder einmal ein paar Stunden am Strand. Bevor ich – maskiert – die Gestade des Atlantiks betreten durfte, musste ich in einem separaten Eggeli duschen und die Hände desinfizieren.

Jetzt weiss ich, wie sich ein Chirurg vor dem Gang in den Operationssaal fühlt, nur ohne schmachtende Anes Anem Aero Schwestern im Schlepptau.

Frisch sterilisiert machte ich mich im sanften Gegenwind, der ununterbrochen Sand auf die noch feuchte Haut blies, auf die Suche nach einem Plätz Land. Dabei trampte ich ständig in Getier, das das Meer über Nacht angespült hatte.

Alle paar Meter hielt ich inne, um einen verendeten Hering oder Pottwal zwischen den Zehen hervorzuklauben (“Haben alles!”, würde der Ozean sagen, wenn er mein Inder wäre), und entsann mich der Zeiten, zu denen Mitarbeiter des Bauamts die Playa von Maspalomas mit Wüschscherli und Schüfeli regelmässig von Unrat befreiten. In ihren gelb-grünen Overalls gehörten sie zum Küsteninventar wie die schwarzen Brillenverkäufer und die roten Blüttler.

Aber äbe.

Der kilometerlange Streifen, auf dem Touristinnen und Touristen sich vor zwei Jahren noch dreilagig aufeinandergestapelt von den Mühen des Alltags erholten, war menschenleer.

Die bunten Liegen? Verschwunden.
Die Beizli? Geschlossen.
Die Hochsitze für die Lebensretter? Verwaist.
Das Reden und Lachen? Verstummt.

Doch in dem Moment, in dem ich zu glauben begann, das einzige Lebewesen auf dem Planeten zu sein, bemerke ich, dass sich in den Dünen etwas bewegte.

Auf den ersten Blick schien es, als ob ein Skelett an unsichtbaren Fäden in die Höhe gezogen würde. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich: da ist mehr Fleisch an den Knochen als vermutet.

Ich spazierte weiter zum Leuchtturm. Eine Stunde später war der Mann, wie im Boden festgeschraubt, immer noch da.

Es dauerte eine Weile, bis ich realisierte: Einer der meistfrequentierten Strände der Welt ist zum Meditationsort geworden.

☀️☀️☀️

Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt.
Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt.
Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt.
Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt.
Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt.
Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt. Das wärs jetzt.

Wobei: was heisst “wärs”? Das kann ich haben, keine 100 Meter von hier. Ich gehe mal schauen, ob noch etwas da ist.

☀️☀️☀️

A propos “Meeresfrüchte”: Ich muss langsam meine Sommerferien planen. Die Ansprüche liegen ja nicht unerreichbar hoch oben: chly Sonne, chly Wärme – froh zu sein, bedarf es wenig, ganz besonders eingedenk all der Fragen, die sich der Menschheit dieser Tage in höchster Dringlichkeit stellen:

Heute in drei Wochen bin ich wieder in Burgdorf, ämu theoretisch. Einige Botschaften, die mir von dort aus in den letzten Wochen übermittelt wurden, veranlassten mich bisher nicht dazu, vibrierend vor Vorfreude meine Siebensachen zu packen.

Und, wer weiss? Falls am 2. Mai genügend wenige Leute in die Schweiz zurückreisen wollen, verschiebt die Swiss den Flug den Steuerzahlenden und der Umwelt zuliebe ja auf irgendwann später. Je nachdem sässe ich dann für eine ganze Weile auf Gran Canaria fest.

Was für eine albtraumhafte Vorstellung.

☀️☀️☀️

Lesetipp: Über “das Glück, mit den richtigen Songs unterwegs zu sein“.

Auf der Homeoffinsel (51)

Freitag, 9. April 2021, 12.05 Uhr

Es regnete, stundenlang. Also tat ich, was ein Mann in einer solchen Situation eben tun muss: Ich suchte online nach Informationen zum Thema “Vereinsrecht”. Irgendwie kam ich dabei vom Weg ab, und während ich mich durch das Gestrüpp des Auchnochlesenswerten klickte, stolperte ich über ein Interview mit Herbert Feuerstein.

Darin sagte der 2020 verstorbene letzte Grossmeister des hintergründigen Humors: 

“Ich habe kein Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen, weil die Spuren letzten Endes auch vollkommen bedeutungslos wären. Das ganze Leben besteht ja nur aus einer Illusion der eigenen Wichtigkeit, wahrscheinlich könnte man sich selbst sonst auch gar nicht ertragen. Alle Leute gehen durchs Leben und denken, sie müssten beachtet werden. Manche machen darum auch noch grossen Wirbel, damit es ein bisschen mehr auffällt. Aber am Ende ist das alles so unglaublich bedeutungslos, weil die Welt einfach aus sozialem Lärm besteht. Wir sind alle unvollkommene Nichtse – und damit müssen wir uns abfinden. Ich würde mir jedenfalls nicht anmassen zu sagen: ‘Menschheit, hier sind meine Fussabdrücke, schaut sie euch an und lernt daraus.'”

(Das ganze Gespräch kann hier nachgelesen werden.)

Überhaupt, das Leben: es ähnelt mit seinen unentwirrbar verwobenen Handlungssträngen und seinen gspässig Darstellerinnen und Darstellern mehr und mehr dem Film “E la nave va”. In diesem Werk von Federico Fellini fährt eine Gruppe von bizarren Menschen auf einem Boot ins Leere (oder, je nach Interpretation: in den Krieg, was aber irgendwie auf dasselbe hinausläuft).

Als ob es in ein Kriegsgebiet unterwegs wäre, sah auch das Schiff aus, das gestern Abend vor Maspalomas kreuzte: grau und gross und irgendwie gfürchig. Das sei nichts Besonderes, sagte ein Kellner, sondern nur die Küstenwache.

Sie markiere wieder einmal Präsenz, um ein Desaster wie vor anderthalb Jahren zu verhindern. Damals landeten über Wochen hinweg Zigtausende von Flüchtlingen auf den kanarischen Inseln.

Weil niemand wolle, dass sich der nur gut 100 Kilometer von Westafrika entfernte Archipel weiter zu einem Migranten-Hotspot entwickle, würden die Behörden den Atlantik regelmässig nach verdächtigen Kähnen absuchen, fügte der Mann an.

Die Tagesschau der ARD berichtete neulich, auf den Kanaren gehe “die Furcht vor einem ‘zweiten Moria'” um. Der Staat mietete im November Hotels und Bungalows an, um 6000 Flüchtlinge unterzubringen. “So haben die Angestellten wieder Arbeit und die Migranten eine sichere Unterkunft”, sagte die Migrationsbeauftragte der Regierung gegenüber der Süddeutschen Zeitung. “Diese Menschen haben Schlimmes durchgemacht, warum sollten sie nicht in einem Hotel ausruhen dürfen, das (wegen Corona) ohnehin leer steht?”

Die Bürgermeisterin von Mogán – das Städtchen liegt einen Steinwurf von Playa del Inglés entfernt – befand jedoch, “wir können nicht zulassen, dass Gran Canaria ein Gefängnis wird, ein Lampedusa oder ein Lesbos”, und verlangte, dass Hoteliers, die Migrantinnen und Migranten aufnehmen, mit 300 000 Euro gebüsst werden.

Ich habe von alldem noch nichts mitbekommen, aber das ist wenig erstaunlich: ich befinde mich in einer anderen Welt.

In meiner Welt flüchten rundum doppeltversicherte Leute 4000 Kilometer weit vor geschlossenen Restaurants und Fitnesstudios in geöffnete Strandbeizen und an Hotelpools (oder, ja: aus schneeumwehten Homeoffices in sonnenbeschienene).

Nur: Vor den Sorgen, die sie zuhause nicht einschlafen lassen, gibt es für manche von ihnen auch hier kein Entrinnen. Am Nebentisch empören sich in diesem Moment zwei Paare aus der Schweiz darüber, wie traumatisierend es für Kinder sein müsse, zweimal pro Woche in Covid-Testbecher zu spucken.

Auf der Homeoffinsel (50)

Dienstag, 6. April 2021, 5.30 Uhr

Zwei der fägigsten Wochenenden meines Lebens verbrachte ich inmitten von Zigzehntausenden von Menschen. Das eine war das “Out in the Green”-Openair in Frauenfeld 1991 (mit zum Beispiel Foreigner, Toto sowie meinem Brüetsch und seinem besten Freund).

Beim anderen handelte es sich um das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2013 in Burgdorf (mit zum Beispiel Matthias Sempach, Christian Stucki sowie meinem Brüetsch und seinem besten Freund).

An solchen Veranstaltungen wäre es mir heute nicht mehr geheuer. Besonders über Ostern, als 150 feierfreudige Spanierinnen und Spanier mein Hotel bis unters Dach besetzten (weil Sicherheitspersonal durch die Anlage patrouillierte, bisleten alle in den Pool statt an die Palmen, worauf der Alkoholprozentegehalt des Wassers in den Brennspritbereich schnellte. Wenn auch nur ein Gast trotz Rauchverbots einen Joint angezündet hätte, würde ich diese Zeilen auf qualmenden Trümmern, zwischen denen zombieartige Gestalten wehklagend nach Angehörigen suchen, mit notdürftig bandagierten Händen in den angekokelten Laptop auf den Stümpfen meiner Oberschenkel tippen) merkte ich: je weniger Leute um mich herum sind, desto besser.

Was sich Herbert Grönemeyer 1984 in einem Frühit fragte, nimmt 37 Jahre später auch mich wunder: Was ist nur los? Was ist passiert? Habe ich das Social Distancing schon dermassen verinnerlicht, dass ich Personengruppen egal welcher Grösse als unbehaglich empfinde?

Wenn ja: Geht das auch anderen so?

🥚🥚🥚

Stammleserinnen und -leser erinnern sich vielleicht: Vor einigen Wochen erstand ich im Laden eines überaus geschäftstüchtigen Inders ärmellose Shirts. Nun stattete ich ihm, um 25 Kilo erleichtert, einen zweiten Besuch ab, um meine Büro- und Freizeitgarderobe den veränderten Begebenheiten anzupassen.

Eine Stunde, nachdem ich sein Geschäft betreten hatte, verliess ich es mit einem halben Dutzend Tiischis, zwei Paar kurzen und einem Paar langen Jeans, einer todschicken Badehose, einem Gürtel, eigentlich gar nicht benötigten Flip-Flops, einem Duschgel plus einem Satz Turnschuhbändel. Eine Tube Ayurvedasalbe und ein Nackenkissen gabs gratis dazu.

Wir hattens richtig zufrieden miteinander, der Verkäufer und ich. Er weihte mich umfassendst in sein grosses Geheimnis ein (Ende Jahr baut er den Shop mit seinen Brodas und Sistas zu einem Supermarkt um), ich machte ihn mit der Schweiz im Allgemeinen und meinem Bisnis im Besonderen vertraut.

Wie mein neuer Freund heisst, weiss ich allerdings immer noch nicht.

🥚🥚🥚

Der Start in die Minigolfsaison 2021 verlief am Freitag…wie soll ich sagen?…immerhin hats nicht geregnet. Ungemähter Kunstrasen, Banden wie Pipelines, ein Schläger, der ähnlich verbogen war wie die Luftgewehrläufe in den Schiessbuden und dazu ein Chärtli, auf dem die Anzahl Versuche in spanischen Zahlen notiert werden muss: Das war kein Spiel und kein Spass.

Das war, pünktlich zu Ostern, eine Lektion in Demut.

🥚🥚🥚

(Bild: pd)

Leider hängte “Der Bergdoktor” sein Städt Steht Stereo Arbeitsgerät genau dann an die Wand seines Wartezimmers, als ich zu erahnen begann, wo der rote Faden, der die Handlung zusammenhält, versteckt sein könnte.

Zwei Wochen lang zappte ich mich daraufhin plan- und haltlos durch das abendliche Fernsehprogramm, doch dank einer mit allen televisionären Wassern gewaschenen Freundin entdeckte ich kurz vor dem intellektuellen Verhungern eine höchst bekömmliche alternative geistige Vollwertkost: in der “Praxis mit Meerblick” auf Rügen.

Das Gebotene entsprach meinen Hoffnungen rundum: kompetente Belegschaft, sympathische Patienten, wunderschöne Gegend – ich fühlte mich bei Dr. Nora Kaminski und ihrem Team fast regionalspitalemmentalhaft gut aufgehoben.

Nur: Kaum war die Episode zu happy Ende, teilte mir die Frau, die mich gerade für die Serie angefixt hatte, waseliwas mit? Dass das offenbar das Finale der Staffel gewesen sei.

🥚🥚🥚

Aufgrund sich häufender Nachfragen: Mein Bedürfnis, nach Burgdorf zurückzukehren, ist auch nach gut zwei Monaten auf Gran Canaria nicht sonderlich ausgeprägt. Trotzdem zügle ich Anfang Mai wieder in mein eigentliches Homeoffice, denn bei der Aktion “Bike to work” will ich unbedingt mit von der Partie sein.

Zu behaupten, dass mir hier nichts und niemand fehlt, wäre sowieso leicht übertrieben. Vor allem ein weibliches Wesen vermisse ich schwer. Wenn ich diese Depesche richtig interpretiere, beruht das sogar auf Gegenseitigkeit:

Deshalb, zum Abschluss (oder als Gudi) – zehn tolle Songs zum Thema “Hund”:

Gendermässig comme il faut gibts auch einen Klassiker für Katzenhalterinnen und halter…

…sowie eine Riesenperle für Fisch- und Vogelfreundinnen und -freunde:

Auf der Homeoffinsel (49)

Dienstag, 30. März 2021, 6.15 Uhr

Das Wetter auf den Kanaren nimmt kein Ende: in der Nacht auf heute Regen, gestern kurze Hosen und Tiischi, vorgestern Hoodie und Jeans, letzte Woche knapp 30 Grad, dann der grosse Sturm – wo kommt das nur her, wo führt das nur hin?

Und damit sind wir auch schon beim Thema: Ostern steht für die mehrheitlich katholischen Menschen auf Gran Canaria nicht nur im religiösen Sinn für die Auferstehung, sondern auch im wirtschaftlichen. Seit mit dem legendenumwobenen “Santa Catalina” 1890 das erste Hotel auf der Insel eröffnet wurde, beginnt um diese Zeit die Hauptsaison des Fremdenverkehrs.

Aber

then came the churches,
then came the schools,
then came the lawyers,
then came the rules.

(Nein, das ist aus “Telegraph Road” von den Dire Straits.

Also, nochmal):

Aber

then came the virus,
then came the rules,
then came the lockdowns,
then came the fools

und zagg – wars mit dem Feriengeschäft, von dem auf Gran Canaria 80 Prozent der Einheimischen leben, vorbei.

In den letzten Wochen wünschten sich die Leute hier nichts sehnlicher, als dass die Menschen aus Deutschland, Holland, Grossbritannien oder Skandinavien die Gelegenheit bekommen würden, zwischen Gründonnerstag und Ostermontag wenigstens eine kurze Pause bei ihnen einlegen zu können, auf dass endlich wieder einmal Geld in ihre leeren Kassen fliessen möge.

Ihre Hoffnungen schienen sich zu erfüllen: Als “Berlin” die innerdeutsche Grenze nach Mallorca öffnete, glaubten sie ein paar Tage lang, ihr stummes Flehen sei erhört worden.

Aber nada: was ausserhalb der Küste von Malle liegt, betrachten die Verantwortlichen der touristischen Hauptexportnationen weiterhin als Seuchengebiet.

Leer bleiben die Unterkünfte auf Gran Canaria über die Feier(?)tage trotzdem nicht: Playa del Inglés, Maspalomas, Las Palmas, Mogán und Puerto Rico erwarten stündlich die Invasion einer unüberschaubar grossen Horde Spanierinnen und Spanier vom Festland.

“Bei diesen Gästen handelt es sich um junges Partyvolk, das für sowenig Geld wie möglich soviel Spass wie möglich haben will”, sagt der Chef meiner Unterkunft. “Die Nachhaltigkeit dieser Buchungen ist für uns gleich null. Aber wir müssen jetzt nehmen, was kommt”, fügt er beinahe entschuldigend an.

Jenem Teil der “normalen” Klientel, ders nicht (oder nicht mehr) so damit hat, zu allem entschlossenen Halbwüchsigen dabei zuzuschauen, wie sie neben dem Pool voll und völler werden, obwohl sie sich im Pool regelmässig entleeren, empfiehlt er, sich für ein paar Tage in eine Pension in den Bergen zu verziehen.

Das riet mir auch eine Freundin aus der Schweiz, die sich auf dem Eiland (wann wäre es angebrachter, diesen schönen, alten Begriff aus der Mottenkiste zu holen, als an Ostern?) bestens auskennt.

Die Sache ist nur: derlei Fluchtgedanken haben viele. Die professionellen und privaten Anbieter abseits der Zentren vermieten ihre Zimmer für die kommenden fünf Nächte deshalb zu Tarifen, die anderswo für drei Wochen Ferien gelten; all inclusive inbegriffen.

Aus ökol önol ökum wirtschaftlichen Erwägungen bleibe ich also hier. Ich miete ein Velo und kurve jeden Tag kreuz und quer durch die Gegend. Falls mein Plan aufgeht, falle ich am Abend jeweils in einen komaähnlichen Tiefschlaf, während die Festivitäten zwölf Stockwerke weiter unten ihren torkelnden Gang nehmen.

Weiter gönne ich mir über Ostern eine digitale “Entgiftung”: bis am Dienstag stelle ich mein Internet ab. Das Risiko, etwas bahn-, beziehungsweise wellenbrechend Neues zu verpassen, scheint mir nach allem, was ich in den letzten Wochen mitbekommen habe, mühelos tragbar zu sein.

Auf der Homeoffinsel (48)

Sonntag, 28. März 2021, 7.15 Uhr

Kleine Uhrsache, grosse Wirkung: auch auf Gran Canaria wurde die Zeit in der Nacht auf heute um eine Stunde vorgestellt.

Das ging hier nicht so einfach vonstatten wie in meiner eigentlichen Heimat, weil den Spanierinnen und Spanierinnen eine Eselsbrücke fehlt, über die sie vom Winter in den Sommer spazieren können.

In der Schweiz ist das ja kein Problem: wer sich an die Regel “im Früelig vürschi, im Herbscht hingersi” hält, läuft nicht Gefahr, sich auf einmal in der falschen Jahreszeit zu befinden.

Der Spanierinnen und Spanier hingegen müssen sich intellektuell ungleich mehr anstrengen, um derlei zu vermeiden: “Primavera adelante” funktioniert ebensowenig wie “Otoño hacia atrás”.

Ihnen bleibt deshalb nichts anderes übrig, als erst einmal nachzudenken. Für uns Hotelgäste hat das Konsequenzen:

Bevor die Zusammenhangskeptikerinnen und -skeptiker ihre selig schlafenden Bébés aus den Wiegen reissen, um mit ihnen auf dem Bundesplatz gegen dieses gewiss von Herrn Perse finanzierte Lügenmedium andemonstrieren zu gehen, versichere ich ihnen in deeskalierend gedämpften Tonfall: das eine hat durchaus mit dem anderen zu tun, denn es hat immer alles miteinander zu tun.

Diese These erhebe ich mit derselben Leichtigkeit in den Stand einer Tatsache, mit welcher der Sturm, der vorgestern über die Insel fegte, einen ausgewachsenen Sonnenschirm samt Liege im Hotelpool versenkte, und zwar:

Der zweite und letzte Buchstabe von Davos und Maspalomas sind ein ‘a’ und ein ‘s’; in beiden Namen kommt in der zweiten Hälfte ein ‘o’ vor. Das Bündner Dorf und die spanische ciudad leben grösstenteils vom Tourismus. Hier wie dort ragen Berge in die Höhe, scheint häufig die Sonne und kommt oft Fisch aus nahen Gewässern auf den Tisch. 

Falls sich nun jemand, der gerade dabei ist, den XXL-Kinderwagen samt hochtourig brüllendem Inhalt in den Schnellzug Burgdorf-Bern zu hieven, bemüssigt fühlen sollte, keuchend einwenden zu müssen, dass all diese Parallelen auf Zufällen beruhen könnten, würde ich gönnerhaft (und, die Hände in den Hosentaschen versenkt, interessiert weiter beim Einladen zuschauend) einräumen: ja, natürlich wäre das denkbar. 

Nur: An welchen zwei Orten habe ich meine letzten Ferien verbracht?

Eben.

Und: wo wollte damals und will jetzt nie jemand mit mir jassen?

Genau. 

Es ist schon erstaunlich, wie Tausende von Kilometern voneinander entfernt liegende Lebensräume, die auf den ersten Blick nichts eint, sich bei genauerem Hinsehen genauso ähneln wie die Zwillinge von Roger und Mirka Federer.

Damit liegt auch das letzte Glied der Argumentationskette so schwer ignorierbar vor uns wie ein totes Nilpferd im frischgemachten Bett: zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Menschen gehört sowohl in Davos als auch in Maspalomas das Tennisspielen.

Aber – es kommt noch stichhaltiger:

Wenn man 3 Buchstaben des aus 6 Lettern bestehenden Begriffs “Covid” woanders platziert, einige weglässt und dafür ein paar neue hinzufügt, kommt dabei “Microsoft” heraus.

Microsoft wurde, wie ich mit meinem Macbook ergoogelte, von Bill Gates gegründet. 

“Gates” rückwärts ergibt “setaG” und folglich keinen Sinn (ausser, man ersetzt das “e” durch ein “a” und das “G” durch ein “N”, aber das würde jeder Erstlehrjahr-Jurist als zumindest grobfahrlässiges Herumfummeln an Beweismitteln taxieren).

Sehr wohl Sinn ergibt hingegen: das Wort “Microsoft” setzt sich aus dem wichtigsten in Bundeskanzlerin Angela Merkels Leben zusammen. Als sie noch Wissenschaftlerin war, gehörten Microskope zu ihrem Alltag, und soft sie kann, verbringt sie ihre Feierabende zuhause bei ihrem Mann in der Uckermark (nur am Rande: mit “u” wie in “Virus”). Wer “Merkel” verkehrtherum liest, kommt auf “lekreM”. Auch dieses Wort entbehrt, wie “setaG”, eines Inhalts.

Merkel und Gates mögen sich von ihren Her-, Ein- und Zukünften her also noch so unterscheiden – in einem Punkt sind sie identisch: von hinten betrachtet, fehlt ihnen jede Bedeutung.  

Das wiederum haben sie mit den Jasskretins in Davos und Maspalomas gemeinsam. Und mit diesem Text.

Was aufs Unwiderlegbarste belegt: rund um den Globus sind sämtliche Lebewesen, Dinge, Orte, und Handlungen untrennbar verknüpft, jederzeit, ob umgestellt oder nicht.