Neue Wege

Mit Hektolitern von Herzblut setzte sich meine Schwägerin Judith Wernli auf SRF3 für die Schweizer Musikszene ein. Ebenso engagiert kämpft sie nun für die Umwelt. Mit einem wöchentlichen Podcast, zeigt sie den Leuten mithilfe von Fachleuten, wie sie nachhaltiger leben können. Was es damit auf sich hat und wer dabei mitwirkt, verrät sie hier und hier:

Unter Wiederkäuern

Jean-Martin Büttner gehört zu den letzten „Edelfedern“ der Schweiz. Der langjährige Inland- und Kulturredaktor des Tagesanzeigers, der inzwischen als freier Journalist arbeitet, kann sich aussuchen, worüber er schreibt, und hat gemäss seiner eigenen Einschätzung „den besten Beruf, den es gibt“.

Über das neue Abba-Album „Voyage“ urteilte er Anfang November: „Ach, hätten sie es doch nur gelassen.“ Die Scheibe sei „gründlich missraten“. Jeder der aktuellen Songs klinge „wie eine gescheiterte Version der alten“. Alles wirke „wie vorverdaut“.

Mit Vorverdautem kennt sich Büttner aus. 2013 notierte er zur Eröffnung des Abba-Museums in Stockholm über das „Heiratsquartett aus Schweden“:

„In zehn Jahren fabrizierten die vier Popmusik in hoher Kadenz und Qualität, von ‚Waterloo‘ bis ‚The Day Before You Came‘, von Schlagerliedern bis zu Scheidungsvollzügen.“ Benny Andersson und Björn Ulvaeus nannte er „zwei singende Akkordarbeiter, die solange miteinander spielen, bis sie eine Melodie hatten und diese Melodie solange ausformulierten, bis er einen Song ergab“. Im Studio hätten sie diese Lieder dann „ausprobiert, umformuliert, instrumentiert und aufgenommen, die besten Jazzmusiker Schwedens spielten mit“.

Abba seien „die weisseste, biederste Band der Welt“ gewesen; „man brauchte sich nur ihre Plattenhüllen und Videos anzusehen“. An dieser Band, schnödete Büttner, „ging einem alles auf die Nerven: Das bleckende Lachen, die Fransen, die Latzhosen und Stiefel, diese stampfenden Takte, die ganze selige, gefahrlose, drogenfreie Familienpackung. Und diese Songs, denen nicht zu entkommen war. Weil man sie überall hörte, von Rimini bis Glasgow. Und sie nicht mehr vergessen konnte.“

Acht Jahre später doziert er in seiner „Voyage“-Besprechung:

„Das Heiratsquartett aus Schweden fabrizierte innert zehn Jahren Popmusik in hoher Kadenz und Qualität, von ‚Waterloo‘ bis ‚The Day Before You Came‘, von Schlagerliedern bis zu Scheidungsvollzügen. Björn Ulvaeus und Benny Andersson, die Akkordarbeiter der Band (…), spielten so lange miteinander, bis sie eine Melodie hatten. Um diese Melodie dann zu verfeinern, bis sie einen Song ergab. Den brachten sie dann ins Studio (…). Dort wurden die Lieder ausprobiert, umformuliert, instrumentiert und aufgenommen, die kompetentesten Jazzmusiker Schwedens spielten mit.“

Abba seien „die weisseste, biederste Band der Welt“ gewesen; „man brauchte sich nur ihre Plattenhüllen und Videos anzusehen“. An dieser Band, schnödet Büttner, „ging einem alles auf die Nerven: Das bleckende Lachen, die Fransen, die Latzhosen und Stiefel, diese stampfenden Takte, die ganze selige, gefahrlose, drogenfreie Familienpackung. Und diese Songs, denen nicht zu entkommen war. Weil man sie überall hörte, von Rimini bis Glasgow. Und sie nicht mehr vergessen konnte.“

Vor lauter Vonsichabschreiben vergisst er zu erwähnen, dass Abba in einem Fall tatsächlich auf Archivmaterial zurückgriffen: Auf dem 1994 erschienenen Album „Rarities“ sind im Medley „Abba undeleted“ Liedfragmente aus Proben im Studio aneinandergereiht. Darunter befindet sich auch eine Rohfassung von „Just a notion“.

Diese Skizze zogen Andersson und Ulvaeus nun aus der Schublade, um sie für ihren jüngsten – und mutmasslich letzten – gemeinsamen Wurf zu vollenden.

Wer behauptet, Abba hätten bei ihrem Comeback ein paar Deziliter alten Weins in neue Schläuche abgefüllt, hat also recht.

Nur sollte darüber nicht ausgerechnet jemand die Nase rümpfen, der seiner Kundschaft selber Reste von vorgestern als Frischware verkauft.

Der Kunde spült die Nebenrolle

Ich war gemütlich am Netflixen („Sörensen hat Angst“; sehr sehenswert), als ich in der Küche auf einmal ein Gurgeln vernahm. Der Geschirrspüler begann offenbar, Geschirr zu spülen. Das Irritierende daran war: Ich hatte ihn gar nicht angeworfen.

Aufs Geratewohl hin drückte ich sämtliche Knöpfe an seiner Front. Das Gurgeln ging in ein nicht weniger beunruhigendes Brummen über. Dann zog ich sachte die Türe auf. Nun kapitulierte die Maschine vor meinem handwerklichen Geschick. Ich ging ins Bett.

Kaum hatte ich mich hingelegt, ergossen sich vor meinem geistigen Auge Hunderte von Hektolitern Wasser in meine Wohnung. Diese Vorstellung hielt mich wacher als zehn geexte Espressi.

Gegen 2 Uhr stand ich auf. Den Rest der Nacht verbrachte ich mit Sörensen. Die Maschine fand ebenfalls keinen Schlaf. Hin und wieder gab sie leise Geräusche von sich, die wie unterdrückte Rülpser klangen.

Am nächsten Morgen machte ich mir ein Birchermüesli. In dem Moment, in dem ich das griechische Joghurt über die Flocken kippte, gurgelte es links von mir lauter denn je und, vor allem, viel länger als am Vorabend.

Ich informierte unseren Hauswart über den Fall. Er riet mir, die Verwaltung einzuschalten. Das tat ich umgehend per Mail, weil die Verwaltung aus Gründen, die nur sie kennen mag, telefonisch unerreichbar ist:

Schon sechs Tage später erhielt ich eine Antwort:

Also meldete ich den Schaden der für meine Maschine zuständigen Firma mit dem dafür vorgesehenen Dokument und samt der Modell und FN/SN Nummer. Der Auftragsbestätigungsverschickautomat reagierte prompt:

Damit lag der Ball wieder bei der Verwaltung. Diese orientierte die Firma noch einmal über die Angelegenheit. Daraufhin poppte auf meinem Handy diese Nachricht auf:

Ich gab der Firma die technischen Angaben zum zweiten Mal durch.

Am nächsten Tag meldete sich eine Mitarbeiterin des Serviceunternehmens bei mir. Sie fragte, ob morgen ein Monteur vorbeikommen könne. Ich antwortete, klar, nur: morgen sei Samstag.

Stimmt, sagte die Frau. Obs am Montag auch passen würde. Später würde es mit einem Termin „schwierig“, fügte sie an.

Am Montag sei ich nicht da, sagte ich. Ich würde jedoch einen Schlüssel ins Milchchäschtli legen.

Als ich am Montagabend in mein Zuhause zurückkehrte, war die Maschine da. Bis am Donnerstag hatte sich soviel Geschirr und Besteck angehäuft, dass ich meine neue Haushaltshilfe frei von einem schlechten Gewissen (Wasserverschwendung, Nebenkosten, Klima und alles) einweihen konnte.

Um sicherzugehen, nichts falschzumachen, bat ich unseren Hauswart, mir bei der Inbetriebnahme zu assistieren. Kaum hatte er die Maschine gesehen, sagte er, „du kannst die gleich anrufen und sagen, sie sollen noch einmal jemanden schicken“. Das Gerät stand leicht schräg in der Küchenzeile. Seine Türe klappte zu, wenn sie zum Befüllen offenbleiben sollte.

Das teile ich der Servicefirma umgehend mit:

Kurz darauf rief mich jemand aus der Firma an:

„Haben Sie uns vorhin geschrieben?“

„Ja, das war ich.“

„Wegen einer Abwaschmaschine?“

„Genau.“

„Sind Sie der Wohnungseigentümer?“

„Nein, der Mieter.“

Dann gehe das so nicht, teilte mir der Jemand mit. Solche Angelegenheiten müssten die Mieter über die Liegenschaftsverwaltung abwickeln. Sie erteile ihr, der Servicefirma, dann einen Reparaturauftrag, worauf sie, die Servicefirma, sich mit mir in Verbindung setzen werde.

So, dachte ich, muss sich ein Möchtegern-Fotomodell fühlen, dem auch nach dem 314. Casting beschieden wird, „don’t call us, we call you“. Trotzdem tat ich, wie geheissen.

Die automatisch generierte Antwort der Verwaltung liess nicht lange auf sich warten:

Auch wenn ich nicht der grosse Experte in Sachen Liegenschaftsverwaltung bin: Irgendwie glaube ich zu wissen, wie sich das „aussergewöhnlich hohe Anfrage Volumen“ von jetzt auf gleich auf ein bewältigbares Mass reduzieren lassen würde.

Und doch – es scheint vorwärts zu gehen:

Drei Tage später: „Möglichst schnell“ ist ein relativer Begriff. Die Bearbeitung von Auftrag 19490513 scheint nicht recht voranzukommen.

Dienstag, 2. November: Jetzt aber! Morgen Morgen komme ein Monteur vorbei, verspricht eine Mitarbeiterin der Servicefirma. Die Spannung steigt ins fast Unaushaltbare.

Mittwoch, 3. November: Während ich auf den Monteur warte, flattert eine Mail der Liegenschaftsverwaltung in mein Postfach.

Ich nehme sie zur Kenntnis und harre weiter des Fachmanns, der zwischen 9 und 11 Uhr kommen sollte.

Donnerstag, 4. November: Der Fachmann war da. Die Maschine steht so schräg in der Küchenzeile wie zuvor und die Türe bleibt weiterhin nicht unten.

Aber immerhin: Das Gerät ist nicht kaputter. Ich halte mich an John Lennon und Paul McCartney und let it be.

Irrwisch you were here

An einem Novembernachmittag des Jahres 1981 sassen Dieter und ich, wie fast jeden Mittwoch und Samstag, auf seinem Bett und tranken Bacardi Cola und pafften; Gras er, Camel ich.

Vor Kurzem waren wir beide 16 Jahre jung geworden und unserem Ziel, erwachsen zu werden, um endlich nach Jamaica auswandern zu können, einen weiteren Schritt nähergekommen.

Bei unseren Treffen schlurfte Dieter immer wieder ins Zimmer seines älteren Bruders. Minuten später kam er mit einem quadratischen Karton in der Hand zurück. Süüferli zupfte er eine Vinylscheibe aus dem Umschlag.

Sobald die Platte sich auf dem Teller zu drehen begann, murmelte er, „das muesch jetz lose“, worauf wir in andächtiges Schweigen versanken und losten.

Eric Clapton, Bob Marley, Bob Seger, Fleetwood Mac, Janis Joplin, Joan Armatrading, J.J. Cale, Jackson Browne, Jethro Tull…in jenen Stunden lernten wir eine endlose Reihe von Musikerinnen und Musikern kennen. Viele von ihnen prägen mein Leben mit.

Im November 1981 zeigte mir Dada, wie Dieter im Kollegenkreis hiess, eine Plattenhülle, die mich mehr faszinierte als alle anderen Cover, die er mir schon präsentiert hatte.

Nebelschwaden wabern über ein silbern funkelndes Flüsschen und durch die Äste von laublosen Bäumen, die sich wie Scherenschnitte vom blauen Hintergrund abheben. Krähen – oder Geister – sind keine zu sehen, doch ich bin mir sicher, dass welche da sind. Auf eine seltsame Art wirkt die mystische Szenerie ebenso einladend wie gfürchig.

Diese Platte, dozierte Dada, sei nigelnagelneu. Die Band, die sie aufgenommen habe, heisse Irrwisch und stamme aus dem Kanton Solothurn, aber das mache nichts: schliesslich komme es nur auf die Musik an, und die sei wunderschön.

Wie sich gleich zeigen sollte, war sie viel mehr als das. Dieses Album liess uns bis weit in die Nacht hinein durch Klangwelten schweben, in die uns bis dahin nur Pink Floyd entführt hatten, wenn auch auf ungleich stotzigeren und bisweilen kaum begehbaren Pfaden.

„In Search of“ zu hören war (und ist), wie auf watteweichen Keyboardteppichen durch einen endlos weiten Raum zu gehen, von dessen Wänden kristallklare Gitarrenklänge und makellose Stimmen widerhallen.

Doch der traumhaften Erfahrung folgte ein böses Erwachen: Ein paar Monate danach verlor ich Dieter aus den Augen. Seine Eltern brachten ihn nach „unserem“ Rolling Stones-Konzert in Basel an einen Ort, an dem er lernen sollte, ohne all das Zeug zu leben, das sein Bewusstsein im Laufe unserer Teenagerzeit mehr getrübt haben musste, als wir ahnen konnten (oder wollten).

Wo er gewesen war und wohin ihn sein Weg anschliessend geführt hatte, konnte er mir erst 32 Jahre danach erzählen: Im Sommer 2014 sahen wir uns im Tessin wieder.

Damals dachte ich, ein glücklicher Zufall hätte uns zusammengeführt. Inzwischen glaube ich, dass er mich gesucht hatte, weil er noch einmal mit mir reden wollte.

So oder so hat es dort, wo er jetzt ist, hoffentlich ein grosses Bett, auf dem wir in einer unabsehbar fernen Zukunft zäme musikhören und die Welt in Ordnung diskutieren können.

Irrwisch hingegen…Irrwisch sind nach wie vor da. Nach ihrem ersten Album veröffentlichten sie elf Studio-LPs/CDs („Living in a fools paradise“ und „Far away“ gehören für mich zum Eindrücklichsten, was Schweizer Musiker je hervorgebracht haben), das für Dauerhühnerhaut sorgende Konzeptalbum „Stone and a Rose“ plus zwei Singles. Die Aufnahme ihres „Christmas Concert“ liegt in meinem Notfallköfferchen für die einsame Insel.

Den bisher letzten Song schuf die Band um Chris und Steff Bürgi während des Lockdowns 2020. In „Normal Life“ fasste sie die Stimmungslage der Nation zusammen:

„Didn’t imagine – how quickly it all can change.
Physical distance – stay at home they say.
Many people are lonely – see there’s no escape.
System is broken – and life’s no more the same.

Every hope we receive is like a sign.
And millions are dreaming in these times
of a normal life – a normal life.
Back to normal life – a normal life – a precious lifeLooking for answers – that really help to explain.
A magical wonder – that takes away the pain.

It’s a matter of time and patience – never lose your faith.
Future’s uncertain – what may come our way.
Every hope we receive in misery
is like a balm for our souls to get free.
Every day every night – we just dream.“

Seit 45 Jahren verzaubert die Truppe aus Kestenholz die Menschen mit ihrem sinfonischen Sphärenpop. Live habe ich sie nur einmal erlebt: 1988 spielten sie vor Marillion im Zürcher Hallenstadion. Ich war bei Weitem nicht der einzige Konzertbesucher, dem es ganz recht gewesen wäre, wenn sie sehr viel länger auf der Bühne hätten bleiben dürfen.

Aber was nicht war, wird demnächst werden. Wenn Irrwisch im Old Capitol in Langenthal am nächsten Samstag auf ihre lange, lange Karriere zurückblicken, scheucht sie niemand nach einer halben Stunde in die Garderobe. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf ihr Konzert.

Neben mir steht dann mein Brüetsch, und weit über uns höckelt, hinter einer dichten Rauchwolke nur schemenhaft erkennbar, ganz bestimmt Dada.

Falls jemand bei ihm sitzt, flüstert er ihm irgendwann zu: „Gleich spielen sie ‚First Time‘. Das muesch jetz lose.“

Nachtrag: „First Time“ spielten sie nicht, weil sie ohne Sängerin auftraten. Es war trotzdem ein wunderschöner Abend – für das Publikum und die Band. Die meisten der Anwesenden durften seit Monaten – nein: fast schon Jahren – kein Konzert mehr geniessen. Und feierten nun, in diesem ehemaligen Kino mit seinem unbeschreiblichen Charme, „de perfekt Wederistieg es echli normalere Läbe“, wie mein Brüetsch sagte.

Happig happy

Per Whatsapp, SMS, Mail und via Facebook trudelten im Laufe meines Geburtstages zig Gratulationen bei mir ein. Bei deren Lektüre stellte ich fest, dass Australien und die Schweiz gar nicht so weit auseinanderliegen, wie man das bei einem Blick auf den Globus vermuten könnte.

Zumindest, wenns ums Beglückwünschen geht, sprechen die Menschen Down Under

dieselbe Sprache wie die Leute Up Above:

Alles andere las ich mit Google Translate…

…liess ich mir von Eingeborenen übersetzen…

…oder leitete ich hilfesuchend an die Erbengemeinschaft Jeremias Gotthelf weiter.

Die Botschaft von meinem Brüetsch verstand ich auf Anhieb. Ich stelle sie dem Museum of Modern Art in New York als Leihgabe zur Verfügung: