Whatever you want

Falls ich jemals einen anderen Grund finden müsste, um nach Sydney zu fliegen – oben an der York Street, gegenüber dem Victoria Building in der Innenstadt, würde ich ihn finden: Redeye Records ist der beste Plattenladen der Welt.

In dem seit 1981 bestehenden Paradies für CD- und Vinylfreaks gibt es, was Rock-, Blues-, Reggae-, Folk- und Oldies-Herzen oft seit Jahrzehnten begehren. In Europa nicht erhältliche Importe, seltene Live-Aufnahmen, längst ausverkauft geglaubte Raritäten: Es ist alles da.

Den besonderen Reiz des Ladens macht nicht nur die grosse Musikauswahl aus, sondern auch – und vor allem! – das Personal: Am Montag kaufte ich eine Peter Green-Anthologie und zwei, drei andere Schmankerl. Heute Mittwoch schaute ich zum zweiten Mal bei Redeye vorbei. Als ich bezahlte, fragte mich der Mann an der Kasse, ob mir die Green-CDs gefallen hätten.

Wer so arbeitet, verkauft entweder nicht wahnsinnig viele Peter Green-Scheiben.

Oder dann mag er die Ware, die er feilbietet, genauso wie die Menschen, denen er sie verkauft.

Hafenmeister

Weil Chantal sich mit ihrer Tante für zwei Tage in den Busch zurückgezogen hat, stehe ich heute vor einem Problem: Wie zum Teufel bringe ich in Sydney und Umgebung 36 einsame Stunden über die Runden?

Ich beschliesse, mit dem Zug von North Strathfield, wo wir die ersten zwei unserer sieben Flitterwochen verbringen, in die City zu fahren und dort chli durch den Hafen zu bummeln.

Mein Plan: Ich will die weltberühmte Harbour Bridge aus einer Perspektive fotografieren, aus der kein menschliches Wesen sie je fotografiert hat. Nach einer sehr ausgedehnten Suche werde ich fündig: An einem Geländer hängt ein Rettungsring. Vor den Augen zahlloser Touristen verrenke ich mich bis zum Gehtfastnichtmehr.

Irgendwann ist das Bild im Kasten. Es strotz nur so vor Symbolik: Eine aus der Brücke und einem Pfosten bestehene Armbrust (Schweiz!) mit einem orange-weissen Ring drumherum, der das Ganz Grosse Ganze (Welt! Globalisierung!! Zusammenhalt!!!) darstellt. “Das soll mir erstmal einer nachmachen”, denke ich, und setze mich entspannt in ein Café in der Nähe, um das schöne Gefühl, etwas für die Ewigkeit kreiert zu haben, zu geniessen.

Doch was sehe ich, waseliwas, während ich auf den Kaffee warte? Ein f***ing Tourist in kurzen Jeans und einem “I love Australia”-Shirt geht genau vor meinem Schwimmring in die Knie und…

…aber was solls. Möge ihm sein blödes Brückenbild viel Freude bereiten. Soll er doch platzen vor Stolz über seinen gloriosen Einfall, den vor ihm garantiert schon achthundertmillionentausend Sydney-Besucherinnen und -Besucher gehabt hatten.

Von der Zugfahrt in der brütenden Hitze immer noch mittelprächtig ermattet und vom künstlerischen Schlag ins Genick halt doch leicht taumelnd, schleppe ich mich über die asphaltierten Weglein am Hafenbecken und lasse mich im erstbesten Restaurant, das nicht nach Fastfood aussieht, nieder.

Der Speisekarte nach zu schliessen, ist der Beizer ein AC/DC-Fan durch und durch. Ich bestelle aufs Geratewohl hin eine

Pizza T.N.T..

Sie besteht im Wesentlichen aus Zwiebeln, Speck, Schinken, Peperoni, Salami, Knoblauch, scharfen Wursträdli, undefinierbarem Käse und Chili. Knapp eine Stunde später bin ich auf dem Highway to hell, lies: mit wachsender Verzweiflung auf der Suche nach einer Toilette.

Was viele nicht wissen: Der Hafen von Sydney hat mehr zu bieten als nur diese blöde Brücke und ein paar Schiffe und Lokale, in denen mikrogewellte Abführmittel aufgetischt werden. Auf dem sehr weitläufigen Gelände steht auch das Museum of Contemporary Art.

Die Videoinstallation an der Fassade zieht mich so magisch an wie kurz zuvor das Toilettenzeichen (übrigens: In Sachen WCtürengestaltung könnten die Schweizer von den Australiern noch einiges lernen:

Das gilt – und damit verlassen wir den Hafen kurz – auch für Verkehrsschilder. Auf so etwas

muss man erst einmal kommen.

Wo waren wir stehengeblieben? Vor dem zeitgenössischen Kunstmuseum, und zwar deshalb:

In der Annahme, dass es drinnen vergleichbar unterhaltsam weitergehen würde, ging ich die erste Treppe hoch und dann, als ich merkte, dass ich meine intellektuellen Grenzen mit der letzten Stufe bereits überschritten hatte, wieder hinunter und hinaus.

Aber nur schon diesen sekundenkurzen Hauch von Hochkultur zu spüren, inspirierte mich, spontan ein kleines Kunstwerk zu schaffen, und zwar das hier:

Es heisst “Wer die Musik in Ketten legt, gehört aufgespiesst” und kann bei mir bestellt werden

– als MMS für 50 Rappen zzgl. Porto und Mwst

oder

– als gerahmtes und signiertes Poster für 10 570 Franken, inkl. Porto, Mwst und alles, aber ohne die Versandkosten.

Und dann…dann sah ich ihn: Den alten Mann mit der Minigitarre in den schwieligen Händen und der zerbeulten Mundharmonika an den von der Sonne und der Hitze zerrissenen Lippen. Er sass einfach nur da und spielte und spielte und sang und sang und wenn er auch nur ein paar Jahrzehnte jünger gewesen wäre, würde ich jetzt schreiben, ich habe in diesem Moment die Zukunft des Blues gesehen und -hört:

Das böse Erwachen folgte diesem Erweckungserlebnis auf dem Fuss: Weiter vorne sass ein echter original Aboriginal im Schneidersitz am Boden und blies zu Technoklängen auf seinem Didgeridoo:

(Kleines Quiz zwischendurch: Wer errät, welchem der beiden Herren ich wesentlich mehr Münz hingelegt habe als jenem, der leer ausging, obwohl er und seine Mitureinwohner es gewiss hätten brauchen können, gewinnt ein MMS von meiner Opernhaus-Aufnahme).

Was war noch? Nichts eigentlich; ausser, dass ich für die Fahrt zurück nach Strathfield nicht den Zug, sondern die Fähre nahm, die mich aus dem Hafen von Sydney direkt zum Olympiagelände führte. Die Gelegenheit, den famous Harbour als erster Mensch überhaupt vom Wasser aus zu filmen, liess ich mir genauswenig entgehen wie praktisch jeder andere Mitpassagier auch:

Die Geschichte wiederholt sich

So war das damals, als Abba vom 27. Februar bis am 13. März 1977 Australien besuchten: Der ganze Kontinent stand Kopf.

Und nun, 35 Jahre später, freuen sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes offensichtlich genauso hibbelig auf die nächste Visite eines musikalischen Quartetts aus dem für sie sehr hohen Norden.

Es ist ein bisschen wie mit dem Hasen und dem Igel: Wo auch immer man hinkommt – eine Bäng Gäng-Kappe ist schon da. Sei es in gemütlicher Runde im Garten,

am Strand

oder sonstwo:


(Bild: Schatz)

Die Partyband aus der Schweiz scheint Down Under omnipräsent zu sein. Oder, um eine schöne Zeile aus “Waterloo” zu zitieren: “The history book on the shelf is always repeating itself.”

“Du willst jetzt nicht ernsthaft Abba, die weltweit über 300 Millionen Platten verkauft haben, mit einer Hobbytruppe vergleichen, die…äh…”, wirft eine Stimme im Hinterkopf ein.

“Und ob ich das will!”, schleudere ich ihr entgegen, und zähle aus dem Stand nur die drei wichtigsten Argumente dafür auf, dass Anja Stöckli (Gesang), Gavan Hancock (Gitarre), Stefan Haller (Bass) und Urs Hofstetter (Schlagzeug) Down Under demnächst bald in absehbarer Zukunft irgendwann ein ähnlicher Triumphzug bevorsteht, wie ihn Agneta Fältskog, Annifrid Lyngstad, Benny Andersson und Björn Ulvaeus seinerzeit absolvierten.

1) Bäng Gäng besteht, wie Abba, aus vier Personen.

2) Bäng Gäng arbeiten beim Komponieren, wie Abba, mit zwölf Tönen.

3) Bäng Gäng haben einen Sänger, der aus Australien stammt.

4 (als Zugabe): Für manche Australier sind die Schweiz und Schweden Hans was Heiri.

5 (als letzte Zugabe): Im Gegensatz zu Abba können Bäng Gäng bei der Planung der Operation “Aussie-Storm” persönliche Beziehungen spielen lassen. Der Brüetsch und die Schwägerin des Drummers sind vor Ort fast ununterbrochen damit beschäftigt, die Werbetrommel für “The Argovian Pehenomenon” zu rühren. Und noch bevor die PR-Arbeit im Grossraum Sydney ganz abgeschlossen ist, lässt sich sagen: Australien ist bereit.

So move you asses over here!

Blicke von den Blauen Bergen

Am Strand herumliegen kann jeder. Deshalb setzten wir uns ein höheres Ziel. Wir fuhren mit Chantals liebenswert-busperem Grosi auf rund 1000 Meter über Meer in die Blue Mountains.

Vom Echo Point aus bestaunten wir die legendenumrankten Three Sisters und genossen wir eine atemberaubende Aussicht über das Hunter Valley und die Southern Highlands.

Die australischen Berge “Berge” sind problemlos mit dem Auto und in kurzen Hosen begehbar. Und während es in den helvetischen Schneewüsten und Eishöllen höchstens mal eine ausgezehrte Gämse, einen steifgefrorenen Enzian oder einen verirrten Asiaten zu sehen gibt, tobt in den mit Eukalpytus überwachsenen Högern Down Under das pralle Leben: Känguruhs, Koalas, Wombats, Marder, Schnabeltiere, Dingos und über 60 weitere Säuge- und Beuteltiere haben hier, wo vor Tausenden von Jahren schon die Aborigines hausten, eine Heimat gefunden. Dazu gibts wunderschöne Blumen, exotische Sträucher und alle paar hundert Meter ein Beizli.

Kurz: Wenn schon Berge, dann australische.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die Honeymoon-Suite: Unser Plätzchen am Strand. (Bild: Schatz)

1. Dezember: Australien erlebt den ersten richtigen Sommertag des Jahres 2012. Das Thermometer zeigt 36 Grad. Dazu weht ein sanftes Lüftchen. Die 21 Millionen Kontinentbewohnerinnen und -bewohner sind sich einig: “It’s a glorious day!”.

Stunden, nachdem unsere Füsse den Sand am Strand von Narrabeen nördlich von Sydney berührt haben, zücke ich mit wassermelonensaftverklebten Händen das iPhone, um

einen Kurzfilm

zu drehen und mich über das Wetter in der Schweiz aufzudatieren. Im Wissen darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, schliesse ich wenig später die Augen, um weiter dem endlosen Rauschen der Wellen zu lauschen.