Stacheliger Nebenbuhler

Unser Quartierkater ist es sich gewohnt, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen.

Entsprechend irritiert war Mauz, als Chantal und ich unsere Aufmerksamkeit heute Abend einem fremden Wesen schenkten. Ein Igel war über den Kiesweg in den Garten getäppelt. An einem Mäuerchen hielt er nach faulen Äpfeln Ausschau. Mein Schatz zückte den Fotoapparat.

Kaum hatte es zum ersten Mal geblitzt,

erschien der König des Alten Marktes auf der Bildfläche.

Vorsichtig näherte der Kater sich dem Fremden. Er studierte ihn von allen Seiten, machte Anstalten, ihn zu beschnuppern…

…und wurde dann wohl von seinem Instinkt darauf aufmerksam gemacht, dass er seine Nase besonders in diesem Fall besser nicht in fremde Angelegenheiten stecke.

Nach einem letzten bösen Blick auf den Eindringling liess der Kater den Igel Igel sein.

Und verschwand durch die Türe, die ich versehentlich offengelassen hatte, in “unserem” Haus, aus dem wir ihn dann – einmal mehr – nicht ohne Mühen herausholen mussten:

(Die Bilder von der nächtlichen Begegnung hat Chantal geschossen.)

Verbal-Durchfall am Feier-Abend

Zuerst sind pdf-Dateien das grosse Thema. Dann gehts um Excel-Tabellen und kurz darauf um irgendwelche Programme. Als es dazu wirklich nichts mehr zu sagen gibt, dreht sich der Monolog um Stellvertretungen, Nachfolgeregelungen, Versetzungen nach Übersee, den Lohn, Spesen, buchhalterische Probleme, doofe Zicken, arrogante Chefs, strohdumme Mitarbeitende und – immer wieder – darum, dass die Verantwortlichen nicht erkennen wollen oder können, was sie an ihr haben; an ihr, der Frau, die das Schicksal an diesem Silvesterabend an unserem Tisch plaziert hat, und die diesen festlichen Anlass (und die mitgebrachte Kollegin) seit ihrem Eintreffen vor drei Stunden dazu missbraucht, über ihren Job zu reden.

Bevor wir an dieser mit viel Herzblut organisierten Party mit den vielen anderen Gästen auf das neue Jahr anstossen können, fahren wir eher übel als wohl zurück nach Burgdorf. Eine andere Möglichkeit, dieser Fleisch gewordenen Selbstüberschätzung mit Verbaldurchfall zu entrinnen, sehen wir nicht. Im Zehnminutentakt nach draussen flüchten, um zu rauchen? Nicht bei dieser Kälte. Und schon gar nicht an einer Feier, an der ansonsten alles bis aufs letzte Detail stimmt: Die originelle Dekoration, die fägige Musik, das tolle Essen, die herzlichen Gastgeber – es könnte so schön sein.

Natürlich: Wir hätten die Frau zwischen dem Hauptgang und dem Dessert fragen können, ob es in ihrem Leben eigentlich noch etwas anderes gebe als Dateien und Tabellen und ob sie wirklich ganz sicher sei, dass ihr Geschäftsgeklöne irgendjemanden interessiere. Wie man sich so fühle, mit nichts als dem Job im Kopf. Wieso sie nicht einfach die Stelle wechsle, wenn sie doch so schampar gut sei, während der Rest der Belegschaft nicht einmal einen Kaffee aus dem Automaten laufen lassen könne, ohne die Firma in den wirtschaftlichen Abgrund zu stürzen.

Aber: Wir hatten diese Ausgeburt der Ego-Hölle nie zuvor gesehen. Wir konnten nicht ahnen, wie sie auf Kritik reagieren würde; ich gehe davon aus, dass “kritikfähig” nicht das Adjektiv ist, das ihre Kolleginnen und Kollegen immer wieder verwenden, wenn sie über die Frau reden. Wahrscheinlich wäre nach so einer Bemerkung ein Glas geflogen und dann ein Teller und dann irgendjemand aus dem Saal.

Das wollten mein Schatz und ich vermeiden. Das Risiko, die Hochstimmung der anderen Gäste mit einer wie auch immer gearteten Intervention zu trüben, erschien uns zu hoch. Aber: Vom Tisch des Grauens wegzügeln ging nicht, weil die restlichen Plätze reserviert und besetzt waren. Der Frau ein Kuchenmesser ins Dekolleté zu rammen, war eine Option, die ich kurz erwog, dann aber mit Blick auf allfällige juristische Folgen wieder verwarf.

Chantal und ich rutschten dann vor unserer Haustüre ins neue Jahr; im Nieselregen, mit einem tollen Feuerwerk vor Augen.

(Frage in die Runde: Hat jemand schon Ähnliches erlebt? Was tut man in so einem Fall?)

Alles Beste für die Gäste!

Wir habens damals mehr gehört als gesehen. Imposant wars so oder so: Dieses Feuerwerk zündete Sydney in den letzten Minuten von 2010, um 2011 willkommen zu heissen.

Ich nehme mir dir Freiheit, es zu recyclen, um all meinen Stamm- und zufällig dahergelaufenen Gästen für ihre Treue, Nachsicht, Geduld und Toleranz zu danken und ihnen ein wunderschönes neues Jahr, die Erfüllung aller Wünsche und Träume, viel Spass, wenig Ärger und, vor allem!, Gesundheit zu wünschen.

Auf Wiederlesen im 2012!

Alle im Griff

Wir hatten gerade fertig gegessen, als mein Neffe im Nebenzimmer signalisierte, dass er im Fall nicht daran denke, zu schlafen, während alle anderen munter miteinander plaudern.

Also nahm ich ihn auf, legt ihn mir vorsichtig über die Schulter und machte mit ihm eine Besichtigungstour durch unsere heiligabendlich beleuchtete Wohnung. Ich ging mit Robin Lemmy in die Küche, führte ihm die Abwaschmaschine und den Kühlschrank und den Kochherd vor und spazierte weiter durch den Gang ins Schlafzimmer. Dort, am Fenster, erklärte ich ihm, dass er, wenn jetzt Tag wäre, unter sich die halbe Stadt Burgdorf betrachten könnte, nur das Schloss nicht, das sei auf der anderen Seite, aber er könnte viele, viele Häuser sehen und Strassen und Gassen und Wiesen und darauf, jedenfalls im Sommer, jede Menge Schafe und Ziegen, und weiter hinten sei übrigens der Rest vom Emmental; da habe es noch viel mehr Schafe und Ziegen und gaaaaanz viele Kühe und Hunde und Katzen, aber eben: Jetzt seis halt Nacht und dunkel. Dann verlor ich noch ein paar Worte über die Bücher im Gestell und die Kleider im Schrank und kehrte nach einem Abstecher ins Bad zurück an den Tisch, wo ich den jungen Mann, der längst wieder schlief wie ein Murmeli, seiner Tante übergab.

All das, was ich ihm erzählt hatte, schien ihn weder gross interessiert noch beeindruckt zu haben. Er machte nicht einmal Anstalten, Interesse zu heucheln. Ob er heute noch bis aufs letzte Tassli wüsste, was in der Wohnung von seinem Onkel so alles herumsteht und -liegt: Ich weiss nicht, ich weiss nicht.

Aber ich ahne, dass er es ziemlich genoss, die Lage (auch) an diesem Abend voll unter Kontrolle zu haben. Er muss gewusst haben: Ein Mucks, und das grosse Wesen, das ihn herumträgt, setzt seinen Spaziergang mit ihm noch lange, lange fort. Ein Schrei, und der Schoppen ist parat. Ein Lächeln, und ein vielstimmiger Chor sagt entzückt “Jööö”.

Der junge Mann machte die ganze Zeit einen ausgesprochen zufriedenen Eindruck.

Ich (46) merke gerade: Ich beneide ein Bébé.