Die Höllenmaschine

Ich kann mir nicht vorstellen, wozu man diese Maschine braucht und wie man sie bedient (vermutlich schüttet man irgendwo oben eine Flüssigkeit hinein, und nach zwei, drei Stunden fällt unten – Pling! – ein Goldstück heraus), aber irgendwie fasziniert sie mich wahnsinnig, mit all diesen glänzenden Rohren und Bogen und den Messgeräten und allem. Zu besichtigen ist sie im Schaufenster einer Burgdorfer Apotheke, was zumindest erahnen lässt, wer sie früher, viel früher, einmal verwendet haben könnte.

Falls jemand immer noch nicht wissen sollte, was er oder sie mir am 16. Oktober zum Geburtstag schenken könnte: Voilà.

Achtung, Darstellungs-Erstellung

Noch bevor sie ihren ersten Satz geschrieben haben, wird jungen Journalisten eingebläut: “Vermeide alles, was auf …ung endet! Das klingt nach Amt und folglich grauenhaft. Das liest kein Mensch.”

Doch kaum haben sie diese Regel halbwegs verinnerlicht:

“Richtig ist, dass uns bei der Erstellung der Darstellung auf S. 75 über die Abdeckung der Bevölkerung durch alle Gattungen der Informationsmedien und auf S. 311 über die Abdeckung der Bevölkerung durch die Gattung Online tatsächlich ein Fehler unterlaufen ist, der auf eine von uns nicht beachtete Umstellung der Messmethoden zurückgeht.”

Dieses Wortungeheuer von der Leine gelassen hat der nach zig Auftritten in Presse, Funk und Fernsehen recht bekannte Kurt Imhof. Er sollte eigentlich wissen, was die Leute gerne lesen und was eher weniger. Immerhin leitet er den «fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung und des Instituts für Soziologie der Universität Zürich.

Imhof und seine Forscher geben alljährlich das Buch “Qualität der Medien Schweiz” heraus, das ebenso alljährlich hitzige Debatten auslöst; jedenfalls unter Medienschaffenden. Ausserhalb der Branche interessiert sich für Imhofs Befunde und die Reaktionen darauf in der Regel ungefähr niemand.

Kein Grund, neidisch zu sein

“Und? Wie gehts dir jetzt?” – Kaum war heute bekanntgeworden, wer heuer den Literaturnobelpreis erhält, kam ich aus dem Beantworten dieser Frage kaum mehr heraus.

Für jene, die sich noch nicht nach meinem Befinden erkundigen konnten, weil mein Handy und das Festnetz im Büro dauerbesetzt und sämtliche Mailkanäle verstopft waren, wiederhole ich gerne, was ich schon allen anderen erläutert habe: Danke, gut. Kein Problem.

Ich schmolle nicht. Ich bin weder frustriert noch beleidigt noch gekränkt noch sonst etwas in der Richtung.

Es ist einfach so: Wenn alles gelaufen wäre, wie es unserer Meinung nach hätte laufen sollen, sässen mein Vornamensvetter Zaugg – in seiner nigelnagelneuen Rolle als mein Manager – und ich in diesem Moment in einem Strassencafé in Stockholm und würden, wie der total überwältigte Preisgewinner jeweils zu sagen pflegt, “erst mal alles sacken lassen”.

Mit der uns eigenen Perfektion hatten wir unseren Trip geplant: Den ersten Morgenflug nach Schweden, den Stretchlimousinen-Transfer vom Flughafen in ein Hannes-kompatibles Hotel, Abstecher in die angesagtesten Clubs der Stadt. Morgen, späterer Nachmittag: Visite von Königs. Am Samstag: Leichter Lunch, dann Privatkonzert bei den extra für uns wiedervereinigten Abba. Sonntag: Ausgedehnte Parkbummel mit dem weiblichen Personal der schicksten Verlage. Montagmorgen: Fotosafari durch die umliegenden Wälder. Irgendwann schliesslich: Rückflug. Swiss. First Class. Ganz vorne.

Aber dann, aus dem Nichts: Tomas Tranströmer.

Um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen: Ich neide dem Alten den Preis nicht. Aus irgendeinem Grund wird er ihn verdient haben. Es wäre völlig unangebracht, diesen Typen mit den Riesenohren und dem Megazinken mitten in seinem schweinchenrosa gefärbten Gesicht durch exzessives Herumreiten auf Äusserlichkeiten noch kleiner zu machen, als er aufgrund seines literarischen Outputs schon ist. Es gibt auch keinen Grund, ihn wegen seines Namens zu verunglimpfen, bei dem man unwillkürlich an Waschmaschinen-Zubehör denkt (“Ou, Sie. Das sieht schlecht aus. Der Tranströmer ist hinüber. Wir haben aber sehr günstige neue….”.

Was sollte das bringen? Was hätte ich davon? Was würden die Leute von mir denken? Höchstens, dass ich ein schlechter Verlierer sei. Diesen Kratzer in meinem 46 Jahre lang auf Hochglanz polierten Image wegzuwischen: Das würde nicht einmal Roland Binz am besten Arbeitstag seines Lebens schaffen.

Doch dass mir der Ausflug entgeht: Das wurmt mich wirklich. Aber auch diesbezüglich mag ich nicht ausufernd klagen. Hannes und sehen uns so oder so bald. Und später schon wieder.

Und überhaupt: Wenn ich preismässig schon 1985, 1986, 1987, 1988, 1989, 1990, 1991, 1992, 1993, 1994, 1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009 und 2010 übergangen wurde, kommt es auf einmal mehr nicht mehr an.

Meine Chancen sind ja intakt. Solange das Komitee nur Schreiberlinge auszeichnet, die ausserhalb obskurer Buchläden in versifften Altstadtgassen und abgesehen von ein paar Blog-Lesern kein Mensch kennt, kann ich gelassen davon ausgehen, mein Stockholm-Reisli irgendwann doch noch antreten zu dürfen.

Ein altes Lied für einen sehr, sehr jungen Mann

Als ich meinen jüngsten Neffen nach seiner Geburt im Spital besuchte, war er am Schlafen. Kunststück: Von einer Sekunde auf die andere mit soviel Neuem konfrontiert zu werden – das kann einen schon erschöpfen. Diese Gerüche! Dieser Lärm!! Dieses Licht!!! Diese Entfaltungsmöglichkeiten!!!!

Gestern Abend blickte ich zum ersten Mal in Robin Lemmys bergseeblaue Augen, und er in meine grünen. Mit seinen knapp zwei Wochen Lebenserfahrung konnte er vermutlich noch nicht präzise einordnen, was es mit dieser Scheibe, die auf einmal vor ihm auftauchte und merkwürdige Geräusche machte, auf sich hat. Möglicherweise dachte er: “Oh. Schon wieder ein neues Gesicht. Bin ich froh, dass ich soviel Zeit und sowenig Termine habe, um meine Welt und die Menschen, die in ihr leben, in aller Ruhe kennenzulernen.”

Ich meinerseits platzte erneut fast vor Freude, Stolz und – ja – Ehrfurcht. Oder Respekt. Jedenfalls: Vor etwas Grossem und gar nicht richtig Beschreibbarem.

Dann lächelte mich der Kleine an. Zweimal sogar. Sekunden später hatte er Hunger. Und den Onkel in dem Moment, in dem der Schoppen seine winzigen Lippen berührte, vermutlich schon wieder vergessen.

Aber wer weiss: Vielleicht stolpert er, in nicht allzuferner Zukunft, beim Surfen an seinem Compi über diesen Blog. Und in genau diesen Text.

Falls dem so sein sollte: Das Lied da unten hat ein Mann lange, lange vor deiner Zeit geschrieben. Als er es komponierte, wusste dein Onkel – die Scheibe mit den Geräuschen – nicht, wer dieser Bob Dylan ist.

Unzählige Menschen haben das Lied schon gehört.

Aber hier, Robin Lemmy: Hier singt es Bob Dylan nur für dich: