Schlimmer gehts immer

Hätte ich doch darauf verzichtet, die Leserschaft in meinem “Wind of change”-Bashing um weitere Muster sehr, sehr schlimmer Lieder zu bitten: Im panischen Bemühen, sich vor dem Grauen nach Noten zu schützen, produzierten meine Ohren in den letzten Tagen soviel Schmalz wie vorher in 45 Jahren nicht.

Beginnen wir die Hitliste von hinten:

Kaum auszuhalten ist laut meinem Kollegen Cajus Gorgon Haas “alles von den Pet Shop Boys”. Also, zum Beispiel, das hier.

Ganz tief unter die Gürtellinie des guten Geschmacks trat auch mein Bürogspändli Michael Bucher mit dem sachdienlichen Hinweis auf dieses Verbrechen auf Platte:

Und dann: Dann wurde es wirklich gruusig.

Nicht genug damit, dass Ueli Strasser diesen Uralt-Tränendrüsendrücker beisteuerte:

Nein. Er erinnerte mich – wie ich ihn kenne: auf den Stockzähnen grinsend – an den absoluten Tiefpunkt germanischen Tonschaffens, indem er mir diesen Link zukommen liess:

Ich muss, wenn auch contre coeur, sagen: Dann immer noch lieber “Wind of change”. Aber wenn, dann nur in der Instrumentalfassung.

Und möglichst ohne Ton.

Der anonyme Füssilier

Leider – oder zum Glück? – habe ich keine Ahnung, wer mehr oder weniger regelmässig in diesem Blog vorbeischaut. Gut: Ein, zwei Dutzend Leserinnen und Leserinnen kenne ich; entweder persönlich, und/oder, weil sie hin und wieder einen Kommentar hinterlassen. Die anderen zwei- bis dreihundert Gäste, die sich Tag für Tag und Nacht für Nacht in meinem virtuellen Daheim umsehen, sind mir unbekannt.

Aber wieso die Leute hierherkommen: Das weiss ich, dank einer Statistik, die mir fortlaufend anzeigt, welche Beiträge wie oft angeklickt werden.

In der Regel interessiert mich das nicht sooo besonders. Wenn ich etwas geschrieben habe, stehts da, zur freien Verfügung. Falls es jemandem gefällt: Wunderbar. Wenn nicht: Henu.

Doch seit ein paar Wochen registriere ich mit wachsendem Erstaunen, dass zwei Beiträge immer und immer wieder und mehrmals täglich angeschaut werden. Der eine heisst “Zeigt her eure Füsse“; ich hatte die Leserinnen und Leser damals gebeten, mir Bilder von ihren Füssen zu mailen. Die Exponate stellte ich dann in einer kleinen Online-Galerie aus. Der andere ist “Facebook als Footbook”. Dabei handelt es sich um eine Fortsetzung von “Zeigt her eure Füsse”.

Mehrmals pro Tag klickt mein neuer Stammgast diese Texte an. Oder, wohl vielmehr: Diese Bildersammlungen, die nichts anderes anderes zeigen als Füsse. Füsse über Seen, Füsse auf Schreibtischen, Füsse auf Böden, Füsse vor Fernsehern und so weiter. Einloggen tut sich der Unbekannte von verschiedenen Systemen aus; Mehrfachbetrachtungen von ein und dem selben Computer zählt mein Zähler als einen Klick.

Für den Blogwart stellen sich in so einem Fall irgendwann Fragen. Zum einen nimmt es einen wunder, wieso jemand ausgerechnet auf diese zwei eher nichtssagenden Postings fixiert ist, wenn es in diesem Gefäss doch noch zwei, drei andere Sehenswürdigkeiten hätte, in denen ungleich mehr (Herz-)Blut steckt als in all den zig Zehen zusammen.

Zum anderen wäre es schon interessant, zu wissen, was zum Teufel in dem Mann – ich gehe jetzt einfach einmal davon aus, dass es sich um einen Mann handelt – vorgeht, wenn er sich diese Föteli anschaut. Und was er so treibt, wenn all die Füsse über seinen Bildschirm laufen.

Letzteres mag ich mir, ehrlich gesagt, nicht allzu plastisch vorstellen. Falls es das ist, was ich denke, kann ich meinem Phantombesucher einen neuen Kick in Aussicht stellen, der das bisher Gesehene locker in den Schatten stellen wird: Ich plane eine kleine Ausstellung zum Thema “behaarte Rücken”.

Bei Big Mama

Schweinefleisch-, Pangasisus- und Poulet-Spiesschen; dazu Bohnen und Kichererbsen plus Reis und pikante Saucen: Die Equipe von Big Mama’s African Dinner sorgte an der Bieler Altstadt-Chilbi für einen wohltuenden und – vor allem – wohlschmeckenden Kontrast zu all dem China-, Vietnam- und Indienfood, ohne den offenbar kein Fest mehr stattfinden kann.

Während der Kunde an den Ständen asiatischer Provenienz nie so genau weiss, woher all die Fische und Hühner und Schweine stammen, die an den Rändern von riesigen Woks manchmal sehr, sehr lange auf Abnehmer warten, ist bei Big Mama klar: In die Bratpfanne kommt in aller Regel, was in der Nähe gelebt hat. Und im Gegensatz zur oft eher mässig motiviert wirkenden Konkurrenz aus Fernost geht die Afrika-Crew auch in hektischeren Zeiten aufgestellt und fröhlich und mit dem spürbaren Bemühen ans Werk, dem Gast kulinarisch etwas zu bieten – und ihm gleichzeitig zu zeigen, dass er bei ihr herzlich willkommen ist.

Die Möglichkeit, den Gaumen nach Strich und Faden mit Spezialitäten aus Kamerun zu verwöhnen, gibts von September bis Mai jeden zweiten Samstag im Monat. Im Muritreff an der Muristrasse 75 A wird dann nicht nur das naturgemäss etwas eingeschränkte Festival-Menü serviert; dann kann man sich einen Abend lang durch ein liebevoll zusammengestelltes Buffet futtern, und zwar ohne nachher das Gefühl zu haben, das sei jetzt amänd chli üppig gewesen.

Das schlimmste Lied aller Zeiten

In einer bitterkalten Dezembernacht des Jahres 1991 bekam Michail Gorbatschow Besuch: Vor dem Kreml standen die Scorpions. In westlichen Häusern hätten manche panisch die Lichter gelöscht und die Türen verrammelt und mucksmäuschenstill gehofft, dass die Männer da draussen gleich wieder verschwinden. Nicht so der Staats- und Parteichef der Sowjetunion, die damals auseinanderfiel wie ein Pullover mit gerissenen Nähten: Er hatte die Rockstars aus Hannover in seine Residenz eingeladen.

Der Grund dafür war ein Lied. Mit “Wind of change” eroberten die Scorpions in jenem Jahr die Hitparaden wie einst Alexander der Grosse fremde Länder. Ob im Auto, in der Disco, in der Beiz oder beim Picknick am See: Es dauerte keine zehn Minuten, bis dieses Pfeifen ertönte, das signalisierte: Achtung! Da ist er wieder: Der schlimmste Song aller Zeiten.

Irgendwie war es paradox: Sämtliche Radiologen und DJ’s waren wie besessen von einer Melodie, die – abgesehen von engumschlungentanzversessenen Frischverliebten – kein Mensch hören wollte. Aber weil sie von den berühmten Scorpions stammte, wurde sie gespielt und gespielt und gespielt. Von jemand anderem komponiert, wäre sie ungehört im Musikuniversum verdampft.

Und die Melodie war (und) ist noch nicht einmal das Grauenhafteste an “Wind of change”: Bei Menschen, die bei einer guten “Woke up this morning. My baby was gone”-Geschichte auf die Knie sinken, um hektoliterweise Freudentränen über diesen mörderisch schönen Blues zu vergiessen, rollen sich die Zehennägel jedes Mal nach hinten, wenn Sänger Klaus Meine zu seinen pseudotiefsinnigen Betrachtungen über russische Soldaten anhebt, die voller Ostwest-Versöhnungshoffnungen durch den Gorky-Park stapfen und über Kinder, die ihre Träume von einem friedlichen Morgen miteinander teilen und über eine Zukunft, die in der Luft liegt und über Erinnerungen, die in der Vergangenheit vergraben sind, und zwar für immer.

Michail Gorbatschow aber hatte in seinem Leben als Bürger der Sowjetunion – und vor allem als deren Staatschef – schon so viel durchgemacht, dass ihm “Wind of change” weniger als zusätzliche Bedrohung aus dem Westen, als vielmehr als Offenbarung erschien. Für ihn war die Ballade der Soundtrack zu seiner “Glasnost“- und “Perestrojka“-Politik, mit der er der Welt einen unvorstellbaren Wandel bescherte: Russland implodierte. Die Berliner Mauer zerbarst in ihre Einzelteile. Der Kalte Krieg war vorbei. In Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gabs plötzlich Bananen.

Für die Lederjacken- und Nietenfraktion waren die Scorpions nach ihrer Visite am Roten Platz gestorben. Der Band, die sich jahrelang einen ausgezeichneten Ruf als Heavy Metal-Combo erarbeitet hatte, konnte das egal sein: Ihre Platten wurden fortan von Menschen gekauft, zu deren Lebensfixpunkten Rosamunde Pilcher-Romane und “Wetten, dass?” zählen und die zähneklappernd auf die andere Strassenseite huschen, wenn ihnen auf dem Trottoir ein Mann mit langen Haaren entgegenkommt.

Diese Leute freuen sich darüber, wenn ihr Lokalradio sie nach dem Motto “Die grööschte Hits us de Achzger und Nünzger und s Beschte vo hütt” gefühlte zehn Mal pro Tag mit “Wind of change” beglückt; dem Lied, das manche ohne rot zu werden als “Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands” betrachten.

Wer – wie ich – gedacht hatte, dass es nach dem Original nicht noch übler kommen könnte, wurde eines Schlechteren belehrt: Der international renommierte Querflötist James Galway und der ebenso prominente Tenor José Carreras nahmen eigene Variationen von “Wind of change” auf.

Ich gehe davon aus, dass in Guantanamo kein Folterinstrument öfter eingesetzt wird als diese CD’s. Falls der Verdächtige auch nach zehn Tagen “Wind of change” in Flöten- und Opernfassung nicht gesteht, kapituliert er spätestens, wenn die Spezialisten von CIA fies grinsend die gregorianisch inspirierte Choral-Version der “Hymne zur Wende” in die Stereoanlage schieben.

Dann packt er aus. Dann sagt er, wo sich die Bösen verstecken. Dann kann man sich mit ihnen versöhnen.

Und schwupp: liegt wieder eine Zukunft in der Luft.

(Weitere Songs des Grauens können – gerne auch begründet – in den Kommentaren verewigt werden.)