Sultans im Stau

18 Jahre.

Das ist jetzt schon 18 Jahre her, dass wir auf der Höhe der Ausfahrt Pratteln auf der Autobahn standen und beinahe in die Nackenstützen bissen vor Angst, es nicht rechtzeitig ins Joggeli zu schaffen, weil all die Idioten vor uns nicht auf die Idee gekommen waren, mit dem Zug ans Konzert der Dire Straits zu fahren, die 1992 ihr neues und – wie sich zeigen sollte – letztes Studioalbum „On every street“ rund um den Erdball vorstellten. Sechs Jahre zuvor hatten die Mannen um Mark Knopfler mit „Brothers in arms“ einen der meistverkauften Tonträger der Rockgeschichte produziert.

Grösser als die Dire Straits – das ging in jenem Sommer fast nicht.

Und wir: im Stau.

Doch irgendwie – der Pannenstreifen war kilometerlang frei; damals hatten die Verkehrsteilnehmer noch Anstand und drängelten nicht ohne Not rechts aussen vor – kamen wir nach einer halben Ewigkeit pünktlich im Stadion an – der magische Abend konnte beginnen.

Von Dr. Pontius zu Dr. Pilatus

Unser Gesundheitssystem sei zu kostenintensiv, heisst es. Also wird an allen Ecken Geld gespart, werden alternative Modelle eingeführt: Managed Care ist in. Ich gehe mir gutem Gewissen (und nicht ganz so schwer gebeuteltem Portemonnaie) voran.

Seit ich in Zug lebe, werden meine Kinkerlitzchen in einer HMO-Praxis begutachtet. Wenn es sie denn gibt, denn ich bin keine teure Patientin, auch keine gute: es muss Jahre her sein, dass ich eine Arztpraxis von innen gesehen habe (die Besuche beim Gynäkologen ausgenommen, denn da muss frau einfach hin). Dieser Gedanke kam mir unlängst, als ich in einem Wartezimmer ungeduldig die Frauenliteratur durchging.

Sie mutet seltsam uniform an. Das kann ich guten Gewissens sagen, nach sechs Konsultationen in weniger als acht Wochen. Dass ich zum wiederholten Mal irgendwo sitze und darauf warte, dass jemand seine Nase in Akten/Röntgenbilder/Terminplaner steckt, nur um mir dann zu bestätigen, was ich längst weiss – „Ihr linker Innenmeniskus ist gerissen“ -, hat mit dem System zu tun. Die Praxisgemeinschaft schickt mich zum Röntgen, danach wird der dritte Termin gebraucht, um die Resultate zu besprechen und mich an den Spezialisten zu überweisen, der dann zwei Treffen ausmacht um mir a) dasselbe zu sagen, was man mir im Spital schon mitgeteilt hat und b) die Vorbesprechung für den Operationstermin anzuberaumen. Ich wundere mich.

„Und den Termin für die OP“?, frage ich, „wann kriege ich den?

„In Zug“, sagt der Spezialist, „müssen sie bis zu drei Monate warten“. „Sind denn alle in den Ferien?“, will ich wissen, im Wissen darum, dass ich nicht als Notfall durchgehe und auch nicht lebensgefährlich verletzt bin.

„Nein“, sagt der Arzt. „Das hat mit ihrem Versichertenstatus zu tun.“

Satt & schlapp

Nach einem in jeder Hinsicht Fünfsterne-verdächtigen Nachtessen bei Remo und Beat hoch über Hünenberg, einer tollen Schifffahrt über den Zugersee, einem tierisch schönen Spaziergang durch den Wildpark in Goldau, einem ausgedehnten Bummel zurück ans Wasser, der frühmorgendlichen Live-Verhaftung eines afrikanischen Drogendealers hinter der Zuger Post samt anschliessendem Muffin-Gebacke in Chantals Küche, x Raketenstarts und Vulkanausbrüchen plus saftigen Fleisch- und gluschtigen Hörnlibergen bei meiner Familie am Hallwilersee und, schliesslich, einer kleinen Bahn-Tour de Suisse von Böju nach Luzern und Zug, bzw. Langnau nach Burgdorf sind Chantal und ich ein bisschen zu schlapp, um über das vergangene Wunder-Wochenende noch viele Worte zu verlieren:

Ausgesorgt!

Etwas überraschend, aber nichtsdesto erfreulicherweise, erreichte mich heute Abend diese Mail. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich dank meines neuen Freundes Song Lile für alle Zeiten ausgesorgt:

„Guter Tag,Ich glaube, dass Sie a in hohem Grade sind – respektierte Pers5onlichkeit, habe ich einen Antrag für Sie. Dieses ist jedoch nicht noch I in irgendeiner Weise zwingt Sie, gegen Ihren Willen zu ehren vorgeschrieben, aber ich hoffe, dass Sie an lesen und den Wert betrachten, den ich Sie anbiete. Mein Name ist Herr Song Lile, ich sind der Kreditsachbeareiter in der Hang- Sengbank, Hong Kong. Ich habe einen Geschäftsantrag in der Melodie von gebracht zu werden
19.5m, usd zu einem Offshorekonto mit Ihrem assistace beim Willen.
Nachdem die erfolgreiche Übertragung, wir im Verhältnis von 30% für Sie und von 70% für mich teilt. Wenn Sie interessiert sind, reagieren Sie bitte auf meinen Brief sofort, also können wir alle Vorbereitungen beginnen und ich gebe Ihnen mehr Informationen über das Projekt und wie wir Handgriff es wurden.Sie können mit mir auf meiner privaten eMail in Verbindung treten (lilesong36@yahoo.com.hk) und schicken Sie mir die folgenden Informationen zum Unterlagenzweck:1. Vollständige Namen2. Private Telefonnummer 3. Gegenwärtige WohnadresseIch darauf freue, von Ihnen zu hören.Freundlicher Respekt,
Herr Song Lile“

„Wow!“

Ich bin bald 45, habe die Teenagerzeit also seit einem Vierteljahrhundert hinter mir, behaupte von mir selber, in der Regel mit mindestens anderthalb Füssen fest auf dem Boden zu stehen und würde sagen, dass mich so leicht nichts mehr aus den Socken haut.

Aber:

(Gopf: Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll.)

Jedenfalls war ich vor dem Toto-Konzert in Locarno in einem Tattoo-Laden in Zürich und liess mir den Schriftzug der Band in den Oberarm stechen. Für mich gibt es auf diesem Planeten keine komplettere Rockband als Toto. Sie ist im Lauf der Zeit zu einem Teil meines Lebens geworden (ich weiss: das ist nicht ganz frei von Pathos, aber halt einfach so). Zum Beispiel habe ich dank Toto Chantal kennengelernt. Sie brachte mir vom Fuss der Jungfrau ein T-Shirt von jenem Schweizer Konzert mit, an dem ich nicht mit von der Partie sein konnte. Sehr viel später haben wir uns dann kennengelernt. Seither…was soll ich sagen?

Es geht nicht nur um „Rosanna“ und „Africa“ und „Hold the Line“ und all ihre anderen Hits. Es geht auch darum, wie die Jungs aus Los Angeles miteinander umgehen: Wenn Sänger Bobby Kimball beinahe im Alkohol- und Drogensumpf versinkt, helfen sie ihm, indem sie ihn aus der Band schmeissen. Und ihn mit offenen Armen wieder in ihren Reihen aufnehmen, sobald er sein Leben nach der Therapie wieder im Griff hat. Ihrem vor Jahren verstorbenen Drummer Jeff Porcaro widmen sie heute noch an jedem Auftritt einen Song. Nun ist dessen Bruder Mike Porcaro, Bassist der ersten Stunde, unheilbar erkrankt. Also ging die Band, obwohl sie sich vor zwei Jahren aufgelöst hat, in den letzte Wochen noch einmal auf eine Europa-Tournee; den Reingewinn dieses Multimillionen-Unternehmens spenden sie ihrem Freund und dessen Familie.

Es geht, nicht zuletzt, auch darum, wie Toto immer wieder musikalisches Neuland suchen und betreten, obwohl sie wissen, dass dem grössten Teil ihrer Fans nichts lieber wäre, als wenn sie auf immer und ewig auf den immer gleichen Harmoniepfaden weiterwandeln würden. Es geht darum, wie sie auf der Bühne spielen statt arbeiten: auch die Leute in der hundertsten Reihe spüren, dass die Männer da oben nur noch aus Spass tun, was sie tun. Wer als Studiomusiker seit 30 Jahren mit scheinbar locker hingeworfenen Gitarrenlicks und beiläufig aneinandergereihten Keyboardakkorden die Alben der gefragtesten Musiker der Welt veredelt, braucht irgendwann nicht mehr des Geldes wegen aufzustehen.

Ich merke gerade: Ich schweife ab.

Wichtig ist im Moment eigentlich nur: Ich habe ich das Bild von meinem Toto-Tattoo auf Facebook publiziert und gleichzeitig Steve Lukather, dem Kopf, Gitarristen und Mit-Sänger der Band zugestellt.

Und als ich heute Abend die Toto-Site auf Facebook konsultierte, traf mich fast der Schlag: Lukather hat das Foti in sein Online-Fotoalbum „geklebt“ – und kommentiert: „WOW!„, schrieb er darunter.

Drei Buchstaben, ein Satzzeichen – mehr braucht es nicht, damit sich ein 45-Jähriger wie ein kleines Kind freut.

 

Nachtrag: Drei Dutzend Facebooker von überall auf dem Erdball kommentieren das Tattoo:

„The ultimate compliment. Marked for life with TOTO.
That move deserves backstage passes for ever „,
schreibt ein Phil Black.

„…that´s real fans…“, findet ein Tom Peteranderl.

„That is the ONLY tatt I’d ever have“, bemerkt eine Susan Reschke.

„Hardcore baby, a true fan indeed!“, freut sich ein Ken Nault.

All diese Leute kenne ich nicht. Aber ich habe mit jedem von ihnen die Begeisterung für dieselbe Band gemeinsam. Dass man durch einen einzigen Mausklick von der Existenz dieser Menschen erfährt und dass man mit einem weiteren Klick mit ihnen in Kontakt treten könnte, wenn man möchte – das ist, wenn man ein Weilchen darüber nachdenkt, ein kleines Wunder.